Donnerstag, 21. Juni 2018

Mord und Rollerei

Bisher war der Juni läuferisch eher kilometerarm. Abgesehen vom HM in Duisburg und dem Ahrathon lief nicht viel. Dabei müsste das Training für Berlin schon längst begonnen sein. Doch manchmal tut es einfach besser, mal der Bequemlichkeit den Vortritt zu lassen.
Diese Woche soll allerdings die Wende bringen!
Am Dienstag 14 schöne Kilometer im Wohlfühltempo von 6:30 Min/km und gestern wäre mir dann wahrhaftig nach einem Lauf im Warmen gewesen. Aber die tatsächlich dann zu konstatierenden 27° ließen diesen Plan schmelzen wie Schnee in der Sonne.

Dafür waren es perfekte Bedingungen für ein Roll-out mit Elli, das wie immer mit wunderbarem Fahrtwind erfreut und Hitze erträglicher macht. Am Lenker prangt ein neues Accessoire. Ein Behältnis für ein Taschentuch habe ich gehäkelt. So ist es immer griffbereit, wenn denn einmal Schweiß abzuwischen wäre.
Und der kam dann doch, denn die erste Hälfte meiner Route wurde von Gegenwind garniert. Also war munteres Treten angesagt.



Ein kurzer Abstecher zum "decke Boom". Ja, hier scheut man sich nicht, den Weg zu speziellen Bäumen auszuschildern.
Dieser hier ist der letzte Rest eines wohl größeren Waldgebietes vor hunderten Jahren. Unter ihm machten Fuhrleute mit ihren Karren Rast auf dem Weg zur Blatzheimer Mühle. Ein "Mordkreuz" hat hier auch einmal gestanden. Zum Gedenken an Vater und Sohn, die 1772 irrtümlich als Wilderer erschossen wurden. In den 1980'ern wurde es gestohlen.


Heute steht der eher dicke statt hohe Baum an einer viel befahrenen Landstraße, nah herangehen ist deshalb eher abenteuerlich und wenig geruhsam.
Aber ich will ja auch nicht ruhen, sondern die Beine trainieren, also rolle ich weiter durch auffallend ruhige Orte. Sonst sind bei abendlichem schönen Wetter auch immer viele andere Radler und Gassigänger unterwegs. Doch diesmal sind Erdbeerpflücker auf einem Feld schon einige der Wenigen, die mir heute begegnen. Kein Wunder, nicht nur ich rolle herum, nein, auch der Ball bei der Fußball-WM. Oder ob es anderen schlicht zu warm ist?
In Buir beschließe ich, statt einfach nur den gleichen Weg zurück zu nehmen, die Runde auszudehnen.

Also ab nach Blatzheim und am Neffelbach entlang Richtung Kerpen, wo in längeren Passagen schattige Abschnitte neben dem gurgelnden Bach angenehmes Rollen gestatten.
Schon die ganze Tour über fällt mir immer wieder ein besonderer Duft auf. Irgendwie ein Mix aus Babypuder mit Zimntnote. Weiß der Kuckuck, welches Kraut das produziert.
So langsam spüre ich, dass ich das ElliptiGo zu lange ignoriert habe, jedenfalls signalisiert die Beinmuskulatur nach einer guten Stunde ob der ungewohnten Tätigkeit Müdigkeit. Doch nun muss die ausgeweitete Runde auch zu Ende gerollt werden!
An einer komplizierteren Kreuzung bei einer Autobahnausfahrt werden Fußgängern und Radfahrern 4 einzeln geschaltete Fußgängerampeln kredenzt, wenn man nur einfach den Weg geradeaus fortsetzen möchte. Diese Schaltung verschafft mir diesmal willkommene Stehpausen. Allerdings nur deren 3, denn beim Rollen zur letzten Fußgängerampel, die mir "rot" und daher den Autos "grün" zeigt, kommt ein Auto herangefahren, dessen Fahrer mir etwas Gutes tun will. Er zeigt mit Lichthupe und Handzeichen an, dass er mich passieren lässt, damit ich nicht extra absteigen muss. Nett gemeint und daher akzeptiere ich auch mit kopfgenicktem Dank. Allerdings sind seine Hintermänner, die flott auf die Autobahn in den Feierabend wollen, alles andere als begeistert. Nicht dass da noch einer Mordgedanken hegt...
Nichtsdestotrotz komme ich unbehelligt, aber völlig schlapp nach 29 km und 1:46 Stunden daheim an.
Wieso ist plötzlich die Treppe so steil und wiegt unsere Katze unversehens 20 kg, als ich sie kurz hochhebe?

Sonntag, 17. Juni 2018

Ahrathon 2018 (Halbmarathon)

Der Ahrathon, meine/unsere 7. Teilnahme, was 100% aller bisher durchgeführten Ahrathons entspricht.
Weil der Lauf in wunderschöner Landschaft stattfindet, die Stimmung gut ist, und wir mittlerweile erkannt haben, dass es uns hier nicht auf Schnelligkeit ankommt, sondern auf Genuss.
Genuss des Laufens und des Weins.
War die Veranstaltung 2012 noch etwas holprig in der Organisation, dafür aber liebenswert, hatte sie dieses Jahr, sagen wir mal Korken.


Anscheinend war man der stetig zunehmenden Läuferschar nicht mehr ganz gewachsen, obwohl die ja nicht vom Himmel fiel, sondern sich zuvor mittels Anmeldung angekündigt hatte.
Man muss es sich schöntrinken, Prösterchen.



Wir starten diesmal im letzten von 5 Halbmarathonfeldern, logisch, bei angegebener Wunsch-Zielzeit von 3:30.
Das erste Holperige des Tages: Es naht von hinten der Marathonführende. Da der Marathon über 2 Runden der Strecke geht, müsste sich der Führende durch das dichte soeben gestartete Feld der Genussläufer arbeiten, was faktisch nicht möglich ist. Also weichen Führungsfahrrad und  -läufer notgedrungen auf den Rasen aus. Der Sieger wird später den Marathon bei 2:44 finishen.

Für uns geht es zunächst entlang der Ahr, voller Vorfreude dem ersten Verpflegungspunkt entgegen.





Der typische Anblick hier. Nach knapp 5 km ein völlig erschöpftes Feld, das jedweder Labsal bedarf...







Und hier fluppt die Sache, mustergültig hat dieses Weingut den Posten organisiert. Wasser und Fingerfood gab es natürlich auch.

Da läuft man gern mit gestärkten Kräften weiter!
Ich habe mir vorgenommen, diesmal alle Anstiege laufend zu absolvieren. Wenn schon die Endzeit planmäßig im Keller sein wird...



Der zweite Verpflegungsposten (ca. km 7,5). Hier freute ich mich besonders auf ein Tröpfchen, das 2017 sehr gut mundete. Kaum stehe ich vor diesem Stand und mustere die Weinflasche, wird mir erklärt "Der kostenlose Läuferwein ist da hinten". Ok, dahinten, wo die Schlange steht...
Warum dort eine Schlange steht, erklärt sich anhand der suboptimalen Ausschankstrategie.
Der erstandene Rote mundet mir gar nicht, Heidrun hingegen schon.
Dass nicht alle den Ahrathon so locker-genussfreudig nehmen wie wir, mag mit der Tatsache belegt sein, dass uns hier die ersten Power-Nordic-Walker überholen...
Kleiner Blick auf das überbordende Angebot.
An dieser Stelle möchte ich erklären, dass der Lauf damit beworben wird, es gäbe für die Läufer Gourmethäppchen, Wasser in weißen/Iso in blauen Becher, Energieriegel auch.
Jo, hier gibt es Erdbeeren, geviertelt....






... und trockene Brotwürfelchen, die man mit Zahnstochern in Öl tunken kann. Wenn denn der Stocher das krümelige Bröckchen zu fassen bekommt.
Ein erster Anflug von Frust.
Wenigstens gute Live-Musik.

Mit nicht ganz gestärkten Kräften flugs weiter zum nächsten Verpflegungspunkt.

























Ja, ähm, die angebotene Verpflegung...
Wir erhaschen Rotwein, meines Erachtens ok.
Wie war das eigentlich mit blauen Bechern...?










Das Fingerfood-Repertoire des Standes:

(Nachtrag vom 18.6.: Die lokale Presse vermeldet die neue Rekordbeteiligung von 3000 Läufern über alle Distanzen, für die man 2000 Häppchen produziert habe.)




Immerhin trifft man alte Laufbekannte wieder und denkt zurück an frühere Austragungen.
Es ist inzwischen ziemlich warm, aber wenigstens weht öfter eine kleine Brise den Hang entlang.







Und es erklingt gute Live-Mucke.
Wir setzen unsere Hoffung auf den nächsten V-Punkt.












Jawoll, geht doch! Hier, kurz hinter km 13, gibt es wieder die schon fast legendären leckeren Wickelspaghettis ...
 ... und die Sache mit dem Weinauschank klappt auch.
Leckerer Weißwein.
Kein Wunder, wenn hier alle gern verweilen.

Musik gibts auch.
Take me home, Country Road.

Gut gestärkt geht es weiter auf den kieselknirschenden Wegen der Weinberge.








Ein wenig muss man der Verpflegung Tribut zollen. Verdammt steil... Aber das ist ja auch die Region des RotweinWANDERwegs...









Kurz vor km 17 in Ahrweiler, der nächste Verpflegungspunkt. Der Weißwein ok, sofern man ihn bekam. Ein Läufer wurde justament mit dem Argument abgewiesen, er sei schon da gewesen, jeder nur ein Glas. Allerdings war er auch soeben erst angekommen.






Gourmethäppchen hier: Gummibärchen an Wackelpeter.
Die Band rockt Steppenwolf - Born to be wild, yeah!






Warum trug Heidrun eigentlich einen Rucksack...? Als hätte sie die Verpflegungsdiaspora vorausgesehen, zauberte sie ein Fläschchen Roten mit 4 Gläslein heraus. Und so hatten wir unseren persönlichen Verpflegungspunkt im Schatten der alten Bäume an der Ahr, bei km 19.
Vorbeilaufende vermuteten eine Jägermeisterparty...





Von hier noch eben am Steigenberger vorbei, mit den traditionellen Obstspießlein und diesmal dazu auch kleine Hörnchen und Energieriegel, Schlussmeter im Kurpark und schwupps, sind wir nach sagenhaften 4:08 Sunden im Ziel!

An der Startnummer führt jeder einen Bon für das Glas Wein im Ziel mit. Aber angesichts der Warteschlange verzichten wir und stellen großzügig unsere 4 Rationen dem Veranstalter zur Verfügung. Ein Becher Cola ist auch ok. Zielverpflegung? Nicht gesehen.

Tja. Schon interessant, wie man den Aufstieg einer kleinen Veranstaltung über die Jahre miterleben konnte und nun das Anstoßen an Grenzen auch.
Wenigstens gab es eine sehr schöne Medaille.
Von unserem Quartett wollen 2 mit der diesjährigen Erfahrung nach nun 7 Teilnahmen nicht mehr wiederkommen, einer eher dann den Halben einmal richtig angriffig laufen. Meiner einer würde ja die gute Stimmung und die schöne Strecke gern wieder erleben, trotz des Ärgers über nicht gehaltene Versprechen bezüglich Läuferverpflegung. Dem Vernehmen nach will das Hotel an Start/Ziel nun auch keine Einzelübernachtungen mehr anbieten, sondern gleich 2 Übernachtungen aufzwingen. Damit entfiele dann auch das abendliche und morgendliche gemütliche Beisammensein, noch ein Minuspunkt.
Mal schauen, es wird noch viel Wasser die Ahr hinunterfließen.
Wäre eigentlich schade, wenn das schwarze Band an der Medaille der Trauerflor wäre.

Links zu den Blogberichten der Teilnahmen aus 2014201520162017.

Sonntag, 10. Juni 2018

Bieler Lauftage - Die zweiten 100


Untertitel:
Momentaufnahmen aus der Nacht der Nächte

Nachdem 2016 (Link) mein Mann seine Premiere in Biel hatte, sollte dieses Jahr die zweite Teilnahme stattfinden. Und nicht nur das: Lauffreundin Heidrun wagt sich ebenfalls an diesen Klassiker heran. Also eine besondere Herausforderung: Mit EINEM Auto ZWEI Läufer auf der Strecke coachen, die mit unterschiedlichen Tempi unterwegs sein werden.


Daher wird vorher eine strategische Planung aufgestellt, wie sich das bewerkstelligen lässt. Chris wird seine GPS-Daten via Garmin und Smartphone live senden, Heidrun aufgrund technischer Probleme alle 10 km kurz Coach Doris (meine Mitfahrerin im Auto) per Telefon anläuten und uns so ihren jeweiligen Standpunkt mitteilen.
Soweit der Plan. Aber wie das so ist mit Plänen und Technik.
Wir nehmen Gepäck und Kleidung unserer Läufer ins Auto. Chris hat diesmal unterwegs keine Verpflegung dabei, er kennt das reichliche Nahrungsangebot an der Strecke schon und wird damit bestens über die 100 km kommen, Heidrun schultert sicherheitshalber einen Rucksack.

Es folgt eine Skizzierung der Nacht, aus Sicht des rollenden Coaching-Teams...

Bis 22 Uhr

Am Nachmittag gewittert es, der Himmel überschüttet uns mit Regen. Auch noch auf der knapp einstündigen Fahrt nach Biel. Wir vertrauen auf den Wetterbericht, der bis zum Start Wetterberuhigung verspricht.
Startnummernausgabe in der Kongresshalle, die Luft wie in einer Sauna.
Ein paar Zahlen zu den Lauftagen:
100 km: 820 Finisher, davon 433 aus Deutschland
56 km: 132 Finisher
Halbmarathon: 578 Finisher
Diverse Staffeln: knapp 250.

Unsere Laufhelden: Zuversichtlich, wenn auch beide (leicht) nachdenklich. Nachvollziehbar, denn was die 100 km bringen werden, das sehen wir erst im Laufe der Nacht.









22 Uhr

Wie schon 2016 herrscht eine unglaubliche Stimmung, Aufregung, Anspannung.
Es brodelt.
Gottseidank nicht mehr am Himmel, denn der Regen hat aufgehört!

Zum Start Gänsehautmusik aus Düsseldorf.
Aber nichts passt besser,
die Toten Hosen:
"An Tagen wie diesen"



Zitat daraus:

Das hier ist ewig,
Ewig für heute
Wir stehen nicht still,
Für eine ganze Nacht.
Komm' ich trag' dich,
Durch die Leute
Hab' keine Angst
Ich gebe auf dich Acht.

Wir lassen uns treiben,
Tauchen unter,
Schwimmen mit dem Strom.
Drehen unsere Kreise,
Kommen nicht mehr runter,
Sind schwerelos.


Mit dem Startschuss sprinten die Startband-Footballer los, hinter ihnen macht sich das Feld der 100'er und 56'er in lauer Sommernachtsluft auf in ihr großes Abenteuer. (Halbmarathon folgt 22:30 Uhr, Staffeln 23 Uhr).







Während Chris und Heidrun auf eine erste Einführungsrunde durch Biel gehen, marschieren Doris und ich zügig zum Auto und machen uns auf den Weg nach Jens, km 10.
Dort läuft nach bereits 40 Minuten (!) die Spitze ein. Chris folgt 22:53 Uhr.



23 Uhr

Gleich nachdem wir Heidrun noch um 23:09 Uhr in Jens begrüßen konnten, starten wir zu Streckenkilometer 22 nach Lyss.
An einem mit Alpenschlager unterhaltenden Bierstand warten wir auf Chris, der um 23:58 Uhr munter vorbeiläuft. Ab hier werden wir nicht beide Läufer zugleich erwischen können, wir müssen nun je nach Fortgang der Nacht flexibel entscheiden.

0 Uhr

Scheunenberg, km 30. Gleich am Ortsrand weisen uns freundliche Helfer eine Parkmöglichkeit zu.



Wir warten auf Heidruns Anläuten vom 20 km-Punkt. Das kommt 0:28 Uhr.
Ich will die Zeit nutzen, um erstmals das Livetiming von Chris aufzurufen, muss jedoch feststellen, dass es technisch nicht funktioniert, sein Smartphone sendet nicht. Ok, die Herausforderung nehmen wir Coaches an und orientieren uns anhand seiner Liste der geplanten km-Zeiten, führen sie manuell anhand der Echt-Zeiten jeweils fort. Das wird wunderbar klappen. Zudem gibt es ein paar Zwischenzeiten von Datasport.
Chris läuft 0:58 Uhr ein, leicht hinter seinem Plan liegend. Es sei anstrengend, konstatiert er. Da uns die Zeit von Heidrun ein wenig Sorge bereitet, wollen wir hier auf sie warten, sagen Chris noch rasch, dass wir ihn wohl erst an km 47 wieder sehen werden.
Doris und ich nutzen die Wartezeit zum Anklatschen der Vorbeieilenden und -gehenden. Um manch einen machen wir uns Gedanken. Wer hier schon bei km 30 schwächelt, wie sollen dann die restlichen 70 km werden?
Der Dorfgasthof hat noch geöffnet und von der Terrasse schallen fröhliche Stimmen herüber. Manch ein Läufer nutzt die Chance und verschwindet dort zum WC, ja die Serviertochter (=Kellnerin) weist sogar freundlich den Weg. Die gleich hinter dem Gasthaus aufgestellten Mobil-WCs sind nicht direkt ersichtlich.
Die Regenwolken haben sich verzogen, über uns funkeln die Sterne. Aber ob die Läufer das wahrnehmen?

2 Uhr

Heidrun kommt Punkt 2 Uhr an. Sie berichtet von einem Tief, das sie gerade durchzumachen hat(te). Doch nicht umsonst hatte sie sich mit Läufermotivationsliteratur befasst, um für solches gewappnet zu sein, und läuft weiter.
Wir beschließen, Oberramsern bei km 38 nicht anzusteuern und machen uns auf den Weg nach Jegenstorf, km 47.


Chris kommt 22:55 Uhr "strahlend" an, obwohl nun noch ein wenig mehr hinter seinem Plan liegend. Er ahnt das zwar, und wir Coaches sehen es anhand der Liste, aber das muss man ja nicht thematisieren. Er berichtet begeistert von einem schweizer Olympia-Silbermedaillisten, den er gerade gesehen hat und er gleich auch bei uns vorbeikommen wird. Die Silbermedaille übrigens im Curling 2018.

3 Uhr

Wir machen uns auf nach Kirchberg, km 56, wo ich mich 2016 im Ort herzhaft verfahren hatte. Diesmal ausgerüstet mit einem Ortsplanausdruck. Dennoch, das Karma des Ortes verleitet erneut zu einer Ehrenrunde, wenn auch diesmal kürzer als vor 2 Jahren.
Kirchberg, das Ziel des 56 km-Ultralaufs wieder ohne jede Stimmung am Ziel- und Verpflegungspunkt. Wer hier 56 km finisht, hört eben auf zu laufen, isst und trinkt etwas und geht dann heim, der Rest läuft einfach weiter.
3:26 Uhr verkündet das Handy Heidruns 30 km-Passage.


4 Uhr

Chris kommt Punkt 4:00 in Kirchberg an, mittlerweile 30 Minuten hinter seinem Plan, doch gut gelaunt, und begibt sich nun auf den Emmendamm.
Wir fahren nach Utzenstorf/km 62, wo wir 4:51 Uhr ihn wieder treffen. Seine Planabweichung ist gleich geblieben. Inzwischen hat die Morgendämmerung begonnen.
Wir überlegen, wie wir die Begleitung weiter gestalten sollen. Gleich zu km 70 bei Lohn zu Chris fahren oder warten, ob und wo wir Heidrun erwischen können. Das können wir erst entscheiden, wenn wir ein Lebenszeichen von ihr erhalten.

5 Uhr

Heidrun vermeldet Punkt 5 Uhr, dass sie km 50 erreicht hat. Ein Blick auf die Karte, Kopfrechnen, jawoll, das könnte klappen. In zügiger Fahrt eilen wir zum km 51, wo bei Kernenried die Laufstrecke die Straße quert. In dem kleinen Weiler haben ein paar Bewohner eine Bank an die Straße gestellt und begrüßen jeden munter. Heidrun kommt ebenfalls "strahlend" an. Ihr Tief hat sich verflogen, der Kampfgeist hat sich durchgesetzt!




Nach dem Treffen eilen wir flugs zurück, an Utzenstorf vorbei nach Lohn/km 70.
Währenddessen läuft in Biel der Sieger der Herrenwertung ein, 7:29 Stunden, macht einen Schnitt von 4:29 Minuten, der blanke Wahnsinn!


Der klare Sternenhimmel hat sich in bewölkte Trübnis verwandelt, Nebel wabert hier und da über der Landschaft.
In Lohn sitzt auf dem Parkplatz eine Läuferin, die anscheinend ausgestiegen ist, wie ein Häuflein Elend auf dem Boden vor ihrem Auto. Ein paar Tränen fließen. Der Reflex wäre, sie zu trösten, doch sie scheint für sich sein zu wollen. Ach Mensch, welch eine Leistung, 70 km geschafft zu haben! Aber ihre Niedergeschlagenheit kann man auch nachvollziehen.
Ein anderer Läufer, ein junger Mann, der uns schon vorher deutlich schwächelnd aufgefallen war, lässt sich ebenfalls zu einer Pause nieder. Doch obwohl er deutlich angeschlagen ist, wankt er weiter. Wir werden ihn bei km 95 noch wiedersehen, von einem Helfer gestützt, weiter Richtung Ziel schlurfend...

6 Uhr

Chris kommt munter bei uns vorbei.


Wir kehren die 5 Auto-km zurück nach Utzenstorf/km 62, um Heidrun zu begrüßen.
Dort können wir nun im Hellen den hohen Wasserstand der Emme begutachten, an deren Ufer rechts wieder ein All-Night-Runners-Partyzelt steht, inzwischen mit stark dezimierter Gästeschar, aber immer noch mit Musik.


Heidrun hat auf dem Emmendamm einen Gesprächspartner gefunden, mit dem sie dann auch weiter auf den berüchtigten Ho-Chi-Minh-Pfad geht.  Kein Tief mehr, obwohl es sich ja zieht. Auch keinerlei Verfluchungen und Ankündigungen des Laufkarriere-Endes.
Das lässt auf ein erfolgreiches Finish hoffen!




Um 6:53 Uhr läuft in Biel die Siegerin der Damenwertung im Ziel. Die Pace rechne ich erst gar nicht aus...

8 Uhr

Wegen der Begegnung mit Heidrun schaffen wir kein Treffen mit Chris in Bibern/km 76, sondern fahren gleich durch nach Büren mit seiner wunderschönen Altstadt. Für die uns jedoch keine Zeit bleibt, da wir unverzüglich das Ufer der Aare aufsuchen, um die Läufer hier bei km 88 klatschend zu unterstützen.


Wer es bis hierher geschafft hat, ist in der Regel auch ziemlich geschafft. Die "nur" noch verbleibenden 12 Rest-km, im Training ein Klacks, können sich allerdings zu einem gefühlten Gebirge auftürmen (A propos, die 100 km haben 600 Höhenmeter). Doch andererseits ist das Ziel eben auch schon relativ nah...

Während Heidrun um 8:08 Uhr km 70 bei Lohn erreicht, kommt Chris bei uns an km 88 um 8:30 Uhr vorbei. Nun doch wieder mit ein wenig weiterem Rückstand von 45 Minuten. Aber was heißt hier eigentlich Rückstand? Er hat 88 km ERREICHT, das ist doch das, was zählt!



Unser Plan ist, ihn im Ziel abzuholen und nach Büren zurückzukehren, um Heidrun hier zu dritt anzufeuern.

9 Uhr und später

Doris und ich erreichen als erste das Ziel in Biel.
Heidrun vermeldet 10 Uhr ihren km 80. Schaffen wir das rechtzeitig bis zu ihrer Passage nach Büren/km 88? Schwierig zu beurteilen, denn inzwischen hat ja der normale Samstags-Verkehr eingesetzt und bis Büren kann es 30 Minuten oder mehr dauern.
Bald nach 10 Uhr läuft Chris ein (Garniert mit AC/DC-Klängen), was einer Laufzeit von 12:21 Stunden entspricht. Auch wenn er damit eine Stunde langsamer war, eine tolle Leistung. Im Mittelfeld aller Herren und im 1. Fünftel seiner AK!
Später wird er fragen, ob ich überhaupt seinen Zieleinlauf verfolgt hätte! Frechheit, hier sind die Beweisfotos!




Erst einmal begleiten wir ihn zur Abholung des Finisher-Shirts und zum Duschgebäude.
Die Beobachtungen während des Wartens vor der Sporthalle erinnern mich an einen alten Sketch von Monty Python's Flying Circus, in dem es um ein Ministerium für komische Gänge ging. Solche kann man hier gut studieren. Man erkennt am Gang, wer "nur" Staffel lief, und wer sich die 100 km gönnte. Analysieren kann man orthopädische Ursachen oder Blasen. Letztere lassen sich öfter gut anhand des bevorzugten Schuhwerks (Zehensteg-Sandalen oder barfuß) der herauskommenden Kämpen konstatieren und treiben uns manchen Schauer über den Rücken...
Doch soll das keinesfalls Schadenfreude sein, wir sind voller Anerkennung für die Leistung eines jeden!

Als Chris äußerlich erfrischt aus der Halle kommt, ist uns die Anfahrt nach Büren zu knapp, wir entscheiden, bei km 95 am Ufer der Aare unsere weitere Laufheldin zu erwarten. Mit ein wenig Sorge, denn ihre 10-km-Zeiten werden lang und länger. Wie auch die Temperatur hoch und höher gegen 24° geht, inzwischen strahlt die Sonne vom Himmel.

Wir finden ein lauschiges Plätzchen, rücken uns eine Bank im Schatten zurecht, und genießen, blicken zurück auf die Nacht und alles was war, warten.


Tröpfelnd kommen Läufer/Geher an uns vorbei. Zielstrebig, müde, abgeschlagen, immer noch laufend, trabend oder trippelnd, schlurfend, unter der Hitze leidend. Jeder bekommt von uns Applaus und Aufmunterung. 90% haben daran Freude und bedanken sich, grinsen zurück oder heben den Daumen. Der Rest scheint im "Tunnel".
Durch den Aufdruck "Finisher 2018" ist Chris für Insider als 100-km-Absolvent erkennbar, auf den Shirts der anderen Distanzen fehlt der Zusatz. Seine Medaille liegt neben ihm auf der Bank. Manch einer gibt seine Glückwünsche an ihn. Eine ebenfalls teilnehmende Engländerin ruft laut "You already finished? Ohhh myyyy Goooood!"



Kein Zeichen mehr von Heidrun, sie müsste doch langsam eintreffen.... Wir machen uns Sorgen.
Endlich kommt sie gegangen.
Sie hatte sich ihrerseits Sorgen gemacht, um uns! Dass wir doch so lange warten müssten!
Wie bitte?! Ist doch Ehrensache und außerdem ist die Nacht der Nächte gefolgt vom Tag nach der Nacht der Nächte eine aufregende Sache, bei der es so viel zu sehen und zu erleben gibt!
Sie kündigt weitere gehende Fortbewegung bis zum Ziel an, evtl. gekrönt von letzten gelaufenen Schritten ins Ziel. Aber Zweifel am Finish? Was sind Zweifel?




13 Uhr

Wir fahren zurück zum Ziel, finden erstaunlich nahe erneut einen Parkplatz. Versuchen uns vor Sonne und Hitze zu schützen. Und dann naht Heidrun, voller Glückseligkeit. Leicht über 16 Stunden, aber damit voll in ihrem persönlich Erwartungshaltungszeitfenster.






Geschafft! Herzliche Glückwünsche und Gratulation an unsere beiden wackeren Helden der Nacht!

Noch ein wenig Fachsimpelei, auf dem Weg zum Auto trifft man "alte Bekannte" vom Lauf. Ein Läufer bedankt sich extra bei uns für die Aufmunterung an km 95.




Ach Biel, Du warst ein Ereignis!
Und ja, einmal muss man nach Biel, und sei es nur als Zuschauer!
Aber zweimal ist noch besser!