Sonntag, 19. Mai 2019

Memory und Kuhgalopp

Der doch etwas stärkere Muskelkater des Grand Prix von Bern ist erledigt und wir können den nächsten Projekten entgegenblicken.
Doch zunächst galt es für dieses Wochenende schon wieder die weite Anfahrt in den Kanton Bern zu absolvieren, für ein, so empfinde ich das jedenfalls, dreidimensionales Memory der besonderen Art.
Alle drei Jahre findet ein Familientreffen statt. Der Personenkreis, der sich trifft, fußt auf den Urgroßeltern meines Mannes, die 7 Abkömmlinge hatten, die sich ihrerseits um den Aufbau der Bevölkerungspyramide der Schweiz verdient machten. So treffen sich diesmal über 60 Menschen aus 4 Generationen, und dies sind noch lange nicht alle, die noch leben. Jeder muss Namen und Gesichter für sich denksportlich sortieren: Welche Frau gehört zu welchem Mann, welche Kinder zu welchen Eltern? Es gibt Zwillinge darunter, die sich gemeinerweise gar nicht ähnlich sehen. Ein Zweig der Familie führt sogar nach Dresden, und so freue ich mich über Landsleute. Sicherheitshalber führe ich mir während der Fahrt zum Treffpunkt nochmals den mit Bildern versehenen Stammbaum zu Gemüte, um mich nicht allzusehr zu blamieren. Es bietet sich sogar kurz die Chance zu sportlicher Fachsimpeln, denn es sind 2 Ironman-Hawaii-Finisher dabei 😃. Dagegen sind die Berner 10 Meilen ja gerade mal lockeres Aufwärmtraining...
Am Ende lässt sich mein Mann überreden, nicht nur die 10 km des Thuner Stadtlaufs Ende August zu laufen, sondern am Vortag auch noch den Schlossbergsprint. Ein sehr kurzer Lauf, der aber über 252 Stufen vom Marktplatz bis hinauf in den Turm des Thuner Schlosses führt, bis ins Ziel im Rittersaal.

Meine Ambition ist das nicht. Ich gönne mir eine lockere Runde über 15,5 km im welligen Hügelland um unsere Wohnung. Nach dem Start erwischt mich zwar ein Schauer, der ist aber nur kurz und der leichte Wind trocknet die Kleidung rasch wieder.
Es geht vorbei an frischem Grün und vielen behornten und unbehornten Kühen. Auf einer Weide stehen Mutterkühe mit ihren Kälbern und der vermutliche, imposant anzusehende, doch leider fotounwillige  Erzeugerbulle ist auch mit von der Partie. Ein ungewohnter Anblick.
Dazu erklingen immer wieder Kuhglocken, ach wie ich diese Laufkulisse liebe!
Da nimmt man auch gern den Duft frisch ausgebrachter Gülle in Kauf...
Nur an einer anderen Weide wird mir kurz mulmig. Als eine Kuh mich erst mit großen Augen mustert, dann ihren Kopf mit stattlichen Hörnern senkt und einen erstaunlich flotten Galopp genau in meine Richtung hinlegt. Soweit ich das einschätze, wird der kleine Elektrozaun diese Wucht von ein paar 100 kg im Zweifel nicht stoppen können. Während ich noch zwischen Fluchtreflex und Stehenbleiben kämpfe, überlegt sie es sich anders. Ein Glück, dass Kühe Vegetarierinnen sind!

Wieder daheim, kann ich noch die tägliche Prozession der Herde "unseres" Bauernhofes ansehen. Sehr gemütlich, ohne jede Eile trotten die Milchlieferantinnen in Richtung Stall. Ist ja auch schließlich Sonntag und eine Kuh ist kein Rennpferd.

Kommentare:

  1. Liebe Elke,
    obwohl ich gerne Gedächtnisspiele mache, beneide ich dich nicht, um dein 3D-Memory! ;D
    Schon eher um deinen Lauf - der klingt wirklich nach wunderbarer Urlaubsidylle. Obwohl solche galoppierenden Kühe mir auch immer unheimlich sind. Mir ist es letztes Jahr mit Chaya sogar mal passiert, dass eine direkt hinter uns über den Zaun gestiegen/-sprungen ist. Aber wohl weniger um uns zu jagen, als wegen des grüneren Grases auf der anderen Seite der Straße! :D

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    1. Liebe Doris,
      nun ja, ein reizvolles Memory ist es ja. Nur wenn man gerade halbwegs alles sortiert hat, ist das Treffen vorbei und in 3 Jahren fängt man wieder von vorne an ;-)
      Eine Kuh, die über einen Zaun springt - wow, dann muss das Gras aber arg verlockend gewesen sein!
      Was die Idylle angeht, ich wäre ja am liebsten gleich dort geblieben...
      Liebe Grüße
      Elke

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  2. Was für ein sportliche Familie, liebe Elke! Marathonis, Ultras, Iron-Man-Finischer, Respekt Respekt für diese weit verzweigte Familie.

    Kühe sollen durchaus so etwas wie "Revierverteidigung" kennen. Ein geordneter Rückzug kann deshalb ggf. kein Fehler sein. Also immer schön aufgepaßt :-)

    Liebe Grüße
    Volker



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    1. Moin Volker,
      von einem Ironman in der Familie wusste ich ja, aber dass auch sein Sohn dort teilnahm, habe ich nun erfahren. Ist schon interessant, wie sich so über die Generationen eine Familie entwickelt und welche Früchte der Baum trägt.
      Rein schon in Anbetracht der Massenunterschiede bin ich bei Kühen vorsichtig. Die auf "unserem" Hof sind ja friedlich und im Zweifel machen die den Rückzug. Aber wenn sie im Frühjahr nach dem Winter erstmals wieder auf die Weide dürfen kann man auch erkennen, wieviel Energie und Sprungkraft die dennoch haben können.
      Liebe grüße
      Elke

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  3. Liebe Elke, Mutterkühe passen gut auf ihre Kälber auf, aber eigentlich nur mit Drohungen und Einschüchterung. Die Kuh hat "nur" die Verhältnisse klar gestellt, solange man nicht wirklich dicht dran geht, bleibt es dabei. Wenn der Bulle dagegen streitlustig ist, dann gibts nur eins: rennen was das Zeug hält.
    Große Familien sorgen immer für Verwirrungen :-) Aber lustig ist sowas trotzdem, finde ich.

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    1. Lieber Oliver,
      danke für Deine Erläuterungen ;-)
      Die galoppierende Kuh stand auf einer anderen kälberlosen Weide, schien mir aber noch recht jung und ungestüm. Es war wie Du Du sagst, als ich mich entfernte war es gut. Der Bulle stand bei der Herde auf dem ersten Bild. Da war ich auch froh, dass er weiter weg vom Zaun war und sich keinesfalls für mich interessiert. Den direkt am Zaun zu haben, da wäre ich auch schon recht nervös gewesen... Aber ob man da rennend eine Chance hätte im Fall des Falles? Vermutlich Du eher als ich!
      Liebe Grüße
      Elke

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  4. Liebe Elke,
    oh, ich kann das nachvollziehen, aber die "Blüte" unserer Familientreffen war in den 80ern des letzten Jahrhunderts. Danach starben die Vertreter der älteren Generation langsam weg und die waren die Treibenden! Zudem bröckelte es bei uns, was die Nachwuchserzeugung anging und angeht. Mein Vater war noch der 9. von Neunen! - Aber wenn man zu lieben Menschen fährt, dann lernt man doch gerne Gesichter und Namen, oder?
    Vor solchen Riesenviechern hätte ich auch Respekt, obwohl ich meist "blauäugig mit ihnen "umgegangen" bin. Ein Freund meines Vaters hatte einen Bauernshof. Die Schafe unserer Umgebung sind da nicht so gefährlich! ;-)
    Also bitte immer auf Abstand bleiben, wir wollen noch viele schöne Posts von dir lesen, vor allem mit tollen Bildern aus dem Berner Um- und Oberland!
    LG Manfred

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    1. Lieber Manfred,
      ja, wir sind auch im Zweifel, ob die jüngeren diese Tradition weiter leben lassen... Aber bis dahin üben wir eben Memory. Das blöde ist ja, wenn man an dem Tag wieder halbwegs Sortierung drin hat, bis in 3 Jahren ist dann doch vieles wieder nicht mehr präsent...
      Ich erlebe Kühe ansonsten auch meist friedlich, manchmal sogar verspielt. Also insofern stehen die Chancen gut, dass ich noch das eine oder andere posten werde ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

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