Nachdem nun die Grabung in Manheim abgeschlossen ist, kann ich darüber berichten. Also kein Post über's Laufen, aber über anderweitig durchaus anstrengendes Tun.
Vielleicht mal vorweg, warum wird da überhaupt gebuddelt?
Manheim bietet die einzigartige Chance, auf einem Areal, an dem erst kürzlich ein ganzes Dorf mit ca. 1.500 Einwohnern wegen der Braunkohle abgeräumt wurde, umfangreich und ohne Einschränkung archäologisch zu forschen. Also muss man nicht warten, bis bei Bauarbeiten Zufallsfunde ergeben, sondern kann, bei Genehmigung durch RWE und die Bodendenkmalpflege natürlich, nach Herzenslust graben. Dies wollte sich auch die Uni München nicht entgehen lassen und legte eine 8-wöchige Lehrgrabung auf. Es sollten also einerseits Studenten grabungstechnisches Wissen erwerben und natürlich andererseits neue Erkundungen stattfinden, bevor der ganz große Tagebaubagger kommt, der schon in der Nähe lauert.
| Der Bagger ist schon in Sicht |
Was soll gesucht werden?
Es gab schon länger die Vermutung, dass es in Manheim einen Adelssitz gab. Bei den Arbeiten vor 3 Jahren konnten dazu allerdings keine eindeutigen Hinweise gefunden werden.
Zudem wurden in der Umgebung immer wieder römische Hinterlassenschaften gefunden, Gräber, eine Straße, Scherben, die darauf hindeuten, das es auch irgendwo mindesten einen römischen Landsitz, eine villa rustica, gegeben haben muss.
Also ran an die Schaufeln! Ich habe mich für eine Woche gemeldet und suchte mir Anfang September aus. In der Hoffnung, damit der größten Hitze zu entgehen. Die Erfüllung der Hoffnung ist am ersten Tag so groß, dass schon vor Mittag regenfrei gegeben werden muss. Denn bei Regen ist die Arbeit schlichtweg unmöglich. Im Gegenteil, die ausgehobenen Bereiche müssen mit Planen gegen Auswaschungen geschützt werden.
Am zweiten Tag geht es dann für mich richtig los. Wir arbeiten zu sechst an 3 Doppelgrab-ähnlichen Gruben. Das Gelände wurde zuvor von einem größeren Bagger vorsichtig mit der Schaufel abgezogen, wobei dieser gleich an 2 römischen Vasen hängenblieb. Hier diese Stelle, mit Pflastersteinen markiert, damit niemand drüberstolpert. Bei genauem Hinsehen erkennt man Teile der oberen Öffnung:
Was natürlich bedeutet, Umschalten auf "Handbetrieb". Anhand der früheren Grabung legte der Grabungsleiter u.a. diese 3 Gruben fest, die einen alten Wassergraben treffen sollen, wie er oft Herrensitze umfasste. In Spatentiefen, also 30-cm-Schichten müssen wir uns nun mit Hacken und Schaufeln in die Tiefe graben. Diese Schichten haben den Sinn, dass man eventuelle Funde später besser zuordnen und analysieren kann.
Die Gruben wurden anhand GPS-Daten angelegt und müssen senkrechte, eben "geputzte" Wände erhalten. Fachleute erkennen daran sofort den Verlauf des Wassergrabens. Die Funde sind, abgesehen von den beiden Römerurnen, nahe Null. Ich lande einen Glückstreffer mit einer Scherbe, die der anwesende Professor auf 15. Jh. datiert.
Im knochentrockenen Boden ist es eine elende Plackerei. Hacken ist dennoch oft zu ungenau, also bleiben noch Maurerkellen. Nur eine sandige Schicht weiter unten ist leicht feucht und besser zu bearbeiten. Doch darunter lauert Kies, betonhart. Normalerweise ist die Kiesschicht das untere Ende einer Grabung, da darunter keine menschlichen Eingriffe mehr zu erwarten sind. Doch den will der Grabungsleiter schön optisch deutlich herausgearbeitet wissen, uff. Also an Tag 3 hacken, hauen, schuften.
An Tag 4 die Botschaft, dass die Wände in "meiner" Grube nochmals ein paar cm Vorderfläche verlieren müssen, damit es mit den GPS-Daten passt. Na klasse! Wir tricksen mit Wasser, sprühen immer wieder den Wände ein. Damit werden sie etwas weicher, aber auch nur etwas.
Zwischendurch Wind- und Regenpause. Wir sitzen zu siebt 1,5 Stunden im VW-Bus. Interessant, die mich umgebenden ausnahmslos ü-30-jährigen daddeln diese ganze Zeit wortlos an ihren Handys. Ich komme mir leicht komisch vor. Doch dann geht es weiter, die erste Grube wird zur Dokumentation fotografiert. Auch das gehört dazu.
Und dann bricht auch schon Tag 5 an. Weitere Fotografierarbeiten. Und eine Zeichenstunde! Jawoll, Archäologen müssen zeichnen können! Die stellvertretende Grabungsleiterin erklärt uns die Vorgehensweise und lässt uns einen Befund (also eine interessante Stelle im Boden) erfassen. Dazu sollen wir in 2-er-Teams die Umgrenzung dieser Stelle selber festlegen und farbig darstellen:
| Zeichenstunde |
Mir war diese Vorgehensweise neu, lässt sich durchaus auch mal malerisch nutzen!
Anschließend sitzen wir bei stürmischem Wind, und Sonne mittags zusammen. Es kommt ein Gespräch in Gang und wir tauschen uns richtig spannend über Grabungen, die Römer und mögliche Gründe für deren späteren Untergang aus. Schade, denn für mich ist ja nun schon das Ende meiner Grabungswoche erreicht.
Dachte ich.
Zwei Wochen später erreicht mich die Bitte zur erneuten eintägigen Hilfe. In unserer Region gibt es jährlich den "Tag der Archäologie" mit Präsentationen und Besucheraktionen an einer archäologischen Dienststelle. Und als Schmankerl: Kostenlose Busexkursionen zu einer aktuellen Grabung. Die angesteuerte Grabung 2026 ist ... trara ... Manheim.
Das Münchner Team und der Heimatverein hat einiges vorbereitet. Es gibt eine Art Parcours, mit Flatterbändern markiert. Großflächige Erdarbeiten haben die Fläche begehbarer gemacht, erinnert ein wenig an Moto Cross. Auch eine stattliche Anzahl von Informationspostern wurden über das Areal verteilt.
Niemand weiß, wieviele Busse und Menschen kommen werden. Es wird eine ganze Menge! Den ganzen Tag über kommen ca 3-4 Busse pro Stunde. Der Professor, der Grabungsleiter und ein lokaler Wissenschaftler der Bodendenkmalpflege führen sie pausenlos über das Gelände. Die drei werden am Abend reichlich erschöpft sein.
Davor demonstrieren 2 Studentinnen archäologisches Zeichnen. Am Abend werden sie ein und dieselbe Wand 5 mal dargestellt haben... Was man nicht sieht: Die Gruben waren zwischenzeitlich vom Regen durchnässt und haben unten eine extrem schlammige Schicht. Die zieht einer der beiden glatt die Schuhe aus und sie muss auf Socken herauskriechen...😄
Die linke ist römisch, vom Typ "Halterner Kochtopf", etwa um Christi Geburt. Die rechte leicht älter und wohl eher lokalen Bewohnern zuzurechnen.
Die römische Urne offenbart eine spannende Geschichte. Sie enthielt neben Leichenbrand eine Fibel und einen Nagel einer römischen Soldatendsandale. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass es sich wohl um einen ehemaligen römischen Legionär handelte, der im Rheinland nach seiner Dienstzeit das ihm zustehende Grundstück erhielt, um dort als Bauer leben zu können. Zeitlich würde das passen und andere Menschen wurden kaum mit Sandalen und Fibel, also vermutlich in ihrem Ornat, verbrannt. Zudem war die Einäscherung im Frühherbst, denn es fanden sich Möhren- und Holundersamen in der Urne.
| Arbeitsplatz der Bioarchäologin |
Die Mitarbeit war wieder körperlich seeehr fordernd. Nicht nur für mich, auch die jungen Leute rackern sich ab. Trotzdem, damit bin ich mit anderen ehrenamtlichen Helfern einig, macht es großen Spaß. Eine andere Art der Herausforderung, zudem verbunden mit lokaler Heimatgeschichte.
Zwei Schnappschüsse möchte ich noch anfügen.
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