Nachdem ich gestern knappe 10 km laufend absolviert habe, nehme ich mir heute ein besonderes Projekt vor: Die Rad-Erlebnisroute Kerpen. Mein Wohnort hat ganz frisch einen eigenen Radweg konzipiert, einmal durch alle Ortsteile, dazu eine eigene Faltkarte und sogar ein Booklet aufgelegt. Die Krönung: Beides wird gratis abgegeben!
Von den Unterlagen bin ich begeistert. Die Karte enthält Hinweise auf diverse Sehenswürdigkeiten, die einzeln im Begleitheft dargestellt werden.
Zusätzlich gibt es einen QR-Code, der diese Infos aufs Smartphone liefert, und den Track zum Download fürs Navi.
Einziger Pferdefuß: Die Stadt verteilt zwar schon die Unterlagen, aber die Beschilderung der Route ist noch nicht vorhanden. Doch das hindert meinen lokalpatriotischen Entdeckerdrang nicht.
Auf gehts mit dem EllitpiGo auf 50 km rund um meinen Wohnort.
Es beginnt schon heftig, nämlich mit kräftigem Gegenwind. Ich sage mir, dann habe ich, da mich der erste Teil genau westwärts gegen den Wind führt, das Schlimmste schonmal abgearbeitet.
Die Route führt als erstes auf den kürzlich entdeckten Wirtschaftsweg zwischen Autobahn und Eisenbahn. Im Gestrüpp tummeln sich schon die ersten Beerenpflücker, Kölner Kennzeichen. Bzw. genauer gesagt: ER drückt mit einem Stock ein wenig die übelsten Dorneruten beiseite, damit SIE hineinkann und pflücken.
Welch ein Kavalierstum...
Für den nächsten Ort wird im Heft auf einen Aussichtspunkt hingewiesen. Kann ich mir nicht ganz erklären, was man sehen können soll. Aber ich bin lernfähig. Da die Beschilderung fehlt, muss ich erst etwas suchen, finde dann aber das gesuchte Objekt.
Neugierig steige ich die Stufen hoch...
Joooo.....
Blick nach vorn:
Blick nach hinten:
Jooo....
Weiter vorbei an Kappesköpfen ...
... an idyllischen Pferdekoppeln ...
... nach Burg Bergerhausen. Man erwartet wohl eine festliche Gesellschaft und zur Feier des Tages sprudelt es im Burgteich.
In Kerpen kurzer Abstecher zum Museum des großen Sohns der Stadt:
Adolf Kolping.
Doch auch wenn es so scheint, das Haus ist nicht das echte Geburtshaus, das stand nur vorher an gleicher Stelle.
Gleicher Standpunkt, nur genau vis-à-vis.
Ich rolle durch mir teils bekannte Gässlein und soll am anderen Ortsende über eine kleine Nebenbrücke die Autobahn queren. Hier macht sich fehlende Beschilderung doch negativ bemerkbar. Aber man muss in allem das Positive sehen: So treffe ich während meiner Suche immerhin erstmals auf die Motte, also die Überreste der
Kerpener Burg, die vor über 300 Jahre zerstört wurde.
Und dann finde ich auch wieder auf den rechten Weg zurück, nämlich in den Kerpener Bruch, einen sich selbst überlassenen Wald, der so wachsen darf, wie er will.
An dieser Stelle muss ich einflechten, dass es mir sogar gelungen war, den GPS-Track auf meinen Polar V800 zu laden. Doch die "Navigation" beim finnischen Topmodell ist einfach nur ... gruselig. Sie besteht aus einem Pfeil, der sich dreht wie eine Kompassnadel... Hätte ich mich darauf verlassen, ich wäre verlassen.
Langsam signalisiert mein Magen Leere, sind ja auch schon 27 km gestrampelt.
Ich kehre ein im Schlosscafé in Türnich, und labe mich an Johannisbeer-Mandel-Kuchen (hausgemacht aus Bioprodukten) und einem Capuccino. Die Labsal ist nur halb, denn leider sind alle Tische besetzt und für mich bleibt nur ein Stehtisch.
Gleich als ich in den Hof rolle, kommt eine älterere Frau und stellt die üblichen, aber durchaus fachlich sehr interessierten Fragen.
Nachdem ich meinen Magen gefüllt habe und mich startbereit mache, kommt Franz. Also ich habe ihn zwar noch nie zuvor gesehen, aber da Franz seinen Namen auf einem Schild am Hemd stehen hat, ist das schonmal klar. Wahrscheinlich ein Seminarteilnehmer (hier werden diverse Seminare zu biologischem Gärtnern u.ä. angeboten).
Franz redet Klartext: "Da hat aber einer einen schlechten Tag gehabt, als er DAS DA konstruiert hat!"
Ähm, so kann ich auch, und entgegne "Ja das stimmt, die haben doch glatt den Sattel vergessen! Deswegen habe ich es günstiger bekommen!"
Franz schaut irritiert.
Ok, ich erkläre ihm mein Gefährt dann mal ernsthaft.
Das will er nun aber sehen! Ich blicke auf die Ausfahrt mit dem Katzenkopfpflaster und meine, da ist das Drüberrollen aber nicht so sehenswert. Ok, dann will er halt mit vors Schloss kommen.
Ich schlage schlussendlich vor, ich rolle ihm eins im Schlosshof vor.
Gesagt getan.
Franz nickt anerkennend und die Dame, die zuerst fragte, klatscht begeistert. Alle anderen Köpfe drehen sich auch herüber. Was die jetzt wohl denken... Aber war ja nur wegen dem Franz.
Ein längeres Stück geht es an der Erft entlang, meiner Trainingsstrecke besonders für die langen Läufe vor Marathons.
Dann wieder Neuland: Die Strecke führt von Südost Richtung
Marienfeld, dort wo 2005 der Weltjugendtag mit dem damals frisch gewählten Papst Benedikt XVI. stattfand.
Doch vorher passiere ich einen Gutshof, der wahrhaftig so einsam liegt, dass die Hühner hier friedlich draußen im Wald nach Würmern scharren. Interessanterweise hats gleich 3 Hähne darunter!
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie einsam es hier ist. Wenn man es nicht wüsste, man würde nie vermuten, dass man mitten in einem Ballungsgebiet steht und Köln gleich um die Ecke liegt!
Und dies war auch alles mal Braunkohletagebau. Nun streicht der Wind über Äcker und kleine Waldungen.
Der Papsthügel. In einigen Jahren, wenn die Bäume größer sind, sicher ein lauschiges Plätzchen.
Ich habe nun über 40 km in den Beinen und fühle mich durchaus auch schon etwas gefordert. Aber das Ziel ist in kalkulierbarer Nähe.
Diverse andere Routen führen hier durch. Als Farbenblinder hätte man eventuell ein Problem.
Schön zu sehen ist auch, wie sich die neu angelegten Teiche und Biotope entwickeln. Auch wenn leider nicht alle Hundebesitzer die Anleinpflicht beachten, scheinen sich viele Vögel wohlzufühlen.
Den letzten Teil der Strecke kenne ich sehr gut von diversen Trainingsläufen. Das hilft bei der Motivation für die letzten Kilometer. Irgendwie spukt mir fast zwanghaft der Gedanke an mein Getränk daheim durchs Hirn: Radler muss es sein und wird es dann auch! Heureka, das tut gut! Die Beine fühlen sich ein wenig müde an. Dürfen sie aber auch, 51,3 km habe ich noch nie am Stück ellipiert.
Es war eine richtig schöne Tour und die Idee eines stadteigenen Radwanderwegs zusammen mit den vielen Infos über große und kleine Sehenswürdigkeiten ist prima.
Findet auch Kater Hoss, er schätzt die Unterlagen ebenfalls ;-)
Gestern:
9,7 km, 58:51, (6:03 Min/km), HF 143, 23 Grad,
Heute ElliptiGo:
51, 3 km, 3:04:48, (16,6 km/h), HF 144, 23 Grad