Sonntag, 5. April 2015

Sonne, Wind und Schneegestöber

April in Hochform - wenigstens hier im alpenländischen "Down under". Der Karfreitag Morgen begrüßt uns mit dem Anblick links auf dem Bild.











Wir befinden so halbwegs auf der Schneefallgrenze. Im Zuge des Tages verschwindet das meiste der weißen Pracht und das samstägliche 30-Minuten-Kurzprogramm mit vorgegebenen Steigerungen findet im strömenden Regen statt. Und wenn schon, denn schon, laufe ich statt der kleinen Landstraße entlang auf einem relativ flachen Stück gleich den Hügel hinter dem Ort hinauf. Oben ist ein langezogener nur noch leicht welliger Hügelkamm. Ein Bauer, der seinen Zaun trotz Regen repariert, schaut bei meinem Anblick irgendwie... befremdet.

Heute nun steht ein Halbmarathon an, in 2:03. Dummerweise findet aber weit und breit grad keiner statt, so dass ich einmal mehr gegen die Uhr laufen muss. Mein eidgenössischer Ehemann hat 32 km als Vorgabe. Wir beschließen, dass er ab der Haustür früher losläuft und wir uns später unten am Parkplatz bei der Thuner Allmend treffen werden. Ich habe mir überlegt, dass es am sinnvollsten sein wird, auf flachem Asphalt meine Vorgabe anzugehen. Bedeutet: 6 Runden auf der ei-ovalen 3,5 km-Piste. Frohe Ostern!
Es windet kräftig und so herrscht zackiger Gegenwind auf etwa 1/3 jeder Runde. Ergibt mit 3 Grad Lufttemperatur eine kalte Angelegenheit. Zudem ist es wolkenverhangen, aber trocken. Die erste Runde geht gut, die zweite ... nun ja. Bei Beginn Runde drei habe ich das Gefühl, nun läuft es. Etwa zur Halbdistanz kommt mein Mann hinzu. Er hat schon eine gute Zwischenbilanz auf seinem "Tacho". Zusammen laufen wir 2 Runden, dann will und soll er seine letzte nochmals schneller angehen. DAS wäre nunmal gar keine Option für mich. Nur einer kurzen Trink-Geh-Pause muss ich erstmal wieder auf Tempo kommen. Runde vier geht so, der Wind legt sich vorübergehend, Runde 5 ist hart, der Wind wieder da. Endlich gehe ich auf den sechsten Turn. Das Bewusstsein, dass dieses der letzte ist, und die abschmelzenden Rest-km auf dem Display der Uhr ergeben nochmals einen kleinen Motivationsschub, den ich aber auch gut gebrauchen kann.
Am Ende kann ich die Vorgabe knapp unterbieten, gutes Gefühl. Doch ansonsten bin ich sowas von kaputt...

Wieder zurück daheim nimmt der April seinerseits Anlauf. Das Holzhäuschen ächzt im auffrischenden Wind im Wettlauf mit meinen malträtierten Knochen...
Doch hier oben scheint im Gegensatz zum Tal unten die Sonne, und dann greift auch noch Frau Holle ein und zu ihren Federbetten... Nein, das Objektiv der Kamera ist sauber, das Milchige sind die wirbelnden Schneeflocken...




Welch ein verrücktes Schauspiel!
Wäre das Regen, müsste es einen Regenbogen zu sehen geben, aber der Schnee erzeugt nichts derartiges.














Samstag:
5 Grad, 4,2 km profiliert, 28:15, (6:44 Min/km), HF 137

Heute:
3 Grad, 21,1 km, 2:02:42, (5:48 Min/km), HF 152

Mittwoch, 1. April 2015

Laufend Gutes tun!

Welche Wetterkapriolen! Niklas stürmt durchs Land und weht alles durcheinander. Mal Sonne, mal Regen und beides zusammen ergibt schöne Regenbögen. Mein Intervalltraining schaffe ich fast zwischen 2 Schauern unterzubringen, nur am Ende erwischt mich ein kräftiger Hagel.

Aber darüber soll es heute hier gar nicht gehen,
nein, ich will mal Werbung machen.
Genau, WERBUNG!
























Aber Werbung für eine gute Sache!
Also: Trommelwirbel für Daniela, die am 24.April an einem 24-Stunden-Lauf teilnehmen wird.
So weit so gut, machen andere auch.
Daniela läuft zwar auf ihren 2 Beinen, tut es aber für 4 Pfoten…

Wie schon im letzten Jahr, als sie 110 km für den guten Zweck lief, möchte sie mit ihrem Vorhaben wieder Gutes tun, nämlich Spenden erlaufen für notleidende Fellnasen bei der Katzenhilfe Neuwied und den Wilden Kreaturen e.V.

Ist das nicht prima?! Applaus!

Vielleicht fragt nun die eine oder andere Leserin oder Leser, wo denn das Geld herkommt?
Jaaahaa, hört ihr die Nachtigall… und nicht die Lerche?
Man kann  Daniela unterstützen, indem man für jeden von ihr gelaufenen Kilometer  spendet. Ihr also ein Kilometergeld zahlt und so Meilenpate oder –patin wird. Abgerechnet wird nach dem Lauf, wenn die absolvierte Distanz feststeht.

Wäre es die Sache nicht wert, dass möglichst viele, die hier mitlesen, sie ebenfalls mit einer Kilometergeldzusage motivieren , ihr –pardon- möglichst viele Möhrchen hinhalten, damit sie möglichst viele Kilometer durchhält?
Jeder kleine Beitrag zählt und jeder größere natürlich umso mehr!

Und mal ehrlich: Gibt es eine bessere Win-win-win-Situation?
Win für kleine gebeutelte Samtpfoten,
Win für Daniela, die so noch mehr Motivation erhält,
Win für jede/n Spender/in, indem man anderen Gutes tut (Und auch noch eine Spendenquittung erhält)!

Aus kölscher Sicht kann man da nur mit den Höhnern anstimmen: 
„Do simmer dabei, dat is pri-hi-ma,
                                    viiiivaaaa Danie-e-la!“


Um diese beiden Katzen geht es Daniela diesmal besonders:



29.3.:
11 Grad, windig, 8,1 km, 53:43, (6:39 Min/km), HF 132

1.4.:
6 Grad, stürmisch, 12,5 km, 1:19:31 (darin 3x3000m in 6:10 Min/km), (6:22 Min/km über alles), 
HF 138

Samstag, 28. März 2015

Test - Laufen mit Trinkblase


Die einen laufen sich eine, meine habe ich gekauft: Eine Blase. Nun ja, es gibt dann doch einen Unterschied: Meine gehört ab nun zur Ausrüstung.
Da ich beim Laufen nicht so gern einen Gurt tragen mag und aus noch weiteren Gründen habe ich mir nun so ein Teil für lange Läufe zugelegt. Es ist eine 2-Kammer-Blase. 2 Liter Wasser fasst die eine Kammer, die andere 1 Liter einer weiteren Flüssigkeit, ich möchte darin flüssige Kohlenhydrate transportieren.

So wird mein heutiger 30-km-Lauf zur Testaktion, einerseits dieser Blase, zudem will ich noch statt verdünntem Gel einen selbstgemixten Sporttrank auf der Basis von Maltodextrin anhand dieser Publikation ausprobieren.

Nachdem ich ja schon mit meinem Laufrucksack den Getränketransport mit Erfolg ausprobiert hatte (Link), habe ich mir den Luxus einer Doppelkammertrinkblase gegönnt. Ist zwar eine eigenartige Zusammensetzung, dieses Teuer-Teil in meinem Billig-Rucksack, aber beide passen sehr gut zusammen.

Die Blase macht einen sehr hochwertigen Eindruck und ist durchdacht konstruiert. So sind beide Kammern und die zugehörigen Schläuche farblich unterschiedlich (Wasser: klar, 2. Kammer für Energietrank o.ä.: orange) Die Wasserkammer hat einen tankähnlichen Drehverschluss und eine Füllmengenanzeige. Die zweite kleinere Kammer lässt sich dagegen in voller Breite öffnen, was dem zu erwartenden höheren Reinigungsaufwand zugute kommt.

Nach Einlegen der Blase in meinen Rucksack lassen sich die beiden Schläuche im Schultergurt aus dem Rucksack hinausführen. Sie laufen dann in einem Kopplerstücke mit "Zapfhahn" zusammen, so dass man schlussendlich beides aus einem Mundstück trinkt. So kann man unterwegs jederzeit wählen, was man trinken möchte und sogar Mischen ist möglich.

Ich fülle mir einen Dreiviertelliter Wasser ein und einen halben Liter Maltodextrin-Salz-Wasser-Gemisch.

Wie schon beim ersten Test trägt sich der Rucksack allerbestens. Obwohl ich gute 1,5 kg auf dem Rücken trage, habe ich keinerlei Schweregefühl. Der Rucksack liegt gut an, nichts wackelt oder hoppelt. Es gluckert nur munter, aber das ist auch alles. Das Trinken geht prima. Man muss zunächst die Schläuche füllen, indem man die Luft heraussaugt, aber dann ist die Zuleitung "geflutet" und man hat jederzeit Flüssigkeit.

Zwar hatte ich mir Sorgen um einen wippenden und störenden Schlauch vorn gemacht, doch auch das war unnötig. Mein Rucksack hat eine Führungsschlaufe und das Mundstück lässt sich im oberen Vordergurt einklemmen. Das Umschalten am Zapfhahn funktioniert reibungslos.

Fazit: Klasse, für lange Läufe nur noch mit Blase!

Zum Maltodextrin-Trank:
Riesenvorteil, der schmeckt nach nichts, endlich nicht mehr diese Süße, die ich bei Gels so gar nicht beim Laufen mag. Allerdings habe ich das Gefühl, der Energiegehalt war noch nicht optimal. Da muss ich nochmals experimentieren.

Eine weitere Nebenwirkung hat der Rucksacklauf auch: Mich grüßen plötzlich viele andere Läufer, vor allem die sportlicheren Typen. Anscheinend vermittelt das den Eindruck, ich trainiere gerade für eine ganz große Sache... ;-)

Auch wenn im letzten Drittel die Beine schwer werden, gehen die 3 Stunden schnell herum. So vieles geht mir durch den Kopf, das dieser Tage die Welt berührt, rund um den Absturz der Germanwings-Maschine und vor allem die Ursache. Einfach nur entsetzlich.

24.3.:
11 Grad, 9,2 km, 1:00:00, (6:30 Min/km), HF 135

26.3.:
7 Grad, 10,8 km, 1:10:01, (6:27 Min/km), HF 134

Heute:
11 Grad, 29,6 km, 3:15:26, (6:36 Min/km), HF 137

Samstag, 21. März 2015

Titzer Volks- und Straßenlauf (10 km)


Für die Trainingsvorgabe des Wochenendes, einen 10-km-Lauf in 55 Minuten, habe ich die Qual der Wahl zwischen Köln, Bad Godesberg oder Titz. Think global, act lokal - ich wähle Titz, eine 8.000-Seelen-Gemeinde im Dreieck Köln-Aachen-Düsseldorf.

Es sind nur knappe 30 Minuten Autofahrt, doch ich komme mir vor wie ganz weit weg. Gegen meinen rummeligen Wohnort im Kölner Speckgürtel ist das hier pures Landidyll. Und so flach, hier kann man die Erdkrümmung förmlich anfassen.

Bei meiner Ankunft muss ich erstmal im Auto sitzen bleiben. Hatte ich unterwegs noch ein blaues Stück Himmel in den Wolkenbergen erspäht, so bläst der kräftige Westwind es zügig weg und dafür eine Regenwand heran. Es schüttet aus Eimern. Auch andere Sportler warten in ihren Gefährten erst einmal ab, wie ich sehe.
Nach einigen Minuten kann ich das kurze Stück zur Grundschule dann doch zurücklegen.

Hier findet gerade die Siegerehrung der vorhergehenden Kinderläufe statt. Mein Auge fällt auf ein üppiges Kuchenbuffet. Das wäre eine Option für hinterher... Ich suche nach dem Bürgermeister, mit dem ich beruflich Kontakt pflege. Und siehe da, ich erspähe ihn in der Volkesschar. Er mich auch, aber ich sehe in seinem Blick kurz die Not, die ich auch gut kenne: Da sieht man ein irgendwie bekanntes Gesicht in einer Menge, aber verflixt nochmal, wer ist das bloß...? Dann fällt aber der Groschen, er fährt sein internes Outlook hoch und gibt mir gleich noch eine Antwort auf eine kürzliche dienstliche Mail. (Darf ich mir nun 2 Minuten im Arbeitszeitkonto gutschreiben...?) Nicht ohne Stolz berichtet er, dass er nachher den Startschuss gibt.
Inzwischen hat der Regen aufgehört. Ich hole meine Startnummer (6 EUR) und trabe mich draußen ein. Ein wenig sorge ich mich um mein linkes Bein, in dessen Rückseite es seit gestern zieht. Doch beim Laufen spüre ich das nicht mehr.
Unprätentiös sammelt sich das überschaubare Läuferfeld (137 Starter) an der Startlinie. Die Sonne scheint, ein Mann mit buntem Hut hält eine Rede, die aber nicht bis zu mir dringt. Kurz darauf gehts los.
Der Kurs macht erst einen kleinen Schlenker im Wohngebiet, um dann in einen fast flachen Rundkurs einzubiegen, der dreimal zu durchlaufen ist. Schnell enteilt die Spitze. Der Regen setzt wieder ein. Ich finde mich gleich im hinteren Drittel wieder, wo man zwischen 5:00 und 5:15 pendelt, eigentlich zu schnell für mich. Doch wie das so ist, man will sich ja keine Blöße geben...
Es geht aus dem Ort hinaus auf Wirtschaftswege durchs Feld. Vorbei am Wahrzeichen des Ortes, einer Windmühle, die aber leider nach dem Pfingstunwetter 2014 nur einen jämmerlichen Anblick bietet, sie ist fast eine Ruine. Nachdem der Wind einen hier gut durchpusten kann, geht es bald wieder zurück in den Ort, windgeschützt durch ein Wohngebiet.

Ich bleibe hinter einem älteren Eifelvereinskämpen, der scheint etwa meine Pace zu laufen. Einmal dreht er sich zu mir, als wir gleichauf sind. Die km-Markierungen irritieren ihn. Erst 5 km und gleich dahinter 8? Ich erkläre ihm, dass wir hier dreimal entlang laufen. "Dreimal?" kommt es erstaunt zurück. Wir laufen weiter als Tandem.
Die erste 3,2-km-Runde ist bald beendet. Die zweite Runde macht mir Mühe, das hohe Anfangstempo rächt sich. Ich muss mich ranhalten. Wie hieß nochmal der wackere Ritter, der gegen Windmühlenflügel kämpfte...? An diesem Stück hier ist Gegenwind, doch auch ein wenig abschüssiges Gelände.
Bei km 5,5 kommen sie schon herangeeilt, erst das Fahrrad und dann die Spitze. Junge kräftige Kerle mit Schritten wie in Siebenmeilenstiefeln und schnaufend wie Dampfrösser. Von hinten sehen sie aus wie MTB-Fahrer, mit Dreck bespritzt bis zum Haaransatz, so sehr lassen sie die Beine fliegen.
Der Eifelkämpe und ich laufen auf einen weiteren Läufer auf. Irgendwie will der Kämpe nicht so recht überholen, linst nach mir, macht Platz. Ehe ich hier weiter mit 5:40 hinter denen herzockele, ziehe ich dann eben doch vorbei.
Das Tief, dass ich zu Beginn der zweiten Runde spürte, lässt ein wenig nach. Ich höre den Kämpen zwar hinter mir, aber er kommt nicht mehr heran. Allerdings nervt mich diese "Hasenrolle" schon, dieses tapp-tapp-tapp. Vorbei gehts zum zweiten Mal an Start und Ziel.
Immer noch höre ich die Schritte hinter mir, erst als ich in die dritte Feldpassage einbiege, verlieren sie sich langsam. Auch kommt von hinten nichts mehr nach. Die Schnellsten sind längst im Ziel und lassen sich wahrscheinlich schon das Buffet munden.

Wegen mir hätte das hier bei km 8 auch schon fertig sein können... ja aber nun. Die letzten 2 km müssen auch noch gehen. Endlich wieder der Ortsrand, noch 1,5 km.
Die wenigen Streckenposten klatschen für den Homerun. Nette Geste. Ich höre hinter mir zwar keine Schritte mehr, kann aber am Klatschen der Posten erkennen, dass da noch etwas kommt.
Eigentlich sollte es ja egal sein, ich laufe mein Rennen und fertig. Aber überholen lassen - wer mag das schon, so kurz vor dem Ziel? So hole ich das letzte Quentchen aus mir raus. Noch 2 Kurven, 200-300 m.
Ich sehe die Schule vor mir und lasse die Beine ausholen. Wie ich später sehe, ist der letzte der schnellste km, mit 5:08 Min/km. Als ich um die letzte Kurve eile und 100m vor mir der Zieleinlauf ist, höre ich die Leute einen Frauennamen rufen, der nicht meiner ist. Da scheint eine dicht hinter mir. Nochmals Gas geben, und dann habe ich es geschafft. Gleich hinter mir die Mitläuferin.
In der Finish-Freude habe ich den falschen Knopf meiner Laufuhr erwischt, es muss eine Zeit um die 53:45 sein, also sehr nahe an meiner PB (53:40) vom Januar. Manno, ich dachte, es wäre flotter. Aber egal, Hauptsache Vorgabe erfüllt.

Auf dem Heimweg noch rasch ein Bild der flachen Landschaft, die dem Himmel ganz viel Platz lässt.

Mein Lieblingsbäcker hat gerade noch offen und leckeren Kuchen für mich. Doch erst einmal lockt die Wonne einer heißen Badewanne :-)


7 Grad, 10 km, 53:44 (104. von 137), (5:22 Min/km), HF 164

Donnerstag, 19. März 2015

Gastbeitrag: Trail du Petit Ballon d'Alsace

Heute lasse ich gern meinen eidgenössischen Ehemann mit einem kleinen Laufbericht zu Wort kommen:

Deal or no deal?

In einem Gespräch mit meinem ebenfalls fleissig laufenden Arbeitskollegen und Organisator der Tortura-Trails am Todesberg in Köln, Nile, kamen wir auf meine stagnierende Leistung im Marathon zu sprechen. Da meinte er, das einzige, was bei mir doch fehle, sei einfach ein mitlaufender Kumpel. Es wäre letztlich nur noch eine Kopfsache. Bald darauf kam er mit dem Angebot, dass er mit mir den Marathon in Enschede (NL) am 19.04.2015 laufen werde, um mir zu einer neuen PB zu verhelfen. Davon war ich natürlich restlos angetan! Nur hatte die Sache auch einen Haken: Im Gegenzug wollte er, dass ich am Trail-Klassiker Trail du Petit Ballon d'Alsace mitlaufe. Immerhin konnten wir uns darauf einigen, dass Andy, ein weiterer Laufkollege und Triathlet, und ich am kürzeren Lauf „Circuit des grands crus“ teilnehmen.

Gesagt getan, ausgerüstet mit dem in Frankreich an solchen Läufen geforderten ärztlichen Attest, machten wir uns um 04:00 Uhr auf dem Weg von Köln nach Rouffach, einem kleinen Örtchen zwischen Colmar und Basel liegend. Nun, so ganz reibungsfrei verlief die Anreise dann doch nicht, mussten wir doch nochmals ein kurzes Stück zurückfahren, da mir - kaum waren wir losgefahren - auffiel, dass ich ja meine Garmin-Uhr gar nicht mithatte… Danach kamen wir ohne grosse Behinderungen in Rouffach an und wurden auf ein Feld zum Parken geleitet. Da wir nicht so recht wussten, wo wir uns befanden und wie weit entfernt Startnummernausgabe und Start lagen, entschloss sich Nile, dessen Start eine Stunde früher erfolgte, gleich alles in die Sporttasche zu packen und sich erst nach Abholen der Startnummern in den Gebäuden dort umzukleiden. Bereits unterwegs kam es jedoch zu einer Planänderung und Nile wollte doch nochmals zum Auto zurück…

Auf diese Weise wurde die Zeit immer knapper! Mit Startnummern, je einer Flasche Willkommens-Sekt und dem bereits im Voraus ausgehändigten Finisher-Shirt eilten wir zum Auto zurück, wo Nile feststellte, dass sein Autoschlüssel unauffindbar war. Zum Glück hatte er einen zweiten dabei, den er auch schon Andy übergeben hatte. So konnten wir zumindest an unsere Sachen gelangen, aber die Situation machte dann doch alle etwas nervös. Was war, wenn einer den verlorenen Schlüssel findet und sich gleich den Ford Galaxy unter den Nagel reist und sich damit aus dem Staub macht? Jeder war vom Gedanken verfolgt, dass wir nach dem Lauf ohne Auto da standen…

Die Zeit drängte und Nile machte sich auf den Weg zum Start des 53 Kilometer-Laufes, auf welchem dazu auch noch 2300 Höhenmeter zu bewältigen waren. Auch Andy und ich machten uns einsatzbereit und auf den Weg zum Start. Dabei scannten wir den Boden nochmals nach dem Schlüssel ab. Da aber in der Zwischenzeit einige Fahrzeuge mehr geparkt wurden, war die Chance, dass wir das so sehr herbeigesehnte Utensil auffinden können, sehr gering. Im Startbereich angekommen war das Gedränge schon recht gross. Wir kämpften uns bereits so weit nach vorne, wie es noch möglich war. Dies war auch weise, denn nach der Freigabe des Starts machte sich das 1500 Teilnehmer umfassende Feld auf die 27 Kilometer und die Bewältigung der 900 Höhenmeter. 

Kaum haben wir das Dorf verlassen und gelangten in den Anstieg in den Rebbergen, kam es denn auch zu kleinen Rückstaus. Nach dem ersten Anstieg folgte bald nach kaum 4 Kilometern der erste Abstieg. Da sich der Weg zu einem einspurigen Pfad verengte, kam das sich rückstauende Feld völlig zum Stillstand. Eine ganz neue Erfahrung für mich, dass während eines Wettkampfes plötzlich gar nichts mehr geht. Diese Situation wurde überwiegend mit Humor weggesteckt, aber es gibt immer  vereinzelte, die glauben, dennoch sich durch die Menge drängen zu müssen…
Ähnlich verhielt  es sich auch auf weiteren Streckenabschnitten so, dass man nicht sein Lauftempo laufen konnte, sondern sich an den voran laufenden anpassen musste. Dies war bei Passagen hoch wie runter so. Aber auch da gab es immer wieder welche, die einen anrempelten, weil einfach nicht genug Platz vorhanden war, um zu überholen. Bei solchen missglückten Manövern wurde dann auch schon mal das eine oder andere Wort gewechselt… „s’il vous plait, doucement, incroyable, usw.“ waren nur die mildesten Ausdrücke.

Wenn dann einmal die Strecke frei war und die Pfade über Stock und Stein führten, erinnerte ich mich an meine frühe Jugend, als wir uns in einem nahe liegenden Wald mit steilen Abhängen uns zum Sport gemacht hatten, zu schauen, wer am schnellsten von oben nach unten kam. Die Techniken, die wir uns damals dazu angeeignet hatten, kamen mir nun wieder zugute. Während viele zögerlich und unsicher über die Hindernisse und den rutschigen Untergrund sich heruntertasteten, liess ich es wie früher einfach laufen und manche Stufen und Klippen wurden einfach übersprungen. 

Das hat echt Spass gemacht und Laune für die weiteren Streckenabschnitte gebracht. Eine weitere Ablenkung von den Strapazen erfolgte, als Motorengeräusche im Talboden zu vernehmen
waren. Zuerst dachte ich, es würde sich um eine Motorsäge von Waldarbeitern handeln. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass selbst hier im Elsass an einem Sonntag Bäume gefällt werden. Und gleich darauf waren die Klänge eindeutig zu erkennen. Es musste sich um ein Rennfahrzeug mit sequentiellem Getriebe handeln, denn bei jedem Gangwechsel war auch ein kleiner Knall zu vernehmen, der durch die kurze Unterbrechung der Zündung entsteht. Dazu kam, dass sich das Fahrzeug am gleichen Ort, bzw. Areal bewegte. In meinen Ohren hörte sich das Geräusch als ehemaliger Motorsportler natürlich wie Musik an. Diesen Klängen lauschend lief es sich gleich leichter… Schade nur, dass kurz darauf wohl auch schon Mittagszeit war und auf Rücksicht der umliegenden Anwohner Motorenruhe zu herrschen hatte. Mir fiel dann auch ein, dass es sich bei der Rennstrecke um Anneau du Rhin handeln muss – habe ich doch selber vor Jahren dort meine Runden in einem Renault Clio Coupe gedreht. Von solchen Erinnerungen eingenommen trabte ich leichten Fusses über die weiteren Waldwege. Das Streckenprofil stellt sich so dar, dass die erste Hälfte überwiegend ansteigt, während dann die zweite von Abstiegen dominiert wird. Allerdings kann einen das auch schön an die Knochen und Muskeln gehen, so dass ich am Schluss doch froh war, mich auf dem letzten Kilometer wieder im flachen Gelände bewegen zu können.

Dass ich das Ziel unter drei Stunden erreichen würde, davon habe ich im Voraus nur geträumt. Wären nicht die Staus und Behinderungen gewesen, es hätte noch eine weit bessere Zeit als die 2:56 werden können. Im Zieleinlauf wurde (fast) jede/jeder vom Speaker namentlich genannt und der Zieleinlauf erfolgte unter einem Steinbogen aus sehr frühen Jahren, vermutlich einem Teil einer ehemaligen Stadtmauer.
Alles war sehr nett gemacht und es war offensichtlich, dass das ganze Dorf auf den Beinen war und an diesem Anlass teilhaben wollte.

Andy hat die Strecke mit seinen wesentlich jüngeren Beinen unter 2:30 geschafft und kam dann frisch geduscht zum vereinbarten Ort, beim Auto auf dem Parkplatz – ja, der Galaxy stand noch an derselben Stelle. Wir richteten uns ein und genossen die warme Sonne für einen kurzen Moment.
Während wir uns auf dem Parkplatz beim Auto ausgeruht haben, war unverkennbar ein Klappern von Störchen zu vernehmen. Bei genauerem Hinsehen waren auf engem Raum fünf genutzte Horste auszumachen. Es ist echt imposant, wenn man die Vögel fliegen sieht, insbesondere wenn sich gleich quasi schwarmweise auftreten. Es scheint ein Gebiet zu sein, das ihnen ganz besonders taugt.

Die Uhr sagte uns aber schon bald, dass wir uns wohl in Zielnähe begeben sollten, wollten wir den Einlauf von Nile nicht verpassen. Wie von ihm angekündigt, erreichte er dieses dann auch gut zehn Minuten vor Ablauf der 7-Stunden glücklich und zufrieden. Da er nicht an seine absolute Leistungsgrenze ging und dem entsprechend noch recht fit war, machten wir uns gleich auf den Weg zum Auto.

Bevor wir uns definitiv auf den Rückweg machten, haben wir noch eine gute Tat in der deutsch-französischen Beziehung vollbracht. Unweit unseres Galaxy streckten 3 Männer ihre Köpfe unter die Motorhaube ihres Peugeot 308. Beim Vorbeigehen war zu erkennen, dass sie sich bereits an einem Elektrik-Kasten im Motorraum zu schaffen machten. Während Nile noch mit seinen Utensilien beschäftigt war, streckte er mir ein Starthilfegerät in die Hände und meinte, ich sollte doch mal nach deren Problem schauen. Die drei waren sehr erfreut über unsere Hilfestellung. Allerdings vermochte das Gerät den Anlasser nicht genügend in Schwung zu bringen, damit der Motor angesprungen wäre. Weiter Versuche missglückten ebenfalls.
Inzwischen hatte Nile nochmals alle seine Taschen und Behälter durchsucht – und siehe da – der verloren geglaubte Schlüssel hat sich im Haufen der abgelegten Klamotten in der Sporttasche versteckt.

Erleichtert positionierte Nile dann den Galaxy so, dass mit Überbrückungskabeln ein weiterer Startversuch des Peugeot unternommen werden konnte. Währenddessen meinte einer der Franzosen, dass die Deutschen doch immer sehr gut ausgerüstet wären! Da ich mich ja nicht mit fremden Federn schmücken wollte, habe ich mich gleich als Schweizer geoutet und diese These kräftig bestätigt. Die drei waren wenig zuversichtlich, dass diese Massnahme nun zum Erfolg führen würde, da sie es bereits mit zwei anderen Fahrzeugen ohne Erfolg versucht hatten. Es stellte sich schnell heraus, dass die französischen Kabel nicht die kontaktfreudigsten waren und die von Nile nach dem zweiten Versuch dem Peugeot-Motor wieder zu neuem Leben verhalfen!
Rundum zufrieden traten wir die die Heimreise an, alle Sorgen waren umsonst. Nile hatte sich – wie er uns hinterher erzählte - während des Laufes bereits über ein neues Fahrzeug Gedanken gemacht … Daraus wird dann wohl vorerst (zum Glück noch) nichts…
Und den nächsten Lauf haben wir ja bereits im Visier, wenn ich mit meinem Hasen Nile und zusätzlich der Unterstützung meiner liebsten Ehefrau* meine PB im Marathon versuche zu toppen! Enschede, wir kommen!

*Anmerkung der Ehefrau des eidgenössischen Mannes: Das klingt fast so, als sei bei den Schweizern noch die Vielweiberei zugelassen und mein Mann noch mehrere andere Ehefrauen hätte. Dem ist aber nicht so. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste, ähm...