Als wir denn auch dreiviertel Stunden vor dem Start ankamen, herrschte absolute Ruhe. Man konnte zwar erkennen, dass hier heute eine Veranstaltung stattfindet, aber von Hektik – geschweige großem Menschenauflauf war aber gar nichts zu erkennen.
Gemütlich konnten wir unsere Nachmeldung und das Abholen der Startnummern erledigen. Pünktlich um 12 Uhr scharte sich eine gut überschaubare Menge zu einer Gruppe zusammen, ein kurze Begrüßung des Veranstalters auf Französisch und Flämisch. Danach begann auch schon einer von 5 herunter zu zählen, wo – zumindest mir – gar noch nicht klar war, wo sich die Startlinie befand und wie der Streckenverlauf nach dem Start war. Aber das ist halt Trail in seiner urtümlichsten Form – und versprach schon einiges, aber insofern kein Problem, da es durchaus einige gab, die nicht das erste Mal mitgelaufen waren. Also konnte man erst mal dem Feld folgen, das sich allerdings sehr schnell in die Länge zog. Die ersten Kilometer liefen für mich ganz erfreulich, es ging gefühlt recht leicht voran. Bereits da war vom schönen Waldweg bis zum Dickicht quer durch den Wald alles im Angebot. Dabei muss gesagt werden, dass die Strecke über die ganze Distanz hervorragend beschildert und markiert war. Allerdings kann man im dichten Tannenwäldchen keine 5 Meter weit sehen, so dass es teilweise schon eine Herausforderung war vom einen zum nächsten Punkt zu finden.
Solange man sich in Gesellschaft befand, klappte dies auch sehr gut. Einmal folgte ich einer Gruppe im offenen Wald zwar eine Anhöhe hoch, bis einer bemerkte, dass die Strecke doch eher wohl weiter unten verläuft. Also mussten wir quer durch hohen Farn laufend unseren eingeschlagenen Weg korrigieren.
Den Abhang herunterlaufend spürte ich im rechten Knie auf der Innenseite einen schmerzhaften Stich. Bei der ersten Möglichkeit einen Blick darauf werfen zu können – ich befand mich immer noch in dichtem Farn – erschreckte ich mich gleich nochmals. Eine riesige Wespe (zumindest erschien mir das Viech schon sehr groß, so dass ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob es sich um eine große Wespenart oder wirklich um eine Hornisse gehandelt hat) hing mit dem Stachel im Knie fest. Ich konnte mit der Hand gleich so drüber wegwischen, dass sich das Tier löste und weg flog. Bei einem kurzen Halt kontrollierte ich, ob sich nicht etwas noch der Stachel im Knie befand. Das Stechen hielt auch noch gut eine Weile an. Dennoch nahm ich den Lauf wieder auf, allerdings drosselte ich vorerst einmal das Tempo, um zu beobachten, ob sich eine Schwellung um die Einstichstelle bildet. Während des weiteren Laufes machte ich mir denn auch Gedanken, wie sich dies denn nun auswirken könnte. Was ist, wenn das Gift in die Blutbahnen gerät und bis zum Herz gelangt? Ich meine auch schon solche Berichte darüber gelesen zu haben. Da es mir aber im weiteren Verlauf trotz dieses Dämpfers auf meine Moral ansonsten gut ging, verdrängte ich diese Gedanken wieder.
Bald hatte ich denn auch schon ein neues Problem: Magenkrämpfe bremsten mich vehement ein, so dass ich keinen anderen Ausweg sah, als eine Freiluft-Toilette an einem wunderschönen Ardennensee in Anspruch zu nehmen. Wie ich wieder aus dem Dickicht kam, hörte ich Stimmen und sah sogleich zwei mir vertraute Gesichter. Andi und Nile kamen herangetrabt und fragten erstaunt, wo ich denn her käme. Nile meinte nur, sie hätten geglaubt, ich würde gleich einen neuen Rekord laufen wollen, so wie ihnen enteilt wäre. So begaben wir uns zu dritt auf den weiteren Weg, wo wir auch kurz nach unserem Zusammentreffen zum ersten Verpflegungsposten gelangten.
Danach liefen wir gut bis Kilometer 22 gemeinsam, einmal der eine vorne, dann wieder der andere. Es war interessant zu beobachten, wie unterschiedlich jeder von uns läuft. Andi ist den Berg hoch schneller, Nile und ich um einiges flinker den Berg runter. Beides sind Teildisziplinen, die einen kompletten Trailläufer ausmachen.
Nach ungefähr 28 Kilometern erreichte man Salm-Chateau, ein Ort, der nach seinem Schloss benannt ist. Zuerst gibt es an dieser Stelle eine kleine Verpflegung und ein Gespräch mit den anwesenden Personen. Anschließend führt die weitere Strecke in einen der Türme, ein enge Wendeltreppe runter, durch einen Gang und danach wieder eine Treppe hoch. Beim Ausgang wartete dann auch schon der Blick in eine Kamera. Nach einem netten „Au revoir“ ging es durch den Schlossgarten wieder zurück auf eine Straße. Dort wurde auch gleich jemand abgestellt, der einen den weiteren Verlauf der Strecke erklärte. Da er mehrmals „gauche“ hintereinander genannt hatte, war mit den Markierungen zusammen der weitere Verlauf mehr als nur klar…
Und nach dem kurzen Abstecher in die Zivilisation, befand man sich innert Kürze wieder in tiefstem Walde. Der Weg führte entlang von schönen Bächen und Vieles erinnerte mich sehr stark an Täler in Nordwales. Kräftig grüne, mit Moos überwachsene Baumstämme, grünes Wasser… herrlich und sehr idyllisch. Wären da nicht die rot-weißen Markierungsbänder gewesen, ich hätte keine Ahnung gehabt, in welche Richtung gehen zu müssen, um auch nur irgendwohin zu gelangen.
Alle Bachlaufüberquerungen waren so angelegt, dass man – wenn man sich nicht allzu ungeschickt angestellt hat – trockenen Fußes auf die andere Seite gelangen konnte. Kurz vor der 2. Verpflegungsstelle bei Kilometer 36 (ja, zwischen der 1. und der 2. lagen 22 km – im wahrsten Sinne des Wortes eine Durststrecke!) gab es kein Entrinnen mehr. Eine Bahn- und Straßenüberführung war nicht anders als durch das Wasser watend zu bewältigen. Einmal im Flüsschen gehend, fühlte sich das kühle Nass an den Füssen angenehm an. Was war aber dann, danach so weiter laufen zu müssen? Zu meiner Überraschung stellte dies jedoch keine besonderen Probleme dar.
Beim Verpflegungsposten traf ich dann endlich wieder auf einen anderen Läufer. Ich machte nur kurz Pause, so dass wir gemeinsam die Fortsetzung unter die Sohlen nahmen. Schon bald befanden wir uns erneut mitten im Wald und mussten uns den Weg über Stock und Stein, Hügel hoch und wieder runter in freier Wildbahn suchen. Nach ein paar Kilometern war ich denn aber schon wieder alleine auf mich gestellt.
Gerne hätte ich auf freiem Weideland von der - überwiegend weiblichen - Zuschauermenge am Streckenrand ein Bild gemacht, aber just in diesem Moment spukte einmal mehr meine Handy-Kamera (und hat mich weitere unnötige drei Minuten eingebremst!) – so dass ich das mir dargebotene Bild nur beschreiben kann: Mindestens 20 Augenpaare hatten mich wiederkäuend in Beschlag genommen und quasi fixiert.
Und schon geht es weiter, ich laufe so schnell, wie es die Beine noch zulassen. Nach 48,5 Kilometern erreiche ich den letzten Verpflegungspunkt. Die Frage der Betreuer, wie viele Läufer denn nach mir noch ungefähr folgen würden, hat mich schon etwas irritiert. War ich wirklich so weit zurückgefallen? Immerhin wusste ich noch Nile hinter mir – oder hat er etwa wegen seiner Beschwerden gar aufgeben müssen? Dazu habe ich im wahrsten Sinne des Wortes laufend andere Teilnehmern einge- und überholt. Die hatten aber anders farbige Startnummern getragen. Also mussten dies wohl Läufer des 30-Kilometertrails sein. Die restliche Strecke verlief abschüssig zurück nach Montleban, wo mir beim Zieleinlauf die volle Aufmerksamkeit des Speakers zuteilwurde und persönlich begrüßt wurde. Wirklich familiär und putzig. Mo empfing mich mit den Worten, dass ich ja noch gut und frisch wirke – was mein Gefühl jedoch nicht zu bestätigen vermochte…
Er stimmte jedoch mit mir überein, dass der Lauf schon eine harte Nuss ist und einem alles abverlangt hat. Dennoch hat Mo mit dem 9. Schlussrang ein Glanzergebnis erlaufen und die Strecke unter sechs Stunden bewältigt. Ganz so top waren wir anderen nicht, Andi und Dominik waren schließlich eine halbe Stunde vor mir im Ziel und Nile erreichte dieses nach weiteren 20 Minuten.
Fazit:
- Alle haben das Ziel ohne ernsthafte Blessuren erreicht und sind auf die eigene Leistung stolz
- Trails haben einen eigenen Charme und sind eine gute Abwechslung zu den Straßenäufen
- Ich habe eine neue sehr schöne und attraktive Gegend kennengelernt
- Die Veranstaltung kann man guten Gewissens weiter empfehlen
A bientôt!
Der eidgenössische Ehemann :-)






































