Sonntag, 9. August 2015

Schön am Rand lang

Heute kommt der Trinkrucksack wieder zum Einsatz. Was bedeutet, es steht eine lange Strecke an. 22 km verlangt der Plan.
Ich hatte ursprünglich vor, dem ab- und aussterbenden Manheim einen Besuch abzustatten, aber es kommt dann doch anders.
Denn ich verlaufe mich in einem eigentlich recht übersichtlichen Waldstück, das ich zwecks Kühle und sauerstoffreicher Luft auf dem Weg zum Laufziel aufsuche.
Ich will doch mal schauen, wie es meinen Freund, dem Baum mit Froschgesicht, geht.
Ich bin mir gaaanz sicher, wo ich ihn finde.
Und damit fängt mein kleiner Irrlauf an. Irgendwie sieht das alles so gleich grün aus...
Da hier keine Waldbewirtschaftung (mehr?) passiert, sind Wege nur sehr minimalistisch vorhanden. Und bald schon stehe ich im Gestrüpp. Also zurück und rechts und links versucht und links und rechts probiert.
Aber so trifft man ja auch auf Neues. Zum Beispiel diesen Futterplatz. Was ist denn das da auf dem Pfosten? Eine Lampe? Ein Plastikkanister? Mal hingehen. Hach, ein Salzklumpen fürs Wild. Ich beherrsche mich und schlecke doch nicht dran.

Ein Stück weiter findet sich eine durchgerostete Emailleschüssel und eine Alu-Feldflasche, leider ist das Bild verwackelt und nicht herzeigbar. Wer sowas wohl hier im Wald vergessen hat?

Wenn ich schon das Froschgesicht nicht finde, vielleicht die Nilgans? Theoretisch müsste diese Stelle da hinten sein...

Auf dem Weg dahin stoße ich aber zunächst noch auf eine Schneise, der ich folge. Und auf der alten A4 lande. Hach, wie gern würde ich ja hier nochmals laufen wie letztes Jahr. Aber wahrscheinlich gäbe es wieder einen Platzverweis.
Also schlage ich mich wieder in den Wald.







Bald stehe ich nur 4-5 m entfernt von der lauschigen Lichtung, wo ich seinerzeit die seltene Gans traf. Doch es ist zu dornig, hinzukommen.
Und die Gans ist auch nicht zu sehen.
Wäre ja auch ein Zufall.






Es reicht mir langsam mit den Irrungen im Walde. Ich bin froh, als ich endlich wieder die Äcker erreiche.
Was hier aussieht wie ein Feldweg, ist die zugeschüttete Verlegungstrasse irgendwelcher Rohre für den Tagebau. Entsprechend matschig und pampig ist der Untergrund.
Als ich endlich wieder einen richtigen Weg unter den Schuhen habe, bemerke ich, dass sich das Profil selbiger ordentlich zugesetzt hat mit Lehm. Richtig schwer sind sie, also erstmal reinigen.

Von Weitem grüßt der Bagger, den ich neulich ganz nah sehen konnte. Die Dinger wandern im Rahmen ihrer Arbeit, nun steht er ein ganzes Stück weiter westlich.
Könnte ich ja mal hinlaufen.
Also Planänderung.
Der Tagebaurand bietet zudem deutlich bessere Orientierung als das Waldesgrün.



Bald stehe ich so nahe an der Abbaukante, wie man darf.
Immer wieder gruselig, diese Stellen.











Nicht weit finde ich diese Hinterlassenschaft. Da scheint sich auch jemand verirrt zu haben. Mit der Karte kein Wunder, die gehört zu einer ganz anderen Region.

Inzwischen überfliegt mich schon zum dritten Mal ein Sportflugzeug. Mh, für nächstes Wochenende haben die Braunkohlegegner zu einer großen Aktion gegen die Bagger aufgerufen. Ob schon Luftüberwachung geprobt wird...?



Ich laufe wieder ein Stück zurück und an einigen Gehöften vorbei, die dann bald auch verschwinden werden.
Aber noch ist es idyllisch und man könnte nichts Böses ahnen.








Allerdings ... nur wenige hundert Meter weiter ist dann schon wieder das Land zu Ende.




Und das Stahlmonster lässt mit jeder Umdrehung seines Zahnrades kubikmeterweise Erde verschwinden.






Bei km 11 hatte ich mir ein  mit Salzwasser verdünntes Energie-Gel gegönnt. Nachdem die ersten Kilometer etwas zäh waren, wohl auch wegen des etwas dampfigen Wetters, läuft es nun ganz gut. Ich habe durch meine Waldverirrung nun doch schon mehr Strecke auf dem Tacho, so dass ich ab hier schon langsam wieder Richtung Heimat traben kann. Nochmals ein Blick auf das hungrige Ungetüm. Erst daheim bemerke ich, dass ich auch einen Reiter mit auf dem Bild habe:






Über mir zwitschert es plötzlich kräftig.
So ein Strommast mag zwar nicht so malerisch sein wie ein richtiger Baum, aber sicherlich ist die Aussicht nicht zu verachten.











Und genug stehen auch davon herum.

Ich trabe gemütlich heim. Die letzten 2-3 km sind etwas zäh. Einige Tropfen fallen aus dem Grau, aber mit der Bezeichnung "Regen" wären sie deutlich überbewertet.
Der soll erst im Lauf der Nacht folgen.






Gestern:
19 Grad, 6 km, 40:00, (6:29 Min/km), HF 126

Heute:
23 Grad, 22 km, 2:25:03, (6:35 Min/km), HF133

Kommentare:

  1. Liebe Elke,
    auch wenn diese Abbruchkanten wirklich gruselig sind, musste ich doch lächeln. Dein Beitrag erinnert mich an diese Darstellungen, in denen die Erde als Scheibe gezeigt wird. Da gibt es ja auch rundum eine Kante, die das "Ende der Welt" ist... Manchmal sogar noch mit Wasserfall. Nun ja! ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Doris,
      haha, hier gibt es dann tatsächlich die Randkante. Aber einen Wasserfall habe ich noch nicht gesehen ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  2. Salzlecksteine an Laufstrecken und auch unterwegs beim Marathon wären aber wirklich eine gute Idee. Kein Aufreißen, ausfriemeln .. einfach mal kurz Zunge raus und abschlecken und schon stimmt der Elektrolythaushalt wieder ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Lizzy,
      Du würdest echt an was schlecken, wo schon 100e andere.....? Da ist Friemeln vielleicht doch die bessere Alternative...
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
    2. was Schafe, Ziegen, Kühe, Rehe schon immer schadlos können, das sollte doch auch dem Menschen nicht schaden. Salz desinfiziert ;)

      Ob ich es wirklich täte ... weiß nicht. Käme auf einen Versuch unter Ernstfall an.

      Löschen
    3. Ui Lizzy, dann gehörst Du wohl zu den ganz Harten. Wenn Du das mal ernsthaft testen willst, sag mir Bescheid, ich komm gucken ;-)

      Löschen
  3. Schön, dass Du parallel zu mir nach Plan für Deinen Marathon trainierst, so kann ich immer sehen, ob ich auch genug laufe :-)))

    So ein Wald ist für uns Weitblickgewohnte schon immer etwas irritierend, da müssen wir schon aufpassend, dass wir nicht verloren gehen, sei der Wald auch noch so klein.

    Immer wieder spannend, die Geschehnisse um den Tagebau!

    Liebe Grüße
    Volker

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Volker,
      na ich fürchte eher, bei dem Vergleich liege ich hinten....
      Stimmt, irgendwie ist im Wald alles so gleich. Es fehlen die markanten Punkte am Horizont, Schlote oder so ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  4. Verlaufen, der Klassiker den wir wohl immer wieder brauchen :) Aber nur so gibt es genügend Abwechslung und interessante Einblicke in unser doch sonst so bekanntes Laufrevier

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Markus,
      so lange beim Verlaufen nichts schlimmeres passiert und man sogar prima abgelenkt auf seine Plan-km kommt, ist nichts einzuwenden :-)
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  5. Ja, manchmal sieht man den Baum vor lauter Wald nicht ;-)
    Du trinkst Salzwasser? Das hat seinerseits Hannes Lindemann auch schon versucht und es fast nicht überlebt.
    Am Rand des Rheinischen Braunkohlereviers bin ich am Sonntag auch vorbei gekommen. Gruseliger Anblick. Zum Glück war ich schnell vorbei, da ich von der Autobahn aus schaute - auf der Rückfahrt vom Ultra in Monschau.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also das mit dem Salz muss ich relativieren: Ich füge nur etwas Salz zu, um den Verlust durch Schweiß auszugleichen und um den Magen zu verleiten, überhaupt Flüssigkeit haben zu wollen. Das ist ja mein altes Problem.
      Monschau Ultra - ich kenne den nicht persönlich, aber ich vermute, das war eine Herausforderung nach Deinem Geschmack? Dann bin ich schon neugierig auf Deinen Bericht.
      Von der Autobahn her sieht die Tagebauregion ja noch nett aus. Wenn Du mal einen näheren Blick darauf werfen willst, bist Du herzlich eingeladen.
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  6. Die Zeit der langen Läufe bricht an ... irgendwie finde ich es nach meinen Monschau-Erfahrungen tröstlich zu lesen, dass auch andere sich ver-laufen. Und du hast ja wieder auf den "Pfad der Tugend" zurückgefunden, also war's wirklich nicht so schlimm. Im Gegenteil, dir und uns hat es interessante neue Eindrücke beschert.

    Liebe Grüße,
    Anne

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anne,
      ein wenig irren ist doch menschlich, und solange man immer noch auf den rechten Pfad zurückfindet, auch nicht weiter verwerflich. Reichen wir uns die Hände ;-) Was würde man auch alles verpassen, ohne solche Intermezzi ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  7. Hallo Elke,

    vielleicht ist der Baum mit Froschgesicht ja ein Baummann und hat er sich diesmal einfach woanders hingestellt. Sonst wäre es ja nicht zu erklären, dass du ihn nicht gefunden hast.

    Hast du das Gel im Vorhinein im Salzwasser verdünnt? Klingt ein wenig umständlich. Ich schmeisse immer generell Salztabletten in den Laufrucksack, dann habe ich schon mal etwas Salz beim Trinken gebunkert. Vielleicht könnte man sich bei sonnigem Wetter auch einen Salzleckstein als Kette um den Hals hängen. (Solange nicht andere Läuferinnen wie Lizzy dann zum Lecken vorbeikommen ;))
    Herzlichen Gruß!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Roni,
      also den Froschbaum habe ich nicht aufgegeben! Das erfordert einen neuen Suchlauf ;-)
      Da ich bei den Gels so eines habe, das in einer wabbeligen Aluverpackung ist, die beim Lauf ohnehin widerspenstig beim Öffnen ist, habe ich das Gel vorher in ein kleines Fläschchen geleert und mit Wasser aufgefüllt, dazu etwas Salz. Wasser soll man ja eh' zu den Gels trinken. So ist die Flasche unterwegs leicht zu öffnen, alles perfekt geschüttelt (und nicht gerührt) und es trinkt sich auch nicht mehr so glibberig. Ansonsten kommt Salz in der 2. Kammer meines Laufrucksacks, wenn ich diese für Energiedrink nutze, die andere Alternative.
      Haha, ein Salzleckstein am Hals, DAS nenne ich eine Innovation. Wäre vielleicht eine Methode für Lizzy ;-)?
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  8. Liebe Elke,
    ja, das mit dem Verlaufen im Wald kenne ich ja zur Genüge. Da meint man, man merkt sich genau die Stelle mit den Bäumen um nur kurz später festzustellen, das der ganze Wald genau so aussieht :-D
    Es ist schon traurig was diesem riesigen Monster alles zum Opfer fällt, ich hoffe aber doch sehr, das man Pferde und Kühe vorher noch umsiedelt. Das macht man doch, oder?
    Beruhigend auch, das du nicht wieder die alte Autobahn genommen hast, irgendwann verhaften die dich noch und dann bist du verschollen, kommst in ein Heim für nicht belehrbare "ausgediente-Autobahn-Läufer" und kannst hier nicht mehr schreiben .... das geht nicht.
    Immer schön den alten Straßen fern bleiben ;-)
    Liebe Grüße
    Helge

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Helge,
      da kommt man sich echt blöde vor, wenn man plötzlich mitten drin ist und war sich doch so sicher...
      Keine Angst um das Vieh, natürlich wird vorher alles ordnungsgemäß umgesiedelt. Zum Beispiel auch Friedhöfe, kein Gag. Nur die Archäologen haben Probleme. Hier gibt es immer wieder einmal römische Hinterlassenschaften und die Archäologen können dann nur mal schnell notgraben und schon rückt der Raffzahn an...
      Also was die Autobahn angeht, verhaften können die nicht, nur verjagen. Aber reizen würde es mich schon.....
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  9. Liebe Elke,

    ich melde mich mal zurück aus Frankreich. Deine Kohlebagger erschrecken mich jedesmal aufs Neue. Da frisst dieses Ungetüm doch die schöne Idylle, die Du in Bildern zeigst. Kein Wunder, wenn die Gegner mit Luftangriffen drohen, wie aufgeregte Vögel, deren Nest bedroht wird ...

    Nun ja, so ist wohl der Lauf der Dinge. Apropos: wofür trainierst Du denn nun schon wieder? Liest sich nach einem Plan ...

    Liebe Grüße
    Rainer

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bonjour Rainer,
      oh, la France...! Und nun musst Du wieder den Alltag bestehen...? Ach, wenn man hier wohnt, kennt man das ja schon nicht anders. Aber man darf nicht lange drüber nachdenken. Ich finds ja gut, dass es immer noch wackere Gegner gibt, die sich an Bäume ketten und im Wald in Höhlen sitzen. Aber leider nützt das wenig. Ja, so ist leider der Lauf dieser Dinge.
      Wir trainieren derzeit für den München Marathon, wobei mein mann zuvor noch kurz den Jungfrau Marathon mitrennen will...
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen