Sonntag, 15. Oktober 2017

Nach der Nachtschicht

Vor einer schönen ElliptiGo-Tour ist erst noch Nachtschicht angesagt. von 18:30 Uhr bis ca. 3 Uhr nachts - Livestream vom Ironman Hawaii.
Es ist schon der Wahnsinn, was dort abgeht. Da hat Jan Frodeno einen kapitalen Einbruch zu Beginn des finalen Marathons. Ach, wie kann ich es nachfühlen, wie es ist, wenn man nicht mehr laufen kann, sondern nur noch gehen.
Dann präsentiert sich Sebastian Kienle in Top-Form, bevor ihm plötzlich beim Lauf die Beine schwer werden. Und dann stürmt Patrick Lange aus der -relativen- Tiefe des Feldes heran und lässt alle anderen hinter sich. Welch ein Lauf! Auch wenn mir einzelne Passage fehlen, es war es wert, die halbe Nacht wach zu bleiben!
Und als Kontrastprogramm - ElliptiGo! Vielleicht einer der letzten Touren des Jahres, bevor das Wetter ungemütlich wird. Ich rolle entlang der Erft, die heute wohl wegen der schönen Witterung ware Heerscharen an Spaziergängern, Radlern, Gassigängern etc. anzieht.
In der Kreisstadt ein kurzer Abstecher zu einem Areal meiner Kindheit. Es gab einen putzigen Übungsplatz für radelnde  Kinder. Oh, wie war ich stolz, als ich vor 50 Jahren den Fahrradführerschein dort bestanden habe und der grün-weiße Wimpel mein Rad zierte!
Heute - alles verlassen. Ein "lost place" wie es so schön heiß. Ein paar der alten Markierungen auf den Sträßlein im Miniformat sind noch erkennbar. Ob heutige Kinder das nicht mehr brauchen? Gleich 3 Schulen lägen direkt in der Nähe.




Nach dem Abstecher geht es weiter entlang der Erft.
Herrliche Luft, raschelndes Laub, man riecht den Herbst.


Als Abschluss noch Speedway :terra nova, die alte Bandstraße. Gut belebt heute.
Doch der Herbst zeigt sich deutlich. Selbst wenn es in der Sonne warm ist, an vielen Stellen sind noch die kleinen Spinnwebkunstwerke von Tau bedeckt zu sehen. 




Und am Ende: Obligatorischer Stopp an der Kante.
Wunderschöne Tour heute, nur der Gegenwind des Rückwegs, den hätte es nicht gebraucht.


 21°, 31,3 km, 1:49:19, (17,2 km/h), HF 140

Sonntag, 8. Oktober 2017

Cruisen in Chemnitz


Der Post-Titel stand ja schon fest und die Laufausrüstung hatte ich auch zur Dienstreise mit eingepackt. Doch dann fiel die geplante Laufrunde leider dem Sturm zum Opfer.
Aber wenigstens gab es eine sportliche Komponente anderer Art: Im Rahmen der zu absolvierenden Sitzung besichtigten wir das Sportforum (Link), ein riesengroßes Areal, das neben einem Sportgymnasium auch einen der deutschen Olympiastützpunkte (Link) beherbergt. Machen wir einen kleinen Spaziergang.

Ursprünglicher Kern der Anlage ist das 1926 erbaute Stadion, das große Zeiten und Spiele gesehen hat.










Leider heute arg marode, gesperrt. Doch man hat Pläne einer Wiederbelebung. Der lokale Fußballclub hat zwar inzwischen ein modernes Stadion an anderer Stelle, doch er trainiert weiterhin gleich beim alten Stadion auf einer Rasenfläche.
Diese hat aber dummerweise ein Gefälle zu einem Tor hin, weswegen man den Gedanken hegen könnte, dass deswegen der Verein nur noch bei solchen Gefällesituationen wie auf dem heimischen Trainingsareal treffen kann...


Die Halle der Bodenturner-Herren.
In der der Damen (hier ohne Bild) erfuhren wir, dass dort noch der "Moskauer Boden" läge. Das hat keinerlei politischen Hintergrund. Man versucht vielmehr, den gleichen Boden zu beschaffen, auf dem bei der nächsten Olympiade zu turnen sein wird. Weil jeder Boden andere Federungseigenschaften mitbringt.





Eine Dreifach-Halle für Ballspiele hat einen eigentümlichen "Flansch" angebaut, ohne Fenster, ohne Tür. Die Erklärung: Zu früheren Zeiten trainierte ein sehr begabter Weitspringer im Winter in der Halle. Doch es fehlten immer ein paar Meter für den richtigen Absprung. Die hat man dann kurzerhand einfach als "Blinddarm" angebaut.





Die Schwimmhalle in Seitenansicht.













Außen fallen Schienen auf. Wo Fußballclubs ihren Rasen ins Stadion und hinausrollen, so wird hier bei Bedarf die ganze Hallenkonstruktion auf den Parkplatz geschoben. Ist einfacher, als das mit dem Becken zu tun.
Eine Schiebung dauert 8 Stunden.






Die Leichtathletikhalle.
Unter der Tribüne noch eine kleine Sehenswürdigkeit...










Es wurde eine 110 m lange Sprintbahn eingebaut, am Ende mit einer Sprunggrube ausgestattet. Hier trainierte Heike Drechsler.
Dummerweise touchierte sie wohl beim Absprung gelegentlich die Querträger, so dass man einen Prallschutz nachrüsten musste.







Nach so viel sportlichem Input war daheim natürlich laufen angesagt.
Die Sonne lugte sogar nach einem morgendlichen Schauer hervor. Der Wind hat zwar Bäume und Sträucher arg entlaubt, doch solche Schäden wie sie Volker bei sich läuferisch entdeckt hat, scheint es im Rheinland nicht gegeben zu haben.





Auf einer Koppel stehen einige Pferde dampfend in der Herbstsonne.
Es läuft locker, mit 13° perfektes Laufwetter.










Als ich zu meinem Wohnort zurückgelange, ist mir noch nicht nach Ende. So hänge ich eine Runde ins Gewerbegebiet an.
Dort treffe ich auf diesen Prachtburschen.
Sieht er nicht richtig treu und zuverlässig aus?








Dachte sich ein Fertighaushersteller auch und schmückt seine Reklame mit ihm. Hoffentlich baut er seinen Kunden großzügigere "Nestchen", wie er es bei seinem Werbeträger zeigt...








13°, 13,8 km, 1:29:35, (6:29 Min/km), HF 135


Dienstag, 3. Oktober 2017

Relativ gemein

Der Herbst drängt mit Macht heran.
Es ist windig, das Laub fällt, aber wenigstens sind 16° noch angenehm - aus Frostbeulensicht.
Die Marathonis in Köln hatten ähnlich gute Laufbedingungen. Das Zuschauen mit Helge (Link) ist kurzweilig. Wir beneiden diejenigen, die locker flockig an uns vorbeirennen. Gemein ist, dass ihr Mann Andi mit nur wenigen 100 km Jahreslaufleistung nachher eine bessere Zeit hinlegen wird, als ich mit meinen bisher 1400 Jahrskilometern....
Doch das soll mich nicht einbremsen und heute sollen wieder ein paar km mehr auf den Tacho gelangen. Vorbei gehts am Hühnerhaufen.
Die neuen Lieblinge unseres Orts, die freilaufende Schar, genießt ihr Landleben. Doch obwohl pro Henne 20 qm (!) Wiese zur Verfügung stehen, drängt sich ein gackerndes "Wachbatallion" dicht am Zaun. Die Damen sind es nämlich inzwischen gewöhnt, dass die zahlreichen großen und kleinen Fans Futter mitbringen.
Als ich meine Kamera aus dem Regenschutzbeutel nehme, ist das für sie daher eindeutig: Mensch+Beutel=Futter.

Dass es nichts gibt, lässt sie etwas ratlos zurück. Ich glaube, die finden das gemein. Eine kann es gar nicht fassen und begleitet mich noch ein Stück am Zaun entlang.
Demnächst bekommen sie Gesellschaft. Wegen des großen Erfolgs bereitet der Bauer eine zweite Weide für eine weitere Mannschaft vor.






Der Wind ist gemein zu mir. Dauernd drückt er mir den Sonnenschild meines Schlauchschals entweder ins Gesicht ...










... oder er reißt ihn nach oben. Aber von solcher Unbill lässt man sich ja nicht vom sporteln abbringen.
Der nächste Marathon wird anvisiert, und da soll schließlich kein Rost angesetzt werden!

Zur Motivation greife ich gern nochmals zurück auf die Einstein'sche Relativitätstheorie:
Zwar spulte mein Mann, wie nicht anders zu erwarten, 55 Minuten schneller als ich den Berlin Marathon (Link) ab. Doch in der Platzierung liege ich gute 5000 Plätze vor ihm! Ok, er wird in der Männer-, ich in der Frauenwertung geführt, und es rennen halt mehr Kerls als Mädels. Aber FÜNFTAUSEND Plätze weiter vorn, das hört sich doch richtig super an, oder? Auch wenn der Vergleich ein ganz klein wenig gemein ist.

Beseelt von solchem Gedankengut läuft es sich gleich nochmal eins lockerer.
Zudem habe ich auf dem letzten Drittel meiner Runde Rückenwind - herrlich.
Kann ich mir den mal einpacken lassen für einen Lauf, bei dem es mal nicht so locker läuft?




16°, 12,5 km, 1:20:20, (6:25 Min/km), HF 135

Samstag, 30. September 2017

Von Rausch und Kater

Ja, die Wanderschuhe haben zwar ein wenig "Grün" angesetzt, aber mit den Laufschuhen soll es sicher nicht soweit kommen. So geht es heute zu einem ersten kleine Läufchen, nachdem ich ansonsten seit Montag dem läuferischen Phlegma erlegen war.
Eine Nach-Marathon-Woche ist immer eine besondere. Aufstehen am Montagmorgen - ächzend. Der Muskelkater in den Beinen läuft gerade erst zur Höchstform auf. Die Knie fühlen sich an, als hätte ich sie am Vortag verdreht. Im Frühstücksraum des Hotels sehe ich mit kleinem Amüsement, dass es aber auch einigen anderen so geht. Selbst wer ohne Medaille oder Finishershirt zum Buffet geht, verrät sich am Gang 😆.

Ein kleiner Spaziergang um den Block tut gut und lockert die Beine. Wir machen einen Abstecher zum Ballon, der aus windigen Gründen am Boden bleibt.








Viel Zeit verbringen wir bei der "Topografie des Terrors",  einer Art Zeitreise an einem ehemaligen Stück Mauer und Fundamenten ehemaliger Gestapo-Bauten entlang. Schaurig.








Nach einer ausführlichen läuferischen Nachbetrachtung des Sonntags mit Volker und einer letzten Currywurst am Flughafen ist der "Rausch Berlin" dann schon wieder vorüber.
Äußerlich.
Denn innerlich bin ich immer noch im Marathongeschehen verhaftet, bin eigentlich nur körperlich anwesend.
Es ist teils wie früher, wenn 2 Dias auf einmal im Projektorschlitz landeten, und man 2 Welten übereinander sieht. Immer wieder tauchen Szenen und Eindrücke von den 42,195 km auf.
Vor allem, als wir am Dienstag Abend die daheim aufgezeichnete Sportübertragung anschauen, sind wir wieder mitten drinnen, erkennen manche Straße wieder, fiebern mit der Spitze, obwohl wir das Ergebnis ja kennen. Und leiden mit Philipp Pfleger, der taumelnd am Streckenrand aufgefangen wird.

Und wieder wundere ich mich, dass gute 48 Stunden nach dem Lauf eigentlich die meiste Pein schon wieder verflogen ist. Gut, Treppe mag man nicht so unbedingt steigen, aber ansonsten geht Gehen schon wieder wie sonst. Blasen an den Füßen hatte ich eh' keine. Verrückt.

Eine kleine Erinnerung trage ich noch mit mir herum: Das Marathonbändchen, das jeder Teilnehmer als zusätzlichen Berechtigungsnachweis zur Startnummer um das Handgelenk bekam. Hält sich erstaunlich gut.
Kurz liebäugelte ich auch mit einer spontanen Teilnahme am Halbmarathon in Köln. Fühlte mich dann erstens aber doch zu schlapp und zweitens ist der nun auch ausverkauft. Geh' ich halt mal so an die Strecke zugucken.

Aber heute nach ersten Herbstdekorationsaktivitäten wird es dann Zeit für einen ersten Lauf. Es regnet zwar, doch das macht rein gar nichts. Im Gegenteil, passt irgendwie zum fortgeschrittenen September, zur spürbar früher hereinbrechenden Dunkelheit und zur Stimmung.
Über nasses, gelbes Laub geht es 50 Minuten durch Wald und Ort. Tut gut.




13°, 7,8 km, 51:17 Min, (6:31 Min/km), HF 139


Montag, 25. September 2017

Berlin Marathon 2017

Berlin, es ist vollbracht. Es in einem Wort auszudrücken, geht  nicht.
Berlin ist Wahnsinn.
Berlin ist Emotion.
Berlin ist Party.
Berlin ist ... Brasilien, Chile, Frankreich, Island, Großbritannien ... und MEXIKO!
Berlin war heftig!

(Vorwarnung: Viele Bilder folgen)



Der Morgen zeigt sich trüb und grau. Es ist Regen angesagt. Wir haben 10 Gehminuten zum Startbereich.









Kurzes Erinnerungsfoto am Brandenburger Tor. Wie werden wir nachher hier hindurchlaufen?

Wir haben uns an die eindringliche Veranstalterempfehlung gehalten und sind um 7:30  am Läuferbereich. Überflüssig, wie sich zeigt, eine Stunde später wäre auch gut gewesen.
Aber immerhin, so können wir die Stadt beim Aufwachen erleben, eine schöne und zugleich angespannte Morgenstimmung herrscht.

Auf dem Start-/Zielgelände ist es noch ruhig. Reichstag und Bundeskanzleramt dämmern in den Wahltag hinein.



















Beim Einlass auf die große Wiese ein Schockmoment. Der Ordner will mich nicht passieren lassen: Kein Rucksack erlaubt. Wie bitte? Ich habe einen Trinkrucksack, und keinen für die Kleiderbeutelabgabe! Ich fühle mich unsanft aus meinen Träumen gerissen. Wir beginnen einen kleinen, nennen wir es Gedankenaustausch. Ich protestiere. Er meint, das hätte ich doch so lesen müssen. Da gerade wenig Andrang ist, kommen andere Ordner dazu und nicken mit den Köpfen. Das ist hier gerade der falsche Film! Gottseidank nähert sich ein rettender Engel in Form eines höherrangigen Helfers. Er erkennt die Art meines Rucksacks und erklärt dem widerspenstigen Ordner, dass ich mit dem Rucksack laufen und aus ihm trinken werde. Uff, gerettet, ich darf passieren!
Doch die Rettung ist nur vorübergehend, denn beim Zugang in meinen Startblock findet genau die gleiche Diskussion erneut statt.

Mein Mann hat sich inzwischen in seinen Block F begeben (Steht sicher für "Flottere Flitzer"), während Volker und ich für den H-Block ("Hinten") eingeteilt sind. Was für uns passt. So können wir zusammen die Wartezeit verbringen, die sich als gefühlt doch nicht so lang erweist.





Es wird Armgymnastik angeboten, flotte Musik gespielt.
Und sogar zur Begrüßung der 55 teilnehmernden Isländer deren spezielles Ritual zelebriert:
Klatsch ----- Huhhhh!
Klatsch --- Huhh!
Klatsch - Huh!
Auf großen Videowänden erleben wir das Geschehen an der Spitze mit, die ja 60 Minuten vor Block H startete.
Derweil lege ich wie viele andere auch die wärmende Kleidung ab am Streckenrand. Dort stehen bereits Interessenten und begutachten das Angebot an Second-Hand-Klamotten nach Größe, Farbe, Schnitt.

Und dann wird es ernst.
Es wird das Intro aus Alan Parsons' Sirius (Link) gespielt.
Alles kribbelt.
Los gehts in den einsetzenden Nieselregen!









Eine Halbrunde um die Goldelse. Schon hier Gänsehaut, weil die Strecke dicht gesäumt ist von Zuschauern.
Volker und ich haben uns vorgenommen, hinter den 4:30-Läufern zu bleiben. Mein Ziel ist erstens ankommen und zweitens nach den schmerzhaften Läufen in Prag dies ohne Magenkrämpfe.




Die Berliner geben alles für den Lauf. Hier winkt uns sogar die Feuerwehr von der Drehleiter zu.
Es läuft prima und Volker gibt Motivationsmathematik zum Besten: Bei km 4 haben wir ja schon 10% geschafft. Und nach km 10 beginnt eigentlich nur noch ein langer Trainingslauf...
Ich erinnere daran, dass beim Ahrathon hier bald der erste Winzer käme...



Links die Schweizer Botschaft, deren Glockenläutegruppe ich leider zu spät für ein Foto entdecke. Hinten mittig der Reichstag und davor das Zielgelände.







Ein typisches Streckenbild. So wird es fast die ganzen 42,195 km sein. Wahnsinn.









Gelegentlich erhascht man einen Blick auf das endlose Feld wie hier. Aber trotz 44.500 Läufern habe ich nicht das Gefühl von Enge. Es passt mit den Abständen, bis auf einige überforsche Rempelläufer, für mich durchweg gut.










Der Friedrichstadtpalast, ich war noch nie drin, wäre mal ein Ziel.
Bei km 8 habe ich ein kleines Tiefchen. Die Euphorie des Starts ist verflogen, der Körper schaltet auf Grundmodus Dauerlauf.
Beim 2. Verpflegungspunkt schert Volker aus für einen Drink. Ich will mir ein Wasser nehmen, aber da kommt keins mehr. So reißt es uns abrupt auseinander und ich muss fortan allein laufen. Was aber kein Problem ist, denn wir hatten vereinbart, jeder läuft sein Rennen.

Es folgt Friedrichshain und das Bild der Hauptstadt wandelt sich. Einladend sieht anders aus.
Aber wenn die Straße schon Karl-Marx-Allee heißt, passt es wohl...


Inzwischen hat es sich bei mir gut eingepegelt. Ich nehme immer wieder mal einen Schluck aus meinem tolerierten Rucksack, den ich heute nur mit Maltodextrin-Gemisch befüllt habe. Pures Wasser will ich unterwegs an den Ständen nehmen. Bei km 14 gönne ich mir die erste Salztablette, scheint ein guter Zeitpunkt gewesen zu sein.


Bei km 15 passieren wir "Kotti", den aus den Nachrichten leider negativ bekannten Platz Kottbusser Tor mit seinem arg kriminalisierten Umfeld. Krasser Kontrast zu Mitte. Es gibt türkische Musik live.
Beim Herrmanplatz werden wir plötzlich auf den Gehweg gepfercht. Auf der Strecke stehen 2 Rettungswagen. Wie die Zeitung später berichtet, brach dort ein Läufer zusammen. Welch eine Leistung, das endlose Lauferheer mal eben umzuleiten. Hier irgendwo passieren wir auch ein ehemaliges Kraftwerk, das heute entkernt zu Kunstausstellungen dient. Dort steht eine endlos lange Schlange Kunstbeflissener und schaut uns Läufer an, als seien wir entsprungen aus einer Anstalt. Ein Mitläufer versucht, sie zu ein wenig Reaktion zu animieren, er ruft, er klatscht. Aber hier prallen einfach Welten aufeinander. Dafür haben wir mehr Spaß, als die ernst dreinblickenden Schlangesteher.

Und schon naht die Halbdistanzmarke. Man beachte die Mexikanerin im Kleid am linken Bildrand, als Schürze trägt sie die Landesfahne. Überhaupt ist Mexiko -gefühlt- hier die überwiegende Nation. Überall laufen sie und stehen am Wegesrand. Mein Verdacht, dass Mexiko Partnerstadt Berlins ist, bestätigt sich später.
Viva! Vamos!



Das musikalische Programm an der Strecke ist klasse. Ob aus Boxen aus der Retorte oder live, oft läuft man von einem Schallfeld gleich ins nächste.
Eine Musikschule bietet sogar Alphörner auf.
(Und nächstes Jahr sind die sicher noch besser).




Meinen persönlichen Ehrenpreis gebe ich an diese Balkonmannschaft. Die beiden Boxen, auf einen Schrank geschnallt, wummern dermaßen laut, dass man bei diesem Rhythmus mit muss (Und die Mannschaft sicher bald zum Ohrenarzt).








Das Schöneberger Rathaus, wo John F. Kennedy seinen berühmten Satz "Ich bin ein Berliner" sprach.
Wir sind bei km 23.









Auch das ist Marathon. Keine lustige Verkleidung. Zwischen den Flügeln trägt der Läufer ein Bild seiner verstorbenen Frau, für die er hier und heute läuft...

Inzwischen verspüre ich die typischen Anzeichen der zweiten Marathonhälfte.
Es wird schwer, der Puls geht hoch, es machen sich Körperstellen bemerkbar, die im Alltag nie eine Rolle spielen.




Doch die Party nimmt kein Ende. Musik überall, Menschen, Applaus, Anfeuern,
Sagenhaft.
Wie die Tageszeitung am nächsten Tag berichten wird, sei das aber nur wenig gewesen, bei schönem Wetter wäre deutlich mehr los.
Noch mehr?!

Den berühmten "Wilden Eber" verpasse ich. Bin doch mit mir selbst und dem Hineinhorchen in die Biosysteme beschäftigt.
Der Magen ist zwar friedlich (Darauf schnell noch eine Salztablette), aber etwas drückt an den Rippen. Das Zwerchfell vielleicht? Ich versuche, die Atmung umzustellen, zu entspannen. Letztendlich hilft eine kleine Gehpause.
Auch die Waden und Schienbeine machen langsam dicht. Das erinnert mich an den Wochenanfang. Denn leider fiel in die Taperingphase ein viertägiger Kongress meines Arbeitgebers, der mit stehen und gehen von früh bis spät verbunden war. Nur 2 Tage Erholung waren möglich. Also alles erklärbar. Und da ich ja aus Amsterdam weiß, was passiert, wenn man in Krämpfe hineinläuft (Link), bin ich lieber vorsichtig und lege ab nun immer wieder eine Gehphase ein.

Ich tappere einfach allen hinterher und schaue mir die immer wieder wechselnde Kulisse an. Dass wir inzwischen bei km 33,5 den Ku'damm erreicht haben, merke ich erst am plötzlich wechselnden Erscheinungsbild des Einzelhandels.







Orchestermusik ertönt. Und was spielen sie? "Fiesta Mexicana", weswegen der Mexikaner links auch gleich begeistert ein Foto macht.







Aus der Ferne grüßt die Gedächtniskirche. Wie auf den ersten 7-8 km  bewegen wir uns nun wieder an den Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei.







Das KeDeWe, das letzte übriggebliebene Traditionskaufhaus der guten alten Zeit. Heute leider geschlossen.
Kurz darauf tönt es von hinten "Elke". Huch?! Es ist Volker, der wieder aufgeschlossen hat. Kurzer Uhrenvergleich, denn beide wundern wir uns, dass unsere Läuferaccessoires mehrere 100 m mehr attestieren.
Doch schon rasch reißt es uns wieder auseinander, denn ich greife zu einem Energie-Drink, während diesmal Volker durchläuft.


Am Wintergarten erfreut nochmals Salonorchestermusik.
Langsam wechselt das Befinden von anstrengend zu hart. Nun ja, das weiß man vorher.
Aber immer wieder baut die Stimmung auf, pusht einen weiter.
Berlin ist Wahnsinn.





Die nächste Station, Potsdamer Platz. Eigentlich ist es nicht mehr weit, 4 km. Ich versuche, mir die auf meiner heimatlichen "Feldrunde" vorzustellen. Doch was dort beinah lachhaft und ohne große Schweißproduktion abläuft, ist hier zäh und doppelt bis dreifach so lang...






Der Leipziger Platz. Erneut wummernde Rhythmen aus einem Truck. Ich grüße unser Hotel an der Mall of Berlin. Doch trotz der Erschöpfung nehme ich keinen Impuls wahr, der mich dort einkehren ließe.
Ich darf nur nicht nach links blicken, wenige 100 m weiter läge in dieser Richtung das Ziel.
Doch wir laufen immer noch ein paar Kurven, und erst beim Gendarmenmarkt schwenken wir in die ersehnte Richtung.



Noch ein km.
Unter den Linden.
Wow, Gänsehaut...










Und noch ein Bogen...












Beim Adlon dichte Spaliere von Menschen, Applaus, Anfeuern, Stimmung.
Am liebsten würde ich stehenbleiben und alles aufsaugen. Diese Eindrücke kurz vor dem Ziel, unvergleichlich!








Wir passieren das Brandenburger Tor.
Das sind die Augenblicke, die sicherlich Berlin so einzigartig machen.








Doch das Tor ist nicht das Ziel, noch ein Stück weiter gehts.











Und endlich ist er da, der ersehnte Moment!
Ich darf eine 4:49 verzeichnen (Die angezeigte Zeit beim Ziel ist Brutto, d.h. ab Start der Elite) und bin damit sehr zufrieden.
Angekommen!
Aber dann, wie immer:
Genau so weit reichten die Körner. Kaum ist man da, stakst man herum wie Storch im Salat. Der Zielbereich ist endlos.
Mir ist nach einem Bier, doch der Weg dahin ist mir zu weit. Außer einer Plastikfolie finde ich nicht die angekündigten Ponchos. Auch egal. Ich erhasche einen Verpflegungsbeutel. Der Apfel schmeckt fade, den ersten Bissen spucke ich gleich wieder aus. Mir ist nach nichts daraus. Langsam, mit Sitzpause, arbeite ich mich Richtung Hotel voran, eher schleppend statt steppend.
Doch auch den Favoriten erging es nicht nach Plan.
Am Start sind gleich 3 Mega-Granaten: Eliud Kipchoge (Olympiasieger Rio, Breaking2-Läufer beim Extremversuch in Monza im Frühjahr (2:00:25), Vorjahressieger Kenenisa Bekele und Wilson Kipsang (Sieger 2014 mit Weltrekord) nennt das Programmheft als Aspiranten auf einen neuen Weltrekord. Dessen ist man sich so sicher, dass die Prämie sogar versicherungstechnisch abgesichert wird.
Doch es kommt anders. Bekele und Kipsang steigen unterwegs aus. Kipchoge gewinnt, aber mehr als eine halbe Minute über dem angepeilten Rekord. Die deutsche Hoffnung bei den Männern Philipp Pflieger erleidet wohl einen dramatischen Einbruch und muss kurz vor dem Ziel aufgeben.
Bei den Damen setzt sich die Favoritin Gladys Cherono mit einer 2:20 durch, Anna Hahner glänzt mit einem 5. Rang.
Mein Mann erleidet auch einen argen Einbruch, kommt aber noch gut unter 4 Stunden ins Ziel.
Volker hole ich nicht mehr ein, er ist 6 Minuten früher als ich bei der Medaillenverteilung.

Geschafft erreiche ich, langsam unterkühlt, das Hotel. Die Zunge klebt am Gaumen, ich lechtze nach Erfrischung, steige im 3. Stock aus dem Lift, bewege mich zur Hotelbar, so wie ich bin, und bestelle ein Radler.
Der Barkeeper begibt sich umgehend an die Bearbeitung der Bestellung, wird aber immer wieder von einem Knirps in Beschlag genommen, der ihm unbedingt auf seinem Smartphone seine neuesten Spielzeugerrungenschaften präsentieren will.
Ich könnte gerade zur Kindsmörderin werden...
Doch dann, der kühle Tropfen labt endlich Zunge, Gaumen, Rachen, Körper.
Das KANN man sich nicht vorstellen, wie ein solches Getränk nach der Qual wirkt...

Ja, das wars. Berlin. Was gibt es zu sagen:
Tolle Veranstaltung, bei der man die Massen gut organisiert. Ich empfand es nicht so schlimm, wie manche erzählen. Auch mit den Toiletten gabs keine Probleme.
Das Berliner Publikum ist einfach unbeschreiblich. Solch ein Ambiente trotz trübem, teils regnerischem Wetter, man muss es erleben. Danke dafür!
Das Finishershirt ist leider kein echtes. Ich schätze es ja, wenn man wie in Paris oder beim Jungfraumarathon dieses wirklich erst im Ziel als Finisher erhält, aber hier wurde es sogar an einem Stand des Veranstalters beim Brandenburger Tor feilgeboten, wo es jede Couchpotatoe kaufen kann. Ist dann etwas inflatorisch. Manch einer lief auch schon im Finishershirt, ähm, das ist ja wie Trauringe tragen vor der Hochzeit!
Das Wetter hätte besser sein können. Aber lieber so, als zuviel Wärme, beim Lauf passte es dann doch genau.

Und der übliche Denkreflex -Warum tut man sich DAS an?- ist schon wieder überwunden.
Auf zum nächsten Lauf!

Und bis dahin, an den Eindrücken aus Berlin laben: Rückblick-Video des Veranstalters