Montag, 3. August 2026

Die Zicke Elli und eine Zeitreise

So gern ich mit Elli herumrollere, so ungern muss ich konstatieren, dass sie manchmal eine Zicke sein kann.

Nach Frühjahrsinspektion beim Händler begann sie wieder, dann und wann eigenständig den Gang zu wechseln. Ist nervig, weil man ja dauernd auf den Tretpaddeln steht und dann eben plötzlich plötzlich mal kurz ins fast Leere tritt. Meist findet sich der richtige Gang von selbst wieder, oder ich muss durch eine kurze Rückwärtsbewegung im Leerlauf nachhelfen. Also auf, mal zu einem anderen, "normalen" Fahrradhändler, ist ja eine handelsübliche Shimano 8-Gang-Schaltung. Eine Elli hatte man noch nie, nimmt sich ihrer aber gern an. Nach 2 Stunden darf ich sie abholen. Sie fühlt sich gut an, irgendwie geschmeidiger. Die Freude währt kurz. Auf ca. 2 km zeigt sie mir gleich mehrfach ihr Gezicke.
Also fahre ich sofort zurück. Man holt den Mechaniker aus der Werkstatt, der sie in den Händen hatte. Er ist überrascht, habe doch selber extra eine Probefahrt gemacht (So etwas habe er noch nie gesehen, sei ja auch sehr eigenartig, damit zu fahren). Er erklärt mir, dass bei dieser Schaltung im 4. Gang 2 Markierungen genau nebeneinander liegen müssen, was sie auch tun. Er schaltet die Gänge durch, ruckelt mal hier und mal da. Ich soll nun nochmals Probefahren, im 1. Gang beginnend alle durchschalten. Er schaut dabei zu. (Der Laden liegt wunderbar verkehrsberuhigt an einer breiten Straße). Wie nicht anders zu erwarten (ironisch gemeint) ist Elli brav, nichts passiert. Kopfkratzen. Mh, dann könnte es nur noch die Nabe sein. Aber vor der Aktion will ich doch erstmal noch schauen, wie sich Elli nun weiter verhält.

Auf den 10 km nach Hause jedenfalls bleibt Madame brav.

Und da bei Wärme der Fahrtwind so herrlich ist, geht es Sonntag gleich wieder los. Erst eine kurze Runde durch Manheim. Hier beginnt ein erneutes Grabungsprojekt und nach dem tollen Erlebnis 2023 darf ich wieder mitbuddeln! Ich darf dem Westwind entgegen rollen und freue mich auf den dann später ja logischerweise zu erwartenden Rückenwind.




Vorbei an vertrockneter Ackerlandschaft geht es weiter in die Reste des Hambacher Forsts. Ein trauriger Anblick, wie auch hier die alten Bäume unter der Trockenheit leiden.




Inzwischen habe ich knappe 13 km absolviert. Eigentlich wollte ich noch kurz Fotos der Ausgrabungsstelle von 2023 machen. Was mich zögern lässt ist, dass die Straße dorthin nicht gut für Räder geeignet ist. Kein Radweg, Leitplanken, da fühle ich mich unwohl. Also verzichte ich. Was auch insofern gut ist, als dass das ein Umweg wäre und der Wind inzwischen sowohl aufgefrischt UND die Richtung geändert hat. Krass, statt sanftem Westwind muss ich mich nun kräftigem und bei über 25° auch nicht mehr wirklich kühlendem Ostwind entgegenstemmen. Ziemlich k.o. komme ich nach 25 km daheim an.

Etwa bei km 24 lobe ich Elli, wie brav sie doch gefahren ist, ohne irgendwelche Gangwechselaktionen.
Zu früh gefreut, just in dem Moment findet sie, sie müsse doch mal wieder.... und zack, haut sie mir den Gang raus, diese alte Zicke!😠😡

Auf die erstrebten Fotos möchte ich dennoch nicht verzichten und steuere die Stelle am nächsten Tag per PKW an.

Kurz zur Erläuterung ein Rückblick: Es gab einen Gutshof, erstmals erwähnt im 12. Jh, der dem Tagebau weichen musste und wo ein Grabungsprojekt in Erwartung römischer Hinterlassenschaften durchgeführt wurde. Man fand unerwartet einen Keller aus dem Mittelalter, siehe hier: Link

Ein Teil der Anlage kurz vor Abriss:



So sah vor mehr als 10 Jahren die Allee aus, die zum Hof führte. Es war ein gern belaufenes Trainingsgebiet für mich:

Zeitsprung, Sommer 2023.
Auf dieser nicht mehr vorhandenen Allee führte mein Fußweg zur Arbeit, also zur Grabung. Zu diesem Zeitpunkt war der Hof komplett weg und auch die Allee schon ohne Bäume. Nur der Asphalt war noch übrig:


Ein Stück weiter war dann der Asphalt auch weg, die Baumstümpfe allerdings zeigten, wie lebendig sie noch waren:


Unmittelbar bei der Grabungsstelle war dann nur noch Wüste (Das Geflecht rechts war ein wiederentdeckter Brunnen):

Die Zufahrt zur Allee Ende 2024, also 1 1/4 Jahr nach der Grabung:


Gleiche Stelle Sommer 2025:


Ansicht heute, 2026, also 3 Jahre später: 


Irgendwo halb rechts muss die Grabung gewesen sein. Dass dort heute eine Solaranlage steht und frisches Grün angelegt wurde, lässt vermuten, dass hier nicht mehr weiter gebaggert wird.

Allerdings, Blick nach links: 


Dort wird weiter Erde bewegt. Etwas links vom Bagger erkennt man die Manheimer Kirche. Bis knapp davor soll es noch gehen.


Sonntag, 26. Juli 2026

6-Stunden-Lauf Bönen 2026

Es war wieder soweit, der 6-Stunden-Lauf der Lauffreunde Bönen ging in seine 7. Auflage. Da wir diese Veranstaltung vom letzten Jahr in allerbester Erinnerung hatten, zog es uns hin, selbst wenn mit sehr warmem Sommerwetter zu rechnen war.

Die Befürchtung hinsichtlich des Wetters war  berechtigt. Das Thermometer stieg recht bald gegen 29°. Auch meine zweite Vorahnung trat ein. Dass meine  -sagen wir mal eher sporadische- Vorbereitung nicht zu einem berauschenden Ergebnis führen würde. Aber damit hadere ich nicht.

Kurz nach 6 Uhr ging es Richtung Ruhrpott. Am Förderturm erwartete man die gut 150 Teilnehmer mit Frühstück in normaler und veganer Version. Das nenne ich Gastfreundschaft!


Bild: Oliver

Am Verpflegungspunkt am Fuß des Turms, den man auf dem 1,34 km umfassenden Rundkurs ziemlich oft durchläuft, standen erneut die wiederverwertbaren Trinkbecher sortiert nach Startnummern bereit. Endlich mal nicht die sonst üblichen Wegwerfbecher. Dicker Pluspunkt.


Wir hatten einen guten Parkplatz gleich bei Start/Ziel gefunden, sehr komfortabel und so konnten wir die Zeit bis zum Start ohne Stress zum Plaudern und zu letzten Vorbereitungen nutzen.
Entspannt ging es dann auf die erste Runde, bei der das Feld naturgemäß noch zusammen läuft. Dabei bekam man die herrschende Dürre schon deutlich zu spüren. 150 Fußpaare wirbeln ganz schön Staub auf.


Die erste Runde wurde zudem von freundlichen Cheerleadern animiert.



Der Kurs ist im Prinzip flach. Rechnerisch ergeben sich gemäß meiner Aufzeichnung 3,7 Höhenmeter pro km. Die verteilen sich pro Runde auf einen kürzeren und eine längeren Anstieg. Normalerweise kaum der Rede wert, aber Langläufer wissen, irgendwie fühlt sich das von Runde zu Runde steiler an... 


Mein Tagesziel ist einfach umschrieben:
1. Langsam angehen
2. Langsam weiterlaufen
3. Gehen ist keine Schande.
Unterstützt wird dies durch Kreislaufprobleme schon beim Frühstück daheim. Nicht so gravierend, im früheren Leben wäre ich damit noch ins Büro gegangen, also kann man ja mal nach Bönen fahren und schauen.
In der ersten Runde dürfen wir uns noch frischer Luft erfreuen. Aber schon nach spätestens einem Viertelstündchen wird klar, was uns heute bevorsteht.
Ich kann mich ganz gut einsortieren. Wie nicht anders zu erwarten, überrundet mich Oliver recht bald und im weiteren Verlauf des Öfteren. Ich sortiere mich meinerseits immer  mal hinter langsamen Läufern ein, Motto: Keine Experimente. Und an den beiden Anstiegen wird kraftsparend gegangen.



Immer wieder fallen mir Läufer mit einem Plüsch-Grobi, dem blauen Monsterchen aus der Sesamstraße auf. Ein kleiner Jungen, der ihn gerade trägt, erklärt mir den Hintergrund. Der Grobi ist mit einem früheren Vereinstrainer verknüpft. In Erinnerung an ihn tragen Vereinsmitglieder abwechselnd also den blauen Kerl 6 Stunden lang über die Strecke, jeder bis zu 3 Runden. Grobi hat seine eigene Startnummer und wird am Ende 36 km erreichen, Platz 1 in seiner eigenen Kategorie. 😀

Foto: Lauffreunde Bönen


Ich trippele wie es so passt. Am liebsten die Passage nach dem längeren Anstieg, weil man danach schön abwärts rollend laufen kann. Doch bald beuge ich mich dem Wetter, die Gehanteile werden mehr. Auch wenn Wind erfreulicherweise an einigen Stellen ein wenig Erfrischung bietet. Ab km 15 marschiere ich nur noch, das ist ok so.

Foto: Oliver

Mein Ziel ist ein Halber. Ich erreiche es auf der kleinen "Anhöhe", nach der man ein Stück abwärts rollen kann. Freudig überlaufe ich meine virtuelle persönliche Ziellinie und sehe dem Zugriff am Buffet entgegen. Meine Zeit ist zu vernachlässigen. Fast 3 Stunden 😅
Das Nahrungsangebot wurde dem Veranstaltungsverlauf entsprechend durchgängig weiter befüllt. Gerade wird der Grill angeworfen und bis eine gute Röstbratwurst fertig  ist, greife ich bei Porridge mit Mandelmilch und Roter Grütze zu, nach der Wurst noch einen Schokokuss. Kuchen, Melone und Trauben munden auch. Eine sagenhafte Verpflegung wird hier angeboten, riesengroßes Lob!

Unser Auto steht nah geparkt, mit dem Heck zur Strecke. Ich öffne die Klappe und mache es mir im schattigen Kofferraum gemütlich, kann so den Läufern bei ihrem zunehmend angestrengten Tun zusehen. Die Augen fallen mir auch mal kurz zu. Eine Stunde vor Schluss mache ich mich nochmals auf zu einer Runde. Die aber dank der nun herrschenden Hitze nicht spaßig ist. Inzwischen haben zudem die Rettungssanitäter zu tun. Transporte in Richtung Krankenhaus sind notwendig. Und da die nummerierten Becher bei Abgabe der Startnummern rasch abgeräumt werden, kann man erkennen, dass wohl die Hälfte des Feldes bereits den Lauf für sich beendet hat.
Ich bewundere alle, die sich nun immer noch durchgängig bewegen. Der spätere Sieger fällt mir jedesmal durch locker-flockiges ungebremstes Rennen auf. Er wird 75 km hinlegen. Die beste Frau erreicht 70 km, wow!


Chris schafft knapp 51 km, Heidrun 45 und Oliver wird selbst berichten.
Im Tausch gegen die Startnummer erhält jeder seine Medaille. Die ich in meinem Fall eher als Erinnerung betrachte, statt als Anerkennung eines 6-Stunden-Rennens, das ich ja nur zu wenig mehr als der Hälfte der Zeit bestritten habe.
Meine Polar gibt mir die Note "exzellent" für den Lauf, nun ja, da sieht man mal wieder die Grenzen der Technik! 😂

Mittwoch, 22. Juli 2026

Moldau, Malen, Menschenmassen

Es sollte hier (auch) ums Laufen gehen. Denn ich hatte meine Laufausrüstung, kleine Garnitur, mit eingepackt für eine Reise nach Prag. In der Stadt, in der ich schon zwei Marathonerfahrungen sammeln konnte (2016 und 2017), sollte diesmal allerdings Urban Sketching im Mittelpunkt stehen und laufen nur am Rande ergänzend stattfinden.

Urban Sketching ist eine spezielle Disziplin des Malens/Zeichnens, in der es nicht um akkurate Darstellung daheim in Ruhe an Tisch oder Staffelei geht, sondern um das spontane Festhalten von Momenten draußen vor Ort. Also eine ganz andere Art der Herausforderung.

Um es vorweg zu nehmen, der Kurs bei Jens Hübner, einem renommierten Autor und Dozenten war spannend, fordernd und intensiv.
So wurden schon am ersten Abend Sketchbook und Zeichenstift ausgepackt, während die anderen noch die Speisekarte studierten.


Zudem war es warm bis heiß in der goldenen Stadt. Kurzum, statt zu laufen, nahmen dann doch andere Dinge meine Zeit in Anspruch. 😐 Aber das war ja auch der primäre Zweck der Reise.

Daher hier eher ein paar optische Eindrücke.
Sketcher erkennt man daran, dass sie minimalistisch ausgerüstet irgendwo mittendrin sitzen und ihre Linien und Farben zu Papier bringen.

Am Veitsdom

Prager Burg


Unter der Most Legli

Vorneweg immer unser Dozent, der geduldig demonstrierte, unterstützte und Fragen beantwortete. Gemeinsam ertrugen wir zahllose Touristen, die uns interessiert bis amüsiert beobachteten. Sogar Polizei und Müllabfuhr schauten zu. Zudem zieren wir nun unzählige Fotos und Selfies wohl vor allem im asiatischen Raum. 😆 Hätten wir einen Euro pro Foto verlangt, das Abendessen wäre gut gesponsert gewesen.😂


Der Härtetest fand auf der Karlsbrücke statt. Früh am Morgen malerisch, ...


... von Stunde zu Stunde voller...




Doch wacker positionierten wir uns mittig und gaben unser bestes!


Wir widmeten uns vielfältigen Herausforderungen. Dieses hier war mein persönliches Antipathie-Motiv, der "Rotating Head" von David Czerny. Das Ding dreht sich asymetrisch immer zur vollen Stunde (Video, weiter Skulpturen des Künstlers hier). Und dann hat der Kopf auch noch unzählige Reflexe. 😬


Irgendwie habe ich trotz viel innerer Verzweiflung doch noch was zu Papier gebracht.😏


Andere Motive lagen mir mehr. Von Vorteil ist es zudem, dass man im Gegensatz zur Fotografie ja Unliebsames locker ausblenden und sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Wie sang so schön unsere Kindheitsheldin  Pipi Langstrumpf "Ich mach' mir die Welt wisiwisiwiesie mir gefällt, lalala." 


Ganz recht, das Grün ist zu kräftig...

Die 5 Workshoptage vergingen im Flug, der Dozent hat einen unglaublichen Erfahrungsschatz den er geduldig offenbarte.
Am letzten Tag kam noch eine Überraschung dazu. Eine weitere deutsche Urban-Sketching-Gruppe mit dem Gris begann ihren Kurs. Beide Dozenten sind freundschaftlich verbunden und so wurde für eine Stunde der Dozent getauscht. Das ist ungefähr so, als hätte man einen Workshop mit Haile Gebrselassie gebucht, und dann kommt Eliud Kipchoge um die Ecke und gibt auch noch ein Stündchen! Klasse. 😀

Ich habe viel gelernt, auch wenn mir diese Art des Zeichnens derzeit nur bedingt gelingt. Was sich aber hoffentlich ändern wird.


Auch sonst gab es Interessantes zu sehen und zu erleben. Bienen-TV im Hotel zum Beispiel. Die Stöcke stehen auf dem Dach des Gebäudes, man kann sie von Weitem sehen, aber Großaufnahme ist natürlich ein Schmankerl.

Fassadenanstrich auf tschechisch:

Der Robbi im Frühstücksraum, bringt für die Kellner das benutzte Geschirr in die Küche. Fährt autonom mit munterem Gesichtsausdruck obendrein.


Nette Überraschung des Hotels:


Und dann noch eine tierische Begegnung im Park Legii an der Moldau. Ein Nutria schwamm in Ufernähe. Kaum holte ich mein Butterbrot aus der Tasche und nahm den ersten Bissen war es für diesen Spezialisten klar, HIN! Gezielt enterte er das Ufer und watschelte zu mir. Als ein bittender Blick nicht reichte, machte das Kerlchen auch noch Männchen. Dennoch zog ich es vor, mein Mahl nicht zu teilen. Sicher erweichen sich bei dieser Taktik andere Touristenherzen.

Da kamen die Laufschuhe doch noch zum Einsatz