Samstag, 7. Februar 2015

Endzeitstimmung


-5 Grad in der Nacht - das ist für unsere Region durchaus stramm. So ist der Morgen eisig. Eigentlich wollte ich gestern laufen, doch das fiel einer plötzlichen Reibekuchenessverabredung mit meinen Staffelkolleginnen zum Opfer. Nun ja, es gäbe schlimmeres, das einen ungeplant heimsucht ;-)

Also dann, heute geht es auf lange Tour. Die Sonne und der blaue Himmel laden jedenfalls ein.




Ich nehme mir vor, das sterbende Dorf zu besuchen, das demnächst komplett verschwinden wird, damit weiter Kohle abgebaggert und damit Strom erzeugt werden kann (siehe hier oder Label "Rheinisches Braunkohlerevier").
Auf dem Bild hinten rechts liegt es, doch der Feldweg ist eine Sackgasse.





Also weiter auf dem asphaltierten Wirtschaftsweg, unter den hier überall herumstehenden Landmarken allmächtiger Energienetze.

Nach gut 45 Minuten habe ich nun auch endlich das Gefühl, warm gelaufen zu sein. Erfreulicherweise gibt es nur wenig Wind und eine erste leichte wärmende Wirkung der Sonne auf der schwarzen Longtight ist zu spüren.
Dennoch werden mit der Länge des Laufs später die Knie etwas kältesteif werden.



Nach knapp 50 Minuten bin ich in Manheim. Die Veränderung seit meinem letzten Besuch dort im September ist deutlich spürbar. Inzwischen verlassene Häuser bestimmen das Bild. Es ist Samstagmittag, bei mehr als 3/4 der Gebäude sind alle Rolläden dicht und die Briefkästen zugeklebt, ein gut sichtbares Zeichen, dass sie leer stehen.






Hier wohnt erkennbar schon länger niemand mehr...

Überall herrscht fast Grabesstille.
Mancherorts werden Baucontainer mit Gerümpel gefüllt. Keine Kinder auf der Straße, keine Menschen. Keine Spuren eines sonst üblichen Samstags in einem früher munteren Dorf.





Auch hier keiner mehr da.
Besonders die holzvernagelten Türen erzeugen Endzeitstimmung.















Türschmuck vergessen?






















Die strahlende Sonne überstrahlt heute die Tristesse, doch dieses Dorf bei Regen oder grauem Herbstwetter zu erleben dürfte nichts für depressive Menschen sein.

Das neue Dorf, in das alle gemeinsam umziehen, ist entsprechend weit gediehen, aber es ist eben ein Retortendorf auf dem Acker.

Eine Schlagzeile der Regionalpresse der letzten Zeit war, dass rd. 100 Katzen im alten Ort zurückgelassen wurden und nun herrenlos dort leben. Ich kann nur hoffen, dass das nicht so ist... Jedenfalls sehe ich während meiner Runde durchs Dorf keine einzige.

Am Ende meines Laufs besuche ich noch meinen Lieblingsbäcker und balanciere die letzten paar 100m ein Kuchenstück heimwärts, das habe ich mir nun verdient.
Während ich mich auf dem Sofa ausruhe zieht sich der Himmel zu. Alles bestens gelaufen.

Dienstag:
2 Grad, 7,3 km, 43:49, (6:22 Min/km), HF 139

Heute:
1 Grad, 18,9 km, 2:06:02, (6:39 Min/km), HF 136

Kommentare:

  1. Liebe Elke,
    du hast recht, bei diesem strahlenden Wetter wirkt das verlassene Dorf sehr irreal - im Düsteren oder im Halbdunkel wäre es allerdings schon sehr bedrückend.
    Da habt ihr nun ausreichend Kälte, aber keinen Schnee, der dadurch liegenbleiben würde.. auch fies! Aber ich schau mir gerne die grünen Wiesen auf euren Blogs an - ist eine Abwechslung für die Augen! ;)

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    1. Liebe Doris,
      das strahlende Wetter ist nun auch wieder weg. Ach, ich finde, jetzt dürfte es langsam 10 Grad wärmer werden und das Grün richtig sprießen... Ja, so schaut die eine in anderen Blogs das Grüne, und die andere in den Blogs das Weiße ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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  2. Irgendwie strahlt diese verlassene Dorf auch eine gewisse Faszination aus.

    Du durftest heute noch Sonne genießen, wie schön. Hier war schon wieder alles grau in grau.

    19 km, nicht schlecht, hast Du was vor? ;-)

    Liebe Grüße
    Volker

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    1. Lieber Volker,
      es ist etwas Eigenartiges, das da ausgestrahlt wird. Und es wird nochmal schlimmer, wenn die Abrissbagger loslegen werden...
      Euer Grau hast Du uns ja dann erfolgreich rübergeschoben.... und Regen über Nacht noch dazu.
      19 km, ja wo ich hier immer lese, wer woanders wieviel läuft, macht mir das richtig ein schlechtes Gewissen...
      Liebe Grüße
      Elke

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  3. Hallo Elke,

    die Stimmung im Dorf hast du gut eingefangen finde ich. Du scheinst ja recht nahe am Tagebau zu leben, erst die gesperrte Autobahn und dann so ein verwaistest Dorf. Ein wenig traurig, aber zumindest ein schöner langer Lauf.

    Reibekuchen und Kuchen dagegen klingt gut. Das würde ich doch auch glatt in Übersee nehmen :)

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    1. Liebe Roni,
      ja, ich bin seit Geburt "nah dran". Hinter meinem Heimatdorf lag der Tagebau, der heute schon wieder zugekippt und nicht mehr als "Loch" erkennbar ist. Und nun frisst sich der nächste Tagebau von hinten quasi an meinen Wohnort heran. Ca. 4-5 km werden dazwischen liegen.
      Ja und genau, bei solch langen Läufen braucht doch der Körper "Treibstoff" ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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  4. Hallo Elke,

    das war gestern ein Traumwetter für einen langen Lauf (zumindest nach meinem Gusto) und ich war in der Tat mal ein wenig wehmütig.

    Ich bin vor vielen Jahren auch mal in einem verlassenen Dorf gewesen (weiß den Namen nicht mehr) und selbst mich, die nicht betroffen ist, schmerzt es, dass die Leute so ihre Wurzeln hinter sich lassen müssen. Bitter.

    Danke fürs Mitnehmen.

    Gruß
    Anja

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    1. Hallo Anja,
      stimmt, für die Jahreszeit war das Wetter mal prima. Solche Umsiedlungsdörfer gibt es ja eine ganze Reihe hier. Ich mag mir das auch nicht vorstellen müssen, gegen den eigenen Willen seine Scholle verlassen zu müssen...
      Liebe Grüße
      Elke

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  5. Das mit dem Dorf ist jedes mal traurig zu sehen. Aber wir alle wollten es so und können es nun auch nicht mehr verhindern.

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    1. Hallo Markus,
      nun ja, Atomstrom wollen wir nicht. Windkraft und Solar kommt nicht schnell genug, da müssen wir wohl immer noch Kohle verstromen...
      Liebe Grüße
      Elke

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  6. Na, immerhin. Der Bäcker ist noch da! ;-)

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    1. Nee, Bäcker ist da keiner mehr. Auch keine Gastwirtschaft mehr oder sonst ein Laden. Der Bäcker ist in meinem Wohnort und ich hoffe, da bleibt er auch ;-) Liebe Grüße
      Elke

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  7. Tagebau find ich irgendwie gruselig ... aber wir wollen alle unser energie-intensives High Tech-Leben, da geht es wohl (noch) nicht anders. :-( Die Stimmung vor Ort hast du jedenfalls prächtig eingefangen.

    Liebe Grüße,
    Anne

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    1. Liebe Anne,
      ja, wir haben hier die Schattenseite unseres extensiven Stromkonsums immer vor Augen. Strom kommt zwar aus der Steckdose, aber am anderen Ende muss er ja auch irgendwie in die Leitung kommen...
      Liebe Grüße
      Elke

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  8. Oh. So Geisterstädte haben immer etwas beklemmendes. Vor allem, wenn sie aus der heutigen Zeit stammen... da identifiziert man sich gleich viel mehr damit.
    Wir haben im letzten Urlaub Bodie besucht http://claudigivesitatri.blogspot.com/2014/09/lohnenswerte-geister.html
    eine Geisterstadt aus einer anderen Zeit... irgendwie komisch, wenn man sich vorstellt, dass da Menschen gelebt haben und einfach gegangen sind. Heutzutage ist das anders. Keiner geht so einfach... aber Energie fällt leider auch nicht vom Himmel.
    Viele Grüße,
    Claudi

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    1. Hallo Claudi,
      diese Westerngeisterstädte stelle ich mir auch ziemlich eigenartig vor. Manheim wird dann aber demnächst verschwinden. Erst die Häuser, es bleibt der Asphalt, der wird dann zuwachsen und dann kommen die großen Bagger und alles verschwindet im großen Loch. Ich finde die Vorstellung auch komisch, dass da Generationen Menschen gelebt haben und plötzlich müssen sie weg.
      Liebe Grüße
      Elke

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