Sonntag, 26. Mai 2024

Vennlauf (Halbmarathon) 2024

Eigentlich wäre dieses Wochenende wieder der wunderbare Marathon Via Belgica an der Reihe gewesen (20222023,), doch leider wurde der mangels Sponsoren kurzfristig abgesagt.

Was tun? Ersatz muss her. Zufällig stolpere ich über den eifeler Vennlauf, den wir 2019 erstmals liefen, der danach leider mangels Organisatoren ausfiel, nun aber wiederbelebt wurde. Ein profilierter Landschaftslauf, nicht ohne, aber reizvoll.

Während Chris ist für seinen Verein anderweitig unterwegs, gönne ich mir für nur 10 EUR ein preiswertes Vergnügen. Am Vortag mache ich mir noch Sorgen ums Wetter. Es regnet den ganzen Tag, wie mag das dann erst in der Eifel aussehen? Mützenich, der Austragungsort, ist ein Stadtteil von Monschau und bekannt für rauhes Klima. Doch im Lauf des Tages gewinnt die Sonne die Oberhand. 16° werden es, und wie macht sich dazu der hiesige Eifelhöhenwind bemerkbar? Schlussendlich entscheide ich mich, richtigerweise, für kniekurze Tight und dünnes Longshirt.

Auf dem Dorfplatz ist viel los, über 500 Starter/innen werden erwartet auf Distanzen von Kinderlauf bis Halbmarathon.

Wer letzteren hier läuft, weiß, was er sich antut. Das Profil ist gemein. Nach 2 km sofortigem Anstieg geht es bis km 11 nur abwärts. Und dann, klar, alles wieder rauf, bis km 19. Die 235 Höhenmeter hören sich leichter an, als sie sind. Der Blick auf die Teilnehmerliste zeigt, dass sehr viele Sportvereine aus hügeligen Gegenden vertreten sind. Schon 2019 lag ich Flachländerin daher ziemlich weit hinten im Klassement und erwarte mir daher auch diesmal keine gute Platzierung im Mittelfeld. Aber vielleicht in der AK? 

16:45 Uhr geht es los, sofort die ersten 2 km bergan. Ich sortiere mich passenderweise gleich ziemlich hinten ein. Ein Läufer steht mit flammneuen Carbon-Schuhen am Start, was einige belustigte Kommentare verursacht. Zwar sind ca 2/3 der Strecke asphaltiert, aber dazwischen sind einige hundsgemeine Trailabschnitte. Leider weiß ich nicht, ob ihm sein Hightech-Equipment nutzen wird.




Kurz nach diesem Foto ereilt mich nach 1,5 km ein selbsterzeugtes Malheur: Ein Schnürsenkel löst sich. Ich könnte mich....😖. Nun denn, nützt ja nichts. Und dann will der Doppelknoten nicht auf Anhieb gelingen ... 😠😡 Da läuft dann auch noch fast das ganze Restfeld an mir vorbei. Also wollen die Beine erstmal aufholen - bergaufwärts. Sicher nicht die beste Idee, jedoch die Schmach des Besenrades bei mir möchte ich auch nicht erleiden. Ich kann dann auch einzelne wieder einfangen.

Gottseidank folgt auch bald der Einstieg in die lange Abwärtspassage. Mir kommen schnelle Läufer entgegen, die Spitze des vor uns gestarteten 10-km-Laufs. Ein Radfahrer versucht, den ersten Läufer kräftig strampelnd mit anstrengungsrotem Kopf einzuholen. Hat da etwa der Erste sein Führungsrad abgehängt?


Dieser Trail ist beileibe nicht überall so trocken. An Schattenstellen konnte sich anscheinend das Regenwasser besser halten. Es ist dermaßen matschig, dass diejenigen mit normalprofiligen Schuhen teils nur vorwärts rutschen können. Ich bin sehr froh um meine Terrex, die wunderbar Halt bieten und kann wieder an ein paar Läufern flott vorüberhuschen.
Nach dem steilen Trailabschnitt folgen dann viele sanftere Abwärtskilometer. Man kann die wunderbare Landschaft des naturgeschützten Hohen Venns ein wenig genießen. A propos: Wir haben längst die Bundesrepublik verlassen, der meiste Teil des Laufs führt über belgisches Gebiet. Auch daran zu erkennen, dass die Veranstalter keine Markierungen mit Sprühfarbe verwenden dürfen, sondern sich mit reichlich Sägemehl behelfen müssen. Zusätzlich sind auch genügend und freundliche Posten unterwegs platziert, Verlaufen und gar Versinken im Moor ziemlich ausgeschlossen.


Längst hat sich das Feld weit auseinander gezogen. Knapp 130 Starter/innen verlieren sich hier. Ich laufe in meinem Trott ganz gut, klar, bergab gibt Schwung! Ein Läufer schiebt sich noch an mir vorbei, den kann ich noch zurück-überholen.
Allerdings geht dann ab km 11 das Elend der Anstiege los. Bald habe ich das Gefühl, die Beine lagern Blei ein. Das scheint bei anderen weniger der Fall. Ein paar ältere Kämpen kommen von hinten an- und vorbeigedieselt. Weiß der Kuckuck, wie die das machen.


Ein Jüngerer motiviert mich, ungewollt. Immer wieder muss er Geh- und Stehpausen machen, reibt sich die Waden. Ihn kann ich an einem sanfteren Anstieg überholen.



Aber dann lauert ja noch der Trail, auf dem vorhin die 10'er entgegenkamen, nun auch für mich aufwärts, uff. Inzwischen bin ich völlig allein auf weiter Flur.


Und dann kommt auch noch eine Extraschleife ab km 19. NOCH mehr Schlamm!












Aber bald ist es ja geschafft. Erneut kommt man am ersten Verpflegungspunkt vorbei, nun aus der Gegenrichtung. Und dann rollt es sich auch wieder unterstützt durch Gefälle halbwegs locker dem Ziel entgegen.



Von einem Balkon applaudiert mir noch ein älterer Herr als letzter Vertreter der Zunft "Publikum" freundlich, die letzte Kurve, der Startbogen grüßt. Er ist allerdings nicht mehr der Zielbogen....


es geht noch eine Ecke weiter Richtung Dorfplatz ...


... und nochmal 90° nach links und da ist das Ziel! Ich freue mich über ein wenig Applaus. 4 Minuten vor und 4 Minuten nach mir kein weiterer Finisher. Kein Wunder, 101 sind schon im Ziel. Doch nach mir folgen immerhin noch 19. So ähnlich hatte ich es erwartet. Die AK W60 gewann eine Läuferin in 1:55 Std, klasse. Mein 2:19 waren nun doch langsamer als 2019 (2:05), aber da war ich ja auch noch jünger 😏


Im Ziel sinke ich auf eine Bank. Neben mir sitzt ein junger Läufer mit seinen Eltern. Er hat seinen ersten Halbmarathon hier absolviert und ist geschafft. Er findet, das schlimmste sei ja, dass man unterwegs nicht aufhören könne, man MUSS ja irgendwie ins Ziel zurück. Und dann noch dieser elend lange Anstieg. Oh je, ob er hier nochmal teilnehmen werde, mag er gerade nicht sagen. Aber vielleicht wählt er ja eine flachere Strecke für den nächsten Start.


Auch wenn ich am nächsten Morgen mit einem veritablen Muskelkater erwache (der sich beim Gang über einen sehenswerten Töpfermarkt doch recht gut therapieren lässt), ich könnte mir ein Wiederkommen vorstellen. Falls sich der Termin nicht mit dem Via Belgica 2025 überschneidet.

Sonntag, 12. Mai 2024

Kontrastprogramm

Die Woche seit Duisburg war mit sehr reizvollem sportlichen Tun gefüllt: Regeneration. 😊
Zwei gemütliche Läufe, eine Wanderung in der Eifel, das tut gut.
Aber heute sollte es dann zur Abwechslung so richtig flott werden, durch die Landschaft gleiten, das schöne Wetter genießen. Da scheidet laufen aus, es kommt das ElliptiGo ins Spiel! Viel zu lange vernachlässigt hole ich die grüne Elli aus der Garage, ein wenig Staubentfernung, frisches Öl auf die Kette, Luft in die Reifen und los geht's.
Nach Manheim soll es gehen und nach Morschenich. Zwei Dörfer am Tagebaurand mit nun recht unterschiedlichen Schicksalen.

Nach kurzer Wiedergewöhnung an die spezielle Art des "Stehradelns" macht es richtig Spaß! Vor allem abseits viel befahrener Straßen. Einmal sehe ich etwas entfernt eine Harley cruisen. Deutlich zu hören, die Musik, die der Fahrer sich gönnt: "Born to be wild", Originalversion. Passt perfekt zur Szenerie.

Manheim liegt -von weitem betrachtet- malerisch zwischen üppig bewachsenen Äckern. Aber man weiß ja, die Wahrheit sieht aus der Nähe anders aus.









Leicht erkennbar: Es sind noch genau zwei Häuser bewohnt: Das Stammhaus des Dachdeckerbetriebes und ein Bauernhof, dessen Inhaber gerade fleißig einen Acker am Dorfrand pflügt.
Immer noch ist unklar, ob wenigstens die Kirche erhalten bleibt. Die Stadt setzt sich dafür ein, RWE lässt sich nicht festlegen.

Eigentlich wollte ich keine Fotos machen. Aber es ist einfach zu schaurig-schräg hier.
Eine kleine spezielle Erinnerung: Die Reste einer archäologischen Ausgrabung, auch von der Projektgruppe, bei der ich ein wenig mitbuddeln konnte. Die Bodendenkmalpflege vermutete hier einen früheren Rittersitz. Der konnte aber nicht wirklich belegt werden. Man fand viele alte (aber nicht interessant-alte) Keller  und diverse Hinterlassenschaften der letzten Jahrzehnte.


Ich rolle einmal durch das frühere Dorf, bis eine Sperre den Weg beendet. Die Brücke, die hier noch letztes Jahr stand, ist nun auch weg.




Ich finde erstaunlich, dass hier immer noch Ackerbau betrieben wird bis unmittelbar an das Sperrgebiet knapp vor der Kante. Andererseits, warum auch nicht?
Etwa auf Höhe der Erdhügel hinter dem Erdbeerfeld fand vor knapp 10 Jahre eine größere Grabung statt. Es wurden viele Artefakte verschiedener Epochen gefunden. Vor allem späte Eisenzeit, aber natürlich haben auch die Römer ihre Spuren hinterlassen.
Es ist wunderbar hier draußen. Kühlender Wind, Vogelgezwitscher, Froschkonzert aus Tümpeln der letzten Regenfälle, einsames Traktorengetucker aus der Ferne.


Im Hintergrund: Der Hambacher Forst



Es macht Riesenspaß, hier auf weitgehend einsamen Routen zu rollen. Also locker weiter nach Morschenich, ca. 3 km weiter. Ein Dorf, das Manheim sehr ähnelt/e.





Eigentlich stand hier das gleiche Programm an: RWE kauft den Bewohnern alle Häuser ab und dann verschwindet auch dieses Dorf, zeitlich kurz nach Manheim.
Die Bewohner wurden seit 2015 umgesiedelt in einen neu erbauten Ort. Der alte ist erst zu einigen Teilen abgerissen, schätzungsweise noch 1/3 der Häuser sind bewohnt.
2020 entschied RWE, den Abriss nicht mehr fortzusetzen. 
Was nun?
Die Gemeinde Merzenich, zu der Morschenich gehört, kaufte für 34 Mio EUR das gesamte Dorf zurück. Es soll hier ein "Ort der Zukunft" entstehen, in dem Forschung betrieben und nachhaltige Bauweisen und Techniken entwickelt werden sollen. Die noch stehenden Häuser sollen im Prinzip erhalten werden. Frühere Eigentümer können ihre Häuser von der Gemeinde zurückerwerben, müssen sie dann aber im Sinne des Zukunftsprojekts modernisieren.
Aus "Morschenich-Alt" soll dann "Bürgewald" werden.
Ein anspruchsvolles Unterfangen. Man darf gespannt sein, wer aus einem gerade neu erbauten Eigenheim zurück in alte Dorf geht und nochmals von vorn beginnt.
Tragisch am Rande: Ausgerechnet in einem Dorf, das nun erhalten bleibt, brannte vor wenigen Monaten die Kirche ab.


Auch hier fahre ich bis zum Tagebaurand, der sehr unspektakulär aussieht. Keine Arbeiten mehr zu sehen. Nur Ruhe und Frieden herrschen hier, fast schon romantisch.



Zurück in den Ort und am anderen Ende hinaus rolle ich bei strammem Gegenwind Richtung Zuhause.


Zurückblickend eine fast spektakuläre Perspektive, als verschwände das Dorf jeden Moment in der Kohlegrube.
Seitlicher Blick: Ganz hinten kurz vor dem Horizont ist die Manheimer Kirche zu erahnen.



Eigentlich hatte ich mich auf den Wetterbericht verlassen, der leichten Wind aus Südost vermeldete. Doch der kommt dann doch eher deutlich aus Osten, so dass ich mich für den Rückweg auf einigen Kilometer am Gegenwind direkt von vorn  erfreuen darf. Was auf dem ElliptiGo allerdings keine wahre Freude darstellt, denn man kann sich nicht klein machen, steht voll aufgerichtet im Wind...😏
Also einen kleineren Gang gewählt und auf zu den letzten Kilometern. Ich motiviere mich mit einem kühlen Radler, zur Abwechslung selbstgemischt aus Bier und Limo, das ich mir daheim gönnen werde.
Als ich nach 29,9 km vor der Haustür ausrolle, öffnet sie mein Mann, der seinerseits 21 km laufend absolviert hat. Und in der Hand hält er .... den ersehnten Tropfen! Wie der mundet bei 25°!😀

Eine rundum schöne Tour. Das macht den Muskelkater, der mir unzweifelhaft morgen bevorsteht, leichter verschmerzbar.

Montag, 6. Mai 2024

Rhein-Ruhr-Halbmarathon 2024

Schon Mai und noch kein gescheites Renn-Resultat auf dem Konto. Da MUSS jetzt aber was her! 

Also kurz entschlossen in Duisburg angemeldet, zum Rhein-Ruhr-Halbmarathon. Dort war ich schon zweimal am Start (2018, 2019) und habe den Lauf jedesmal als Hitzeerlebnis in Erinnerung. Doch in diesem Jahr wurde der Termin auf Mai vorverlegt und es standen gar kühlere Temperaturen an. Also auf an die Ruhr! 

So stehen wir dann bei 11° und teils zugigem Wind im Starterfeld. Wie so oft bin ich überrascht, wie luftig manche angezogen sind. Ich habe mich für 2 leichte Lagen am Oberkörper entschieden, lange Hose und Handschuhe. Vor allem um die Handschuhe bin ich froh.




Der Start verläuft unspektakulär. Bei den Marathonis, eine Stunde vorher, sang ein Geistlicher noch live zur Gitarre. Ich bin wie immer froh, dass es ENDLICH losgeht. Trotz jahrelanger Erfahrungen, der Morgen vor einem Lauf, und sei es auch nur ein Halbmarathon, ist bei mir immer noch durch extreme Nervosität geprägt, schrecklich.
Mein Ziel ist eine Zeit von ca. 2:15 Minuten, also ordne ich mich hinter den 2:15-Zugläufern ein. Mein Plan: Hinter diesen bleiben und je nach Verfassung später mal an Überholen denken. Aber wie das so ist mit Plänen.
Schnell merke ich, dass ich bei den knapp 2.500 Läuferinnen und Läufern etwas zu weit nach hinten geraten bin. Um mich herum wird gelaufen wie beim Feierabendläufchen einer Skatrunde. Teils so dicht in Reihe nebeneinander, dass ich mich fast wundere, warum die sich nicht unterhaken.
Die 2:15er-Läufer enteilen nach vorn. Ok. Das unterstützt ja meinen Plan. Aber nervig ist es doch, immer wieder auf freien Fußraum achten zu müssen. 
Ein Automatismus setzt in meinem Tun ein, und ich schiebe mich mit viel Zickzack näher an die Zugläufer heran und finde mich bald neben ihnen wieder.


Zuschauerkulisse in Duisburg

Doch um die Zugläufer herum ist die Traube immer am dichtesten, und ein paar Meter vorziehen kann ich ja. Halte eben dann den Kontakt nach hinten zu ihnen. Hier ist ja auch nichts, was einen ablenkt. Der Duisburger Halbmarathon zeichnet sich dadurch aus, dass man auf den ersten Kilometern mit keinerlei Publikumsunterstützung rechnen darf. Man durchläuft Straßenzüge mit völlig desinteressierten Bewohnern. In den Bereichen, in denen Waren, Dienstleistungen und Speisen aus dem vornehmlich südlichen und östlichen Mittelmeerraum in möglichst bunten Läden angeboten werden, sieht man zwar Menschen, die aber eher gelangweilt oder gar genervt dreinschauen, denn die Straßen sind großzügig für den Lauf abgesperrt.
Hier gleicht der Lauf einer Schweigeveranstaltung.
Aber Gottseidank, das wird sich noch ändern. Man muss nur durchhalten. 


Am Stadttheater fehlen leider die Alphornbläser, die sonst hier das Herz erfreuten.


Etwa nach 3,5 km die Stelle, an der die Volldistanz zu einer Extra-Runde abbiegt. Die Marathonis stoßen dann später bei km 6,5 wieder zum Halbmarathon und ab da läuft man gemeinsam, wenn auch zeitversetzt.


Das Duisburger Rathaus. Nicht nur äußerlich an eine Trutzburg erinnernd, auch innen hat es viel Burgencharme, wie er zur Gründerzeit interpretiert wurde. Nur der Paternoster ist ein kleiner Stilbruch, aber einer mit hohem Spaßfaktor.


Sehr positiv zu erwähnen: Die Getränkeversorgung. Der Halbe hat 10 Verpflegungsstellen, also spätestens alle 2 km eine, ein wahrer Luxus. Nur das mit der Becherentsorgung wäre optimierbar. Keine Container. 
Ich nehme an fast jedem Posten ein paar Schlucke Wasser und gönne mir ein paar Gehschritte, um mich nicht zu verschlucken. Jedesmal denke ich, nun müssten aber gleich die 2:15er kommen. Doch niemand kommt. Und noch schöner: Ich überhole und überhole. Fast gerate ich in einen selbsterzeugten Sog. Auf alle Fälle ist es motivierend. Macht mich aber auch ein wenig skeptisch, wie lange das gutgeht.




Inzwischen werde ich doch hier und da überholt. Aber das sind sehr sommerlich gekleidete Läufer, die geschmeidig-schnittig an uns vorbeipreschen - die Spitze des Marathonfeldes, die in ihren 30er-Kilometern laufen. Einer von denen hat sogar noch so viel Energie, einen Halbmarathoni lauthals und mit einigen bösen Worten garniert auf sein vermeintliches Marathoni-Wege-Vorrecht hinzuweisen. Dabei ist hier nun wirklich reichlich Platz für alle.
Bei km 7 ein ersehnter Anblick, vor dem Seniorenheim feuern einige Bewohner uns an. Leider ohne Musik. Doch wenige Meter weiter, endlich erste rhythmische Töne. Das wird aber auch Zeit.



Und dann schallt schon von weitem aus einer Unterführung Krach erheblichen Ausmaßes. Ein Verein unterstützt seine Läufer, "Ihr lauft - Wir saufen" ist deren Motto.



Tja, und immer wieder Kontraste. Duisburg ist keine schöne Stadt im klassischen Sinn. Aber sie hat ihr eigenes Flair durch ihre bodenständig veranlagten Bewohner. Ich weiß nicht, ob Duisburg als Stadt der Stahlproduktion einmal besungen wurde, aber Herbert Grönemeyer hat es mal in seinem Song "Bochum" für seine kohlegeprägte Stadt einige km weiter gut beschrieben. Und diese Melodie geht mir auch auf den ersten musikbefreiten Kilometern im Kopf herum.



Doch dann endlich nach der ersten Streckenhälfte wandelt sich das Bild. Ruhige fast dörflich anmutende Straßen. Und nun ist Party! Beim Hitzelauf 2019 standen hier Rasensprenger, Wasserschläuche, sogar einige Badewannen und Minipools um die Läufer zu unterstützen. Das braucht es heute nicht. Aber viele Stehtische sind draußen platziert, und endlich viel Musik. Ballermann lässt grüßen, und Oldies. "Mendocino" von Michael Holm, oh man, habe ich sogar noch als Single! Teils läuft man von einem Klangteppich zum nächsten. Ein Läufer im Feld hat sogar eigene Mucke dabei, Hüttenmusik mit Zither und Akkordeon, hollahdrioh!
Genau so eine Mischung braucht man auf der zweiten Hälfte. Bei mir läuft es immer noch bestens, auch das mit dem Überholen. Später sehe ich, dass sogar km 17 mein schnellster war mit 5:42 Min/km.




Nach km 16 wird es nochmals ruhiger. Die Beschilderung für die Marathonis lässt mich daran denken, wie die sich hier wohl fühlen werden...?


Ein zünftiger "roter Lappen", begleitet von wummernden Bässen motiviert nochmals für den allerletzten Kilometer.


Und dann beginnt das lange Ende... der ersehnte Zieleinlauf !



Außen nochmals Anfeuerung, dazu dröhnen aus dem Schauinsland-Stadion Musik, Worte und immer wieder Applaus - das hat schon was!


Ab durchs Tor durch die kurze Zufahrt, garniert mit bunten Lichtern ...  



... hinein ins Stadion. Einfach nur ein toller Moment!


Weswegen auch mein Überholdrang hier etwas nachlässt. Nicht mangels Kräften, sondern einfach nur, um diese letzten Meter noch ein wenig länger auszukosten. So geht es auch den meisten um mich herum, einfach nur geniiiiießen!




Ich laufe mit breitem Grinsen im Gesicht dem Zielbogen entgegen...
Doch da .. aus dem Augenwinkel merke ich, wie so ein Typ in mittleren Jahren wahrhaftig zum Sprint ansetzen will. 
Verwackelt - aus Gründen.
An mir vorbei?
Hier? 
Heute?
Nein.
Der Vorgang aktiviert eine gewisse widerspenstige Ader in mir und Kopf und Beine beschließen, das nicht zuzulassen. Die Beine holen kräftig aus, die Arme geben Schwung und die letzten Körner das Ihre dazu.
Der Kerl hat keine Chance. Ich laufe vor ihm über die Ziellinie! Danach muss ich erstmal länger nach Luft schnappen. Und dann kann ich mich den Glückshormonen hingeben. 
Herrlich! 
Was für ein Tag, was für ein Lauferlebnis!
Ich wollte mich fordern, aber nicht das allerletzte herausholen. Einfach einen Lauf haben, der sowohl Spaß macht, als auch Zufriedenheit und Motivation für weitere Aktivitäten gibt.
Mit einer 2:07er-Zeit (netto) hätte ich kaum gerechnet, 11. von 30 in meiner AK.
Auch Chris ist wieder zu alter Rennstärke zurück, 1:48, 5. von 28 in seiner neuen AK.


Diesmal geht es nicht gleich zurück, wir warten noch auf jemand. 
Daher nutze ich die angebotenen Umkleiden, für Damen im Schwimmstadion Duisburg. Dort bin ich fast allein und es ist angenehm warm (ich friere natürlich wie immer). Ich habe nur etwas Sorge, dass die Decke nicht gerade jetzt herunterkommt...


Und dann sündigen wir erst einmal ordentlich, Currywurst mit Pommes, später noch Eis. Nach dem Einlauf  des Großteils der Halbmarathonis leert sich das Stadion. Leider, denn das Mittelfeld des Marathons hat daher eine nicht mehr ganz so stimmungsvolle Kulisse.


Wir möchten unbedingt Luzia, Chris' Staffelpartnerin beim Via Belgica-Marathon letztes Jahr, bei ihrem Marathon-Finish begrüßen. Glücksbeseelt läuft sie ein, mit einer 4:42er-Zeit. Und das, obwohl sie im Hotel kein Frühstück bekam und nur mit trockenem Kuchen des Vortages als Notnahrung auskommen musste. 
Wenn das ein Erfolgsrezept ist, dann werde ich das auch mal so angehen!