Sonntag, 14. Oktober 2018

Rhein City Run (Halbmarathon) 2018

Ein junger Kollege hat mich reingequatscht. Der HM von Düsseldorf nach Duisburg, überwiegend am Rhein entlang, sei sooo schön. Also melde ich mich an, und was ist mit Deutschlands Jugend? Nicht zu sehen. Mein Mann muss auch aussetzen, was aber den Vorteil hat, dass er den Fahrdienst übernimmt, denn dieser Lauf ist ja kein Rundkurs, sondern endet eben 21,1 km weiter nördlich.


Es ist im doppelten Sinne schattig am Rheinufer in Düsseldorf. Ein kräftiger Wind bläst. Doch welch eine Freude, er kommt aus Süden und wird uns daher fast durchgängig von hinten sanft anschieben! Dennoch zögere ich hinsichtlich meiner Kleidung. Soll ich nicht doch noch eine Radlerhose als 3. Lage unter den Laufrock ziehen? Wie gut, dass ich es lasse.

Vom Event-Shirt, das ich über meinem Sommertop trage, kann ich mich (noch) nicht trennen, so pfeift es hier. Doch schon nach einem km ist es mir fast zu warm. Im Vorteil ist, wer auf den Wetterbericht hörte, denn der sagt bis zu 23° im Laufe des Laufs voraus. Später werden mir viele leid tun, die in langen Tights unterwegs sind... A propos, knapp 2.300 Finisher wird es heute geben.
Vor dem Start, Erinnerung an Berlin dank dieser Musik: Sirus
Zum Start selber, Wellen, Wind und Schiffe legen es nahe: Fluch der Karibik

Unter malerisch bunten Bäumen geht es am Rhein entlang. Ich sortiere mich hinter den 2:00-Zugläufern ein.
Kopf an Beine: "Hey macht mal halb lang, da kommen noch ganz schön viele Kilometerchen!"
Beine an Kopf: "Wir haben aber gerade so viel Spaß, Du alter Miesmacher!"
"Trotzdem, hinten raus könnt ihr immer noch Gas geben!"
"Papperlapapp, wer weiß was dann ist!"

Und so trabe ich vor mich her, durch eine Bilderbuch-Niederrheinlandschaft. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schön ist. Na und erst an einem Sonnentag wie heute!





Bei km 7 der erste Verpflegungsstand. Ein Becher Wasser tut gut beim heutigen Wetter, hatte ich doch schon am Start einen trockenen Mund. Die 2:00-Zugläufer ziehen von dannen, ist auch besser so, die waren mir eh' zu flott.
Unvermittelt folgt Kaiserswerth, ein kleiner Abstecher ins Mittelalter. Sehr malerisch, wieder etwas dazu gelernt.





Über unseren Köpfen sehe ich die erste Zugvogelformation des "Herbstes", km 8.
Beine an Kopf "So, gut für heute, oder sind wir noch nicht da?"
Kopf an Beine "Ihr Experten! Hab ich's nicht gesagt! Befehl an beide: Weitermachen!"
Bauch an Kopf "Ich hab da so ein Bleigefühl..."
"Ruhe im System!"



Ohren an alle: "Hört Ihr das? Jetzt aber zackig, alles Sssssamba!"
Ich nutze die Gelegenheit und streife mein Eventshirt über den Kopf. Es tut gut, dann nur noch im Sommertop weiterlaufen zu können.
Vater Rhein schenkt uns immer wieder schöne Anblicke. Und Deiche, die wir rauf und runter dürfen. Am Ende werden es knapp 160 Höhenmeter sein, nach meiner Uhr.
Augen an Hirn: "Da vorn steht eine leere Bank."
Beine an Kopf: "Jaaa, nichts wie hin!"
Kopf an alle: "Geradeaus weiter!"






Ein letzter Blick auf den Strom, dann biegen wir ab in eine Landschaft, die auch bei mir daheim sein könnte. Äcker, Strommasten, qualmende Schlote am Horizont.




Es folgt die einzige Passage mit strammem Gegenwind. Welch ein Glück, dass ansonsten die Strecke aber von Süd nach Nord führt!
Weitere Erkenntnis: Starker Seitenwind kann bei leichten Laufröcken zu Komplikationenen führen und erfordert dauernde Überwachung des Flugverhaltens des Rocksaums...



Kreislauf an Kopf: "Ganz schön heftig heute. Muss ich noch lange?"
Kopf an Kreislauf: "Ein Stückchen schon noch. Aber wir machen mal was langsamer."

Unvermittelt geht es in einen kleinen Park, sogar mit Schwanenteich. Was es nicht alles gibt, in Duisburg!

Bei km 20 folgen wir einem kleinen Bach. Auch die Ambulanz folgt dem Bach, uns entgegenkommend. Ich sah unterwegs immer wieder Läufer, die ärztliche Hilfe brauchten, das Wetter, zu warm angezogen, zu schnell gelaufen, überschätzt, mögen Ursachen gewesen sein.





Linker Fuß an Kopf: "Meine Zehen wollen mal ein wenig krampfen"
Kopf an Fuß: "Geht's noch? Könnt ihr nicht warten bis ins Ziel? Nur noch 1 km!"
"Nö".
"Wenn's sein muss, dann aber bitte nur ein kleines Krämpfchen und den Rest dann später!"

War es auf der Strecke überwiegend einsam, so erwartet uns zum Ziel richtig gute Stimmung. Ich versuche, trotz der krampfenden Zehen halbwegs elegant den Rest zu absolvieren.







Für einen Sprint reicht es nicht. Eher muss ich andere passieren lassen.









Kreislauf an Kopf: "Äh..."
Kopf an Kreislauf: "Halte durch! noch 50 m!"

Mit einer 2:11'er Zeit schleppe ich mich ins Ziel. Und hänge erstmal über einem Geländer ab. Mir ist etwas schwummerig und ich brauche einige Minuten, bis ich mich halbwegs gefangen habe. Ich erwische eine Halbliterflasche Iso mit Pampelmusenaroma und kann erstmal Durst löschen.

Linke Fußzehen an Kopf: "Dürfen wir jetzt? Du hast es uns versprochen!"
Linke Fußsohle an Kopf: "Au ja, ich will auch mitmachen!"
Kopf an alle: "Was seid Ihr nur für eine unsportliche Saubande!"


Also muss ich mich am Auto erstmal stöhnend festhalten, bis Fußsohle und Zehen sich genügend ausgetobt haben. Mein Mann hat schon eine Bratwurst gefuttert und strebt gleich dem Kuchenstand zu. Mir ist eher nach einem Obstbecher.

Fazit: Ein gut organisierter Lauf in erstaunlich schöner Landschaft. Die Ergebnisse sind schon um 15 Uhr online. Ich finde mich im Mittelfeld von allem (Frauen, AK, Gesamt) wieder. Ist ok, seit Berlin war ich ja auch ein wenig faul...

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Waldesruh

Und wieder bin ich Opfer meiner Neugier. Denn mich interessiert wie ein Landstrich hinterher aussieht, nachdem 50.000 Menschen sich dort versammelten.  Also, aufs ElliptiGo und ab Richtung Hambacher Forst, oder "Hambi", wie er in manchen Kreisen liebevoll genannt wird.
Und wieder bin ich erstaunt, denn es ist nicht zu erkennen, welche Massen hier am Samstag unterwegs waren.
Erstes Vergleichsbild also. Der Weg so leer wir immer.







Auch diese Kreuzung war belebter.















Und der Wald selber? Leer. Keine Polizei, keine Anzeichen von all den Aktionen der letzten Zeit. Nur ein paar junge Menschen, die mit Gepäck auf dem Rücken hineinmarschieren.
Kurz vor der Abbaukante steht ein Posten ist dann auch ok an der Stelle.
Mir fällt auf:
Kein Müll, nirgendwo.
Keine weggeworfenen Essensreste, Papier, Becher, Flaschen & Co.
Geht also, man muss nur wollen.



Gestern dann nochmal Sommerlaufgefühl. Jedenfalls nach der Temperatur am frühen Abend, 23° - steht nicht Oktober im Kalender?
Die Beine allerdings sind schwer. Der Tag war anstrengend, auf spezielle Art. Meine Firma wünscht ein Image-Video zu einem bestimmten Segment unseres Tuns. Dieses Segment ist meines. Also muss ich vor die Kamera. Ich kann nur sagen, es ist verdammt schwer, ganz natürlich und locker eine Treppe hinauf und hinab zu gehen, OHNE in die vorhandenen Kameras zu blicken.
Denken Sie NICHT an einen rosa Elefanten...!
10 km bekomme ich aber dann doch laufend als Sundowner hin.





















Montag, 8. Oktober 2018

Einfach nur ungerecht

Bevor mich die Erkenntnis der Ungerechtigkeit des Läuferlebens trifft, schaue ich mir am Sonntagmorgen den Zieleinlauf der Halbmarathonis in Köln an. In trüber, kalter Morgenstimmung stürmt die Spitze ins Ziel. Die Großbildleinwand zeigt den Start des Marathonfeldes auf der anderen Rheinseite.
Der rote Teppich ist so grell, dass mir meine Augen einen Streich spielen: Ich könnte schwören, dass so gut wie alle Läufer grüne Beine haben, ehrlich!



Dann mache ich mich auf zum Treffpunkt mit Helge, deren Mann Andi hier und heute die 42,195 km absolvieren wird. Sie versorgt ihn unterwegs mit Gel. Die Treffs gelingen prima, und dazwischen schnattern wir munter über dieses und jenes, zwischendurch gönnen wir uns auch einen Cafébesuch zum Aufwärmen.
Helge erzählt, was Andi trainierte, nämlich rund 800 km hat er in 2018 bisher abgerissen.
Und mit dieser Vorbereitung wird er am Ende eine Sub-4-Stunden laufen!
Ich habe bisher gut das doppelte auf dem Tacho und erreichte in Berlin eine Sub-5. Ist das nicht ungerecht?! Wie machen die anderen das bloß...? Ich vermute zwar, dass Andi eine Ausnahme ist, aber gemein ist es trotzdem...
Sollte ich vielleicht mein Training halbieren?

Das kann ich mir ja in den Wintermonaten überlegen. Jedenfalls freue ich mich für Andi, der kaum den Eindruck macht, gerade einen Marathon gelaufen zu sein. Wohl fand er, dass es mit dem Training hinten raus leichter fiel. Leichter als 2017, als er mit noch weniger Vorbereitungs-km immer noch deutlich schneller als ich war...
Wahrscheinlich findet er das auch ungerecht, mit seinem Training diesmal nur geringfügig schneller gewesen zu sein.
Jeder halt aus seiner Perspektive.😉

Die Ungerechtigkeit muss ich mir schönfuttern. Im Schokoladenladen im Bahnhof decke ich mich mit Apfelringen in Zartbitter und Nussschokolade ein. Nach einigen Portiönchen davon sieht die Welt schon wieder erträglicher aus. Und trainieren werde ich dann doch weiter.

Samstag, 6. Oktober 2018

Eine von über 50.000

Heute sammelte ich Eindrücke, die ich so schnell nicht vergessen werde! Nachdem ich letztes Wochenende schon in eine sich auflösende friedliche kleinere Demo von Braunkohlegegnern geriet, war für dieses Wochenende eine Großkundgebung am Hambacher Forst angekündigt. Dem Wald, der für den Tagebau weichen soll. Besser gesagt, dem minimalen Rest-Wald, der auch noch weichen soll.
Neugier, was mag da wohl abgehen...
Am Vormittag war ich noch in der Eifel per Auto unterwegs. Als ich auf der A 4 zurückfahre, kommt in den Verkehrsnachrichten der dringende Hinweis, Kundgebungsteilnehmer sollten unbedingt die Ausfahrt Merzenich nehmen.
Heute muss der 1. April sein, denn als ich diese Ausfahrt aus Aachen kommend passiere, ist sie gesperrt! Alle, die auf der Gegenfahrbahn aus Köln dort abfahren wollten, stauen sich bereits auf dem Standstreifen mehrere km zurück.
Das macht mir Sorge, denn die nächste Ausfahrt einige km weiter ist meine. Dort kann ich zwar die Autobahn problemlos verlassen, aber im anschließenden Kreisverkehr blockieren gestrandete orientierungslose Autofahrer den Verkehr.
Als ich schließlich weiter in meinen Wohnort fahren kann, kommen mir Hundertschaften von Wanderern entgegen. Ich frage einige von ihnen, ob sie etwa zur Demo wollten. Mein Erstaunen deshalb, weil es zum Ort der Kundgebung noch gute 10 km Fußmarsch sind! Dabei begann die Veranstaltung um 12 Uhr und nun haben wir 13 Uhr, und dann noch 10 km zu Fuß... Ihre Erklärung kann ich nachvollziehen: Die Bahn fährt einfach nicht mehr und sie mussten weit vor dem Ziel aussteigen!

Noch 6 km bis zum Ziel...
Schnell fahre ich heim und sattle mein ElliptiGo.
Auf dem Radwanderweg entlang der Bahntrasse, sonst ein Ort der Einsamkeit, sind wahre Pilgerströme unterwegs. Eine endlose Wanderschar, alle mit einem Ziel. Der pure Wahnsinn.








Noch 2 km bis zum Ziel...

Je näher ich dem Versammlungsort komme, umso dichter wird die Menge. Die Landstraßen sind mehrere km im Umkreis abgeriegelt, weswegen sich überall jenseits der Sperren Verzeiflungsfalschparker im Feld stehen.

Blick zurück, die ganze Baumallee entlang Menschen wie auf einer Ameisenstraße:














Noch 1 km bis zum Ziel...

Etwa einen km vor dem Versammlungsgelände werden alle auf einen Feldweg geleitet und es wird eng. Hier müsste ich meine Elli abstellen, aber wo? Straßenränder zugeparkt. Andere haben ihre Räder den Straßengräben überlassen. Weit hinten ist der Versammlungsort an einer riesigen Staubwolke auszumachen, aufgewühlt von Tausenden Füßen. Ich wollte ohnehin eher radeln und rolle weiter.


Kurz vor Buir strömen immer noch Menschen zum Gelände, während andere schon auf dem Rückweg sind, wohl in der Hoffnung, die Bahn fährt wieder.
Dennoch, trotz der Erschwernisse herrscht überall heitere Stimmung. Wohl sicher auch, weil tags zuvor ein Gericht nun doch einen vorläufigen Stopp der Waldrodung ausgesprochen hat. Menschenschlangen haben sich am Tankstellenshop in Buir gebildet, ein Eiswagen macht den Umsatz des Jahres.


Von hier aus ist auch zu sehen, dass die Autobahn aus Richtung Köln nun längst und länger vollständig gesperrt ist. Die Menschen auf der Brücke winken munter den unten vorbei Brausenden zu. Und die hupen zurück.





Wenigstens ein Verkehrsmittel funktionierte, Busse. Umliegende Straßen wurden durch die Sperrungen kurzerhand zu Busparkplätzen umfunktioniert. Ich komme auf addierte mehr als 4 km Bus an Bus, ein unglaublicher Anblick. Sie kommen aus der ganzen Republik, ich grüße den Schwarzwald, Hessen, Sachsen, und und und. Sogar Oldenburg ist vertreten!





















Während ich längst auf dem Heimweg bin (es ist längst nach 15 Uhr), strömen die Menschen immer noch zur Kundgebung. Die Veranstalter sprechen von 50.000 Teilnehmern, die Behörden von Tausenden. Wahrscheinlich lässt sich die wahre Zahl gar nicht feststellen, denn es sind ja nicht alle zusammen auf dem Gelände. Während die ersten schon gehen, rücken immer weitere nach, über mehrere km Straßen und Wege. Sogar die alte A4 wird genutzt.
Es ist erstaunlich, aus welchen Ecken immer noch Menschen kommen.


Es ist schon ein Erlebnis, das alles live gesehen zu haben und nicht nur anhand der Berichterstattung in den Medien (Z.B. hier). Dass sich so viele Menschen aufmachen, friedlich ein Zeichen zu setzen, finde ich beeindruckend.