Sonntag, 19. Mai 2019

Memory und Kuhgalopp

Der doch etwas stärkere Muskelkater des Grand Prix von Bern ist erledigt und wir können den nächsten Projekten entgegenblicken.
Doch zunächst galt es für dieses Wochenende schon wieder die weite Anfahrt in den Kanton Bern zu absolvieren, für ein, so empfinde ich das jedenfalls, dreidimensionales Memory der besonderen Art.
Alle drei Jahre findet ein Familientreffen statt. Der Personenkreis, der sich trifft, fußt auf den Urgroßeltern meines Mannes, die 7 Abkömmlinge hatten, die sich ihrerseits um den Aufbau der Bevölkerungspyramide der Schweiz verdient machten. So treffen sich diesmal über 60 Menschen aus 4 Generationen, und dies sind noch lange nicht alle, die noch leben. Jeder muss Namen und Gesichter für sich denksportlich sortieren: Welche Frau gehört zu welchem Mann, welche Kinder zu welchen Eltern? Es gibt Zwillinge darunter, die sich gemeinerweise gar nicht ähnlich sehen. Ein Zweig der Familie führt sogar nach Dresden, und so freue ich mich über Landsleute. Sicherheitshalber führe ich mir während der Fahrt zum Treffpunkt nochmals den mit Bildern versehenen Stammbaum zu Gemüte, um mich nicht allzusehr zu blamieren. Es bietet sich sogar kurz die Chance zu sportlicher Fachsimpeln, denn es sind 2 Ironman-Hawaii-Finisher dabei 😃. Dagegen sind die Berner 10 Meilen ja gerade mal lockeres Aufwärmtraining...
Am Ende lässt sich mein Mann überreden, nicht nur die 10 km des Thuner Stadtlaufs Ende August zu laufen, sondern am Vortag auch noch den Schlossbergsprint. Ein sehr kurzer Lauf, der aber über 252 Stufen vom Marktplatz bis hinauf in den Turm des Thuner Schlosses führt, bis ins Ziel im Rittersaal.

Meine Ambition ist das nicht. Ich gönne mir eine lockere Runde über 15,5 km im welligen Hügelland um unsere Wohnung. Nach dem Start erwischt mich zwar ein Schauer, der ist aber nur kurz und der leichte Wind trocknet die Kleidung rasch wieder.
Es geht vorbei an frischem Grün und vielen behornten und unbehornten Kühen. Auf einer Weide stehen Mutterkühe mit ihren Kälbern und der vermutliche, imposant anzusehende, doch leider fotounwillige  Erzeugerbulle ist auch mit von der Partie. Ein ungewohnter Anblick.
Dazu erklingen immer wieder Kuhglocken, ach wie ich diese Laufkulisse liebe!
Da nimmt man auch gern den Duft frisch ausgebrachter Gülle in Kauf...
Nur an einer anderen Weide wird mir kurz mulmig. Als eine Kuh mich erst mit großen Augen mustert, dann ihren Kopf mit stattlichen Hörnern senkt und einen erstaunlich flotten Galopp genau in meine Richtung hinlegt. Soweit ich das einschätze, wird der kleine Elektrozaun diese Wucht von ein paar 100 kg im Zweifel nicht stoppen können. Während ich noch zwischen Fluchtreflex und Stehenbleiben kämpfe, überlegt sie es sich anders. Ein Glück, dass Kühe Vegetarierinnen sind!

Wieder daheim, kann ich noch die tägliche Prozession der Herde "unseres" Bauernhofes ansehen. Sehr gemütlich, ohne jede Eile trotten die Milchlieferantinnen in Richtung Stall. Ist ja auch schließlich Sonntag und eine Kuh ist kein Rennpferd.

Sonntag, 12. Mai 2019

Grand Prix Bern (10 Meilen) 2019

Wie jedes Jahr im Mai erliegen wir dem Lockruf des GP Bern. Und sind dabei in großer Gesellschaft: rund 32.000 andere Läufer*innen stehen am Start, etwa die Hälfte für die Hauptdistanz (10 Meilen, 16,093 km), die anderen für Unterdistanzen. Meine 9. Teilnahme hier. Jedoch, die Sonderklasse der "Golden Runners", werde ich leider nicht mehr erreichen können. Das sind diejenigen, die bisher an allen GPs teilgenommen haben, das sind 37!




Das Wetter ist nicht gerade motivierend, mittags sinkt die Lauflust ein wenig. Wohl ist die gemeldete Temperatur von 13° läuferhold.


Schlussendlich aber haben wir Glück und können regenfrei laufen. Nur der Wind mit Böen bis 75 km/h ist nervig und teils etwas kraftraubend.
Zunächst verziehe ich mich bis kurz vor dem Start ins riesengroße Umkleidezelt der Damen und vertreibe mir, während der Wind die Zeltplane mächtig hin und her schlagen lässt, die Zeit mit Beobachtungen. Und frieren. Ich bin sicher, diesmal habe ich mich zu leicht gekleidet. Aber wie so oft, später werde ich die leichter Gekleideten beneiden.

Das Startprozedere aus 2018 hatte sich nicht bewährt. Die ca. 15.000 Starter*innen werden wieder wie in den Vorvorjahren auf eine Vielzahl von Blocks aufgeteilt (A-Q) und im 4-Minuten-Abstand auf die Strecke geschickt. Und wie immer, alles geht reibungslos, ohne Absperrungen, Flatterbänder o.ä. Wir sind schließlich hier im Land der berühmten Uhrwerke...



Ich finde mich zunächst hinter den 1:30er-Pacemakern wieder. Um ihren Job beneide ich sie nicht, mit ihren Fahnen bei den Windböen heute. Aber schon bald werden meine Gedanken vom ersten Streckenhighlight bestimmt, dem immer wieder wunderbaren Blick auf die Berner Altstadt:



Und gleich in der Nydeggasse kommt uns der Führende entgegen, Geoffrey Kamworor. Leider erwische ich ihn nicht perfekt und nur seinen Kopf. Aber bei deeeem Tempo. Er läuft bewundernswert locker und leicht. Der Aufregung des Streckensprechers ist zu entnehmen, dass er auf dem Weg zu einem neuen Streckenrekord ist.
Vorweg, er wird ihn deutlich mit 44:56 Min um mehr als eine Minute verbessern! Dies ist zu würdigen bei insgesamt 204 zu bewältigenden Höhenmetern.


Und schon taucht man ein in ein Meer von Begeisterung, Applaus, Anfeuern, Musik. Trotz des nicht publikumsfreundlichen Wetters herrscht wie immer eine unvergleichliche Stimmung. Da läuft es sich leicht hinauf zur Zytglogge...




...und schon wieder abwärts ins Mattenquartier, mit herrlich schräger Guggenmusik. Das erste Viertel verging wie im Fluge. Bei mir läuft es gut und wieder bin ich froh, die Strecke zu kennen, mir die Kräfte einteilen zu können. Die 1:30-Pacemaker habe ich inzwischen hinter mir gelassen. Grüble aber, ob das klug war und ob ich mich nicht besser hätte hinter ihnen halten sollen. Meine bisherige PB lag bei 1:31...
Nach dem profilierten Begin geht es nun 3,5 km topfeben weiter.


Ein Stääärn, der Deinen Namen trägt...


Während ich hier bei etwa km 5,5 die Aare quere, sind ganz hinten auf der Brücke schon die schnelleren Läufer auf ihrem km 10,5 unterwegs.






















An Ende des Dalmaziquais wartet ein weiterer langgezogener Aufstieg über die Jubiläumsstraße und dann in die Waldpassage des Dählhölzli. Uns kommt ein Teil des Läuferfeldes entgegen. Ich versuche eine Blick zu erhaschen, auf Chris oder seinen Neffen Andi, die vor mir starteten, aber diesmal habe ich kein Glück.



Im Wald kommt es zu einem erinnerungsträchtigen Erlebnis. Plötzlich höhre ich knackige Tönne:
Bumm, bumm, klatsch,
bumm, bumm, klatsch...
Und dann intoniert Freddie Mercury:


"Buddy, you're a boy, make a big noise
Playing in the street, gonna be a big man someday

You got mud on your face, you big disgrace

Kicking your can all over the place, singin' ... "

Klasse, "We will rock you" kann ich gerade gut gebrauchen!
Doch was ist das, irgendwie komisch...
Die Musik wird lauter, und nähert sich VON HINTEN!
Und dann die Erklärung:



Da wuchtet ein Typ seine wummernden Bässe auf dem Rücken über die gesamte Distanz und in welchem Affenzahn! Nur kurz sehe ich ihn, dann ist er schon wieder entschwunden und mit ihm die Musik, ich muss allein im Geiste weiter singen. Sein Anzug dürfte ziemlich mit seiner echten Muskulatur übereinstimmen, so wie er unterwegs ist.
Und schon haben wir die Hälfte der Strecke erledigt, es geht wieder ein wenig abwärts.
Überall Publikum, Anfeuerung, Applaus. Immer wieder höre ich "Elkeee!" oder eher: "Elkcheee!" Oder auch "Chumm, Elkcheee!" Bern ist einfach das Maß aller Dinge, was die Stimmung angeht. Das steht fest.


Ich bin auf km 9,5. Auf dem kurzen Begegnungsstück kommen mir immer noch Läufermassen entgegen. Ich sehe die Blocks L, M, Q, die auf ihrem km 7 sind.


Auf einer weiteren langgezogenen Steigung überholen mich die Pacemaker wieder. Nun ja, das ist gerade nicht die Stelle, ihnen nachzueilen, einen Anstieg hinauf.
Es folgt bei km 12,8 der Bundesplatz. Sonst lag hier immer eine blaue Matte, heute leider nicht. Dafür sprudeln munter die Wassersäulen aus dem Asphalt. Kunst. Wie Andi uns später erläutert, ist es für jeden Kanton eine Düse. Die für den Jura sei aber durch ihre Randlage etwas hinterhältig und würde manchen benetzen. Kommt der politischen Realität durchaus nahe...



Nun ist es nicht mehr weit. Nochmal kurz das Münster gegrüßt, und dann die lange Passage abwärts, auf der wir eingangs die Spitze sahen. Nochmals ein Bad in der Zuschauermenge...




Unten dann beim Bärengraben (km 14,5 bis 15) volle Konzentration auf den Aargauerstalden, den "Heartbreak Hill" der Berner. Ich beginne laufend. Als ich merke, dass doch Gehen heute schneller wäre, schalte ich sicherheitshalber um. Wohl könnte der Kopf die Beine hochjagen, aber ich will meine Energie sparen und für den Schlussspurt aufheben. Auch die seltsam verdrehte Liegeposition eines bewusstlosen Läufers am Streckenrand, zu dem gerade Ersthelfer herbeieilen, trägt dazu bei.


Und wahrlich ist es so. Das kurze Gehstück hilft, nochmals die Kräfte zu sammeln. Die, die laufen, sind nur unwesentlich schneller. Aber als wir dann endlich auf den letzten km einbiegen, kann ich hingegen aufdrehen und viele, viele locker überholen.
Schon hört man den Zielbereich, bevor man ihn sieht.
Die Anfeuerungen werden lauter, ohrenbetäubend.
Eine letzte Kurve, der rote Teppich!
Herrlich, geschafft!
1:31:51, die PB von 2018 um 14 Sekunden verpasst. Doch das macht gar nichts, im Gegenteil, es erfreut, wie nah ich wieder dran war 😅



Im Ziel sind noch einige Medaillen übrig. In meiner AK bin ich im vorderen Mittelfeld. Die beiden Jungs sind natürlich schneller und haben damit auch allen Grund, stolz zu sein. Andi fragt uns, welches der schönste jemals bestrittene Lauf gewesen sei. Wir können es nicht beantworten. Ich könnte wohl eher noch die weniger schönen eingrenzen, trotz allem sind dies nicht viele. Aber wenn man wie ich nun neunmal in Bern dabei war, ist das eigentlich auch schon eine Aussage. Und nächstes Jahr das zehnte Mal dann. 😁
(Persönlicher Merkposten: Vielleicht doch mal bei den Pacemakern bleiben...?)



Ein schönes Veranstaltervideo des Tages ist auch schon online:


Ich darf mich noch über eine weitere sportliche Platzierung freuen.
In Chris' Verein wurde ein kleiner Wettkampf im Rennsimulator ausgetragen. Eine ganz neue Erfahrung, auf einem hydraulischen Fahrersitz, von 3 Bildschirmen umgeben eine Rennstrecke zu bewältigen.
Sieht (für mich) einfacher aus, als es ist, diese ungewohnte Fahrsituation zu händeln. Und da ich schließlich auch nicht auf der Straße die nötigen Erfahrungen sammeln kann, weder über Kantsteine brettere, noch driftend Kurven nehme, sind mir die führerscheinlosen, aber Playstation-erprobten Kids haushoch überlegen. Ebenso wie die anderen, die alle schon echte Rennerfahrungen auf diversen Pisten haben. Ich baue mehrere "Unfälle", komme immer wieder von der Strecke ab und kann mit einer "Oma-Runde" immerhin eine gezeitete Runde in die Wertung einbringen. Auch wenn die mit Abstand die langsamste ist, und noch an zwei weiteren Tagen weitere Teilnehmer ihre virtuellen Rennrunden absolvieren werden, darf ich schon dem Damenpodest entgegenblicken. Es gab nur eine weitere weibliche Teilnehmerin, aber die ertrug die realitätsnahe Schüttelei nicht und gab auf.
Welch ein Wochenende!





Sonntag, 5. Mai 2019

Das Dutzend voll

Erlegen war ich dem nach-marathönlichen Phlegma. Es gibt ein Leben abseits der Laufstrecke, und das ist auch recht angenehm.
Zwar rührte sich schon an Tag 2 nach Weimar ein Reflex des Ich-müsste-doch-eine-Runde-raus, doch den konnte ich erfolgreich niederringen. Das Sch...wetter tat sein übriges dazu und meine Laufuhr vermeldete zusätzlich Erholungsbedarf.
Erstaunlich, wozu man dann so Zeit findet. Steuererklärung zum Beispiel. 😏

Aber heute lasse ich mich nicht mehr einbremsen.
Während sich die Qualmwolken der Kraftwerksschlote dezent grau in grau hüllen, freue ich mich über den ziemlich frischen Wind um meine Nase.




Genau über mir hält sich trotzig ein Regenwolkendeckel und führt so meine Regenjacke ihrer Zweckbestimmung zu.










Aber der Deckel ist bald weggepustet und dann erscheint hier und da sogar Himmelsblau. Ganz hinten am Horizont erstrahlt die helle Flanke der Sophienhöhe während im Nachbarort der Maibaum den Dorfplatz ziert.




Nach einer gemütlichen knappen Stunde und 9 km bin ich zurück, wundere mich, wie schnell doch eine Stunde herum sein kann.










Immer noch bin ich gedanklich sehr in Weimar unterwegs. Der Lauf war mein 12. Marathon, das Dutzend ist voll. 😀
Wenn mir das einer vor 10 Jahren gesagt hätte, ich hätte 1000 EUR dagegen gehalten - und verloren, damals lief ich maximal 5 km und dachte, alles darüber sei völlig abwegig. Verrückte Welt!
Klar hätte der Lauf in Weimar noch schöner sein können, vor allem die 2. Hälfte war ja leider wieder von Magendrücken geprägt...

Nicht das erste Mal.
In Amsterdam erwischte mich das noch völlig unvorbereitet und machte mir mental sehr zu schaffen.
In Prag war das auch zweimal leider "mein Thema", dort aber konnte ich umswitchen und gelangte gehend und erhobenen Hauptes auch ans Ziel.
In Salzburg nahm ich aus gleichem Grund die Option wahr, unterwegs von Voll- auf Halbdistanz zu wechseln und finishte somit immerhin einen gelaufenen Halbmarathon.

Andererseits:
In Wien hatte ich trotz fast geleerter Eisenspeicher ein tolles Erlebnis.
In Düsseldorf gut gelaufen, in München meine pB, letztes Jahr in Monschau mit mehr Höhenmeter als Weimar einen richtig guten Lauf, gefolgt von Berlin . Na und erst mein allererster Marathon, Paris...
Ach und der Syltlauf vor einigen Wochen darf auch nicht vergessen werden!

Was sind so die Fakten:
Erst beim 4. Marathon (Amsterdam) machte sich der Magen erstmals überhaupt bemerkbar. Seither mal mehr, mal weniger.
Im Training kommt es nie vor.
Vor einem Lauf ist Frühstück meist kaum möglich, der Magen macht immer zu.
Kaltes Wasser macht sich sofort unmittelbar negativ bemerkbar.
Süßes (Gel, Isodrinks, u.ä.) und feste Nahrung (Banane, Riegel) gehen während eines Wettkampfs gar nicht.
Direkt nach einem "Magenmarathon" ist alles wieder im Lot und ich kann gleich anschließend essen und trinken.

Mir scheint es überwiegend ein Kopfproblem. Je nach Tagesform reißt der Kopf den Magen eben rein und dann legt letzterer begeistert los. Umgekehrt, wenn es mir gelingt, halbwegs die Spannung zu reduzieren, ist der Lauf "nur normal" anstrengend. Mein Paradebeispiel dazu ist Monschau, wo ich eigentlich nur ein Verlegenheitstraining in der kühleren Eifel für Berlin laufen wollte, und dann völlig entspannt und ohne eigene Verpflegung einen richtig schönen Lauf hatte.

Na und hätte ich dem Magen nachgegeben und ließe die Marathonlauferei sein - da hätte ich aber auf viele schöne Erlebnisse verzichten müssen!
Das würde ich nun definitiv gar nicht wollen.
Also weiter gehts. Ich habe da noch ein paar Ideen, was magentechnisch auszuprobieren ist...

Montag, 29. April 2019

100 jahr bauhaus marathon Weimar

Der 100 jahre bauhaus marathon (Veranstalterrechtschreibung) in Weimar, eine Premiere, die anscheinend aber keine weiteren Wiederholungen nach sich ziehen soll. So jedenfalls am Streckenrand zu hören, denn das Bauhaus wird ja nur einmal 100. Schade wäre es um eine schöne Veranstaltung, und so sind wir froh, dabei gewesen zu sein!




Nachdem wir Freitag und Samstag die wunderschöne Stadt erkundeten, nahm uns ihr Flair gefangen. Wie musste es erst sein, hier laufen zu können? Der Wetterbericht verhieß leider nichts gutes in Form von viel Flüssigkeit von oben. Doch als wir uns am Sonntagmorgen vor dem gerade frisch eröffneten neuen Bauhausmuseum einfinden, ist es trocken, bei 8°, und es wird trocken bleiben!


Schnell finden wir unseren Platz im Feld der knapp 2500 Marathonis, Halbmarathonis und Staffeln. Startblocks gibt es nicht, auch keine Zugläufer! Denn hier gibt es eine Besonderheit: Der Lauf soll Sport und Kultur verbinden und so wird es unterwegs 9 Kulturauszeiten geben: Man kann die Strecke für die Besichtigung bauhausrelevanter Gebäude verlassen und die Zeit wird dafür angehalten!


Den Startschuss gibt Uta Pippig, die uns mit begeisterten Worten auf die profilierte Strecke schickt und selber den Halbmarathon bestreiten wird.
Und schon beginnt eine gelaufene Stadtbesichtigung überwiegend über Kopfsteinpflasterstraßen. Durch das trübe Wetter sind wohl nicht so viele Zuschauer wie erhofft am Streckenrand, aber die, die da sind, zeigen ihre Begeisterung!





Ein einsamer Trompeter entbietet "Carmen"



Goethes Wohnhaus am Frauenplan
Schon nach 3 km verlassen wir Weimar und aus dem Stadt- wird ein Landschaftslauf. Bis km 10 wird es nun nur aufwärts gehen. Vor dieser Steigung hatte ich ein wenig Sorge, doch da sich die Höhenmeter auf einige km verteilen, ist es ok.



In Niedergrunstedt ist es zu so früher Stunde ruhig. 2 Herren prosten uns mit Bierflaschen zu, schlagfertig ruft ihnen ein Läufer zu "Nich saufen, looofen!" Einzelne Familien stehen dann doch am Straßenrand, und dann folgt die erste Auszeit bei km 6, die örtliche Kirche.
Die Veranstalter vermelden schon am Abend, dass ca. 1/5 der Läufer mehr als 3 Auszeiten genutzt haben, 51 gar alle. Mir wird später nur eine fehlen, dann wären es 52.
An jeder Auszeit wird etwas geboten. Hier ist es Rockmusik und Malerei, SELBSTGEMACHTE Malerei! Die technische Organisation ist überall ausgezeichnet, die Matten zum Zeitstopp gut erkennbar. Das ganze verbunden mit Getränkeposten. Wer auszeitet, verlässt zügig die Strecke, so dass für die Durchlaufenden Platz ist. Perfekt.






Weiter geht es durch die blühende thüringische Landschaft. Schade, dass es kein Geruchsinternet gibt! Noch steigt es sanft weiter aufwärts.



Die nächste Auszeit bei km 8, die "Feininger"-Kirche Gelmeroda. So betitelt, seit sie Lyonel Feininger sehr oft und markant malte. Das Programm kündigte einen "Marathongottestdienst" an. Davon ist nichts zu sehen. Wohl aber ist der Pfarrer (jedenfalls halte ich den Herrn dafür) da, begrüßt uns, erklärt seine Kirche, und hat im CD-Player dezente Tangomusik eingelegt. Eine Wand zeigt Grafiken der Kirche. Draußen gibt es Bratwurst und Jazzmusik. Musik, wie sie gut nach Mitternacht zu einer verräucherten Kneipe passen würde...






Und weiter durch die offene Landschaft. Es läuft gut bei mir, die Sorgen, die morgendliche Anspannung sind verflogen. Endlich ist der große Tag da, wir laufen!




Nächste Auszeit: Kirche Possendorf. Es soll eine Dada-Performance geben, von der ich aber weit und breit nichts sehe. Oder war das das Bild, das ein Läufer gibt, der mal eben auf einer hinteren Kirchenbank seine Kleidung wechselt...? Inzwischen sind wir Läufer eingespielt, was diese Auszeiten angeht.





Bei km 11 haben wir den vorerst höchsten Punkt erreicht, ab nun rollt es alles wieder abwärts. Garniert mit schönen Ausblicken in die Weite des Landes.


Nächste Auszeit, km 14, Kirche Vollersroda. Ich darf kurz einem wunderschönen Orgelkonzert lauschen.




Weiter gehts durch das Dorf. Ich liebe es wie immer, links und rechts zu schauen und die Eindrücke aufzunehmen. Die gepflegten Gärten, die alten Höfe, die mehr oder weniger geglückten Renovierungen. es läuft nach wie vor gut, und da nun abwärts, sowieso.



Es schließt sich Park und Schloss Belvedere an. Dies werden wir im Rahmen der Volldistanz später nochmals durchlaufen. Leider keine Auszeit, ist ja lange vor dem Bauhaus entstanden.






Inzwischen sind wir wieder in Weimar. Nächste Auszeit, ca. km 18. Haus Hohe Pappeln, das von ihm selbst entworfene Wohnhaus von Henry van de Velde. Als Performance angekündigt: "MARATÖNE", Klangexperimente. Leider darf immer nur eine begrenzte Anzahl Besucher hinein. Und da sich Läufer und Touristen mischen, müsste man anstehen. Ich verzichte. Sehe aber den Künstler durch das Fenster mit seiner E-Gitarre wirken. Und höre die Kommentare derjenigen, die drin waren. Ist wohl seeehr modern.




Durch ein wunderschönes Viertel alter Villen nähern wir uns dem Zielbereich.


Doch vorher nochmals eine Auszeit, km 20,5: Die Bauhaus-Uni ist geöffnet.
Geboten werden draußen Dixieland und drinnen 20-minütige Führungen. Das ist mir zu lang, aber einen kleinen Blick hineinwerfen und eine kleine Unterhaltung mit einer Studentin, dazu reicht die Zeit. Außerdem gibt es statt sonst ToiTois hier auch "richtige" Sanitärräume.



Und dann kann ich erstmals Zielluft schnuppern. Dort, wo die Halbmarathonis (der Großteil der Teilnehmer) ins Ziel einlaufen, werde ich auch später den Lauf beenden. Aber im Moment bin ich richtig froh, dass ich noch weiter die Strecke erleben darf.



Die Perspektive wechselt. Ab nun sind nur noch wenige unterwegs. Zwar befürchteten wir zuvor, dass dies einsam und nervig werden könnte. Aber das Gegenteil ist der Fall, man kann ausgiebig genießen und lernt noch mehr schöne Landschaft kennen. Es ist, wie ein langer Trainingslauf mit Gleichgesinnten im wunderschönen Ilmpark und weiter aufs Land hinaus entlang der Ilm.



Aber zunächst, km 22, die von mir am meisten ersehnte Auszeit: Das Haus am Horn. Ein Wohnhaus, komplett nach Bauhaus-Idee konzipiert. Leider wird es erst im Mai wieder eröffnet, die letzten Sanierungsarbeiten laufen mit Hochdruck. Doch davor stehende Studenten erläutern anhand von Bildern die Konzeption und das spätere innere Aussehen. Und es wird "Stretch it like Bauhaus" geboten, Auflockerungsgymnastik für Läufer. Das ist insofern gut für mich, als dass die Vorturnerin dafür ihren Stuhl freimacht. Denn den brauche ich, mir wird kurz übel. So was blödes. Kurzzeitig flammt der Gedanke auf, abzubrechen. Es wäre nur 1 km zum Hotel. Aber das will der Kopf nicht wahrhaben. Nach einigen Minuten mache ich mich auf den weiteren Weg. Ein Glück, dass wir frische Luft haben.



Es klappt auch wieder ganz gut und ich genieße das wunderschöne Grün. Man, was haben die hier für eine vielfältige Stadt in Weimar!


Bald wird es wieder ländlicher, auf dem Weg zur nächsten Auszeit ein "Kunstwerk" der anderen Art mitten in der Landschaft.


Km 29, Mellingen. Auszeit in der Kirche. Leider ist die hiesige Lesung nicht durchgängig, die Künstler machen gerade Pause. Ich muss inzwischen einer gewissen Erschöpfung Tribut zollen. Ohne Gehpausen geht es nicht.


Und uns Marathonis erwartet nach Mellingen nochmals ansteigendes Terrain, knackiger als in der ersten Hälfte. Am Ende zeigt meine Uhr 540 HM.
Mein Magen beginnt leider wieder seine Unmutszickerein, die Gehanteile wachsen.





Bei km 35 schwenken wir ein auf den bereits bekannten Park Belvedere. Eigentlich hatte ich mich auf die nun folgende lange Abwärtspassage gefreut. Was kann es besseres geben, als beim Marathon gegen Ende lange bergab laufen zu können? Aber leider, das mag mein Magen nun auch schon nicht mehr. Abwärts GEHEN! Wie blöde...

Bei km 36,5 wäre noch eine Auszeit, das Musikgymnasium Belvedere mit Darbietungen. Doch danach ist mir nicht. Nur noch den Rest absolvieren. Also weiter abwärts. An einer Bank kann ich nicht anders. Ich muss mich setzen.
Dann wieder die Villenstraßen. Noch 5 km, noch 4, noch 3.
2 Polizisten halten den Verkehr für jeden Läufer an. Ich passiere die Straße, doch auf der anderen Seite verbünden sich Magen und Kreislauf zu einer fiesen Attacke. Ich muss mich an einem Zaun festhalten, der Magen will nicht vorhandenen Inhalt abgeben, was aber nur zu trockenem Würgen führt. Einer der Polizisten kommt zu mir und bietet mir an, einen Krankenwagen zu rufen. Ich schaue ihn entsetzt an. 3 km vor dem Ziel aufgeben? Das kommt nicht in Frage. Er lässt mich dann, nicht ohne Hinweis, dass er mir jederzeit einen Wagen ruft, aber auch noch weitere Posten bis zum Ziel kämen.
Nach einigen Momenten rappele ich mich wieder auf. Nochmals vorbei an der Uni (nun geschlossen). Danach aber leider nicht gleich zum Ziel, denn um auf die 42,195 km zu kommen müssen wir noch eine kleine Extra-Runde im Park absolvieren. Mein Gang wird wieder richtig zügig. Ich sehe noch 2 Damen, die elegant diese 2-km-Schlaufe abkürzen. D A S habe ich nicht nötig, wennschon, dennschon! Ich hatte unterwegs trotz allem keine Zweifel am Finish, und der Zielschluss um 16:30 Uhr (macht 7, 5 Stunden Bruttozeit) ist ja locker machbar.
Und so trabe ich am Ende auch nochmals an, um für mich das Ziel zu erobern. Die beschäftigungslosen Sanitäter dort (die ohnehin reichlich an der Strecke vorhanden waren) machen nur für mich die La Ola.
Ich lache sie an, nehme dankbar meine Medaille entgegen, geschafft, zufrieden. 5:33 Std ist ok für heute.


Was ist das Fazit? Wunderschöner Lauf, abwechslungsreich, perfekte Organisation auf der Strecke. Sehr gut markiert und unzählige Streckenposten. Der Lauf sollte weiterleben! Schließlich stecken 4 Jahre Vorbereitung drin, wie wir hörten. Und wenn nicht als Bauhaus-Lauf, dann vielleicht zu den Klassikern? Schiller, Goethe, Stadtschloss - es gäbe hier unzählige Möglichkeiten. Aber bitte mit Kulturauszeiten - die fand ich klasse.
Ein paar Dinge könnte man noch verbessern. Die Infos im Vorfeld, kamen etwas knapp.
Skuril war die Getränkesituation im Ziel. Ich sah 5 Wasserbecher stehen. Das wars. Mein Mann wollte den Bon für ein Sponsorengetränk einlösen, doch das ging nicht. Dazu hätte er Pfandgeld dabeihaben müssen! Das habe ich noch nie erlebt.
Ich nutze eher die Möglichkeit, im Hotelzimmer die zuvor beschafften Getränke zu konsumieren. Wir haben Glück, denn das Hotel (ein sehr empfehlenswertes Gästehaus im vietnamesischen Stil) liegt gleich im Nachzielbereich - purer Luxus.
Den Tag lassen wir passend zur Unterkunft bei köstlichem vietnamesischen Essen ausklingen.
Und es passt zum Tag der Inhalt des Glückskeks, den ich auf meinem Nachttisch fand:
"Die Frage des Lebens ist WARUM?
Die Antwort lautet: WARUM NICHT?"

Und hier noch ein schönes Veranstaltervideo des Laufs: Link