Sonntag, 15. Februar 2015

Für Kooche







Endlich zeigt das Wetter ein wenig, wie Frühling geht. Prima Laufbedingungen heute und so ziehe ich gegen Mittag los. Nachdem gestern weitere Hobbykellerrenovierungsaktivitäten den Tag füllten, werde ich im Nachbardorf wieder in die 5. Jahreszeit eingenordet. Als mir vor einigen Häusern Tische mit "Pittermännchen" (Kleines Kölschfass) und deftigen Häppchen auffallen, meist umringt von munteren Gestalten. Aha, d'r Zoch kütt (Man erwartet den Karnevalsumzug).
Ich bin aber noch zu früh und kann unbehelligt passieren, weiter gehts in ruhigere Gefilde. Denke ich. Als ich wie so oft auf einer für den Verkehr -Ausnahme Linienbusse- gesperrten schmalen Straße  laufe, nähert sich von hinten ein Bus. Normalerweise kein Problem, ich laufe weitmöglichst rechts und langsam rollend ist noch jeder Bus an mir vorbeigekommen. Nicht so dieser. Hupt von Weitem, hupt von Nahem, als ich mich umdrehe, ist das Ungetüm direkt hinter mir, die Räder auf dem weißen Streifen, den ich ja belaufe. Er drängt mich ins unebene Straßenbegleitgrün. Als er vorbei ist, zieht er wieder nach links, wo auch vorher schon genug Platz gewesen wäre. Was diese Nummer wohl sollte? Ich werde es wohl nicht erfahren.

Doch von so etwas möchte ich mir nicht den schönen Tag verderben lassen.
Entlang der Erft ist es verhältnismäßig leer. Warum, sagen mir meine Ohren, zu denen immer wieder kölsche Tön gelangen. Auch hier geht der Karnevalsumzug und wahrscheinlich ist alles dort, was Beine hat bzw. sich im Kinderwagen rollen lässt.

Doch ein wenig Asche muss ich auf mein Haupt tun, denn ganz spurlos geht die jahreszeitbedingte Häufung rheinischer Mundart nicht an mir vorüber.
Ich greife mir ein paar Standardwerke dieser schönen Sprache und werfe sie auf den Plattenteller. Jawoll, sowas habe ich noch!

BAP - "Zwesche Salzjebäck un Bier".
Eine meiner Lieblingsplatten. Noch original. So ein schwarzes rundes Ding mit Loch in der Mitte, kennen heute auch nicht mehr alle. Knistert schon ein wenig, kein Wunder, gute 30 Jahre alt.
Ein schön gestaltetes Booklet ist dabei. Ach, überhaupt, diese guten alten Alben früher, das war noch ein haptisches Erleben, das Herausgleitenlassen der früher weißen, später bedruckten Plattenhülle, das Lesen des Booklets, das Platzieren des Arms auf der Rille, zur Hälfte des Werks etwa: Aufstehen und Platte drehen.
Wenn uns früher jemand gesagt hätte, man könne mal Musik, statt sie im Laden zu kaufen, einfach so "herunterladen", wir hätten vielleicht zurückgefragt, ob denn eine C 60 reicht oder doch eine 90er, Chrom wäre eh' klar gewesen. Und ansonsten hingen wir eben an der Nadel.
Manche Themen der Songs sind heute überholt, SS20, Pershings - da sind wir inzwischen weiter, aber längst nicht besser dran. Und wer kennt heute noch ein "Bahnhofskino" oder die Wertigkeit eines roten Golfs? Allerdings sind viele Stücke keinesfalls überholt, "Kristallnaach" etwa, oder "Wellenreiter", jeder Satz passt.
Ach ja, ein Karnevalslied hat BAP auch: BAP - Nit für Kooche.

Wobei letzteres wortwörtlich nicht für mich ist: Klar gibts nach 17 km die Einkehr beim Bäcker, der in der Sonne vor seiner Backstube sitzt und Zeitung lesend die Sonne genießt. Im Laden läuft "In unserem Veedel". Ach, das mag das rheinische Gemüt...


8 Grad, 17,5 km, 1:54:21, (6:32 Min/km), HF 134 

Donnerstag, 12. Februar 2015

Wieverfasteloovend

Wieverfasteloovend - zu deutsch Weiberfastnacht. Das Rheinland verwandelt sich in ein Jeckenuniversum.  Oft wird in den Büros sowieso nicht ernsthaft gearbeitet. Meine Firma macht daher gleich ganz zu. Und ich freue mich über einen zusätzlichen freien Tag, den ich aber sinnvoll nutzen möchte (Nicht dass Feierei unsinnig wäre, das liegt sicher im Auge des Betrachters, aber ich kriege nur so etwa alle 10 Jahre mal einen Karnevalsanfall).
Die Sonne lacht vom Himmel und so mache ich mich auf, das schöne Wetter zu nutzen.


Gleich 2 Straßen weiter sind schon seit Wochen die Fahnen gehisst. Farbe bekennen, ruut-wiiß grüßen die Domtürme neben der Haustür.











Ich laufe heute einfach die Route weiter, die ich vorgestern begonnen hatte. Mal gucken, wo's hingeht.
Auf eine neue Straße zum Umsiedlungsort Manheim. Und wenn hier neue Straßen in den Acker gepflügt werden, dann aber richtig. Der "Radweg" hat die Dimension einer eigenen Landstraße. Autos sehe ich wenige.



So gelange ich nach Manheim-neu, das seit rd. 3 Jahren aus der Retorte auf der grünen Wiese entsteht, weil der alte Ort abgebaggert wird. Immerhin, eine Imbissbude gibt es schon. Und "Jecke"! Es ist Mittag und von fern sehe ich den "Möhneumzug" (Verkleidete und maskierte Frauen) durchs neue Dorf laufen. Für diese Tradition war der Ort bekannt und anscheinend wird sie auch hier fortgeführt.
Ansonsten stellt es sich als ziemlich bunte Ansammlung aller möglichen Baustile dar. Die Baubehörde war wohl großzügig. Da gibt es brav-biedere Häuser, schicke Villen, puristische Objekte, kleine Reihenhäuschen, Türmchenästhetik.

Bei diesem Ding muss ich stehenbleiben. Es wird kein Bahnhof, trotz der Uhr... Von hinten sieht es halbwegs aus wie ein normales Mehrfamilienhaus, aber mich würde schon interessieren, was den Architekten hier inspiriert hat.
Trafohäuschen?
Fabrikgebäude?
Kirche?


Ich beende meine Runde durch das Neubaugebiet und will weiter. Doch welche Überraschung - hier war wohl das Geld für die Fortführung des Radwegs alle! Gerade fange ich an, mich aufzuregen, als ich linkerhand einen Radfahrer im Feld sehe. Aha, dort verläuft der Fuß- und Radweg nach Kerpen.
Das ist dann doch besser, als entlang der Landstraße.


Ja da laufe ich doch gern und munter weiter. Ich bin gut eine Stunde unterwegs und hatte den vom Wetterbericht angekündigten Südwind von vorn. Ab jetzt habe ich Windschatten im Ort und dann Rückenwind :-) Nochmal ein Blick zurück .
                           Blick nach vorn sieht hier so aus:


Es geht auf einem baumbestandenen Damm nach Kerpen hinein. Mir kommt ein wenig komisch vor, dass man links und rechts hinunter in die Gärten schauen kann. Dieser Damm könnte auch an der See stehen, aber hier?
Dann dämmert mir aber, worauf ich mich bewege. Hier verlief bis in die 1950/60er Jahre eine Bahn, die Strecke Benzelrath-Nörvenich, die aufgegeben wurde.

Ich will dann mal dahin laufen, wo heute was läuft, besonders bei dem schönen Wetter.
Auf zum Stiftsplatz, einem Epizentrum des kalenderdefinierten Frohsinns heute (Das andere ist das Rathaus, das tue ich mir aber nicht an, da dürfte schon das Gruppenvollrauscherlebnis steigen).

Auch wenn man den genauen Weg nicht kennen würde - die Musik weist den Weg. Mittagszeit, alle Mann da.
"Nee, nee, Marie, is dat nit schööön, üvverall nur kölsche Tön" dröhnt es aus den Boxen.

Ja, der kölsche Jeck ist treu, diesem Lied der Bläck Fööss seit 1977. Man darf aber nicht meinen, der Text verherrliche das Rheinland. Es geht vielmehr um eine Beschreibung des kölschen Urlaubsverhaltens. Selbst nach Spanien nimmt der Kölner seine Lieblingswürste mit und erfreut sich an all den Dingen, die ihn an die Heimat erinnern, Erbsensuppe zum Beispiel. Folgerichtig endet der Refrain "Et fehlt nur vum Balkon die Aussicht op dä Dom".

Ich laufe ungebremst weiter. Der Weg zum anderen EpizentrumRathaus ist klar erkennbar durch eine Art Ameisenstraße der Kostümierten. Besonders fällt mir ein voluminöser männlicher Tiger auf, der einen Krapfen in den Rachen schiebend aus einer Bäckerei auf den Gehweg tritt. Querstreifen können ziemlich unvorteilhaft sein, besonders auf Ganzkörperflauschplüsch. Ich überhole 3 Jugendliche, ein Hulk mit Schaumstoffmuskelpaketen und 2 Cowboys. Sie haben nicht den Tiger, dafür aber anderes getankt. Nach einigen Metern laufen sie plötzlich um mich herum und überholen, verstellen mir den Weg an einer Engstelle, lassen blöde Kommentare ab. Ich schätze rasch den Verkehr auf der Straße ab und entscheide mich für den Hakenschlag auf die andere Straßenseite. Da das Koordinationsvermögen der Burschen das wohl nicht mehr zulässt, gröhlen sie mir noch Grüße hinterher.

Es wird Zeit, dass ich hier wegkomme. Doch erst noch eine Stärkung. Ich trinke und lutsche ein Gel. Dabei fällt mein Blick auf einen Scheich, einen Piraten und einen Ritter, die vorm Eingang des Amtsgerichts diskutieren. Ich hoffe, dass das keine Staats- oder Rechtsanwälte sind, die könnten ein wenig an Reputation einbüßen...

Nach dem kleinen Intermezzo bin ich froh, als ich wieder in schönerer Umgebung bin.
Mit Wind im Rücken läuft es sich locker, das Strahlen der Sonne wirkt wie ein Turbo und ich meine, erste leichte zarte Frühlingsduftwölkchen in der Nase zu haben.

Sooo darf Petrus weitermachen! :-)




Doch zu früh gefreut. Nicht ein Männlein steht im Walde, sondern ein Karton. Ich verstehe das nicht! Altglascontainer gibt es doch überall! Ich frage mich, wie man mit solchen "Flaschen" wohl am besten verfahren sollte...

Auch in meinem Ortsteil bestimmen Kostüme das Straßenbild. Anscheinend gabs gerade rot-weiß geringelte Langstrümpfe im Angebot. Bei ein paar jungen Mädchen frage ich mich angesichts der knappen Bekleidung, ob die hier gewerblich unterwegs sind...?
Aber egal, ich suche ein anderes Gewerbe auf, den Bäcker. Dort empfängt mich Duft&Sound. Duft nach frischen Krapfen und dazu gibt es "Mir sin Kölsche vun Kölle am Rhing" auf die Ohren.
Ach ich gebe ja zu, e bitzje jehört et jo och dr'zo.

5 Grad, 16 km, 1:39:54, (6:13 Min/km), HF 19

Dienstag, 10. Februar 2015

Im Plusbereich

Ein Plus von mehr als 150% - leider nicht bei meinem Tempo, aber doch bei der Lufttemperatur. 5,5 Grad, die kann man schon fast als Andeutung des Frühlings empfinden, zumal ein Vogel (Amsel?) hartnäckig seine Rufe erklingen lässt, als ich meine Homeoffice-Mittagspause zu einer Laufrunde nutze. Trocken bleibt es auch, was will man mehr?
Ich habe keine Lust auf matschige Feldwege, da bleibt nur der Asphalt neben der Straße.

So laufe ich dann heute mal durchs Gewerbegebiet und dann hinten links. Vorbei an der neuen Autobahnzu- und Abfahrt, die noch vor wenigen Monaten MEINE war ;-) Nun tost hier der Verkehr.

Weiter gehts neben der erneuerten Kreisstraße. Dies könnte eine neue Streckenvariante für die demnächst anstehenden Langstrecken werden. Die Straße ist nur mäßig befahren und mal ein neues Terrain wäre eine Abwechslung. Ein mir auch noch unbekanntes Waldstück lockt zusätzlich. Und mir springt der Wegweiser einer Radwanderstrecke ins Auge, die ich noch nicht kenne und die auch einen Test wert wäre. Zwar kann ich mir den Verlauf so gar nicht zusammenreimen, aber das erhöht ja gerade die Spannung. Ich überlege, wie ich den freien Donnerstag nutzen kann und habe da auch schon Ideen. Dann regieren im Rheinland bekanntlich die Weiber. Was dazu führt, dass manche lokale Arbeitgeber schlichtweg zur Vermeidung größerer Kollateralschäden dem Personal frei geben. Ich finde das höchst vernünftig ;-)
Die Pause reicht für eine knappe Stunde, ich laufe nach Gefühl und wie mir ist. Am Ende kommt es mir irgendwie kürzer vor.
Daheim blinzelt mich einer unserer Mitbewohner schläfrig an.
Lang laufen?
Weit laufen?
Flott laufen? Warum? Futter bekommt man doch hier serviert.










5,5 Grad, 9 km, 56:25, (6:16 Min/km), HF 140.

Samstag, 7. Februar 2015

Endzeitstimmung


-5 Grad in der Nacht - das ist für unsere Region durchaus stramm. So ist der Morgen eisig. Eigentlich wollte ich gestern laufen, doch das fiel einer plötzlichen Reibekuchenessverabredung mit meinen Staffelkolleginnen zum Opfer. Nun ja, es gäbe schlimmeres, das einen ungeplant heimsucht ;-)

Also dann, heute geht es auf lange Tour. Die Sonne und der blaue Himmel laden jedenfalls ein.




Ich nehme mir vor, das sterbende Dorf zu besuchen, das demnächst komplett verschwinden wird, damit weiter Kohle abgebaggert und damit Strom erzeugt werden kann (siehe hier oder Label "Rheinisches Braunkohlerevier").
Auf dem Bild hinten rechts liegt es, doch der Feldweg ist eine Sackgasse.





Also weiter auf dem asphaltierten Wirtschaftsweg, unter den hier überall herumstehenden Landmarken allmächtiger Energienetze.

Nach gut 45 Minuten habe ich nun auch endlich das Gefühl, warm gelaufen zu sein. Erfreulicherweise gibt es nur wenig Wind und eine erste leichte wärmende Wirkung der Sonne auf der schwarzen Longtight ist zu spüren.
Dennoch werden mit der Länge des Laufs später die Knie etwas kältesteif werden.



Nach knapp 50 Minuten bin ich in Manheim. Die Veränderung seit meinem letzten Besuch dort im September ist deutlich spürbar. Inzwischen verlassene Häuser bestimmen das Bild. Es ist Samstagmittag, bei mehr als 3/4 der Gebäude sind alle Rolläden dicht und die Briefkästen zugeklebt, ein gut sichtbares Zeichen, dass sie leer stehen.






Hier wohnt erkennbar schon länger niemand mehr...

Überall herrscht fast Grabesstille.
Mancherorts werden Baucontainer mit Gerümpel gefüllt. Keine Kinder auf der Straße, keine Menschen. Keine Spuren eines sonst üblichen Samstags in einem früher munteren Dorf.





Auch hier keiner mehr da.
Besonders die holzvernagelten Türen erzeugen Endzeitstimmung.















Türschmuck vergessen?






















Die strahlende Sonne überstrahlt heute die Tristesse, doch dieses Dorf bei Regen oder grauem Herbstwetter zu erleben dürfte nichts für depressive Menschen sein.

Das neue Dorf, in das alle gemeinsam umziehen, ist entsprechend weit gediehen, aber es ist eben ein Retortendorf auf dem Acker.

Eine Schlagzeile der Regionalpresse der letzten Zeit war, dass rd. 100 Katzen im alten Ort zurückgelassen wurden und nun herrenlos dort leben. Ich kann nur hoffen, dass das nicht so ist... Jedenfalls sehe ich während meiner Runde durchs Dorf keine einzige.

Am Ende meines Laufs besuche ich noch meinen Lieblingsbäcker und balanciere die letzten paar 100m ein Kuchenstück heimwärts, das habe ich mir nun verdient.
Während ich mich auf dem Sofa ausruhe zieht sich der Himmel zu. Alles bestens gelaufen.

Dienstag:
2 Grad, 7,3 km, 43:49, (6:22 Min/km), HF 139

Heute:
1 Grad, 18,9 km, 2:06:02, (6:39 Min/km), HF 136

Sonntag, 1. Februar 2015

4 Bücher und ein Ultrawanderungsfall


Unser Kater weiß es besser, als er rausschaut und sich dann lieber abwendet.
Nachdem es am Morgen kräftig geschneit hatte, der Schnee dann wieder wegtaute und es trocken war, hat draußen nun leichter Nieselregen begonnen, während ich mich startklar mache. Gerade rechtzeitig, dass ich noch umschalte auf Regenjacke und Basecap, deren Schutzschirm vorm Gesicht ich bei Regen bevorzuge.
Nach dem Phlegma der letzten Woche habe ich mir einen längeren Lauf vorgenommen, und der wird nun durchgezogen! Alsbald wird aus dem Nieselregen richtiger Regen. Aus dem Regen wird Schneeregen und dann Schneefall. Den Fotoapparat hatte ich wohlweislich lieber daheim gelassen, ein weiser Entschluss, denn ich werde kräftig nass.

Doch heute ziehe ich mein Vorhaben durch. Insbesondere in Anbetracht der Gedanken an viiiel extremere Menschen, die mir durch den Kopf gehen. Mir fiel kürzlich auf, dass ich 4 Bücher bemerkenswerter Leistungen in meinem Regal habe, zudem einen Vortrag eines weiteren Extremerlebnisses besuchte. Seltsam die Häufung - muss ich mir Gedanken machen?

Also ein kurzer Abriss, in chronologischer Reihenfolge des Lesens/Erlebens:


Hape Kerkeling "Ich bin dann mal weg".
Über eine Wanderung auf dem Jakobsweg. Da muss ich glaube ich nicht viel sagen, wunderbar kurzweiliges Buch. Macht schmunzeln und lachen, nachdenklich und Lust darauf, den Weg auch einmal zu gehen. Nachdem ich 1995 (ach herrje, schon 20 Jahre her!) den E5 von Bregenz nach Bozen ging, musste ich natürlich dieses Buch lesen.






Vor 3 oder 4 Jahren sprang mir ein Vortragshinweis in der Schweiz ins Auge, wir waren gerade dort und der Vortrag ganz in der Nähe. Peter Egger, ein junger Dachdecker aus dem Emmental fand, dass er über einige Dinge nachdenken wollte und so ging er los. Zu Fuß einmal um den Globus, 511 Tage und 18.000 km. Sein Vortrag, mit vielen Bildern und vor allem mit seiner "Ausrüstung" (das letzte durchgelaufene Paar Schuhe, eine verbeulte und zerkratzte Kamera und weitere seiner Utensilien) als Anschauungsobjekte ist mir heute noch im Gedächtnis. Er erzählte sehr beeindruckend von seinen Erlebnissen, Begegnungen mit Menschen, guten und beängstigenden Momenten. M.W. gibt es kein Buch, leider, wohl aber im Netz einiges zu seinem Abenteuer:
hier und Youtube und Interview (Berndeutsch) und TV-Interview (Berndeutsch) oder googeln.


Im letzten Jahr fiel mir dieses Buch in einem Antiquariat in die Hände. Ich nahm es mit wegen der schönen Bleistiftskizzen einer "Wanderung". Arnold Kübler ging zu Fuß von Paris nach Basel. Allerdings: Das Buch erschien 1967! Lässt man sich auf den Schreibstil ein, der eben gute 50 Jahre alt ist, und noch spielerisch die volle Palette der deutschen Grammatik ausschöpft, wird man mit einem wunderbaren Lese-Erlebnis und noch dazu einer Zeitreise belohnt. Denn letzteres ist es, kein Smartphone unterstützt den Wanderer mit Navi-Apps, GPS hätte er vielleicht übersetzt mit "Ganz Paris staunt", keine Kreditkartenzahlung in Gasthäusern, keine Bankomaten, keine Hightec-Wanderschuhe.
Die größte Überraschung des Buches liegt nicht offenkundig auf der Hand, man muss genau lesen: Der Autor war Mitte 70, als er diese Wanderung unternahm! Das Buch gibt es in Internetantiquariaten.

Und auch im letzten Jahr stolperte ich über Andreas Altmann, der ebenfalls in Paris startete, aber bis Berlin marschierte. Zwar legte auch er seine Route auf Schusters Rappen zurück, doch erschwerte er sich sein Vorhaben, indem er ganz ohne Geld unterwegs war. Betteln, übernachten mit Obdachlosen sind prägende Dinge während seiner Wanderzeit.
Die Stärke des Buches ist die Schilderung vieler Begegnungen, Bestätigung und Widerlegung von französischen und deutschen Eigenschaften und Vorurteilen, die vielen Kontraste, die sich aus seiner speziellen Herausforderung ergeben.




Und so freute ich mich auf eine weiteres wunderbares Leseerlebnis mit Joey Kelly in den Weihnachtsferien.
Hüstel, sicher ist es eine Leistung, Deutschland von Nord nach Süd zu durchqueren, aber da hätte ich mir viel mehr versprochen. Das Buch müsste eigentlich einen Doppeltitel haben: "Die Hysterie des Körpers und der Kelly-Fans", denn die Hälfte ist die Schilderung der Karriere der Kelly-Family. Nicht dass das uninteressant wäre, aber dann kann man diesem Thema ja ein eigenes Buch widmen. Doch seine Deutschland-Durchwanderung kommt mir da leider etwas zu kurz.




Ja und mit solchen Heroen als Vorbild, da kämpft man sich doch locker durch jedes Wetter!

Um mich herum ist es zur Hälfte meines Laufs grau und weiß geworden, dicke Flocken fallen und verirren sich immer wieder in den Mund. Die Knie frieren, werden steif und wollen sorgsam gesteuert sein. Dennoch macht es mir Spaß, ich werde sogar immer -ungewollt- schneller.
Die Handschuhe sind vollgesogen mit Wasser, der Schirm meiner Kappe häuft eine kleine Schneewehe an, Jacke  und Laufrock haben vorn ebenfalls eine Schicht aus Schneekristallen, die Beine sind nass bis auf die Haut, während die Schuhe erstaunlich gut die Nässe abhielten.

Daheim bitte ich meinen Mann um ein Foto, doch bis dahin ist das meiste Weiß an mir schon weggetaut und verflüssigt.
Herrliches Gefühl unter der Dusche, wenn das warme Wasser wie tausend Nadelstiche die Beine wieder erwärmt! :-)

2 Grad, Schnee und Regen, 15,3 km, 1:37:24, (6:22), HF 139