Mittwoch, 21. August 2013

Hinterm Horizont

... geht's weiter - sage ich mir heute und beschließe, wieder einmal mir völlig unbekanntes Terrain zu erlaufen. Nachdem die Bandstraße schon eine recht interessante Lauferkundung war, laufe ich heute nicht auf ihr entlang, sondern fahre zu ihrem Startpunkt, quere sie ab dort läuferisch um zu schauen, was sich auf der anderen Seite, also jenseits meines bisherigen Horizonts verbirgt. Dies ist insofern besonders spannend, als auch hier die Landschaft komplett durch den Tagebau verändert wurde. Ganze Dörfer sind ja in ihm und an seinem Rand verschwunden und so bin ich ziemlich orientierungslos, abgesehen davon, dass ich mir zuvor über Google maps ein Bild davon gemacht habe, dass es einen Weg auf der anderen Seite geben muss.
Begrüßt werde ich von freundlichen Willkommens-Schildern.




Doch ich lasse mich nicht abschrecken, denn wenn immerhin landwirtschaftlicher Verkehr zulässig ist, kann doch so ein Läuferlein wohl nicht den Weltfrieden gefährden...
Allerdings kommen gleich 2 der angekündigten Großgeräte angefahren, etwas überdimensionale LKWs, neben denen normale Straßenfahrzeuge wie Spielzeuge aussehen. Die Räder sind sogar deutlich höher als ich. Kein sehr angenehmes Gefühl, diese Monster entgegenkommen zu sehen. Doch die Fahrer lassen mir viel Raum und fahren einen Bogen, ist ja genug Platz. Fast fühlt man sich wie in einem Science Fiction-Film. Ich bin dennoch froh, als sie mit ihrem Getöse vorbei sind.
Doch dann gehört die Straße mir, abgesehen von einigen wenigen Rennradlern, die hier ein optimales Trainingsrevier haben und sich nach Kräften in die Pedale stemmen.


Die Landschaft gewinnt einen fast surrealen Zug. Auf der einen Seite Felder, immer wieder unterbrochen von Entwässerungspumpen, Rohrlagern und anderen technischen Bauten, auf der anderen Seite ein Wall, der den Tagebau abschottet oder Verkippungshügel bzw. frische Anpflanzungen.


Besonders fallen mir einige Baumstümpfe ins Auge, mit seltsamen Einkerbungen. Sieht fast aus, wie eine Tür, doch warum soll jemand eine solche in einen Baumstumpf hämmern? Oder sollten es etwa geheime NSA-Überwachungskameras sein...? Richtig, irgendwo hingen doch auch Schilder, die auf Video-Überwachung hinweisen...  Letztendlich kann ich das Rätsel nicht lösen, zuviele Disteln versperren mir den Weg.


Interessanterweise ist es hier doch nicht so unbelebt, wie die Schilder glauben machen wollen. Ich komme an einem Modellflugplatz vorbei und sehe 2 kleine Flieger in der Luft. Es gibt eine große Moto Cross-Anlage, heute jedoch geschlossen. Immer mehr nähere ich mich lautem Hundegebell und erreiche nicht unvermutet einen Hundeübungsplatz. Und dann stehe ich wahrhaftig am Fuße der Sophienhöhe! Mich sticht der Hafer und ich sage mir, dann laufe ich auch mal hinauf. Doch ich finde keinen Zugang, überall dichtes Gestrüpp. Ein zunächst vielversprechender Feldweg endet ebenfalls an einer Pumpstation und somit als Sackgasse.
Ich beschließe dann doch, diesen Berglauf auf einen späteren Tag zu verschieben, habe ja noch den ganzen Rückweg vor mir.
Von meinem Wendepunkt aus sehe ich sehr gut, wie uneben doch die Landschaft geworden ist, hier, wo es früher bretteben war. Wenigstens kann ich so doch noch eine klitzekleine Steigung laufen.


Überflüssig zu erwähnen, dass der Wind, den ich auf dem Hinweg -gefühlt- von vorn hatte, nun auf dem Rückweg auch schon wieder -gefühlt- von vorne bläst. Aber egal, er tut gut und bei der wieder sommerlichen Temperatur bringt er angenehme Kühlung. Dennoch geht mein Puls punktuell recht hoch, die Beine wollen der Lauflust nicht ganz folgen. Vielleicht bringe ich sie auch mit meinen häufigen Orientierungs-was-könnte-hier-früher-gewesen-sein-Stopps aus dem Rhythmus.

Auf dem Heimweg halte ich noch ganz kurz am offiziellen Aussichtspunkt. Die Sonne ist fast schon hinter der Höhe verschwunden. Von hier kann man einen guten Blick in den Tagebau werfen, der viele km² groß ist. (Wer mehr darüber wissen möchte: Wikipedia verrät es hier)


Das Schwarze am Boden ist die Kohle, aus der Strom erzeugt wird. Man sieht deutlich, wieviel Abraum um die Kohle herum entfernt werden muss, um sie fördern zu können. Der Tagebau wandert, auf dem Bild von rechts nach links. D.h. links wird weg- und tiefgebaggert, und der nicht benötigte Abraum wird rechts dann gleich wieder verkippt. Noch vor wenigen Jahren hätte sich der schwarze Bereich von meinem Standpunkt aus in der Bildmitte befunden.
Ja so ist das eben, die einen erkennen die vergehenden Jahre am Wachstum ihrer Kinder oder der Bäume im Garten, hier kann man es am Wanderungsfortschritt des Riesenlochs erkennen....



23 Grad, 8,6 km, 58:18 Min (6:35 Min/km), Puls 140

Kommentare:

  1. Was der Mensch so alles anstellt, um an das zu kommen, was er haben will. Das letzte Bild ist wirklich sehr beeindruckend. Ich habe noch nie einen Tagebau (außer im Fernsehen) gesehen.

    Verkippungshügel, bei so einem Begriff lacht das Beamtenherz, gelle? :-D

    Liebe Grüße
    Volker

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    1. Wenn Du mal in der Gegend bist, lade ich Dich gern ein, das Loch im Original zu sehen. Es ist beeindruckender, als es das Foto wiedergeben kann. Ja auch das Kohleabbauwesen hat halt seine Fachsprache, aber mit sowas können wir Beamte doch locker umgehen und diese fachspezifizierte Begriffsvielfalt einer sinnvollen Verwendung zuführen ... ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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  2. Hat Blogspot jetzt meinen ersten Kommentar gefressen? Komisch!

    Liebe Elke,
    solche wandernden Riesenlöcher sind wirklich nicht "schön", aber "besonders". "Surreal" charakterisiert die Landschaft wirklich perfekt.

    Dass deinen Beinen die Art des Laufs nicht gefiel, kann ich mir gut vorstellen - auch meine Beine mögen kein "Stop-and-go".

    Liebe Grüße,
    Anne

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    1. Hallo Anne,
      die Kommentare muss ich immer erst freigeben, bevor sie erscheinen. Habe daher Deinen gleichlautenden ersten rausgenommen.
      Ja so hat halt manche Gegend ihre Besonderheiten. Da wir nicht mit Weinbergen punkten können, graben wir eben Löcher :-)
      Jetzt kenne ich ja auch diese Strecke, werde also nächstes mal weniger stoppen und mehr laufen.
      Liebe Grüße
      Elke

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    2. Das kann man übrigens ändern, das mit dem erst freigeben müssen.

      Mich irritiert es auch immer etwas, dass mein Geschriebenes erst immer wieder verschwindet ;-)

      Liebe Grüße
      Volker

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  3. Hallo Elke
    Spannend deine neueste Entdeckungs-Lauf-Tour! Erstaunlich, was man auf knapp 10 Kilometern alles sehen kann! Obwohl man neben diesem gigantischen Riesenloch keine solche Vielfalt erwarten würde.
    Seit ich deine informativen Berichte kenne, habe ich mir angewöhnt, auf die Suche nach Infos über meine Lauf-Strecken zu gehen - da sieht man gleich noch mehr!
    Liebe Grüsse
    Marianne

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    1. Hallo Marianne,
      es freut mich sehr, wenn Dir meine Posts gefallen. Nun ist natürlich unsere Gegend hier speziell wegen der Kohlebaggerei sehr starken Änderungen unterworfen. Da ist es für mich selber manchmal hier und da überraschend, was ich so sehe. Früher war hinter meinem Heimatdorf z.B. die Welt zu Ende, weil dort auch ein solches Loch gähnte. Heute ist es weg und dort sind Felder, ein Segelflugplatz, ganz neue Straßen.
      Ich lese auch in anderen Blogs ganz gern etwas über die Landschaft und evtl. Besonderheiten der jeweiligen Gegend. Du bereicherst ja mein Wissen über Schweden und Dubai und schweizerische Reviere auch sehr gut :-)!
      Liebe Grüße
      Elke

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  4. Als ich deinen Text las, dachte ich, oh, was für eine lange Strecke und war schon erstaunt, als ich las, dass es " nur " 8,6 Kilometer waren. Wo ist das, wo du gelaufen bist ?

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    1. Der Tagebau liegt zwischen Köln und Aachen. Auf Google Maps nicht zu übersehen, ein Riesenloch etwa in der Mitte zwischen den beiden Städten, fast so groß wie Köln. Diesmal bin ich am nördlichen Rand, westlich des Ortes Elsdorf, gelaufen. Unter dem Label "Braunkohlerevier" gibts noch ähnliche Posts. Ich war selber erstaunt, als ich auf der Uhr die geringe km-Zahl sah, gefühlt war es weiter. Also um MIssverständnissen vorzubeugen: Ich bin nicht um das ganze Loch herumgelaufen, nur an einem kleinen Abschnitt.
      Liebe Grüße
      Elke

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  5. Ein wirklich spannender Lauf - so kann man seine Umgebung erkunden und gleichzeitig der Lauflust frönen!
    Die Landschaft hat wirklich etwas surrealistisches - zuerst kam mir der Gedanke: wie auf dem Mond (obwohl ich noch nie dort war ;) ).

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  6. Gottseidank ist es mondähnlich nur an wenigen Stellen (außer natürlich in der Grube selber, aber da kommt man nicht hinein), eher öfter wie verlassenes Land.
    Der Vorteil ist einfach, dass es da ziemlich leer ist, und das in unserem Ballungsgebiet.
    Liebe Grüße
    Elke

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  7. Interessante Einblicke in deine Umgebung... und so leer. Ein Traum.

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    1. ja, eine andere Art von Landschaft mit eigenen Reizen...

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