Zunächst fällt der Asphalt auf. Hier ist er eher rauh und körnig, während er auf der neuen A4 glatter ist. Und natürlich ohne Spurrillen, die deutlich eingeschliffen sind von den unzähligen Kraftfahrzeugen.
Und natürlich gibt es viel mehr zu sehen, Fundstücke aller Art:
Schuhe, immer nur einer.
Wunderschöne Blüten auf dem Mittelstreifen.
Überhaupt viel mehr Grün.
Zahlreiche Reifenreste, hier sogar nett drapiert über die Leitplanke.
Vor allem Wegwerfmüll ist in unglaublicher Menge zu sehen, beiderseits das Asphalts. Oft in langen Jahren von der Sonne verblichen, aus vielen Ländern gemäß noch erkennbarer Packungsaufschriften. Deutlich an den vielen Pappbechern zu erkennen, wie unsere To-Go-und Ex- und-hop-Mentalität sich breit gemacht hat.
Auch die Rastplätze beziehe ich ein. Was hier so alles im Gras und im Gebüsch liegt, igitt, das will man gar nicht näher betrachten.
Es läuft sich wunderbar locker und leicht bei den Bedingungen heute. Zudem teste ich eine neue Errungenschaft, einen Laufrucksack. Neulich für 10 EUR beim Discounter testweise erworben, da ich mir nicht sicher bin, ob so etwas für mich taugt. Doch ich bin sehr angenehm überrascht. Trägt sich mit der großen Wasserflasche wunderbar, drückt nicht, scheuert nicht, das ist es für die langen Läufe!
Die erste Stunde vergeht im Fluge. Ich sehe weit vor mir eine Brücke und darauf Gestalten. Beim Näherkommen mache ich eine Familie aus, die wie sonst auch oft zu beobachten, von oben den Verkehr beobachtet. Wo man sich wünscht, die werfen einem nur Blicke zu, statt Steine aufs Auto. Nur - hier ist ja heute kein Verkehr...
Als ich in Hörweite bin, ruft mir der Mann zu "Bitte mal wiiiinkeeeen". Mach ich doch glatt. Zücke meinen Apparat und rufe "Und jetzt umgekehrt!" Gelächter und winken.
"Wie weit wollen Sie denn noch?"
"30 km insgesamt!"
"Oh, .... dafür ist das hier ja prima!"
"Ja, ist es!"
Die muntere Begegnung macht mich ein wenig übermütig und ich arrangiere ein kleines Selfie.
Kommt natürlich keiner.
Muss ich eben weiterlaufen.
Aber nicht zu unseren Benelux-Nachbarn, wäre doch etwas viel.
Gerade fotografiere ich das bunte Herbstlaub mit der noch beleuchteten Signalanlage ganz weit in der Ferne und frage mich, ob denn hier der letzte wohl vergessen hat, das Licht auszuschalten?
Da brummt es von weit hinten. Kurzer Blick über die Schulter, ein weißer SUV nähert sich. Komisch, wie kommt denn der auf diese Trasse? Die Zufahrten sind doch gesperrt?
Ich trabe weiter, der SUV langsam auf Abstand hinter mir her. Kein angenehmes Gefühl.
Mir dämmert, was es sein könnte.
Und das ist es dann.
Der Wagen fährt neben mich, Security. Drinnen 2 private Sheriffs in schönen Uniformen. Der Beifahrer lässt die Scheibe herunter und fragt, was ich hier tue.
"Na laufen."
"Das dürfen Sie hier nicht."
"Ja aber hier ist doch kein Auto."
"Dürfen Sie trotzdem nicht. Verlassen Sie die Strecke."
"Ja aber ich mach doch nichts."
"Dann müssen wir Meldung machen." Griff zum Funkgerät.
Kurz überlege ich, ob ich eine kleine Diskussion lostreten soll, über die Gemeingefährlichkeit von Joggerinnen der Altersklasse W50 auf gesperrten Autobahnen. Lasse es aber mit Blick auf die Richtung Kinn festgetackerten Mundwinkel der beiden, die sich wahrscheinlich innerlich freuen, endlich eine Abwechslung zu haben.
Am Ende kann ich einen Kompromiss aushandeln, ich laufe zurück und werde bei der nächsten Gelegenheit einer Straße oder eines Weges die Autobahn verlassen. Das entlockt ihnen ein Brummen. Auf ein Foto verzichte ich lieber, mache kehrt und überlasse sie sich selber.
Nach einem halben km entdecke ich eine Straße mit Brücke über die Autobahn. Ok, ich schwinge mich über die Leitplanke, aus der Ferne bewacht, und erklimme die Böschung.
Keine Ahnung, wo ich hier bin. Die Schienen jedenfalls sind Tagebaugelände. Und wie ich dann merke, bin ich vom Regen in die Traufe geraten, nämlich auf Werksgelände des Tagebaus. Der seinen eigenen Werksschutz hat. Den will ich nicht auch noch heute kennenlernen.
So ein Murks. Mit der Back-to-Start-Funktion des V800 habe ich mich noch nicht vertraut gemacht (und wie ich später merke, hatte ich diese auch noch nicht aktiviert). Doch ich bin zuversichtlich. Zwar kann ich bekennendermaßen nicht rückwärts einparken, doch Landkarten lesen und mich orientieren, das gelingt mir meist sehr gut.
Meist - nur nicht heute.
Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wo ich bin. Außer, ziemlich weit weg und im Nachbarkreis. Keine Orientierungsmarke auzumachen, die Sonne hinter Wolken. So trabe ich auf den nächsten Kirchturm zu in der Hoffnung, dort klarer zu sehen. Sehe ich auch und erkenne die Straße wieder, auf der ich jüngst zum Montelino fuhr. Also habe ich eine grobe Ahnung, und das nächste Problem. Das hier ist eine Bundesstraße ohne Radweg. Ist mir jetzt auch sch....egal. Laufe ein Stück entlang der weißen Linie, bis sich links eine Art Wiesenbiotop öffnet. Ok, hier kann ich abkürzen und weiter hinten links auf die nächste Straße. Theoretisch. Nächstes Problem, die Wiese ist ein Sumpf, zurück will ich auch nicht. Kämpfe mich durch stachelige Ranken bis zur nächsten Straße. Wo ich dann nicht weiß, ob links oder rechts. Sehe weiter hinten die neue A4 und versuche, daraus Anhaltspunkte zu gewinnen. Habe aber irgendwie ein Brett vorm Kopf. Laufe einige 100 m links, muss doch falsch sein, wieder zurück. Auf den Straßenschildern sehe ich Hinweise nach Morschenich und Merkenich und Düren und Jülich und Buir. Ja, kenne ich alles, aber wie genau liegen die zueinander?
Am Ende entscheide ich mich für Buir, ist wenigstens ein Ortsteil meines Wohnortes.
Damit verbunden ist dann ein km-langer Lauf auf weiterhin radwegloser Straße. Endlich kann ich schlüssig sagen, wo ich bin. Aufatmen. Im nächsten Dorf, mit etwa 22 km auf dem "Tacho" will ich das 2. Gel nehmen.
Igitt, was schäumt und klebt denn da im Rucksack? Hat die blöde Verpackung doch ihren Inhalt längst verteilt. Ich schätze den restlichen Heimweg auf mindestens 10 km. Na das wird heiter, ein über 30'er ohne weitere Energiezufuhr.
Und das alles nur wegen diesen beiden Typen, die bequem ihre Bierbäuche im SUV umherschaukeln.
So trabe ich also weiter, heute dann eben nur "auf Wasser". Und wundere mich, dass es immer noch recht gut geht. Merke allerdings, dass der Puls nach oben zieht.
Bei km 30 nehme ich die Zeit und mir selber vor, das letzte, nun schon überschaubare Stücke ganz gemütlich gehend und zockelnd zurückzulegen. Was ich dann auch schaffe und zu den 30 vorgegebenen immerhin noch 5 weitere Kilometerchen als Zugabe hinlege.
Nochmals muss ich auf einer Brücke die alte A4 queren. Und was rollt da ganz allein über die wunderbar leere Strecke? Ein weißer SUV. Ich könnte mich hinreißen lassen, zu Flüchen oder Gesten. Sind die mir aber doch nicht wert.
Wie froh bin ich, als ich endlich vor der heimischen Haustür stehe, wo mich schon die vor der Haustür als erste Hilfe platzierte Flasche Fassbrause erwartet!
Ich sinniere noch kurz darüber, in welchem Land wir doch leben, wo selbst gesperrte und aufgegebene Autobahnen tatkräftig gegen gefährliche Jogger, Skater, Radfahrer und ähnliche Störenfriede bewacht werden. Könnte ja jeder kommen. Wäre ja noch schöner!
Haben wir hier eigentlich keine andere Sorgen?
Doch rückblickend muss ich sagen, macht mich der Sonntagslauf dennoch zufrieden. Die 30 km waren kein Problem, da habe ich noch vor 2 Wochen mehr kämpfen müssen.
Der Marathon kann kommen!
17 Grad, 30 km, 3:15:35, (6:30 Min/km), Puls 136 + Zugabe weitere 5 km








































