Sonntag, 12. Mai 2019

Grand Prix Bern (10 Meilen) 2019

Wie jedes Jahr im Mai erliegen wir dem Lockruf des GP Bern. Und sind dabei in großer Gesellschaft: rund 32.000 andere Läufer*innen stehen am Start, etwa die Hälfte für die Hauptdistanz (10 Meilen, 16,093 km), die anderen für Unterdistanzen. Meine 9. Teilnahme hier. Jedoch, die Sonderklasse der "Golden Runners", werde ich leider nicht mehr erreichen können. Das sind diejenigen, die bisher an allen GPs teilgenommen haben, das sind 37!




Das Wetter ist nicht gerade motivierend, mittags sinkt die Lauflust ein wenig. Wohl ist die gemeldete Temperatur von 13° läuferhold.


Schlussendlich aber haben wir Glück und können regenfrei laufen. Nur der Wind mit Böen bis 75 km/h ist nervig und teils etwas kraftraubend.
Zunächst verziehe ich mich bis kurz vor dem Start ins riesengroße Umkleidezelt der Damen und vertreibe mir, während der Wind die Zeltplane mächtig hin und her schlagen lässt, die Zeit mit Beobachtungen. Und frieren. Ich bin sicher, diesmal habe ich mich zu leicht gekleidet. Aber wie so oft, später werde ich die leichter Gekleideten beneiden.

Das Startprozedere aus 2018 hatte sich nicht bewährt. Die ca. 15.000 Starter*innen werden wieder wie in den Vorvorjahren auf eine Vielzahl von Blocks aufgeteilt (A-Q) und im 4-Minuten-Abstand auf die Strecke geschickt. Und wie immer, alles geht reibungslos, ohne Absperrungen, Flatterbänder o.ä. Wir sind schließlich hier im Land der berühmten Uhrwerke...



Ich finde mich zunächst hinter den 1:30er-Pacemakern wieder. Um ihren Job beneide ich sie nicht, mit ihren Fahnen bei den Windböen heute. Aber schon bald werden meine Gedanken vom ersten Streckenhighlight bestimmt, dem immer wieder wunderbaren Blick auf die Berner Altstadt:



Und gleich in der Nydeggasse kommt uns der Führende entgegen, Geoffrey Kamworor. Leider erwische ich ihn nicht perfekt und nur seinen Kopf. Aber bei deeeem Tempo. Er läuft bewundernswert locker und leicht. Der Aufregung des Streckensprechers ist zu entnehmen, dass er auf dem Weg zu einem neuen Streckenrekord ist.
Vorweg, er wird ihn deutlich mit 44:56 Min um mehr als eine Minute verbessern! Dies ist zu würdigen bei insgesamt 204 zu bewältigenden Höhenmetern.


Und schon taucht man ein in ein Meer von Begeisterung, Applaus, Anfeuern, Musik. Trotz des nicht publikumsfreundlichen Wetters herrscht wie immer eine unvergleichliche Stimmung. Da läuft es sich leicht hinauf zur Zytglogge...




...und schon wieder abwärts ins Mattenquartier, mit herrlich schräger Guggenmusik. Das erste Viertel verging wie im Fluge. Bei mir läuft es gut und wieder bin ich froh, die Strecke zu kennen, mir die Kräfte einteilen zu können. Die 1:30-Pacemaker habe ich inzwischen hinter mir gelassen. Grüble aber, ob das klug war und ob ich mich nicht besser hätte hinter ihnen halten sollen. Meine bisherige PB lag bei 1:31...
Nach dem profilierten Begin geht es nun 3,5 km topfeben weiter.


Ein Stääärn, der Deinen Namen trägt...


Während ich hier bei etwa km 5,5 die Aare quere, sind ganz hinten auf der Brücke schon die schnelleren Läufer auf ihrem km 10,5 unterwegs.






















An Ende des Dalmaziquais wartet ein weiterer langgezogener Aufstieg über die Jubiläumsstraße und dann in die Waldpassage des Dählhölzli. Uns kommt ein Teil des Läuferfeldes entgegen. Ich versuche eine Blick zu erhaschen, auf Chris oder seinen Neffen Andi, die vor mir starteten, aber diesmal habe ich kein Glück.



Im Wald kommt es zu einem erinnerungsträchtigen Erlebnis. Plötzlich höhre ich knackige Tönne:
Bumm, bumm, klatsch,
bumm, bumm, klatsch...
Und dann intoniert Freddie Mercury:


"Buddy, you're a boy, make a big noise
Playing in the street, gonna be a big man someday

You got mud on your face, you big disgrace

Kicking your can all over the place, singin' ... "

Klasse, "We will rock you" kann ich gerade gut gebrauchen!
Doch was ist das, irgendwie komisch...
Die Musik wird lauter, und nähert sich VON HINTEN!
Und dann die Erklärung:



Da wuchtet ein Typ seine wummernden Bässe auf dem Rücken über die gesamte Distanz und in welchem Affenzahn! Nur kurz sehe ich ihn, dann ist er schon wieder entschwunden und mit ihm die Musik, ich muss allein im Geiste weiter singen. Sein Anzug dürfte ziemlich mit seiner echten Muskulatur übereinstimmen, so wie er unterwegs ist.
Und schon haben wir die Hälfte der Strecke erledigt, es geht wieder ein wenig abwärts.
Überall Publikum, Anfeuerung, Applaus. Immer wieder höre ich "Elkeee!" oder eher: "Elkcheee!" Oder auch "Chumm, Elkcheee!" Bern ist einfach das Maß aller Dinge, was die Stimmung angeht. Das steht fest.


Ich bin auf km 9,5. Auf dem kurzen Begegnungsstück kommen mir immer noch Läufermassen entgegen. Ich sehe die Blocks L, M, Q, die auf ihrem km 7 sind.


Auf einer weiteren langgezogenen Steigung überholen mich die Pacemaker wieder. Nun ja, das ist gerade nicht die Stelle, ihnen nachzueilen, einen Anstieg hinauf.
Es folgt bei km 12,8 der Bundesplatz. Sonst lag hier immer eine blaue Matte, heute leider nicht. Dafür sprudeln munter die Wassersäulen aus dem Asphalt. Kunst. Wie Andi uns später erläutert, ist es für jeden Kanton eine Düse. Die für den Jura sei aber durch ihre Randlage etwas hinterhältig und würde manchen benetzen. Kommt der politischen Realität durchaus nahe...



Nun ist es nicht mehr weit. Nochmal kurz das Münster gegrüßt, und dann die lange Passage abwärts, auf der wir eingangs die Spitze sahen. Nochmals ein Bad in der Zuschauermenge...




Unten dann beim Bärengraben (km 14,5 bis 15) volle Konzentration auf den Aargauerstalden, den "Heartbreak Hill" der Berner. Ich beginne laufend. Als ich merke, dass doch Gehen heute schneller wäre, schalte ich sicherheitshalber um. Wohl könnte der Kopf die Beine hochjagen, aber ich will meine Energie sparen und für den Schlussspurt aufheben. Auch die seltsam verdrehte Liegeposition eines bewusstlosen Läufers am Streckenrand, zu dem gerade Ersthelfer herbeieilen, trägt dazu bei.


Und wahrlich ist es so. Das kurze Gehstück hilft, nochmals die Kräfte zu sammeln. Die, die laufen, sind nur unwesentlich schneller. Aber als wir dann endlich auf den letzten km einbiegen, kann ich hingegen aufdrehen und viele, viele locker überholen.
Schon hört man den Zielbereich, bevor man ihn sieht.
Die Anfeuerungen werden lauter, ohrenbetäubend.
Eine letzte Kurve, der rote Teppich!
Herrlich, geschafft!
1:31:51, die PB von 2018 um 14 Sekunden verpasst. Doch das macht gar nichts, im Gegenteil, es erfreut, wie nah ich wieder dran war 😅



Im Ziel sind noch einige Medaillen übrig. In meiner AK bin ich im vorderen Mittelfeld. Die beiden Jungs sind natürlich schneller und haben damit auch allen Grund, stolz zu sein. Andi fragt uns, welches der schönste jemals bestrittene Lauf gewesen sei. Wir können es nicht beantworten. Ich könnte wohl eher noch die weniger schönen eingrenzen, trotz allem sind dies nicht viele. Aber wenn man wie ich nun neunmal in Bern dabei war, ist das eigentlich auch schon eine Aussage. Und nächstes Jahr das zehnte Mal dann. 😁
(Persönlicher Merkposten: Vielleicht doch mal bei den Pacemakern bleiben...?)



Ein schönes Veranstaltervideo des Tages ist auch schon online:


Ich darf mich noch über eine weitere sportliche Platzierung freuen.
In Chris' Verein wurde ein kleiner Wettkampf im Rennsimulator ausgetragen. Eine ganz neue Erfahrung, auf einem hydraulischen Fahrersitz, von 3 Bildschirmen umgeben eine Rennstrecke zu bewältigen.
Sieht (für mich) einfacher aus, als es ist, diese ungewohnte Fahrsituation zu händeln. Und da ich schließlich auch nicht auf der Straße die nötigen Erfahrungen sammeln kann, weder über Kantsteine brettere, noch driftend Kurven nehme, sind mir die führerscheinlosen, aber Playstation-erprobten Kids haushoch überlegen. Ebenso wie die anderen, die alle schon echte Rennerfahrungen auf diversen Pisten haben. Ich baue mehrere "Unfälle", komme immer wieder von der Strecke ab und kann mit einer "Oma-Runde" immerhin eine gezeitete Runde in die Wertung einbringen. Auch wenn die mit Abstand die langsamste ist, und noch an zwei weiteren Tagen weitere Teilnehmer ihre virtuellen Rennrunden absolvieren werden, darf ich schon dem Damenpodest entgegenblicken. Es gab nur eine weitere weibliche Teilnehmerin, aber die ertrug die realitätsnahe Schüttelei nicht und gab auf.
Welch ein Wochenende!





Kommentare:

  1. Moin Elke,

    da hast Du aber ein cooles Tempo hingelegt, bei den Höhenmetern und inklusive Gehmoment. Glückwunsch zum Finish nahe an der PB.

    Nach so einem tollen Lauf kann man es am Steuer auf der virtuellen Rennstrecke durchaus etwas ruhiger angehen lassen ;-)

    Gute Erholung und liebe Grüße
    Volker

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    1. Moin Volker,
      ja, das war mal wieder klasse in Bern! Auf 2 Beinen, wie auch auf 4 virtuellen Rädern ;-)
      Danke und liebe Grüße
      Elke

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  2. Liebe Elke,
    das war doch ein super Lauf würde ich sagen. Kein Magengrummeln, der Regen war vorbei und die Orga hat einen Top-Job gemacht. Und dann auch noch knapp an Deiner PB ins Ziel, so macht es Spaß.
    Und noch ein Autorennen hinterher, ist das dann irgendein Duathlon? :-)
    Glückwunsch zum Finish und erholt euch gut!

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    1. Lieber Oliver,
      Bern ist immer super, und immer zu kurz, als dass der Magen sich warmlaufen könnte! Und wenn dann die Zeit auch noch stimmt - was will man mehr? Außer zum 10. Start dort anzutreten ;-)
      Der Rennsimulator war am Vortag, da habe ich mich quasi warmgelaufen :-) Wäre mal eine völlig neue Art von modernem Duathlon, stimmt!
      Danke und liebe Grüße
      Elke

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  3. Liebe Elke,
    also ehrlich, sind 14 Sekunden irgendwie relevant im Leben? Ich denke nein, also für mich hast du damit einfach wieder Bestzeit in diesem Jahr :-)))
    Toller Lauf. Das scheint echt Spaß zu machen wenn du schon zum 9. mal da bist.
    Dann geht es auch gleich noch aufs Treppchen als virtuelle Rennfahrerin. Einfach Klasse.
    Das gute an virtuellen Rennen ist ja, das die Unfälle auch nur virtuell sind und sich so der Schaden in Grenzen hällt.
    Irgendwie lustig solche Spiele, ich bin da übrigens genau so hilflos wie du. Ich denke, jeder 3 jährige würde das besser hinbekommen als ich :-)
    Liebe Grüße
    Helge

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    1. Liebe Helge,
      genau, da 14 Sekunden doch quasi kaum ins Gewicht fallen, sind sie für mich auch nicht relevant. Bern ist wirklich immer wieder klasse.
      So ein Simulatorrennen ist wirklich eine lustige Sache, da man selber und das Auto jeden noch so verrückten Crash überlebt. :-)
      Liebe Grüße
      Elke

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  4. Liebe Elke,
    super gemacht - gratuliere dir!!! :D
    Ich glaube, ich habe dir gegenüber schon einmal erwähnt, dass der GP von Bern auf meiner "want-to-run-Liste" ziemlich weit oben steht. Von daher freue ich mich immer sehr über deinen Bericht aus Bern. :)
    Da hast du ja eine super Zeit rausgehauen! War vielleicht die königliche Musik mit"schuld"? Obwohl ich diese Muskelbekleidung ganz abscheufürchterlich finde! ;)

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    1. Liebe Doris,
      ich warte ja schon jedes Jahr auf Dein Erscheinen dort, weil Du es erwähntest! Ich bin sicher, Du wirst begeistert sein und die Stimmung dort trägt Dich über die 16 km. Die besondere Musik kam genau zum richtigen Zeitpunkt, als ein Anstieg zu laufen war. Solche Anzüge sind auch nicht so meins, aber dieser ganze Auftritt ging so flott, da war kaum Zeit, das wahrzunehmen.
      Danke und liebe Grüße
      Elke

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  5. Liebe Elke,
    da haste quasi einen Du- oder Biathlon hingelegt. Dir zum Trost: bei der zweiten Disziplin hätte ich auch keine Chance! ;-)
    Aber der Lauf muss definitiv schön gewesen sein! Das animiert bestimmt und du warst ja auch gut unterwegs! Prima!
    ... und auch in Zukunft lieber zu Fuß, als auf 4 Rädern unterwegs!
    LG Manfred

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    1. Lieber Manfred,
      Bern ist einfach jedesmal ein Erlebnis, ob bei Regen oder Sonnenschein! Ich lege meine Priorität auch weiterhin auf zweibeinige statt vierrädrige Fortbewegung. ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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