Samstag, 7. September 2013

Nürburgringlauf

Soll ich oder soll ich nicht ... den Nürburgringlauf mitmachen? Es gibt genausoviele Argumente pro wie contra. Klar ist, der Köln-HM in 5 Wochen ist meine erste Priorität. Andererseits - der Ring hat schon seinen Reiz... Irgendwie aus dem Bauch heraus lege ich am Vorabend meine Sachen bereit. Mitfahren kann ich ja, mein Mann läuft ohnehin.

So fallen wir dann kurz nach 5 Uhr heute Morgen aus den Betten. 
Dunkel draußen, hat geregnet. 
Ein kleines Frühstück und wir starten in die Morgendämmerung, die heute überwiegend aus Dunst und Grau, nur hier und da einem zartrosa Streifen besteht. In knapp einer Stunde sind wir am Ring.
Fahren daheim bei 18 Grad los, am Ziel sinds gerade noch 13.
Die ersten Regentropfen fallen. Wir gehen zu Nachnennung, die in diesem Jahr ihren Platz in einer der Boxen hat, wo sonst Rennwagenmotoren dröhnen. Es ist schon viel los, denn der Nürburgringlauf ist nicht das einzige Event hier am Wochenende, gleich nach dem Lauf wird ein 24-h-Radrennen für jedermann starten.



Soll ich oder soll ich nicht...? Ich stehe mit dem ausgefüllten Formular immer noch ratlos herum (Das Leben kann schwer sein...). Der Himmel ist auch nicht wirklich einladend. Es regnet. Doch weit hinten, von wo der Wind weht, scheint es heller... Nun denn, ich fasse einen aberwitzigen Beschluss: Trainieren müsste ich nach meinem Plan heute und morgen sowieso, 2 Läufe mit zusammen 160 Minuten bei 75% HF, also geruhsam. Dann kann ich das ja heute hier und jetzt erledigen. Also einen Wettkampf mitlaufen, aber den im Trainingsmodus.
Ich gebe das Formular ab und erhalte meine Startnummer. Nun gibt es kein Zurück mehr. 
Etwas irritiert gehen wir in Richtung Start- und Zielbogen. Denn im Gegensatz zum letzten Jahr ist dies NICHT Start und Ziel, dieses befindet sich jeweils bei den bekannten roten Zeitmessmatten.
Kann man so hinnehmen, muss man nicht verstehen...


Inzwischen ist auch meine Freundin Heidrun eingetroffen, die kurzentschlossen ebenfalls mitläuft, die letzten Minuten gehen schnell herum. Wenigstens hat der Regen aufgehört.


Noch ein paar kollektive Arme-in-die-Luft-Übungen für den Speaker, und dann geht es los. Zunächst auf die Grand-Prix-Strecke, dann aber auf die Nordschleife, die man von den 24h-Autorennen kennt, die berühmte "Grüne Hölle".



Im Gegensatz zu Autorennen gleicht das Terrain eher einem Campingplatz. Die Radsportler dürfen direkt neben dem Asphalt ihre Zelte aufschlagen. Manche sitzen gerade beim Frühstück, einige stehen mit Kaffee in den Händen am Streckenrand und viele feuern das Feld an. Ich muss mich arg beherrschen, dass ich mich im Tempo von den anderen nicht mitreißen lasse, denn ich will ja nur trainieren und bleibe bewusst ganz hinten.



So langsam zieht sich das Feld auseinander. Ich spüre meinen linken Fuß. Schon nach dem letzten Training hatte ich das Gefühl, irgendwas stimme nicht, als wenn sich etwas verschoben habe. Barfuß daheim laufend spürte ich nichts, doch hier und jetzt wird es mit fast jedem Schritt schlimmer. Ich versuche, den Fuß anders aufzusetzen. Was aber nicht immer einfach ist, da zwar die Strecke glatt asphaltiert ist, doch autogerecht konstruiert, will sagen, sie hängt öfter zur einen oder anderen Seite. Aber ich kenne diese Erscheinung (die am Fuß meine ich), bisher ging sie immer noch von selber zurück.


Die Läufer haben den Grand-Prix-Kurs verlassen, im Hintergrund sieht man das Campinglager der Radler. Ab hier wird es überwiegend bergab gehen, zum tiefsten Punkt der Strecke.


Wo der Grand-Prix-Kurs noch weiträumig daherkam, rücken nun Bäume näher heran, die Leitplanken sind ebenfalls nah am Asphaltband. Welch ein Glück, für diejenigen, die ein menschliches Bedürfnis verspüren...



Erfreulicherweise gibt mein Fuß nach wenigen km Ruhe - Heureka!


Die Strecke gleicht stellenweise dem Anzeigenteil einer Zeitung: Da gibt es aufgemalte PKW-Embleme zu bewundern, Teams werden angefeuert, Grüße von Clubs und Orten sind aufgepinselt, persönliche Liebesbotschaften, bisweilen auch Beschimpfungen oder Statements zur Insolvenz des Rings. Je nach Intention des Malers/Autors sind die Schriftzüge ausgerichtet:
Sollen die Fahrer/Läufer es lesen, steht es in richtiger Leserichtung quer über die Strecke gepinselt. Soll es hingegen in den Medien auftauchen, steht es für uns Läufer auf dem Kopf und meist an den Punkten, wo Fotografen und Kameras stationiert sind (die ja meist das Feld von vorn einfangen wollen). Soll hingegen das Publikum oder gar die Angebetete am Streckenrand (hinter den Zuschauerzäunen) die Botschaft erhalten, sind die Schriftzüge in Längsrichtung.
So kann man sich auch lesend fortbewegen.


Immer mehr ähnelt der Nürburgring hier eher einem Waldwandergebiet, wäre er eben nicht geteert. Es ist still, man hört das tack-tack-tack der Läuferschuhe. Manchmal ändert es sich aber auch in quietsch-quietsch, an den Stellen, die viel Gummiabrieb abbekommen haben.


Waren wir gerade noch im Wald, finden wir uns hier auf einem wieder einmal weiträumigen Teilstück wieder. Bei der abschüssigen Bahn geht das Laufen fast wie von selbst: Man hebt die Füße und den Rest erledigt die Schwerkraft -fast- von allein. Aber zu sehr will ich auch hier nicht die Beine fliegen lassen, denn auch das kostet Kraft. Mein Puls bleibt in üblichen Trainingszonen, das Laufen geht leicht und locker, Heidrun und ich unterhalten uns über ihren neuen Hundewagen am Fahrrad, über Weineinkäufe, meinen Blog, dies&das.


Und dann kommt der Punkt, den das Bild nur unzureichend wiedergeben kann: Breitscheid, der tiefste Punkt der Strecke. Viele nutzen den Verpflegungspunkt nochmals zum Auftanken,
denn gleich dahinter
lauert sie
die Eigernordwand für Läufer.
Ab hier
wird es hart.


Die Steigung ist am Anfang immens, zwar ist hier sicher die Spitze des Feldes auch hinaufgeflogen, doch meinereiner und auch die anderen legen das steilste Stück nur gehend zurück. Hat auch den Effekt, dass man wertvolle Kräfte spart. Denn ab hier lauern die schlimmsten Steigungen bis zu Hohen Acht, rd. 5km mit ca. 300-350 Höhenmetern erwarten uns... mal kommt ein relativ flaches Stück, mal steigt der Kurs wieder an.
Das Kloster"-tal" ist kein echtes Tal!
Das 12-km-Schild tröstet ein wenig, die Hälfte ist geschafft, es war die leichtere...



Das Caracciola-Karussell ist erkennbar für Hochgeschwindigkeitsfahrten gedacht, als Läufer wählt man den bequemen innersten Radius, so sehr wirken die Fliehkräfte heute doch nicht auf uns ;-)


Der blaue Bogen markiert ... nicht das Ziel, sondern nur die Hohe Acht, die man nach ca. 16-17 km erreicht hat. Es wartet ein reichhaltiges Erfrischungsangebot auf uns. Man könnte meinen, das Schlimmste sei geschafft. Doch der Insider weiß, es kommen noch weitere Steigungen. Ich habe meine Kräfte auf den letzten km daher geschont, bin öfter zügig gegangen, als versucht, die Steigungen laufend zu bewältigen. Doch hier oben bin ich dennoch reichlich erschöpft. Aber egal, ich will ja nur trainieren und keinen schnellen Lauf hinlegen. Also laufe ich zwar zügig die nun folgenden Gefällestrecken, die aber dann immer wieder eingestreuten Steigungen gehe ich wieder.


Ich gönne mir ein Energie-Gel. Das hätte zwar durchaus schon früher sein können, doch mein Magen schätzt während eines Laufs keine Nahrungszufuhr, es ist immer ein wenig eine Gratwanderung zwischen Bedarf an Energiebereitstellung und Bereitschaft des Magens zur Verdauung. Und kurz darauf spüre ich, wie die Beine dankbar sind und es geht wieder besser voran.
Leider setzt der Sensor zur Geschwindigkeitsmessung nun gelegentlich aus. Doch das bringt mich nicht aus dem Takt, ich laufe eben so, wie ich mich fühle. Am Ende wird mir rd. 1 km Distanz gemäß Pulsuhr fehlen. Wie oft bei längeren Läufen gibt dann auch der Pulsmesser bisweilen überhöhte Werte an, jedenfalls habe ich sicherlich keinen Puls von 190.
Und dann plötzlich - der Himmel reißt auf, die blauen Stellen werden immer größer :-)



Der Pflanzgarten - aus Läuferperspektive keine Herausforderung, für am Limit fahrende Rennwagen sieht das dank Bodenwellen anders aus:

Ca 4 km vor Ende erreiche ich die Döttinger Höhe. Ich genehmige mir einen Energiezucker. Weit kann man schauen. Hier ist es wie im Märchen: Hinter den 7 Bergen... aber nicht bei den 7 Zwergen, sondern nach jeder Kuppe folgt noch eine und noch eine und immer bergauf... Doch das Ziel ist schon in greifbarer Nähe.


Die Namensgeberin der Rennstrecke, die Nürburg, zeigt sich fern auf ihrer Kuppe. Immer noch die Döttinger Höhe, auf der der Wind ins Gesicht bläst. Und noch eine Kuppe und noch eine... :


Und dann - die für mich schönste Perspektive am Ring: Man biegt wieder ein auf die Grand-Prix-Strecke (die hier von rechts kommt) - endlich! Ein wirklich beglückender Anblick, ich habe eigentlich gar keine Lust, hier zu einem Endspurt anzusetzen, irgendwie will ich den Moment nur genießen, den Himmel, die Sonne, die Freude über die bewältigte Strecke. Doch so mag man sich ja dann doch nicht gehen lassen, ich trabe also nochmals los.


Gloria Gaynor schmettert ihr "I will survive" - und ich HAB'S überlebt!!! Ach, das Leben kann schön sein!
Mein Gefühl finde ich an einer Fußgängerpassage kurz vor dem Ziel sogar schriftlich ausgedrückt:



Wie wir wissen, hier ist zwar der Zielbogen, aber das Ziel ist weiter hinten...
Der Vorteil des langsamen Laufs ist, man hat viel Fläche für sich allein...;-)


Ein Zuschauer beobachtet mich beim Fotografieren des Zielbogens und bietet an, mich abzulichten. Gern -  ich habe es nicht eilig heute!


Ich bin froh, dass ich mitgelaufen bin. Am Ende zwar 25 Minuten langsamer als in 2012, aber das ist voll in Ordnung, meine Intention war ja eine andere, ein gemütlicher Trainingslauf an einem besonderen Ort. Dennoch bin ich auch froh, dass es nun geschafft ist. Wir gönnen uns noch ein alkoholfreies Bier einer bayerischen Sponsorenbrauerei, dann geht es gemütlich nach Hause.

Nürburgring 2014 - wenn es ihn dann noch gibt, bin ich wieder dabei!


15 Grad, 24,4 km,  2:56:06 (ca. 7:02 Min/km), Puls ca. 142

Kommentare:

  1. Hallo Elke
    Hab ich's doch gedacht, dass du nicht einfach zuschauen kannst! Herzliche Gratulation zu deinem sehr speziellen und sehr langen Lauf!
    Und danke für deine sehr tolle Fotoreportage! "Den Ring" habe ich mir ganz anders vorgestellt - wie eine Autobahn. "Fuchsröhre" und "Kesselchen" erinnern eher an einen Trail-Lauf in einem Urwald, als an eine turboschnelle Autorennstrecke!
    "I will survive" hab ich gestern im Autoradio gehört, dieser Song passt wirklich gut zu einem Wettlauf (uns ist er beim Marathon in Wien begegnet).
    Du hast dieses überlange Training super eingeteilt. Es war ja eine gewaltige Kilometer-Steigerung! Wenn du dir nun ein paar ruhige Tage gönnst, wirst du auf Köln hin bestimmt von diesem grossen Trainings-Reiz profitieren - und dann werden dir 21 km vorkommen wie ein "Klacks"!
    Viel "Nach-Freude" am speziellen Sonntags-Erlebnis wünsche ich dir (euch) und ein weiterhin erfolgreiches Training (ohne Fuss-Zwicken!).
    Liebe Grüsse
    Marianne

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    1. Hallo Marianne,
      danke für Deine Glückwünsche!
      Im Nachhinein muss ich wirklich sagen, ich bin froh, mitgelaufen zu sein. Der Lauf hat ohne Anspruch auf persönliche Bestzeit für mich eine völlig neue Qualität gewonnen :-) Kommt noch hinzu das Wetterglück! Wir hatten optimale Bedingungen, seit gestern Abend schüttet es ohne Ende, teils mit Gewittern, die armen Radfahrer, die ja heute noch mitten in ihrem 24h-Rennen sind.
      Es war mir hilfreich, den Ring vom letzten Jahr zu kennen, das erleichtert sinnvolle Einteilung sehr.
      Er ist nur im deutlich kürzeren GP-Teil, den auch die Formel 1 fährt, "etwas" breiter, aber von Autobahn ist er weit entfernt. Im Gegenteil, wenn man dort läuft kann man sich gar nicht vorstellen, wie hier Autos mit irrem Tempo einander überholen können - oder es versuchen.
      Ihr solltet den Lauf unbedingt einmal mitmachen, es ist wirklich ein ganz spezielles Erlebnis, und für Euch von den Steigungen her ja locker... ;-)
      Du bist schon in Wien gelaufen? Das planen wir evtl. für 2014.
      Ganz liebe Grüße!
      Elke

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    2. Hallo Elke
      Toll hat dir der Erlebnis-Longrun-Nürburg-Ring-Lauf Spass gemacht und war euch das Wetter auch noch gut gesinnt! Nun wünsche ich dir, dass dieses positive Erlebnis dir auf Köln hin viel Energie gibt!
      Gerne würden wir wieder mal in Deutschland laufen. Der Wettlauf auf dem "Ring" scheint wirklich was ganz Besonderes zu sein - Köln steht ganz bestimmt auch mal auf dem Programm, und nach Frankfurt und vielleicht ein 2. Mal nach Hamburg möchten wir auch...
      Den (Halb-)Marathon in Wien kann ich euch sehr empfehlen. Uns hat er prima gefallen. Am schönsten fand ich das live übertragene Konzert der Wiener Philharmoniker. Es hat mich auf dem Weg zum "Lusthaus" und zurück zwischen 30-35 km sehr berührt und richtiggehend getragen und beflügelt. Und das Nach-Marathon-Programm war auch ganz toll. Sachertorte, Fiacker-Fahrt und Besuch des Schlosses Schönbrunn :-)
      Viele liebe Grüsse
      Marianne

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  2. Du hast dich also doch getraut! Und es - so lese ich raus - trotz aller Anstrengung genossen (ich hoffe, der Fuß ist nicht nachhaltig beleidigt - manchmal laufen sich Probleme ja raus ;-) ). Herzlichen Glückwunsch zu einem ausgedehnten ruhigen Trainingslauf mit etlichen Höhenmetern! Wie viele HM waren es eigentlich?.

    Liebe Grüße, gute Erholung - Marianna hat das Thema "Superkompensation" ja schon ins Spiel gebracht: Jetzt ein paar Tage ruhig machen, dann bringt der Lauf dich richtig weiter!

    Anne

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    1. Ja, ich konnte nicht widerstehen... :-)
      Also man startet auf rd.620 m, der tiefste Punkt liegt knapp 300 m tiefer, aber dazwischen gibts auch "zickzack", also in Addition sind es ein paar m mehr. Unter http://www.nuerburgring-lauf.de/de/die-laeufe/24km-lauf/strecke kannst Du Dir Details ansehen. Mir ist noch letzte Woche aufgefallen, daass wir im letzten Jahhr ja auch an einem Wochenende Maare-Mosel gelaufen sind, und gleich am nächsten Wochenende den Ring.
      Die Erholung genießen wir schon seit gestern Abend :-), brauchen wir aber auch!
      Liebe Grüße
      Elke

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  3. Dabei sein heißt die Devise
    Hach - alles gut gegangen
    Elke doch am Start
    schön, dich mal überhaupt zu sehen
    damit man weiß
    mit wem man es zu tun hat
    Fertig siehst du auch nicht aus
    YES - das gefällt mir ! ;)

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    1. NATÜRLICH sehe ich nicht fertig aus, dann hätte ich ja etwas falsch gemacht ;-)
      Und bin in meiner AK noch nicht mal letzte, und von allen Frauen sind auch noch 30 nach mir - aber 165 vor mir :-)
      LG
      Elke

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  4. Hi Elke, Toll, dass du mitgelaufen bist! Ein interessanter Bericht und schöne Bilder. Du siehst glücklich aus nach dem Rennen, das war es doch wert:-). Ich les es erst heute, denn WLAN funktioniert hier nur sporadisch - auch das ist Urlaub. Gute Erholung den Beinen :)
    Tanti saluti, Eva

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    1. Hallo Eva,
      ja es HAT auch wirklich Spaß gemacht. Ist eine ganz andere Sache, so einen Lauf eben nur als Training und völlig ohne Leistungsdruck zu laufen.
      Dir noch weiterhin schöne Tage!
      Liebe Grüße
      Elke

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