Mittwoch, 30. September 2026

Buddelei mit Erkenntnissen zu Tod und Leben

Nachdem nun die Grabung in Manheim abgeschlossen ist, kann ich darüber berichten. Also kein Post über's Laufen, aber über anderweitig durchaus anstrengendes Tun.

Vielleicht mal vorweg, warum wird da überhaupt gebuddelt?
Manheim bietet die einzigartige Chance, auf einem Areal, an dem erst kürzlich ein ganzes Dorf mit ca. 1.500 Einwohnern wegen der Braunkohle abgeräumt wurde, umfangreich und ohne Einschränkung archäologisch zu forschen. Also muss man nicht warten, bis bei Bauarbeiten Zufallsfunde ergeben, sondern kann, bei Genehmigung durch RWE und die Bodendenkmalpflege natürlich, nach Herzenslust graben. Dies wollte sich auch die Uni München nicht entgehen lassen und legte eine 8-wöchige Lehrgrabung auf. Es sollten also einerseits Studenten grabungstechnisches Wissen erwerben und natürlich andererseits neue Erkundungen stattfinden, bevor der ganz große Tagebaubagger kommt, der schon in der Nähe lauert.

Der Bagger ist schon in Sicht

Was soll gesucht werden?

Es gab schon länger die Vermutung, dass es in Manheim einen Adelssitz gab. Bei den Arbeiten vor 3 Jahren konnten dazu allerdings keine eindeutigen Hinweise gefunden werden.
Zudem wurden in der Umgebung immer wieder römische Hinterlassenschaften entdeckt, Gräber, eine Straße, Scherben, die darauf hindeuten, das es auch irgendwo mindesten einen römischen Landsitz, eine villa rustica, gegeben haben muss. 

Also ran an die Schaufeln! Ich habe mich für eine Woche gemeldet und suchte mir Anfang September aus. In der Hoffnung, damit der größten Hitze zu entgehen. Die Erfüllung der Hoffnung ist am ersten Tag so groß, dass schon vor Mittag regenfrei gegeben werden muss. Denn bei Regen ist die Arbeit schlichtweg unmöglich. Im Gegenteil, die ausgehobenen Bereiche müssen mit Planen gegen Auswaschungen geschützt werden.

Am zweiten Tag geht es dann für mich richtig los. Wir arbeiten zu sechst an 3 Doppelgrab-ähnlichen  Gruben. Das Gelände wurde zuvor von einem größeren Bagger vorsichtig mit der Schaufel abgezogen, wobei dieser gleich an 2 römischen Vasen hängenblieb. Hier diese Stelle, mit Pflastersteinen markiert, damit niemand drüberstolpert. Bei genauem Hinsehen erkennt man Teile der oberen Öffnung:


Was natürlich bedeutet, Umschalten auf "Handbetrieb". Anhand der früheren Grabung legte der Grabungsleiter u.a. diese 3 Gruben fest, die einen alten Wassergraben treffen sollen, wie er oft Herrensitze umfasste. In Spatentiefen, also 30-cm-Schichten müssen wir uns nun mit Hacken und Schaufeln in die Tiefe graben. Diese Schichten haben den Sinn, dass man eventuelle Funde später besser zuordnen und analysieren kann.

Die Gruben wurden anhand GPS-Daten angelegt und müssen senkrechte, glatte "geputzte" Wände erhalten. Fachleute erkennen daran sofort den Verlauf des Wassergrabens. Die Funde sind, abgesehen von den beiden Römerurnen, nahe Null. Ich lande einen Glückstreffer mit einer Scherbe, die der anwesende Professor auf 15. Jh. datiert.





Im knochentrockenen Boden ist es eine elende Plackerei. Hacken ist da oft zu ungenau, also bleiben noch Maurerkellen, mit denen man die Wände in dünnen Schichten abzieht. Nur eine sandige Lage weiter unten ist leicht feucht und besser zu bearbeiten. Doch darunter lauert Kies, betonhart. Normalerweise ist die Kiesschicht das untere Ende einer Grabung, da darunter keine menschlichen Eingriffe mehr zu erwarten sind. Doch die will der Grabungsleiter schön optisch deutlich herausgearbeitet wissen, uff. Also an Tag 3 hacken, hauen, schuften.

An Tag 4 die Botschaft, dass die Wände in "meiner" Grube nochmals ein paar cm Vorderfläche verlieren müssen, damit es mit den GPS-Daten passt. Na klasse! Wir tricksen mit Wasser, sprühen immer wieder die Wände ein. Damit werden sie etwas weicher, aber auch nur etwas.
Zwischendurch Wind- und Regenpause. Wir sitzen zu siebt 1,5 Stunden im VW-Bus. Interessant, die mich umgebenden ausnahmslos u-30-jährigen daddeln diese ganze Zeit wortlos an ihren Handys. Ich komme mir leicht komisch vor. Doch dann geht es weiter, die erste Grube wird zur Dokumentation fotografiert. Auch das gehört dazu.

Und dann bricht auch schon Tag 5 an. Weitere Fotografierarbeiten. Und eine Zeichenstunde! Jawoll, Archäologen müssen zeichnen können! Die stellvertretende Grabungsleiterin erklärt uns die Vorgehensweise und lässt uns einen Befund (also eine interessante Stelle im Boden) erfassen. Dazu sollen wir in 2-er-Teams die Umgrenzung dieser Stelle selber festlegen und farbig darstellen:

Zeichenstunde

Mir war diese Vorgehensweise neu, lässt sich durchaus auch mal malerisch nutzen!
Anschließend sitzen wir bei stürmischem Wind, und Sonne mittags zusammen. Es kommt ein Gespräch in Gang und wir tauschen uns richtig spannend über Grabungen, die Römer und mögliche Gründe für deren späteren Untergang aus. Schade, denn für mich ist ja nun schon das Ende meiner Grabungswoche erreicht.

Dachte ich.

Zwei Wochen später erreicht mich die Bitte zur erneuten eintägigen Hilfe. In unserer Region gibt es jährlich den "Tag der Archäologie" mit Präsentationen und Besucheraktionen an einer archäologischen Dienststelle. Und als Schmankerl: Kostenlose Busexkursionen zu einer aktuellen Grabung. Die angesteuerte Grabung 2026 ist ... trara ... Manheim.

Das Münchner Team und der Heimatverein hat einiges vorbereitet. Es gibt eine Art Parcours, mit Flatterbändern markiert. Großflächige Erdarbeiten haben die Fläche begehbarer gemacht, erinnert ein wenig an Moto Cross. Auch eine stattliche Anzahl von Informationspostern wurden über das Areal verteilt.

Niemand weiß, wieviele Busse und Menschen kommen werden. Es wird eine ganze Menge! Den ganzen Tag über kommen ca 3-4 Busse pro Stunde. Der Professor, der Grabungsleiter und ein lokaler Wissenschaftler der Bodendenkmalpflege führen sie pausenlos über das Gelände. Die drei werden am Abend reichlich erschöpft sein.




Die Busse rollen
Auch ein "Feldherrenhügel" ist zur besseren Aussicht aufgeschüttet:

Davor demonstrieren 2 Studentinnen archäologisches Zeichnen. Am Abend werden sie ein und dieselbe Wand 5 mal dargestellt haben... Was man nicht sieht: Die Gruben waren zwischenzeitlich vom Regen durchnässt und haben unten eine extrem schlammige Schicht. Die zieht einer der beiden glatt die Schuhe aus und sie muss auf Socken herauskriechen...😄


Für die Besucher wurden Profil und Verlauf des Wassergrabens farblich kenntlich gemacht:


Mein Job ist gemütlich. Ich darf die gefundenen Urnen bewachen. 


Die linke ist römisch, vom Typ "Halterner Kochtopf", etwa um Christi Geburt. Die rechte leicht älter und wohl eher lokalen Bewohnern zuzurechnen.
Die römische Urne offenbart eine spannende Geschichte. Sie enthielt neben Leichenbrand eine Fibel und einen Nagel einer römischen Soldatendsandale. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass es sich wohl um einen ehemaligen römischen Legionär handelte, der im Rheinland nach seiner Dienstzeit das ihm zustehende Grundstück erhielt, um dort als Bauer leben zu können. Zeitlich würde das passen und andere Menschen wurden kaum mit Sandalen und Fibel, also vermutlich in ihrem Ornat, verbrannt. Zudem war die Einäscherung im Frühherbst, denn es fanden sich Möhren- und Holundersamen in der Urne.

Zur Gewinnung solcher Erkenntnisse ist eine Bioarchäologin der Uni München zugegen. Sie nimmt Bodenproben, die sie mittels Schlauchbrause über verschiedene Siebe schlämmt. Das was im letzten Sieb verbleibt, wird mikroskopisch untersucht. So sollen u.a. Erkenntnisse über frühere Pflanzenarten und die Ernährung der Menschen gewonnen werden. Was für mich aussieht wie Gekrümel, ist für sie äußerst spannend und aufschlussreich. Schon mit bloßem Auge erkennt sie in einem kleinen schwarzen Etwas eine Linse. So lerne ich, dass für ihre Untersuchungen die Jahre 1492 und 1945 sehr wichtig sind. Ab diesen Jahren fanden jeweils exotische Pflanzen ihren Weg nach Europa und helfen so ggf. bei Datierungen. Auch Zähne sind sehr aussagekräftig. An einem gefundenen Zahn kann sie feststellen, dass der Besitzer mindestens ein halbes Jahr gestillt wurde.

Arbeitsplatz der Bioarchäologin
Dieser Besuchertag an der Grabung war nochmals ein schöner Abschluss. Ich erfuhr von manchen Erkenntnissen. So z.B., dass die Lage der villa rustica nun genauer umrissen werden kann. Auch die Lokalisierung des Adelssitzes hat Fortschritte gemacht. Ich hörte von weiteren hervorragenden Funden, über die man aber noch Stillschweigen bewahren will. Es sollen keine Raubgräber nach Manheim gelockt werden. Die gibt es leider durchaus. Die Grabung war daher stets mit Bauzäunen umgeben und zusammen mit dem nebenliegenden Maschinenpark von RWE 24/7 bewacht. Aus diesem Grund wurde auch vorher nicht kommuniziert, wohin die Busse im Rahmen des Aktionstag fahren würden.

Die Mitarbeit war wieder körperlich seeehr fordernd. Nicht nur für mich, auch die jungen Leute rackern sich ab. Trotzdem, damit bin ich mit anderen ehrenamtlichen Helfern einig, macht es großen Spaß. Eine andere Art der Herausforderung, zudem verbunden mit lokaler Heimatgeschichte.
Und die schönste Nachricht: Nächstes Jahr wird nochmals gegraben, na da weiß ich doch schon, wo ich sein werde!!!

Zwei Schnappschüsse möchte ich noch anfügen.
Öfter fiel mir auf, wie doch die Natur sich diese Wüste immer wieder aufs Neue zurückerobert. Kaum wurde ein Loch gegraben oder Erde bewegt, tauchen bald erste zarte Pflänzlein auf, trotz der extremen Trockenheit:


Und wo Leben entsteht, ist es endlich. Nicht nur der römische Legionär hat das Zeitliche gesegnet. Da trug doch einer der Busse eine Verbraucherinformation mit mutigem Slogan:


Freitag, 25. September 2026

Kurs Nord-Nord-Ost

Kleine Auszeit im Norden.

Zunächst wehte uns mit bis zu 75 km/h der Wind in Bremerhaven um die Nasen. Klasse, passt (Nur nicht zum laufen)!

Nicht so ganz passte, dass in dem schnieken Hotel direkt am Alten Hafen unsere Anmeldedaten gehackt wurden, komplett mit Adresse und Telefonnummer, Gottseidank ohne Visa-Daten. Tja, man räumte ein, dies sei nicht der erste Fall, man arbeite dran, aber Schuld sei nicht das Hotel sondern der Dienstleister. Hilft mir das weiter?

Wie dem auch sei, immerhin war die Aussicht vom Zimmer rund um die Uhr atemberaubend. Da verzichtet man gern auf das Hotelfrühstück zu 27 EUR pro Person und genießt stattdessen frische lokale Bäckerbrötchen mit mitgebrachter eigener Frühstücksausrüstung.






Nachdem wir mittags ankamen, ging es gleich in das direkt nebenan liegende Auswandererhaus. Ein Museum, in dem man die Auswanderung früherer Menschen nach- und miterleben kann. Statt Eintrittskarte erhält man z.B. eine Bordkarte mit dem Namen eines real (früher) existierenden Auswanderers, dessen Stationen man dann im Verlauf des Besuchs konkret nachlesen kann.

Eingangs findet man sich passend zum Thema an einem nachbauten Pier wieder und kann Auswanderern zuhören, nachgebaute Kojen verschiedener Jahrhunderte bestaunen und beispielsweise im Speiseraum Platz nehmen.




Schlussendlich landet man auf Ellis Island, kann digital den Original-Einwanderertest früherer Zeiten durchlaufen und erfahren, ob man hätte einreisen dürfen. Pro Frage sind 5 Sekunden Antwortzeit möglich, sonst geht es sofort wieder heimwärts.

Wartezone Ellis Island
Im Erfolgsfall geht es weiter zur Grand Central Station und dann schnuppern ins Alltagsleben der neuen Welt.




Der zweite Tag war ganz dem Klimahaus gewidmet. Dort erlebt und durchläuft man eine Reise um den Globus auf dem 8. Längengrad. Beginnend in Bremerhaven geht es über Isenthal/Schweiz, dann Sardinien, Niger, Kamerun, Antarktis, Samoa und Alaska über eine Hallig zurück. Jeder Ort ist plastisch und mit jeweiligem Klima dargestellt. Muss man erlebt haben! Es ist faszinierend. Außer, es sind gerade ebenfalls Schulklassen pubertierender antiautoritär Erzogener zugegen. Da kann man schonmal mörderische Gedanken entwickeln... 

Melken lernen in der Schweiz

Eisige Kälte spüren in der Antarktis

Würde man das Fotografieren anfangen, käme man gar nicht durch. Wir sind gute 4,5 Stunden (inkl. Kaffeepause) in der Erlebnisausstellung. Das ist aber nur das halbe Museum, denn danach gibt es noch diverse Mitmach-, Wissens- und Forschungsstationen. Man könnte wirklich den ganzen Tag dort verbringen, aber das ist geistig fast schon überfordernd. Wir schauen nur noch kurz in spezielle kugelartige Räume um zu erfahren, wie der Klimawandel den Menschen in den zuvor besuchten Regionen zusetzen wird. Das drückt aufs Gemüt.
Ein paar nette Weisheiten finden sich auch:

Eigentlich sind wir ziemlich abgefüllt mit Eindrücken, aber ein U-Boot am Wegesrand nehmen wir doch noch mit, die Besichtigung ist ja überschaubar, uff.


Am nächsten Morgen geht es weiter nach Worpswede, ein bezaubernder kleiner Ort im Teufelsmoor nahe Bremen, das Bekanntheit durch seine Künstlerkolonie um die vorletzte Jahrhundertwende erlangte. Die Dichte an (eher kleinen) Museen und Galerien ist immens. Wir schaffen 3 Kunstmuseen. Schulklassen toben hier nicht herum, dafür erleben wir eine andere störende Erscheinung: Seniorengruppen. Tja. Da spricht eine Führerin in ein Headset. Aber nicht, um Kopfhörer ihrer Gäste zu versorgen, sondern einen mitgebrachten Lautsprecher. Nervige Zwangsbeschallung der anderen Besucher ist das Resultat. 😕😖
Immerhin, nun haben wir es gesehen und leckeren Kuchen gabs auch.

Café an der Großen Kunstschau (geschlossen)
Abends Ankunft in Bremen. 

Original ...


... und künstlerische Interpretation

Hier war mein Hauptziel die Kunsthalle. Dort hängt u.a. eines DER Werke von Claude Monet, bevor er sich den Seerosen widmete. "Camille im grünen Kleid" mit den Ausmaßen von 2,31 x 1,51 m hat er in nur 4 Tagen gemalt. Ein beeindruckendes Bild.


Die modernen Bereiche sprechen uns weniger an. Lustig mutet noch eine raumgreifende Installation an, die man auch betreten darf:




Am beeindruckendsten war jedoch der "Pixelwald", ein schwer bis gar nicht zu fotografierendes Erlebnis. Auf 160 qm sind 3.000 LEDs in verschieden geformten Leuchtkörpern über Spiegelfußboden installiert, die zu wunderschönen Musikklängen immer wieder ihre Farben wechseln. 
Gottseidank sind wir allein, ohne Junioren und Senioren, ein Genuss! Ich hätte dort stundenlang bleiben können... 😄

Erläuterung zur Technik und Konzeption: Video-Link
Trailer der Kunsthalle, Lautsprecher einschalten!: Video-Link

Aber es ging ja noch weiter, in den Schnoor, ein an sich wunderschöner kleiner Altstadtbereich. Schön vor Mittag, bevor die Läden öffnen. Danach wird's voll...





Die Tour schließen wir ab mit einem kleinen Spaziergang zur Schlachte, wo inzwischen auch die Alexander-von-Humboldt dauerhaft als Restaurantschiff liegt. Das Schiff, das zu markigem Seemannsgesang einst mit seinen grünen Segeln für eine Brauerei Reklame über die Bildschirme schipperte. 
Ich durfte einmal vor einigen Jahren aus wenigen Metern Entfernung mit ansehen, wie sie in Bremerhaven auslief, beeindruckend.


Und dann war es auch schon Zeit für die Rückfahrt. 4 Tage volles Programm, das braucht nun erst mal Erholung! 😂