Sonntag, 10. Juni 2018

Bieler Lauftage - Die zweiten 100


Untertitel:
Momentaufnahmen aus der Nacht der Nächte

Nachdem 2016 (Link) mein Mann seine Premiere in Biel hatte, sollte dieses Jahr die zweite Teilnahme stattfinden. Und nicht nur das: Lauffreundin Heidrun wagt sich ebenfalls an diesen Klassiker heran. Also eine besondere Herausforderung: Mit EINEM Auto ZWEI Läufer auf der Strecke coachen, die mit unterschiedlichen Tempi unterwegs sein werden.


Daher wird vorher eine strategische Planung aufgestellt, wie sich das bewerkstelligen lässt. Chris wird seine GPS-Daten via Garmin und Smartphone live senden, Heidrun aufgrund technischer Probleme alle 10 km kurz Coach Doris (meine Mitfahrerin im Auto) per Telefon anläuten und uns so ihren jeweiligen Standpunkt mitteilen.
Soweit der Plan. Aber wie das so ist mit Plänen und Technik.
Wir nehmen Gepäck und Kleidung unserer Läufer ins Auto. Chris hat diesmal unterwegs keine Verpflegung dabei, er kennt das reichliche Nahrungsangebot an der Strecke schon und wird damit bestens über die 100 km kommen, Heidrun schultert sicherheitshalber einen Rucksack.

Es folgt eine Skizzierung der Nacht, aus Sicht des rollenden Coaching-Teams...

Bis 22 Uhr

Am Nachmittag gewittert es, der Himmel überschüttet uns mit Regen. Auch noch auf der knapp einstündigen Fahrt nach Biel. Wir vertrauen auf den Wetterbericht, der bis zum Start Wetterberuhigung verspricht.
Startnummernausgabe in der Kongresshalle, die Luft wie in einer Sauna.
Ein paar Zahlen zu den Lauftagen:
100 km: 820 Finisher, davon 433 aus Deutschland
56 km: 132 Finisher
Halbmarathon: 578 Finisher
Diverse Staffeln: knapp 250.

Unsere Laufhelden: Zuversichtlich, wenn auch beide (leicht) nachdenklich. Nachvollziehbar, denn was die 100 km bringen werden, das sehen wir erst im Laufe der Nacht.









22 Uhr

Wie schon 2016 herrscht eine unglaubliche Stimmung, Aufregung, Anspannung.
Es brodelt.
Gottseidank nicht mehr am Himmel, denn der Regen hat aufgehört!

Zum Start Gänsehautmusik aus Düsseldorf.
Aber nichts passt besser,
die Toten Hosen:
"An Tagen wie diesen"



Zitat daraus:

Das hier ist ewig,
Ewig für heute
Wir stehen nicht still,
Für eine ganze Nacht.
Komm' ich trag' dich,
Durch die Leute
Hab' keine Angst
Ich gebe auf dich Acht.

Wir lassen uns treiben,
Tauchen unter,
Schwimmen mit dem Strom.
Drehen unsere Kreise,
Kommen nicht mehr runter,
Sind schwerelos.


Mit dem Startschuss sprinten die Startband-Footballer los, hinter ihnen macht sich das Feld der 100'er und 56'er in lauer Sommernachtsluft auf in ihr großes Abenteuer. (Halbmarathon folgt 22:30 Uhr, Staffeln 23 Uhr).







Während Chris und Heidrun auf eine erste Einführungsrunde durch Biel gehen, marschieren Doris und ich zügig zum Auto und machen uns auf den Weg nach Jens, km 10.
Dort läuft nach bereits 40 Minuten (!) die Spitze ein. Chris folgt 22:53 Uhr.



23 Uhr

Gleich nachdem wir Heidrun noch um 23:09 Uhr in Jens begrüßen konnten, starten wir zu Streckenkilometer 22 nach Lyss.
An einem mit Alpenschlager unterhaltenden Bierstand warten wir auf Chris, der um 23:58 Uhr munter vorbeiläuft. Ab hier werden wir nicht beide Läufer zugleich erwischen können, wir müssen nun je nach Fortgang der Nacht flexibel entscheiden.

0 Uhr

Scheunenberg, km 30. Gleich am Ortsrand weisen uns freundliche Helfer eine Parkmöglichkeit zu.



Wir warten auf Heidruns Anläuten vom 20 km-Punkt. Das kommt 0:28 Uhr.
Ich will die Zeit nutzen, um erstmals das Livetiming von Chris aufzurufen, muss jedoch feststellen, dass es technisch nicht funktioniert, sein Smartphone sendet nicht. Ok, die Herausforderung nehmen wir Coaches an und orientieren uns anhand seiner Liste der geplanten km-Zeiten, führen sie manuell anhand der Echt-Zeiten jeweils fort. Das wird wunderbar klappen. Zudem gibt es ein paar Zwischenzeiten von Datasport.
Chris läuft 0:58 Uhr ein, leicht hinter seinem Plan liegend. Es sei anstrengend, konstatiert er. Da uns die Zeit von Heidrun ein wenig Sorge bereitet, wollen wir hier auf sie warten, sagen Chris noch rasch, dass wir ihn wohl erst an km 47 wieder sehen werden.
Doris und ich nutzen die Wartezeit zum Anklatschen der Vorbeieilenden und -gehenden. Um manch einen machen wir uns Gedanken. Wer hier schon bei km 30 schwächelt, wie sollen dann die restlichen 70 km werden?
Der Dorfgasthof hat noch geöffnet und von der Terrasse schallen fröhliche Stimmen herüber. Manch ein Läufer nutzt die Chance und verschwindet dort zum WC, ja die Serviertochter (=Kellnerin) weist sogar freundlich den Weg. Die gleich hinter dem Gasthaus aufgestellten Mobil-WCs sind nicht direkt ersichtlich.
Die Regenwolken haben sich verzogen, über uns funkeln die Sterne. Aber ob die Läufer das wahrnehmen?

2 Uhr

Heidrun kommt Punkt 2 Uhr an. Sie berichtet von einem Tief, das sie gerade durchzumachen hat(te). Doch nicht umsonst hatte sie sich mit Läufermotivationsliteratur befasst, um für solches gewappnet zu sein, und läuft weiter.
Wir beschließen, Oberramsern bei km 38 nicht anzusteuern und machen uns auf den Weg nach Jegenstorf, km 47.


Chris kommt 22:55 Uhr "strahlend" an, obwohl nun noch ein wenig mehr hinter seinem Plan liegend. Er ahnt das zwar, und wir Coaches sehen es anhand der Liste, aber das muss man ja nicht thematisieren. Er berichtet begeistert von einem schweizer Olympia-Silbermedaillisten, den er gerade gesehen hat und er gleich auch bei uns vorbeikommen wird. Die Silbermedaille übrigens im Curling 2018.

3 Uhr

Wir machen uns auf nach Kirchberg, km 56, wo ich mich 2016 im Ort herzhaft verfahren hatte. Diesmal ausgerüstet mit einem Ortsplanausdruck. Dennoch, das Karma des Ortes verleitet erneut zu einer Ehrenrunde, wenn auch diesmal kürzer als vor 2 Jahren.
Kirchberg, das Ziel des 56 km-Ultralaufs wieder ohne jede Stimmung am Ziel- und Verpflegungspunkt. Wer hier 56 km finisht, hört eben auf zu laufen, isst und trinkt etwas und geht dann heim, der Rest läuft einfach weiter.
3:26 Uhr verkündet das Handy Heidruns 30 km-Passage.


4 Uhr

Chris kommt Punkt 4:00 in Kirchberg an, mittlerweile 30 Minuten hinter seinem Plan, doch gut gelaunt, und begibt sich nun auf den Emmendamm.
Wir fahren nach Utzenstorf/km 62, wo wir 4:51 Uhr ihn wieder treffen. Seine Planabweichung ist gleich geblieben. Inzwischen hat die Morgendämmerung begonnen.
Wir überlegen, wie wir die Begleitung weiter gestalten sollen. Gleich zu km 70 bei Lohn zu Chris fahren oder warten, ob und wo wir Heidrun erwischen können. Das können wir erst entscheiden, wenn wir ein Lebenszeichen von ihr erhalten.

5 Uhr

Heidrun vermeldet Punkt 5 Uhr, dass sie km 50 erreicht hat. Ein Blick auf die Karte, Kopfrechnen, jawoll, das könnte klappen. In zügiger Fahrt eilen wir zum km 51, wo bei Kernenried die Laufstrecke die Straße quert. In dem kleinen Weiler haben ein paar Bewohner eine Bank an die Straße gestellt und begrüßen jeden munter. Heidrun kommt ebenfalls "strahlend" an. Ihr Tief hat sich verflogen, der Kampfgeist hat sich durchgesetzt!




Nach dem Treffen eilen wir flugs zurück, an Utzenstorf vorbei nach Lohn/km 70.
Währenddessen läuft in Biel der Sieger der Herrenwertung ein, 7:29 Stunden, macht einen Schnitt von 4:29 Minuten, der blanke Wahnsinn!


Der klare Sternenhimmel hat sich in bewölkte Trübnis verwandelt, Nebel wabert hier und da über der Landschaft.
In Lohn sitzt auf dem Parkplatz eine Läuferin, die anscheinend ausgestiegen ist, wie ein Häuflein Elend auf dem Boden vor ihrem Auto. Ein paar Tränen fließen. Der Reflex wäre, sie zu trösten, doch sie scheint für sich sein zu wollen. Ach Mensch, welch eine Leistung, 70 km geschafft zu haben! Aber ihre Niedergeschlagenheit kann man auch nachvollziehen.
Ein anderer Läufer, ein junger Mann, der uns schon vorher deutlich schwächelnd aufgefallen war, lässt sich ebenfalls zu einer Pause nieder. Doch obwohl er deutlich angeschlagen ist, wankt er weiter. Wir werden ihn bei km 95 noch wiedersehen, von einem Helfer gestützt, weiter Richtung Ziel schlurfend...

6 Uhr

Chris kommt munter bei uns vorbei.


Wir kehren die 5 Auto-km zurück nach Utzenstorf/km 62, um Heidrun zu begrüßen.
Dort können wir nun im Hellen den hohen Wasserstand der Emme begutachten, an deren Ufer rechts wieder ein All-Night-Runners-Partyzelt steht, inzwischen mit stark dezimierter Gästeschar, aber immer noch mit Musik.


Heidrun hat auf dem Emmendamm einen Gesprächspartner gefunden, mit dem sie dann auch weiter auf den berüchtigten Ho-Chi-Minh-Pfad geht.  Kein Tief mehr, obwohl es sich ja zieht. Auch keinerlei Verfluchungen und Ankündigungen des Laufkarriere-Endes.
Das lässt auf ein erfolgreiches Finish hoffen!




Um 6:53 Uhr läuft in Biel die Siegerin der Damenwertung im Ziel. Die Pace rechne ich erst gar nicht aus...

8 Uhr

Wegen der Begegnung mit Heidrun schaffen wir kein Treffen mit Chris in Bibern/km 76, sondern fahren gleich durch nach Büren mit seiner wunderschönen Altstadt. Für die uns jedoch keine Zeit bleibt, da wir unverzüglich das Ufer der Aare aufsuchen, um die Läufer hier bei km 88 klatschend zu unterstützen.


Wer es bis hierher geschafft hat, ist in der Regel auch ziemlich geschafft. Die "nur" noch verbleibenden 12 Rest-km, im Training ein Klacks, können sich allerdings zu einem gefühlten Gebirge auftürmen (A propos, die 100 km haben 600 Höhenmeter). Doch andererseits ist das Ziel eben auch schon relativ nah...

Während Heidrun um 8:08 Uhr km 70 bei Lohn erreicht, kommt Chris bei uns an km 88 um 8:30 Uhr vorbei. Nun doch wieder mit ein wenig weiterem Rückstand von 45 Minuten. Aber was heißt hier eigentlich Rückstand? Er hat 88 km ERREICHT, das ist doch das, was zählt!



Unser Plan ist, ihn im Ziel abzuholen und nach Büren zurückzukehren, um Heidrun hier zu dritt anzufeuern.

9 Uhr und später

Doris und ich erreichen als erste das Ziel in Biel.
Heidrun vermeldet 10 Uhr ihren km 80. Schaffen wir das rechtzeitig bis zu ihrer Passage nach Büren/km 88? Schwierig zu beurteilen, denn inzwischen hat ja der normale Samstags-Verkehr eingesetzt und bis Büren kann es 30 Minuten oder mehr dauern.
Bald nach 10 Uhr läuft Chris ein (Garniert mit AC/DC-Klängen), was einer Laufzeit von 12:21 Stunden entspricht. Auch wenn er damit eine Stunde langsamer war, eine tolle Leistung. Im Mittelfeld aller Herren und im 1. Fünftel seiner AK!
Später wird er fragen, ob ich überhaupt seinen Zieleinlauf verfolgt hätte! Frechheit, hier sind die Beweisfotos!




Erst einmal begleiten wir ihn zur Abholung des Finisher-Shirts und zum Duschgebäude.
Die Beobachtungen während des Wartens vor der Sporthalle erinnern mich an einen alten Sketch von Monty Python's Flying Circus, in dem es um ein Ministerium für komische Gänge ging. Solche kann man hier gut studieren. Man erkennt am Gang, wer "nur" Staffel lief, und wer sich die 100 km gönnte. Analysieren kann man orthopädische Ursachen oder Blasen. Letztere lassen sich öfter gut anhand des bevorzugten Schuhwerks (Zehensteg-Sandalen oder barfuß) der herauskommenden Kämpen konstatieren und treiben uns manchen Schauer über den Rücken...
Doch soll das keinesfalls Schadenfreude sein, wir sind voller Anerkennung für die Leistung eines jeden!

Als Chris äußerlich erfrischt aus der Halle kommt, ist uns die Anfahrt nach Büren zu knapp, wir entscheiden, bei km 95 am Ufer der Aare unsere weitere Laufheldin zu erwarten. Mit ein wenig Sorge, denn ihre 10-km-Zeiten werden lang und länger. Wie auch die Temperatur hoch und höher gegen 24° geht, inzwischen strahlt die Sonne vom Himmel.

Wir finden ein lauschiges Plätzchen, rücken uns eine Bank im Schatten zurecht, und genießen, blicken zurück auf die Nacht und alles was war, warten.


Tröpfelnd kommen Läufer/Geher an uns vorbei. Zielstrebig, müde, abgeschlagen, immer noch laufend, trabend oder trippelnd, schlurfend, unter der Hitze leidend. Jeder bekommt von uns Applaus und Aufmunterung. 90% haben daran Freude und bedanken sich, grinsen zurück oder heben den Daumen. Der Rest scheint im "Tunnel".
Durch den Aufdruck "Finisher 2018" ist Chris für Insider als 100-km-Absolvent erkennbar, auf den Shirts der anderen Distanzen fehlt der Zusatz. Seine Medaille liegt neben ihm auf der Bank. Manch einer gibt seine Glückwünsche an ihn. Eine ebenfalls teilnehmende Engländerin ruft laut "You already finished? Ohhh myyyy Goooood!"



Kein Zeichen mehr von Heidrun, sie müsste doch langsam eintreffen.... Wir machen uns Sorgen.
Endlich kommt sie gegangen.
Sie hatte sich ihrerseits Sorgen gemacht, um uns! Dass wir doch so lange warten müssten!
Wie bitte?! Ist doch Ehrensache und außerdem ist die Nacht der Nächte gefolgt vom Tag nach der Nacht der Nächte eine aufregende Sache, bei der es so viel zu sehen und zu erleben gibt!
Sie kündigt weitere gehende Fortbewegung bis zum Ziel an, evtl. gekrönt von letzten gelaufenen Schritten ins Ziel. Aber Zweifel am Finish? Was sind Zweifel?




13 Uhr

Wir fahren zurück zum Ziel, finden erstaunlich nahe erneut einen Parkplatz. Versuchen uns vor Sonne und Hitze zu schützen. Und dann naht Heidrun, voller Glückseligkeit. Leicht über 16 Stunden, aber damit voll in ihrem persönlich Erwartungshaltungszeitfenster.






Geschafft! Herzliche Glückwünsche und Gratulation an unsere beiden wackeren Helden der Nacht!

Noch ein wenig Fachsimpelei, auf dem Weg zum Auto trifft man "alte Bekannte" vom Lauf. Ein Läufer bedankt sich extra bei uns für die Aufmunterung an km 95.




Ach Biel, Du warst ein Ereignis!
Und ja, einmal muss man nach Biel, und sei es nur als Zuschauer!
Aber zweimal ist noch besser!

Sonntag, 3. Juni 2018

Rhein-Ruhr-Halb-Marathon 2018

Ich habe mich gefragt, wohin mit der Energie, die in Salzburg nicht ganz abgerufen wurde, und die in Bern zu einer PB auf dieser "Hausstrecke" führte? Das Pulsmesser hat mir dann einen Floh ins Ohr gesetzt mit dem Halb-/Marathon in Duisburg. Man kann bis zum Morgen des Starttages überlegen, Nachmeldungen sind dann noch möglich.
Also auf ins Ruhrgebiet, von dem ich, das muss ich gestehen, bislang kein rechtes Bild im Kopf habe. Auch mein Mann ist neugierig, nachdem er sich im Netz ein wenig eingelesen hat. Laufen wird er nicht, sein Großprojekt steht kommendes Wochenende an.

Gut gelangen wir zum Start-/Zielgelände an der Schauninsland-Arena, nah an der Autobahn, ausreichende und kostenlose Parkplätze direkt davor. Und ein wenig Kunst erfreut auch das Gemüt.
Duisburg rühmt sich, mit Berlin und Frankfurt zu den ersten Stadtmarathons in Deutschland zu gehören. Doch dann starteten andere durch und Duisburg musste immer wieder mit neuen Problemen kämpfen (Wikipedia weiß mehr, Veranstalter-Link). Dennoch, der Lauf blieb, wenn auch im kleineren Rahmen. Einige 100 Marathonis und gute 2000 Halbmarathonis sowie Teilnehmer anderer Rahmenrennen finden sich gut gelaunt ein.
Ein Pfarrer spricht segensreiche Worte und wünscht uns helfende Engelein zur Seite.

Wir können einen Blick auf einen der meist fotografierten Männer werfen, die personifizierte "rote Laterne", man beachte selbige in der rechten Hand.









Nachdem schon um 8:30 Uhr die Marathonis auf die Strecke gingen, folgt der Halbmarathon um 10 Uhr. Der ersten km sind für beide identisch, dann biegen nach ca. 3,5 km die Marathonis auf eine lange Nordschleife ab, treffen später zwischen km 5 und 6 der "Halben" wieder mit diesen zusammen.
Gleich hinter dem Start eine Sambagruppe mit optisch hinreißender Damenbegleitung, ging leider nicht besser aufs Bild.



Auf den ersten km ist kaum ein selbstbestimmtes Tempo möglich, so dicht sind alle beieinander. Die schon leicht drückende Luft befördert damit einige olfaktorische Erlebnisse, die ich lieber nicht gehabt hätte. Man sehnt jeden Windhauch herbei.
Ich habe mich dem 2:00-Pacemaker angeschlossen, der mit einem knallroten Herz-Luftballon rennt. Da mein V800 teils aberwitzige Zeiten zeigt, bin ich um diese Hilfe dankbar. Doch leider passiert ein Missgeschick, schon nach 4 km sucht der Ballon das Weite, begleitet von zahlreichen "Oooohhhh"-Ausrufen. Dumm, nun muss ich nach grober Orientierung laufen. Und die sagt mir, das wird anstrengend heute.

Am Theater, das MUSS hier festgehalten werden, Aplhornklänge!











Vorne das Duisburger Rathaus, ein Gründerzeitbau mit Paternoster, wie ich aus einem früheren Termin dort weiß. Aber den lassen wir heute aus, alles wird zu Fuß gemacht.









Lange nicht gesehen, Michel feuert in bewährter Weise an. Schick hat er sich gemacht.
Er steht vor einem Seniorenheim, das wie an vielen Punkten in der Stadt, den Anlass zu einer Feier nutzt.
Hier an dieser Stelle stoßen die Marathonis wieder zum Feld, genauer gesagt, im Moment meiner Passage die, die eine 3:30'er-Endzeit anpeilen.
Das System ist gut, denn so konnten sie kühlere Morgenluft nutzen, und sind nun bis zum Ziel in Gesellschaft, also nicht ganz allein auf den langen Straßen.


Bierbänke und -tische, Rollatoren und Rollstühle stehen in Reih' und Glied. Akustisch schmachtet Elvis gerade volle Pulle "Don't be cruel", herrlich. Überhaupt die Stimmung... Zwar ist nicht die ganze Strecke lückenlos von Zuschauern bevölkert, aber immer wieder laufen wir an Straßenparties, Hot Spots und Zuschauergruppen vorbei. Oft wird "Privatmusik" geboten, von Schlager bis  Rock alles vertreten, hyper-hyper! Und überall wird geklatscht und angefeuert. Anders herum ausgedrückt: Wenn rheinaufwärts in Köln oder Düsseldorf jeder Zuschauer mal soviel Lärm machen würde, wie die hier im Pott, das gäbe ein wahres Erdbeben für die Ohren.

Ein paar weitere Eindrücke von unterwegs. Man läuft fast durchgängig durch Siedlungsgebiete, keine großen Highlights, aber auch keine Industriebauten.














Mein Mann erwartet mich kurz hinter km 9. Da habe ich schon etwas Mühe mit dem schwülwarmen Wetter. Bald danach meldet mein Kreislauf Mitmachprobleme, fügt sich dann aber schlussendlich in seine Pflicht.


Doch obwohl ich mir für diesen Lauf nichts vorgenommen habe und mit völlig entspanntem Puls am Start stand, fängt etwa zur Streckenhälfte der Magen mit Drückereien an, die sich gegen Ende immer übler entwickeln.
Das verleidet dann doch die Freude ein wenig. Aber wenigstens ermöglicht mir dies Praxistraining der Disziplin "Durchhalten und beißen".
Den "Hänger" bei km 12, 13, 14 kann ich nochmal überwinden, aber ab km 18 wird es hart, ich muss immer wieder kleine Gehphasen einlegen, um den Magen zu beruhigen, wie doof.


Dauernd habe ich dabei diesen Marathoni und seinen eigentlich nicht erlaubten Radbegleiter vor der Nase, die sich munter beplaudern, wobei die Zielzeit nachher wirklich um die 3:30 sein wird - die Welt ist gemein!
Aber es ist nicht mehr weit, das hält mich aufrecht.





An der Arena ist ein Vor-Zielbereich aufgebaut. Ein munterer Moderator gibt den Teilnehmern einen letzten Schwung mit.










Nur noch kurz an der schicken Glasfassade entlang...









... dann geht es durch einen Tunnel mit Leuchteffekten (hier die Passage der Inliner vom früheren Morgen)...














... und dann ENDLICH einbiegen in den Innenraum, der uns brummend wie ein Bienenkorb erwartet. Tolle Stimmung herrscht hier!








3 Seiten des Innenraums laufen wir ab
und dann
ist
es
ge-
schafft.
Ich auch.
Mein Mann hat meinen Zieleinlauf filmisch dokumentiert. (Das muss noch gelöscht werden, Datenschutz und so.) Mein optisches Erscheinungsbild stimmt diesmal mit dem schlappen inneren Gefühl ziemlich überein, nichts ist mit Schlussspurt. Wenigstens laufend das Ziel erreichen, das gelingt. Mit meiner 2:06'er-Zeit gerate ich dennoch ins erste Drittel meiner AK und ins Mittelfeld aller Damen, auch wenn ich schon schneller unterwegs war. Doch am Ende überwiegt die Freude über das Erreichte.
Es gibt Medaillen (mit unterscheidenden Halsbandfarben für die Halb- und Volldistanzler).
Zudem für jede Dame eine Rose! Und dann darf ich auf eine große Gemeinsamtkeit von Duisburg mit den Läufen in Paris, Biel und dem Jungfraumarathon hinweisen: ECHTE Finishershirts werden überreicht! Also solche, die nur die Finisher erhalten. Find' ich gut!

Im Nachzielbereich ist mir erst einmal k---übel. Was durch das bayerische Weißbier auch nicht behoben wird. Dann setzt Frieren ein. Glücklicherweise hat mein Mann meine Jacke zum Treffpunkt mitgebracht, die ich bei 22° dankbar anziehe.
Beim "Einsteigen" ins Auto muss ich meine Wasserflasche erst einmal auf dem Wagendach abstellen, um mich abstützen zu können. Dann folgt noch ein Krampf im Fuß.
Langsam rollen wir Richtung Ausfahrt, als ein paar junge Mädchen noch auf dem Parkplatz uns eifrig etwas zurufen.
Ähm, mein Auto ist ja nett und mein Mann sieht auch nicht schlecht aus, aber beides ist doch schon in die Jahre gekommen, kein Grund für Hysterie.
"Die Flaaaaascheeee!" rufen sie.
Jesses! Die steht noch auf dem Dach. Da ich des Aussteigens unfähig bin, kommt eine der freundlichen Frauen und reicht uns Senioren hilfsbereit die Flasche ins Innere. Die jungen Leute von heute sind doch nicht so schlecht, wie man manchmal glauben mag.
Ein Posten amüsiert sich über die Nummer, wir uns auch

Das war Duisburg. Gut organisiert alles, zahlreiche Helfer an der Strecke, viele Verpflegungspunkte, es gab sogar Shuttlebusse für Zuschauer und Staffelläufer. Zwar eine große Veranstaltung, aber dennoch mit viel familiärem Flair. Duisburg hat ein bemerkenswert herzliches Publikum!
Mich würde noch die Marathonstrecke interessieren, die Ruhr und Rhein überquert und wohl mehr Industriegebiete zeigt. Aber die Mehr-km hätte ich heute definitv nicht geschafft.