In der frühen Morgendämmerung. Wir nutzen die strategisch überaus günstige Lage meiner Dienststelle, deponieren dort unsere Sachen und machen uns auf einen aufwärmenden kleinen Weg über den Rhein zu Start. Noch kaum ein Mensch auf der Straße vor unserem Gebäude, außer ein paar Securities.
Die Morgensonne taucht den Dom in goldenes Licht. Hinter ihm wird später unser Ziel liegen. Da muss ein Selfie her! Wir erregen Aufmerksamkeit mit unseren Pre-Event-Outfits. Manche Läufer kommen auch schon startbereit hier vorbei, doch im kalten Wind und ohne Schutz frieren sie deutlich.
Weiter der Sonne entgegen, vorbei an endlosen Massen von Liebesschlössern auf der Hohenzollernbrücke.
Schon schallt uns die Geräuschkulisse des Startareals bereits entgegen.
Neuerung in diesem Jahr: Die Blauen Funken (ein Kölner Karnevalsverein) ist neuer unübersehbarerer Sponsor. Vom Wagen mit der "Dicken Berta" heizt der Streckensprecher redegewandt ein.
Ich finde meinen Startblock nicht. Ich habe "orange", sehe aber diese Farbe nirgendwo. Stattdessen die beiden Pacemaker mit den 2:00-Std.-Ballons. Die haben "orange" auf ihren Startnummern, stehen aber im gelben Block. Ok, was für die gilt, gilt dann auch für mich.
Domgeläut wäre jetzt schön, aber darauf muss man beim Start um 8:30 Uhr verzichten, stattdessen gibt es "Hell's Bells". Erinnerungen an meinen Wien Marathon 2014 werden wach, als diese Hymne auch unterwegs erklang. Gutes Omen?
Bei Sonne und fast blauem Himmel geht es los. Der erste Gehstau folgt schon nach 100 m. Auf der Deutzer Brücke sucht man sich seinen Weg, auch über den Gehweg. Der Wind weht kräftig und lässt die Fahnen flattern.
Nach 2 km ein alter Bekannter. Michel wird nicht müde...
Im Studentenviertel ein neuer Action Spot, hier engagieren sich die Funken für die Laune von Läufern und Publikum.
Ansonsten ist Köln wieder etwas sparsam mit aufmunternder Musik. Wenn nicht viele Private in die Bresche springen würden, wäre es teils sehr leise.
Immer wieder bestrahlt uns die Morgensonne.
Mein V800 lässt mich heute teils etwas im Stich. Die Herzfrequenzwerte sind während des ganzen Laufs völlig daneben. Das Ding bescheinigt mir unterwegs immer wieder Werte kurz vor Winterschlaf. Auch die angezeigte Geschwindigkeit narrt mich immer wieder. Doch ich habe ja kein Zeitziel heute. Ich laufe so, wie mir ist.
"Marmor, Stein und Eisen bricht..."
Rudolfplatz. Hier ist Stimmung, denn das Publikum sieht die Läufer gleich zweimal vorbeipreschen.
Die beiden scheinen Hunger und den Wunsch nach Geschwistern zu haben :-)
Ich fühle mich auf den letzten 5 km so etwa wie dieser Funke. Die Beine machen ihren Job automatisch, der Kopf wäre jetzt für ein Radler in einer der schon geöffneten Kneipen...
Aber nix da, das Ziel ist das Ziel!
Ok, da kann man ein wenig Sambarhythmen gebrauchen. Nicht mehr weit, nicht mehr weit.
Während ich noch ca. 1,5 km zum Ziel habe, stürmt auf der anderen Straßenseite bereits die Marathonspitze heran.
An dieser Stelle bin ich arg enttäuscht. Als ich gegenüber lief, stand an dieser Stelle noch das Haifischmaul der Kölner Haie, durch das alle wie schon 2015 laufen sollten. Leider ist es nun verschwunden. Schaaaade.
Nun gilt es noch, die Einkaufsmeile "Hohe Straße" zu passieren. Dies gelingt völlig konsumfrei. Für Schaufensterauslagen habe ich heute auch nichts übrig.
Konnte ich die ersten beiden Drittel des Laufs häufig überholen, muss ich nun einigen Schnelleren Platz machen.
Aber die Domtürme da hinten ziehen mich weiter voran.
Endlich - das Ziel! Ich erreiche es in 2 Stunden und wenigen Sekündchen. Die Mühe der letzten Kilometer vermochte sich nur unwesentlich in einer langsameren zweiten Hälfte niederzuschlagen. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Zeit. Zumal ich im vorderen Drittel der fast 5000 weiblichen Teilnehmerinnen rangieren darf. Und das auf meine alten Tage! ;-)
Hinter dem Zielbogen das übliche endlose Gedränge. Das funktioniert bei anderen Läufen besser. In Köln habe ich auch diesmal leichte Platzangst.
Rasch zum Büro, wo schon mein eidgenössischer Ehemann mit neuer HM-Bestzeit auf mich wartet (1:39). Wir genießen den Luxus, uns im warmen Gebäude umziehen zu können, denn inzwischen ist es draußen trüb und erste Tropfen fallen.
Und dann gehts weiter, denn unser Tag ist noch nicht zu Ende!
Ein Bloggertreffen mit Helge war vereinbart. Sie will ihren Mann Andi bei seinem Marathon unterstützen. Und dazu kamen als Überraschung auch Karina mit Mann und Tochter mit. Wir tauschen uns aus über Tri- und Marath(l)ons, für mich nochmals eine andere Welt. Noch während wir gerade quatschen, nähert sich eine andere mir bekannte Gestalt, doch so schnell, dass ich erst im letzten Moment Gesicht und Name auf der Startnummer abgleichen kann. Das Pulsmesser sprintet kräftig und schnittig an uns vorbei. Ich kann ihm gerade noch einen Ruf hinterherschicken und weiß nicht, ob er mich auch erkannte, so konzentriert war er unterwegs zu einer Super-Zeit. Herzliche Glückwünsche dazu!
Bald müssen Helge, Karina & Co weiter. Wir erwarten nun an dieser Stelle (km 21,1) unsere Lauffreundin Heidrun, die nach dem abgebrochenen Jungfrau-Marathon auf dem Weg ist zu einem kompensierenden Positiv-Erlebnis.
Gut sieht sie aus!
A propos Jungfrau-Marathon: Die etwas seltsame Farbe des dortigen Finisher-Shirts erweist sich hier als überaus effektiv: Wir erkennen einen anderen Teilnehmer schon von weitem an seinem neonpinkrosa Shirt.
Ja, hier im Flachland fällt die Lauferei doch deutlich leichter.
Uns fällt hingegen das Stehen an der Strecke bei inzwischen richtig "useligem" Herbstwetter schwerer. So entschließen wir uns, Richtung Heimat zu fahren, verfolgen aber weiter digital Heidruns Lauf. Sie wird unter 5 Stunden finishen. Auch dazu ganz herzliche Glückwünsche!
15-16°, 21,1 km, 2:00:56 (netto), Link zum Nacherleben des Laufs
