Donnerstag, 12. Februar 2015

Wieverfasteloovend

Wieverfasteloovend - zu deutsch Weiberfastnacht. Das Rheinland verwandelt sich in ein Jeckenuniversum.  Oft wird in den Büros sowieso nicht ernsthaft gearbeitet. Meine Firma macht daher gleich ganz zu. Und ich freue mich über einen zusätzlichen freien Tag, den ich aber sinnvoll nutzen möchte (Nicht dass Feierei unsinnig wäre, das liegt sicher im Auge des Betrachters, aber ich kriege nur so etwa alle 10 Jahre mal einen Karnevalsanfall).
Die Sonne lacht vom Himmel und so mache ich mich auf, das schöne Wetter zu nutzen.


Gleich 2 Straßen weiter sind schon seit Wochen die Fahnen gehisst. Farbe bekennen, ruut-wiiß grüßen die Domtürme neben der Haustür.











Ich laufe heute einfach die Route weiter, die ich vorgestern begonnen hatte. Mal gucken, wo's hingeht.
Auf eine neue Straße zum Umsiedlungsort Manheim. Und wenn hier neue Straßen in den Acker gepflügt werden, dann aber richtig. Der "Radweg" hat die Dimension einer eigenen Landstraße. Autos sehe ich wenige.



So gelange ich nach Manheim-neu, das seit rd. 3 Jahren aus der Retorte auf der grünen Wiese entsteht, weil der alte Ort abgebaggert wird. Immerhin, eine Imbissbude gibt es schon. Und "Jecke"! Es ist Mittag und von fern sehe ich den "Möhneumzug" (Verkleidete und maskierte Frauen) durchs neue Dorf laufen. Für diese Tradition war der Ort bekannt und anscheinend wird sie auch hier fortgeführt.
Ansonsten stellt es sich als ziemlich bunte Ansammlung aller möglichen Baustile dar. Die Baubehörde war wohl großzügig. Da gibt es brav-biedere Häuser, schicke Villen, puristische Objekte, kleine Reihenhäuschen, Türmchenästhetik.

Bei diesem Ding muss ich stehenbleiben. Es wird kein Bahnhof, trotz der Uhr... Von hinten sieht es halbwegs aus wie ein normales Mehrfamilienhaus, aber mich würde schon interessieren, was den Architekten hier inspiriert hat.
Trafohäuschen?
Fabrikgebäude?
Kirche?


Ich beende meine Runde durch das Neubaugebiet und will weiter. Doch welche Überraschung - hier war wohl das Geld für die Fortführung des Radwegs alle! Gerade fange ich an, mich aufzuregen, als ich linkerhand einen Radfahrer im Feld sehe. Aha, dort verläuft der Fuß- und Radweg nach Kerpen.
Das ist dann doch besser, als entlang der Landstraße.


Ja da laufe ich doch gern und munter weiter. Ich bin gut eine Stunde unterwegs und hatte den vom Wetterbericht angekündigten Südwind von vorn. Ab jetzt habe ich Windschatten im Ort und dann Rückenwind :-) Nochmal ein Blick zurück .
                           Blick nach vorn sieht hier so aus:


Es geht auf einem baumbestandenen Damm nach Kerpen hinein. Mir kommt ein wenig komisch vor, dass man links und rechts hinunter in die Gärten schauen kann. Dieser Damm könnte auch an der See stehen, aber hier?
Dann dämmert mir aber, worauf ich mich bewege. Hier verlief bis in die 1950/60er Jahre eine Bahn, die Strecke Benzelrath-Nörvenich, die aufgegeben wurde.

Ich will dann mal dahin laufen, wo heute was läuft, besonders bei dem schönen Wetter.
Auf zum Stiftsplatz, einem Epizentrum des kalenderdefinierten Frohsinns heute (Das andere ist das Rathaus, das tue ich mir aber nicht an, da dürfte schon das Gruppenvollrauscherlebnis steigen).

Auch wenn man den genauen Weg nicht kennen würde - die Musik weist den Weg. Mittagszeit, alle Mann da.
"Nee, nee, Marie, is dat nit schööön, üvverall nur kölsche Tön" dröhnt es aus den Boxen.

Ja, der kölsche Jeck ist treu, diesem Lied der Bläck Fööss seit 1977. Man darf aber nicht meinen, der Text verherrliche das Rheinland. Es geht vielmehr um eine Beschreibung des kölschen Urlaubsverhaltens. Selbst nach Spanien nimmt der Kölner seine Lieblingswürste mit und erfreut sich an all den Dingen, die ihn an die Heimat erinnern, Erbsensuppe zum Beispiel. Folgerichtig endet der Refrain "Et fehlt nur vum Balkon die Aussicht op dä Dom".

Ich laufe ungebremst weiter. Der Weg zum anderen EpizentrumRathaus ist klar erkennbar durch eine Art Ameisenstraße der Kostümierten. Besonders fällt mir ein voluminöser männlicher Tiger auf, der einen Krapfen in den Rachen schiebend aus einer Bäckerei auf den Gehweg tritt. Querstreifen können ziemlich unvorteilhaft sein, besonders auf Ganzkörperflauschplüsch. Ich überhole 3 Jugendliche, ein Hulk mit Schaumstoffmuskelpaketen und 2 Cowboys. Sie haben nicht den Tiger, dafür aber anderes getankt. Nach einigen Metern laufen sie plötzlich um mich herum und überholen, verstellen mir den Weg an einer Engstelle, lassen blöde Kommentare ab. Ich schätze rasch den Verkehr auf der Straße ab und entscheide mich für den Hakenschlag auf die andere Straßenseite. Da das Koordinationsvermögen der Burschen das wohl nicht mehr zulässt, gröhlen sie mir noch Grüße hinterher.

Es wird Zeit, dass ich hier wegkomme. Doch erst noch eine Stärkung. Ich trinke und lutsche ein Gel. Dabei fällt mein Blick auf einen Scheich, einen Piraten und einen Ritter, die vorm Eingang des Amtsgerichts diskutieren. Ich hoffe, dass das keine Staats- oder Rechtsanwälte sind, die könnten ein wenig an Reputation einbüßen...

Nach dem kleinen Intermezzo bin ich froh, als ich wieder in schönerer Umgebung bin.
Mit Wind im Rücken läuft es sich locker, das Strahlen der Sonne wirkt wie ein Turbo und ich meine, erste leichte zarte Frühlingsduftwölkchen in der Nase zu haben.

Sooo darf Petrus weitermachen! :-)




Doch zu früh gefreut. Nicht ein Männlein steht im Walde, sondern ein Karton. Ich verstehe das nicht! Altglascontainer gibt es doch überall! Ich frage mich, wie man mit solchen "Flaschen" wohl am besten verfahren sollte...

Auch in meinem Ortsteil bestimmen Kostüme das Straßenbild. Anscheinend gabs gerade rot-weiß geringelte Langstrümpfe im Angebot. Bei ein paar jungen Mädchen frage ich mich angesichts der knappen Bekleidung, ob die hier gewerblich unterwegs sind...?
Aber egal, ich suche ein anderes Gewerbe auf, den Bäcker. Dort empfängt mich Duft&Sound. Duft nach frischen Krapfen und dazu gibt es "Mir sin Kölsche vun Kölle am Rhing" auf die Ohren.
Ach ich gebe ja zu, e bitzje jehört et jo och dr'zo.

5 Grad, 16 km, 1:39:54, (6:13 Min/km), HF 19

Kommentare:

  1. Das nenne ich mal einen Themenlauf :-)))

    Bei diesem fürchterlichen Gebäude tippe ich übrigens auf ein Kirche in Kombination mit Dorfgemeinschaftshaus und Rathaus ;-)

    Das Karnevalsgedöns darfst Du gerne behalten. Aber von der Sonne hättest Du ruhig etwas abgeben dürfen :-)

    Liebe Grüße
    Volker

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    1. Lieber Volker,
      was aus dem komischen Gebäude wird, werde ich verfolgen. Sonne hattest Du keine? Morgen schiebe ich Dir ein paar Strahlen rüber, garantiert ohne kölsche Tön ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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  2. Achherje, an diesem Tag hätte ich jede Menschenansammlung gemieden ;)

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    1. Hallo Markus,
      habe ich ja weitgehend. War aber doch neugierig, ob sie noch da sind...
      Liebe Grüße
      Elke

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  3. LIebe Elke,
    ehrlich? Ihr habt einfach so frei?
    Ich seh schon, da fehlt mir als Ausländerin wohl völlig der Bezug. (ich habe schon ganz fasziniert den Kommentaraustausch zwischen dir und Anja verfolgt! :D ).
    Bei deinem Lauf bist du jedenfalls ganz schön rumgekommen, der Radweg, der im Nichts endet erinnert mich ein wenig an manche Feldwege hier bei uns! :).

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    1. Liebe Doris,
      nun ja, ja, wir haben einfach so frei, 2 zusätzliche Urlaubstage quasi. Dafür arbeiten wir natürlich vorher und nachher schneller, um das wieder auszugleichen... ;-) Viele Geschäfte haben auch zu, An Rosenmontag sogar in der Kölner City, in meinem Ortsteil auch noch am Dienstag. Natürlich geht das nicht überall. Krankenhäuser z.B arbeiten normal. Aber in Arztpraxen kann man durchaus von kostümierten Menschen behandelt werden, im Bahnhof bedienen an den Schaltern auch Piraten, Cowboys, Hexen & Co. Ich frage mich oft, was mögen wohl Touristen denken, die das nicht kennen...?
      Liebe Grüße
      Elke

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  4. Das neue Dorf hat was amerikanisches, finde ich. Fehlt nur noch ein netter Saloon

    .. und obwohl ich überhaupt keine karnevalistischen Ambitionen oder Traditionen habe, kann ich dem Treiben manchmal durchaus was abgewinnen. Zumindest dann, wenn so richtig jecker Frohsinn rüberkommt ;)

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    1. Liebe Lizzy,
      ja, derzeit würde der Saloon passen, wo es noch ziemlich kahl dort ist. Ich schätze, wenn dann mal bepflanzt ist, sieht es anders aus. Es stimmt, Karnevalstreiben kann durchaus Spaß machen, wenn man in einer netten Gruppe unterwegs ist. Aber wenn es in Dumpfbackentum ausartet, vergeht mir die Freude.
      Liebe Grüße
      Elke

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  5. In diesem Karneval kann ich auf eine Maske verzichten - dank des Permanent-Make-up's, das ich mir beim Trailrunning eingehandelt habe.

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    1. Ui, so schlimm? Aber das würde natürlich eine sehr lebensechte Komponente für Horrorkostümierung hergeben...;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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  6. Liebe Elke,
    ich kann mit Karneval ja so gar nix anfangen. Zum Glück habe ich in meinem Home-Office gestern nix mitbekommen von alle dem :-)
    Wenn am Montag der Umzug an meinem Fenster vorbei zieht, werde ich mir den schon anschauen. Ich finde so manchesmal die Phantasie so Klasse, mit welcher die Leute ihre Kostüme machen. Das ist schon echt witzig.
    Das Wetter is gerade traumhaft. Hier auch.
    Ja, so kann es bleiben :-)
    Liebe Grüße
    Helge

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    1. Liebe Helge,
      stimmt, die Kreativität ist oft klasse. Ich finde ja die Eigenkreationen viel spannender als Gekauftes. Das Wetter lockt doch so richtig raus, nicht wahr? Dann viel Spaß beim Umzugschauen aus dem eignen Fenster!
      Liebe Grüße
      Elke

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  7. Das Gebäude mit Uhr ist ein 5 Familienhaus und der Architekt wohnt oben.

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    1. Hallo Heidrun,
      was Du nicht so alles weißt! Dann kannst Du ihn ja mal fragen, z.B. wenn Du demnächst da lang läufst...
      Liebe Grüße
      Elke

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  8. Liebe Elke, ich glaube, wenn ich laufend an Karnevalisten vorbei käme, wäre es mit dem Laufen vorbei und ich würd einfach als Läuferin verkleidet mitfeiern. Aber nicht bei den Säufern.. wobei moderater Kölschkonsum schon ok wäre. Ist ja auch isotonisch.

    Architekten, die solche Gebäude planen, sollte die Lizenz zum Häuser bauen entzogen werden. :-)

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    1. Liebe Anja,
      Du hast ja wirklich echt rheinisches Blut in den Adern! Kann ich aber verstehen, wenn man dann dem Impuls zum Mitschunkeln nachgibt ;-)
      Vielleicht ist das Haus von innen ja reizvoll, man weiß es nicht.
      Liebe Grüße und schönen Karneval noch!
      Liebe Grüße
      Elke

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    2. Ja Elke, das hab ich wohl - für mich ist Karneval nach 2 Tagen (wahrscheinlich) vorbei... aber vielleicht überkommt es mich ja noch und ich geh noch mal nen Abend los. Aber am Montag fängt ja der Ernst des Lebens wieder an. Für heute muss ich aber auf jeden Fall mal in den Erholungsmodus gehen.

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    3. Es sind ja noch über 48 Stunden, vielleicht gibts einen karnevalistischen Endspurt..?
      Ansonsten guten Wochenstart und liebe Grüße
      Elke

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