Montag, 28. März 2016

Dem Regenbogen entgegen

Ostersonntag: Der Wetterbericht glänzt mit schlussendlich präziser Vorhersage. War der Morgen noch regnerisch, so sollten am Nachmittag Aufheiterungen folgen. Gute Voraussetzungen also für den langen Trainingslauf der Woche, 27 km.
Nur den tollen Regenbogen hat er nicht angekündigt, der war die Zugabe für Ostern!
:-)


Der Preis für den Sonnenschein war wohl der unangenehme, böige Wind. Ich habe keinen genauen Plan und laufe irgendwie los. Die Füße tragen mich in die Steinheide, die trotz "Heide" ein Wald ist.
Perfekter Windschutz.








Am anderen Waldende das Erftland-Motodrom. Die Kartbahn, auf der die beiden Schumacher-Brüder ihre Karrieren starteten. Clou der Anlage: Sie kann in beiden Richtungen rennmäßig befahren werden, so dass man an einem Platz zwei Rennstrecken hat.







Und damit ist der nächste Punkt meiner Route schon klar: Manheim, das aussterbende Dorf.
Aussterbend deswegen, weil alle Bewohner umgesiedelt werden, um Platz für den heranziehenden Braunkohletagebau zu machen.
Eindrücke von einem früheren Besuch: Link


Musste man noch vor 2-3 Jahren genauer hinschauen, um unbewohnte Häuser zu erkennen, so ist es nun umgekehrt: Die noch bewohnten Häuser sind deutlich in der Minderheit. Ich schätze, 80 % sind unbewohnt.
Eine absurde morbide Stimmung herrscht.








Es ist sehr ruhig. Ich sehe genau 4 Menschen auf der Straße, zudem 2 oder 3 fahrend Autos.
Kein Kinderlachen,
keine Ostersonntagsspaziergänger,
kein Hundegebell.
Grabesstille.
Würde die Sonne nicht scheinen, es wäre sehr unheimlich.






Alles unbewohnt.










Ich entdecke einen kleinen Weg hinter Häusergärten entlang. Und werfe hier und da einen Blick über den Zaun.

Alles vernagelt hier.








Nichts mehr zu bewachen für Bello, Struppi oder Rex oder vor wem auch immer das Schild warnen sollte.










Die nächste Stufe des Dorfabrisses. Zuerst werden nur Rolläden herabgelassen, dann folgt das Zumauern der Fenster als Schutz vor Eindringlingen.
Vor Kellerfenstern sind Sandhaufen aufgeschüttet. Den Sinn verstehe ich nicht ganz.









Und wo die lebenden Bewohner wegziehen, nehmen sie auch ihre Verstorbenen mit. Entsprechend sieht der Friedhof aus wie ein Flickenteppich. Mag makaber scheinen, doch da auch der Friedhof verschwinden wird, geht es nicht anders.







Hinterm Dorf die inzwischen verlegte neue A4, die ich ja eine Zeit lang als besonderes Laufrevier nutzen konnte. Links davon auf dem Wall die Eisenbahnstrecke nach Aachen, rechts die Kohlebahn, auf der in eigenen Zügen die abgebaute Kohle transportiert wird.

Ab hier muss ich ca. 1 km Bundesstraße ohne Radweg laufen. Nicht sehr angenehm und ich weiche notgedrungen bei jedem anbrausenden Auto auf den unebenen Grünstreifen aus.

Bald habe ich mich 10 km dem strammen Westwind entgegen gearbeitet. Wundert mich selber, dass es eigentlich ganz gut ging und sogar Spaß macht.
Die Windräder sind mein westlicher Wendepunkt. Das Geräusch der sich kräftig drehenden Rotoren ist so nah dran beeindruckend.








Aus Westen zieht eine Regenwolke heran. Deutlich sichtbar, wie sie über den Ausläufern der Eifel ihre Last ablädt. Eigentlich müsste sie schräg an mir vorbei ziehen. Aber die wird doch wohl nicht etwa...?
Ab jetzt habe ich Rückenwind.






Als ich Burg Bergerhausen erreiche, wird es am Himmel dunkler. Diese einzige dicke Regenwolke ist doch inzwischen ziemlich groß geworden...










...und hängt wie ein gigantischer Wolkenbogen über mir. Von Westen scheint die Sonne bereits wieder unter dem Bogen hindurch und beleuchtet den neuen Friedhof des umgesiedelten neuen Manheims.





Und dann entsteht plötzlich vor mir ein gigantischer Regenbogen. Leider zu groß, um ihn in einem Bild ablichten zu können.
Eine Steigerung gibt es noch dazu: Ein doppelter Regenbogen bildet sich! Während ich diese Bilder mache, klatschen von hinten munter Tropfen an meinen Rücken.








Damit die Kamera keinen Wasserschaden nimmt, muss ich sie wegpacken, kann leider nicht das fotografieren, was hinter mir zu sehen ist: Kräftige Sonne, die einen kurzen aber heftigen Starkregen in gleißendes Licht taucht.

Ein faszinierendes Schauspiel!

Nach wenigen Minuten ist alles vorbei, Regen und Regenbogen verschwunden.

Ein weiteres Foto verkneife ich mir: Als ich an einem Fitness-Studio vorbeilaufe und hinter den großen Scheiben wahrhaftig Leute auf Laufbändern sporteln sehe. Da ziehe ich doch die Natur vor, auch wenn man nass oder durchgepustet wird.

Auf den letzten 3 km werden die Beine etwas schwer. Doch insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem heutigen Lauf.

14 Grad, 27 km, 2:56:26, (6:32 Min/km), HF134

Kommentare:

  1. Liebe Elke,

    da ist sie endlich, die Erkenntnis, dass auch gegen den Wind laufen Spaß machen kann :-)))

    Manheim wird immer schauriger, wie sich das Dorf wohl an einem nebelgrauen Novembertag präsentiert?

    27 km, Du bist voll auf Kurs, mitten in der Natur, bei allen Wettern und so ganz ohne Laufband! :-)

    Liebe Grüße
    Volker

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    1. Lieber Volker,
      wenn es dann nur mal die Ausnahme ist, so starken Wind zu haben, ist es ja ok. Im November, womöglich bei Nebel will ich in Manheim nicht abgemalt sein. Es muss schaurig sein, da noch zu wohnen.
      Genau, ganz gut auf Kurs und das ohne Laufband, sondern draußen! :-)
      Liebe Grüße
      Elke

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  2. Liebe Elke,
    wow, bei diesem Lauf waren ja beinahe unwirkliche Wetterstimmungen dabei! Sehr beeindruckend!! Genauso wie deine Distanzen, die du schon wieder laufend zurücklegst! :D
    In diesem leeren Ort zu wohnen stelle ich mir seltsam vor. Aber reizen würde mich das schon...

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    1. Liebe Doris,
      ja, das Wetter hat alles geboten. Das macht ja gerade den Reiz gegenüber Indoor-Aktivitäten aus. Jedenfalls, solange kein Platzregen dabei ist.;-)
      Was das Training angeht, so habe ich den Eindruck, dass je öfter man einen Marathon angeht, je rascher nimmt der Körper die Herausforderung an. Nur am Tag X, da geht nix auf Knopfdruck.
      In Manheim wohnen kann ich mir nicht vorstellen, ich hätte Angst. Oder stell' Dir vor, Du lebst schon Jahrzehnte dort, und plötzlich stehen rings um Dich die Häuser leer... Du scheinst da mutiger!
      Liebe Grüße
      Elke

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    2. Ich glaube nicht, dass das mit Mut zu tun hat. Ich stelle es mir nur spannend/interessant vor, wenn die ganze Nachbarschaft, das Dorf, so nach und nach verschwinden. Manchmal hätte ich mir das bei meiner Nachbarschaft ja schon insgeheim gewünscht ;), aber wie es sich anfühlt, wenn es wirklich passiert, würde ich gerne ausprobieren.
      (Fällt wohl unter "jugendlicher Forscherdrang") ;)

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    3. Lach, ja je nachdem mag dann sicher Freude herrschen, den Nörgler von Nebenan loszusein. Aber sicher auch Wehmut, Abschiedsschmerz, Gefühl von Rausgerissen werden. Es gab beim WDR eine mehrteilige Doku, die einige der Leute begleitet hat. Ein guter Artikel ist auch der hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/leere-haeuser-als-neues-zuhause-fuer-fluechtlinge-14043394.html
      Liebe Grüße
      Elke

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  3. Hallo Elke, wie haben es die Manheimer in ihrem neuen Ort getroffen? Ist es dort vielleicht sogar viel schöner? Könntest du deinen nächsten Lauf in den neuen Ort lenken und mit einer Fotoreportage aufwarten? Ganz spannend wäre ja der Vergleich „altes Haus – neues Haus“.
    Nun ja, dieser Wahnsinn wird bald ein Ende haben. Da erfreuen wir uns dann nur noch am Schnurren der Windräder.

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    1. Der neue Ort...? Der wurde auf dem Acker aus dem Boden gestampft und das Baurecht anscheinend sehr ... offen gestaltet. Sieht aus wie Disneyland. Nur welches alte zu welchem neuen Haus gehört, das bekommt ich wohl nicht hin. Aber ich werde Deinen Vorschlag aufgreifen.
      Tja, die Kohle, die Kohle. Ohne wäre es hier schöner.
      Liebe Grüße
      Elke

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  4. Was die aufgehäufte Erde zu bedeuten hat, würde mich auch interessieren. Und auch, warum die Fenster und Türen vernagelt bzw. die Rollos verrammelt werden. Wenn doch eh keiner mehr drin wohnt und bald alles abgerissen wird: warum sollte es die ehemaligen Bewohner noch interessieren, ob und wer darin haust? Im Gegenteil würde ich mir, so ich schon in einer neuen Bleibe angekommen wäre, denken: sollen doch noch für den Rest der Zeit z. B. Obdachlose ein einigermaßen kuscheliges Quartier finden. Oder ein paar Vögel nisten ...

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    1. Liebe Lizzy,
      die Rolläden und das Zumauern soll Eindringlinge, Plünderer u.ä abhalten, denn es gibt da wohl ein Problem: http://www.dickbusch.de/article/3297.
      Aus Sicht von RWE, denen ja die Häuser nach Auszug gehören, soll niemand rein, der dann das Abbaggern durch seine Anwesenheit verhindern könnte (Es gibt ja Widerständler gegen die Abbaggerei). Es werden aber Flüchtlinge untergebracht: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/leere-haeuser-als-neues-zuhause-fuer-fluechtlinge-14043394.html. Obwohl es eine sehr trostlose und deprimierende Wohngegend ist.
      Das mit den Sandhaufen vor den Kellerfenstern...? Finde ich eine interessante Fragestellung, vielleicht finde ich mal die Lösung heraus. Vielleicht, weil man Sand eher wegschaufeln kann, wenn dann doch einer ins Haus muss um den Abriss vorzubereiten?
      Vögel haben es derzeit gut in den verwilderten Gärten. Leider gibt es ein Katzenproblem: Mancher nahm seine Tiere nicht mit beim Auszug, oder die kamen einfach zurück (der neue Ort ist ja nicht zu weit weg für 4 Pfoten).
      Liebe Grüße
      Elke

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    2. Ah, Danke! Dass die Häuser nicht mehr den früheren Besitzern gehören, ist immerhin ein Erklärungsansatz. Und die Haftungsfrage dadurch natürlich auch.

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  5. Na, das war doch mal ein spannender und abwechslungsreicher Langer, liebe Elke! Gegenwind, Verlassene Dörfer und Aprilwetter mit Regenbogen - da behaupte noch wer, laufen sei öde!

    Liebe Grüße,
    Anne

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    1. Genau, liebe Anne, so etwas erlebt man nur, wenn man die Füße vor die Tür bringt!
      Liebe Grüße
      Elke

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  6. Liebe Elke,

    da ist ja einiges vorbeigezogen and Landschaft und Wetter auf den 27km. Das leere Dorf ist ein wenig gruselig aber irgendwie auch sehr anziehend. Hat etwas von Abenteuer scheint mir.
    Das Laufband würde ich dagegen auch sicher gar nicht tauschen wollen!
    Herzlichen Gruß!

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    1. Liebe Roni,
      das ist dann wohl die hiesige Form von Geisterstädten, wie man sie mit manchem Western verbindet. Und dass Du nicht mit einem Laufband tauschen wollen würdest, ist klar, wo Du Dich schon überall bei Wind und Wetter durchgearbeitet hast! ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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