Dienstag, 25. Juli 2023

Buddeleien

Mein erster ehrenamtlicher Einsatz ist absolviert. Und hat trotz Anstrengung richtig Spaß gemacht. Wie beschrieben, es findet draußen statt und hat mit Dreck zu tun. Viele auch interessante Ideen wurden hier genannt, und ich gebe zu, es war sicher auch schwer zu raten, dennoch war Manfred "Sherlock" auf der richtigen Fährte: Ich helfe bei einer archäologischen Grabung. So etwas hat mich schon immer gereizt, und nun bot sich die Gelegenheit. Sie bot sich deshalb, weil für diese Grabung nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung steht und man deshalb so viel wie möglich noch erforschen und sicherstellen möchte.

Vorbemerkung:

Ich wurde gebeten, keine Fotos ins Netz zu stellen, auf denen die Lage der Grabung erkennbar ist, um keine Raubgräber anzulocken. Dieser Bitte komme ich gern nach. Daher halte ich mich auch mit anderen Informationen zurück. Wenn in einigen Wochen die Grabung abgeschlossen ist, wird es eine Nachlese geben. Bitte bis dahin hier im Blog auch bei Kommentaren keine Anspielungen auf Lokalisierungsvermutungen, danke.

Eigentlich dachte ich, ich kenne die "Ecke" wo gebuddelt wird und war daher über die Anfahrthinweise erstaunt, nicht bei Regen und auch sonst nur mit Allrad möglichst nahe zum Einsatzort zu kommen. Und am besten weiter weg zu parken, auf sicherem Untergrund. In der Nähe ankommend war ich mehr als überrascht, wie es hier nun aussieht. MTB'ler und Motocrossfahrer wären happy, ich parke einen guten Kilometer entfernt und mache mich zu Fuß auf den Weg (erstes Bild).

Die letzten 200 m stellen sich dar wie eine überdimensionale Sandkiste:


Ich werde kurz eingewiesen und darf mich dann bei einem auszugrabenden Keller engagieren. Die Oberkanten der Mauern liegen frei, soweit sie nicht eingestürzt sind, nun gilt es, in den nächsten Wochen bis zum Kellerboden vorzudringen. D. h., mit einer kleinen Kelle werden vorsichtig die Steine freigelegt. Man hofft, auf genauere Hinweise zu stoßen, wie alt der Bau ist und, was noch schöner wäre, wer hier lebte und was hier passierte. 
Leider ist es dabei nicht wie bei TV-Reportagen, wo kluge Menschen sofort erklären können, was hier stand und was sonst alles berichtenswert ist. 
Ich löchere den Grabungstechniker mit Fragen. 
Stand denn hier nun ein Haus auf dem Keller?
> Wahrscheinlich bis kann sein. Aber man müsste nähere Hinweise finden, z. B. Pfostenreste eines Facherkbaus.
Warum ist da nichts mehr über der Erde gewesen, warum wurde die Stelle verlassen und zerfiel über die Jahre? Oder brannte es eventuell ab? Wurde es zerstört?
> Man vermutet ein "Ereignis", dass zu einem sehr schnellen Zusammenbruch führte, kann aber auch anders sein.
Was könnten wir denn beim Graben finden?
> Schulterzucken.

Wir treffen auf einzelne Knochenreste (man aß wohl damals Hühnchen) und kleine Scherben. Und dann stoße ich auf ein erstes interessantes Teil. Es ist erkennbar, dass es sich um den Fuß eines Gefäßes handelt. Sofort ist der Ehrgeiz geweckt. Was mag das sein?

Mein erster spannender Fund

Vorsichtig trage ich die umgebende Erde ab, aber leider, es ist auch nur ein Bodenfragment eines kleinen Gefäßes, wenn auch ein interessantes.


Auch wenn es mühsam ist und der Rücken jammert, das hat hier was von Schnitzeljagd!

Gerade machen wir Mittagspause, als erster Regen aufkommt. Und oh weh, wir sehen eine dunkle Wolkenfront heranziehen, erstes Donnergrollen. Und das hier auf völlig ungeschütztem Terrain! Die Grabungsprofis haben zwar einen kleinen Allrad-Van, aber der hat nicht Platz für alle! Hektik kommt auf. Eine andere heute erstmals Helfende und ich werden mit dem Van schnell in die Nähe unserer eigenen Autos gefahren. Das braucht im inzwischen aufgekommenen Sturm auf der Schlaglochpiste eine ganze Weile. Da in der Zeit die anderen auf der Grabung ja völlig ungeschützt sind, lasse ich mich an der Straße absetzen, denke, dass ich die letzten 300m bis zu meinem Auto dann laufend schaffe, noch ist es ja nur Sturm mit etwas Wasser. Und Hauptsache, die anderen draußen im Gelände haben dann ihren Wagen als Schutz zur Verfügung.

Aber 300m können verdammt lang werden, vor allem, wenn zum Sturm der Regen sintflutartig prasselt. Es gibt keinen Gehweg, also renne ich am Fahrbahnrand, bin trotz Regenjacke in kürzester Zeit klatschnass. So viel Regen auf einmal wäre schon als Wochenniederschlag bemerkenswert! Es kommen zwei Autos gefahren, beiden Fahrern erscheine ich wohl in meiner gelben Jacke etwas seltsam. Beide stoppen und bieten mir Hilfe an. Aber mein Auto ist schon in Sichtweite, auch wenn es unter einer Wasserwand wie von Feuerwehrschläuchen erzeugt steht. Dennoch bin ich froh, es auf sicherem Asphalt geparkt zu haben und nicht versucht zu haben, näher an die Grabung zu gelangen. So wie bei meiner Heimfahrt die Straßen unter Wasser standen, wäre ein normales Auto im Gelände sicherlich bewegungsunfähig.

Ich mache mir Gedanken, wie es den anderen auf der Grabung ergangen ist und hoffe, ihnen ist nichts zugestoßen. Und hoffentlich sind die mühsam freigelegten Mauerreste nicht wieder zugespült worden. Das werde ich sehen, wenn ich wieder hingehe. Das Schöne ist ja, als Ehrenamtler kann man sich aussuchen, wann, wie oft und wie lange man hilft. Erfreulicherweise hat der Rücken es besser vertragen, als befürchtet. Nur mit dem seltsamen Muskelkater am oberen Ende der Oberschenkel und der sich anschließenden rückwärtigen Partie hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Mal sehen, ob der jedesmal kommt...

16 Kommentare:

  1. Hochinteressant, liebe Elke! Wie viel Geduld es braucht, mit einem Teelöffeli so viel Sand und Steine zu bewegen!
    Aber wenn es viele Freiwillige hat, dann wird das schnell gehen.
    Weiss denn der Grabungstechniker (was für Berufe es gibt!), wie alt die zu erwartende Funde sein könnten?

    So ein Sturmregen kann ganz schön unangenehm sein! Ist ja nett, dass dir Hilfe angeboten wurde.

    Hoffentlich ist deine Grabungsstelle noch intakt!

    Liebe Grüsse aus dem April-artigen Zürich!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Catrina,
      nun ja, viele Freiwillige sind es leider nicht. Und es ist sehr fest verdichteter Lehm, den wir abtragen müssen. Ein wenig Regen ist da sogar gut, weil er den Boden aufweicht, aber eine solche Masse wie vorgestern könnte sehr kontraproduktiv gewesen sein.
      Der Grabungstechniker hält sich sehr bedeckt, was Fundhoffnungen angeht. Vieles ist möglich und denkbar.
      Ich fand es auch positiv, dass man mir in den Regenmassen Hilfe anbot!
      liebe Grüße aus dem zurückhaltend-warmen Rheinland
      Elke

      Löschen
  2. Na das ist ja mal eine superspannende Sache, da wird mal mal so richtig "geerdet" :-) Mit einer kleinen Kelle Stück für Stück unbekannte Dinge freilegen, das ist echt ein Kontrastprogramm zu deinem ehemaligen Bürojob. Ich hab sowas vor Jahrzehnten mal als Schüler gemacht und erinnere mich jetzt noch an meine Ungeduld.
    Dass ihr dann vom Unwetter überrascht wurdet ist natürlich nicht so toll (ich weiß genau welches das war, hier hats auch ordentlich gescheppert), hoffentlich wurde nicht alle Mühe wieder zugeschwemmt. War das eine einmaliger Einsatz, oder buddelst du jetzt regelmäßig?
    Liebe Grüße, Oliver

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Oliver,
      "Erdung" - DAS wäre eine perfekte Post-Überschrift gewesen. Denn genau das trifft es! Mal ganz was anderes wie bloßer Theoriekram, man sieht, was man geschafft hat. Und genau, man ist völlig ungeduldig, ob und was man findet, jede kleine Scherbe elektrisiert.
      Ich hoffe auch, es wurde nicht alles wieder zugeschwemmt! Eigentlich wollte ich heute wieder hin, aber bei Dauerregen bringt das gar nichts. Ich habe ja nun Zeit und möchte regelmäßig "Erdung" betreiben!
      Du hast auch schonmal gegraben? Was hast du in deinem Leben eigentlich noch NICHT betrieben?! ;-)
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  3. Liebe Elke,

    soso, da war ich wohl am dransten, naja, Glückstreffer! Oder hilft das genaue Mitlesen, das im Lehrergen verankert ist?

    Das fände ich auch spannend, vor allem, wenn man was findet und wissen möchte, ob darüber was rauszukriegen ist, dinglich - zeitlich und überhaupt? - LOL - Auf jeden Fall besser, als der Theoriekram, der hinter dir liegt!

    Erdung ist gut, aber die Erdung danach, die einem klar macht, dass man Rücken hat und doch nicht mehr 30 ist, die ist nicht immer so prickelnd! - Hoffentlich sind die unbekannte 'Schmerzen' nicht zu lange geblieben, du weißt ja, alles was keine Miete zahlt muss raus! :-)

    Unverhoffter Regen: aber der Schauer, der uns gestern beim Radeln in die Stadt ereilte, war ja bei weitem nicht vergleichbar mit dem, der euch heimgesucht hat! - uups! - Hoffentlich musstest du nicht den Auto-Innenraum zu sehr unter Wasser setzen, aber das trocknet ... ein Wasserschaden beim Grabungsort wäre blöd. Hoffen wir das Beste ... du wirst uns ja erzählen!

    Viel Spaß, wenn du dort wieder aufschlägst!
    Liebe Grüße Manfred

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Manfred,
      ich glaube, dein analytisches Denken hat dich schnell auf die Spur gebracht. ;-)
      Ja, die ungewohnte Betätigung wollte verdaut werden. Erstaunlicherweise war es weniger Rücken, mehr Oberschenkel und Allerwertester. Seit meinem zweiten nun ganztägigen Einsatz gestern spüre ich das umso deutlicher. Aber egal, es ist auch mal ein anderes, gutes Gefühl, eine solche Arbeit geschafft zu haben, wo man sieht, was man getan hat. Auch wenn das in der Archäologie winzig ist.
      Der Regen hat einiges eingeschlämmt, was wir schon von Erde befreit hatten, aber es hielt sich in Grenzen. Fürs Wochenende ist nun alles unter Folien geschützt. "Lustiger" war, wie schlammig nun alles da draußen ist. Die Regenstiefel werden mit jedem Schritt schwerer und "quatschen" munter. :-)
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  4. Liebe Elke,
    oh wie toll - du bist Inidana Jane!
    Was für eine super interessanten Aufgabe. Wie lange hattest du denn diesen Plan schon, bzw. seit wann gibt es diese Ausgrabungsstelle? Wie oft gehst du dahin? Fragen über Fragen.
    Das Ehrenamt hat wirklich viele Vorteile - das hab ich auch immer genossen, zu wissen, dass ja ich selbst entscheide, wieviel Zeit ich investieren mag.
    Ich bin gespannt, wie es weiterging in deinem Gefäßbodenfund. :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Doris,
      ach, Ausgrabungen haben mich schon immer interessiert. Eine Führung hätte mir auch schon gereicht, aber nah dabei sein zu können ist ja noch verschärfter. Es gab schon letztes Jahr einen öffentlichen Aufruf zum Mitmachen, aber da hätte ich Urlaub nehmen müssen. Nun kam der zweite Aufruf gerade recht!
      Die Suche nach Artefakten im Boden dort begann vor knapp einem Jahr. Seit wann sie konkret genau diese Stelle gefunden haben und das Gefundene ausgraben muss ich mal fragen.
      Ich gehe wie ich Lust und Zeit habe, plane mit ca. 2x pro Woche.
      Gestern war ich nochmals, nächste Woche muss ich schauen, wie ich Zeit finde.
      Das mit dem Gefäßboden war nicht weiter wild, war ja nur ein Scherben, aber einer von vielen ähnlichen in dieser Ecke der Grabung. Das wird alles eingesammelt. Vielleicht kann man da etwas rekonstruieren?
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen
  5. Liebe Elke,

    interessant finde ich das auch. Ein wenig skurril aber auch, dass die Behausungen lebender Menschen und viel lebendige Natur, die auf dem Gelände standen, irgendwie weniger Bedeutung zu haben scheinen als die paar Trümmer und Scherben aus längst vergangenen Zeiten.

    Aber weil es nunmal so ist wie es ist, wünsche ich euch Archäologen - ob beruflich oder ehrenamtlich - weiterhin viel Vergnügen und Erfolgsfunde beim Durchsieben des Drecks. Vielleicht fördert ihr auch einen Schatz ans Tageslicht?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Lizzy,
      ich verstehe deinen ersten Absatz so, dass du denkst, alles was dort vorher war, musste wegen der Archäologie weichen. Das ist nicht so. Für eine Großbaustelle anderer Art wurde alles plattgemacht und die Archäologen dürfen dann gemäß Bodendenkmalschutz schauen, ob da noch historisch Wertvolles ist, notgraben also. Ohne die Großbaustelle wäre dort nicht gegraben worden.
      Ha, genau, einen kleinen Schatzfund würde ich mir auch wünschen. Bisher war aber außer Scherben noch nichts entsprechendes dabei.
      Danke und liebe Grüße
      Elke

      Löschen
    2. Nein, nein .. so war das nicht gemeint. Weichen musste es dem Tagebau, denke ich. Der auf die Dörfer dort weniger Rücksicht nahm. So war das gemeint. Dass die Dörfer und Städte heute für mich persönlich einen höheren Erhaltungswert gehabt hätten als die Trümmer der Alten - die ja eh schon kaputt sind.

      Löschen
  6. Liebe Elke,
    als ich Manfred's Kommentar las - dachte ich natürlich es ist eine Ausgrabung (selbst bin ich nicht darauf gekommen), aber es passte einfach zu gut.
    Ich hoffe du kannst etwas römisches finden, das ist doch dein Spezialgebiet! Dreck mag ich ja - aber ich denke hierfür hätte ich wirklich keine Geduld. Toll, dass es dir Spass macht und du den Sturm überlebt hast. (Zum Ort denke ich mir einfach was.)
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Roni,
      ja, dieses Projekt passt perfekt zu mir. Was Geschichtliches angeht, da bin ich flexibel. Mittelalter ist auch spannend. Aber römische Dachziegelscherben finden wir auch reichlich. Man hat damals nachhaltig gebaut und einfach Material aus einem wohl zuvor schon verfallenen römischen Landgut verwendet.
      Danke und liebe Grüße
      Elke

      Löschen
    2. Mittelalter also. Ich bin ja mal gespannt was ihr da so findet!

      Löschen
  7. Wow, Elke, du erstaunst mich immer wieder.
    Elke Jones auf der Suche nach den Schätzen :-)))
    Coole Aktion! Gut das der Rücken mitgemacht hat und ich denke, da wirst du sicherlich noch weiter drüber schreiben. Vielleicht findest du noch einen echten Schatz :-)
    Liebe Grüße
    Helge

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Helge,
      das war die perfekte Gelegenheit zum besten Zeitpunkt. Ich hoffe ja auch, dass wir da noch auf etwas Tolles stoßen. Und wenn nicht, es ist auf alle Fälle ein Erlebnis!
      Liebe Grüße
      Elke

      Löschen