Mittwoch, 12. Juni 2019

Marathonspätfolgen

Man könnte das jetzt auch "Spätzündung" nennen...
Als wir zum Marathon 2018 in Salzburg weilten, wollte natürlich auch die Stadt erkundet sein. So stießen wir auf eine besondere Art Kunst, läuft unter den Bezeichnungen "Urban Knitting", "Yarn Bombing" oder auch "Guerilla Knitting".







Der Umgang mit Nadeln und Garn ist mir ein in Jahrzehnten sehr lieb gewonnener, kein Wunder also, dass mich die Erinnerung an das Gesehene nicht mehr losließ.
Der Gedanke hatte sich festgesetzt,
reifte in meinem Kopf vor sich hin,
verwob sich immer fester mit den Synapsen
und brachte endlich das für mich tragende Projekt hervor!
Ich stieß auf eine Grafik eines französischen Künstlers, und genau diese wollte nun mit Nadel und Faden vom Papier an den Baum vorm Küchenfenster.


Das dortige städtische Beet versuche ich schon länger vom langjährigen Vernachlässigungsprozess durch den örtlichen Bauhof (ja auch hier muss gespart werden) zu erlösen und kann schon leidliche Verbesserungen konstatieren.
Wäre das nicht ein geeignetes Objekt?












Gedacht - gehäkelt - montiert.
Zur Freude der Nachbarn liebkost da nun ein struppiger Kerl den vom dichten Efeu befreiten Stamm.
Bin mal gespannt, wie er sich da so hält.

Wer hätte das gedacht,
da fährt man nach Salzburg zum laufen,
und am Ende umarmt einer daheim den Baum. 😊



Sonntag, 9. Juni 2019

Endlich ausgerollt

Heute ist es endlich soweit, hinausrollen mit der grünen Elli! Bisher passte es nie so recht. Bei Regen sowieso nicht, und dann war immer was anderes.
Ziemlich ungewohnt ist anfangs das Gefühl der Bewegung. Doch bald bin ich im Rhythmus und genieße das Gleiten, bewege mich zügig mit dem typischen "Ritsch-Ratsch"-Geräusch durch die Landschaft. Spontan geht es nach Manheim.
Die mitten im Trümmerfeld grasende Schafherde, der rote Klatschmon, das könnte man fast noch romantisch nennen. Aber der überwiegende Anblick ist alles andere als das.









Wer weiß, wie lange die Zufahrt zum Dorf noch so aussieht. Inzwischen wurde auch die Kirche offiziell außer Dienst genommen, nicht ohne Protestaktion und Polizeieinsatz:


Über einen fast zugewachsenen Radweg rolle ich weiter zum Hambacher Forst.


Die Zufahrt zum Wald ist mittels einer Schranke für PKWs gesperrt. Gleich dahinter steht demonstrativ ein Wachposten in seinem Fahrzeug, Funkgerät zur Hand. Da ich aber weder Zwille, noch Baumaterial für ein Baumhaus mitführe, erweckt wohl eher mein Gefährt Neugier. Im Wald selber herrscht wunderbare Ruhe, wenn man von einem vielstimmigen Vogelkonzert absieht. Die alte Bundesstraße habe ich fast für mich allein. Abgesehen von einem weiteren Security-Auto und einer sicherlich nicht unbesetzten Kontrollstation an der äußersten Tagebaugrenze.


Dies war einmal die alte A4. Man wird sehen, wie das gerichtliche Verfahren endet, ob und wie es hier weitergeht.


Ich kehre hier um und sehe noch einen Wachposten mit 2 Schäferhunden seine Runde drehen. Ein einsamer Radfahrer kommt mir entgegen. Doch der sieht mit seinem großen Rucksack und seinem Äußeren wohl eher verdächtig aus, ihm folgt ein Wachfahrzeug.
Es ist schon seltsam, sich hier zu bewegen, obwohl kein Zutrittsverbot herrscht.
Ironie des Ganzen: Alle Posten tragen gelbe Warnwesten. Bei unseren französischen Nachbarn sind genau diese, die "Maillots jaunes", Zeichen des Widerstands gegen die Staatsgewalt...

Nach 28 km rolle ich glücklich, zufrieden und ermattet daheim vor.
Der Muskelkater wird gewaltig sein, aber Pfingstmontag ist ja frei 😅

Sonntag, 2. Juni 2019

Rhein-Ruhr-Halbmarathon 2019

Nach dem gelungenen Halbmarathon "plus" entscheiden wir spontan, doch gleich noch einen städtischeren Halben dranzuhängen. Wir melden für Duisburg (den ich schon 2018 lief).
Da kannten wir die Wetterprognose noch nicht, sonst hätten mich keine 10 Pferde hinbekommen:
Zum Start erwarten uns 10 Uhr morgens 24°, Zieleinlauf um 12 Uhr herum bei 28°.
Pffff.
Dennoch. Gekniffen wird nicht, wer sind wir denn? Immerhin ist es windig, was wir als äußerst angenehm empfinden.
Ich stelle mich sehr bewusst hinter die 2:15-Std-Pacemaker und will sie definitiv nicht überholen. Hier flott zu laufen, wäre mit Sicherheit unklug, für mich jedenfalls.
Mein Mann sortiert sich weiter vorne ein.
Ich will diesmal jeden Kilometer fotografieren. Was mir gute Ablenkung verschafft.
Am Start noch rasch ein munteres Tattoo festgehalten, ein anderes schönes, ein Förderturm auf zierlicher Damenwade, gelang mir leider nicht. Auch die Sambadamen gleich hinter dem Start erwische ich leider wieder nur teils verdeckt.




Die km 1-4 sind unspektakulär. Ich hadere mit mir und dieser tollkühnen Laufteilnahme... ob das gut ausgeht? Damit bin ich nicht allein. Ein Einheimischer ruft seinem Laufkumpel in wunderbar markigem Lokaldialekt zu, wo hinein ihn dieser denn hier gequatscht habe!





Bei km 5 beginnt das Feld eine neue Laufkategorie zu praktizieren. Ich nenne es mal "kollektives Schattenkuscheln". Wo immer es geht, rennt man im Schatten. Gehwege sind da kein Hindernis.



Die Sonne prallt auf uns hernieder. Doch immer wieder bringen uns auch willkommene Windböen ein wenig Kühlung. Bei km 7 beschleichen mich leichte Laufdepressionen. Ein Viertel mit erkennbar migrationsgeprägten Bewohnern, die uns zwar beäugen, aber keine Hand rühren, keinen Laut der Unterstützung von sich geben. Wenigstens Schatten.


Doch schon kommt km 8. Hier stoßen die Marathonis, die 1,5 Stunden vor uns starteten, wieder zum Halbmarathonfeld. Sie sind auf ihrem km 28. Plötzlich Trillerpfiffe und Rufe, es kommt ein Pacemaker mit einer kleinen Gruppe im Schlepptau. Die laufen locker an uns vorbei, als hätten sie nicht schon längst die HM-Marke hinter sich.
Und dann folgt wieder das muntere Altersheim. Herrlich, Party für alle. Man schenkt Wasser aus, Sprudelwasser. Und statt Elvis in 2018 läuft Wachmachermucke: "Du schaffst das" (Keine Ahnung, wer den Schlager singt).
Und gegenüber in der prallen Sonne, eine der vielen Sambatrommlergruppen an der Strecke. Das baut wieder auf!




Km 9. Keine besonderes Vorkommnisse.


Km 10. Wieder eine der unzähligen Wasserstellen. Ich nehme jedesmal Wasser wie ein Verdurstender. Und den Rest jeweils über den Kopf.
Besonders bleibt mir im die Musik an dieser Stelle in Erinnerung: Die Toten Hosen schmettern "Steht auf, es wird schon irgendwie weitergehen" Link  (der Refrain ist Läuferhymne pur!). Das passt perfekt!


Km 11 und Halbmarathon-Halbzeitpunkt. Meine Kamera leidet auch ein wenig unter der Hitze.
Doch die emsig winkende englische "Queen" hält sie dann perfekt fest.
Gleich neben der Queen eine Wasserdusche, die gern "unterlaufen" wird. Als gerade kein Läufer sie nutzt, kommt jemand anderes: Ein Motorradpolizist rollt mit seiner Maschine so langsam es geht drunter her. Er kann einem auch Leid tun, in seiner Montur diesen Tag hier bestreiten zu müssen!
Auch Trinkwasser wird geboten, ich nutze die Gelegenheit, es mit einer Salztablette anzureichern.



Km 12.  Ein wenig kämpfen ist angesagt und bin froh über eine weitere Schattenpassage bei km 12.


Und dann kommt km 13. Diesem Teil muss ich einfach mehrere Bilder widmen. Duisburg wird ländlicher, fast kleinstädtisch. Doch während wir uns quälen, bieten auch die Bewohner alles auf. Es wird Party gemacht, Tische und Stühle vors Haus gerückt. Zahlreiche Rasensprenger, Gartenschläuche, alles was irgendwie Wasser von sich gibt, wurde an die Strecke gerückt und wird dankbarst angenommen. Musik aller Art, von "Eye of the Tiger" bis "Tanze Samba mit mir" und Fanfarencorps, und immer wieder Zurufe, Klatschen. Herrlich! Danke dafür!





Km 14, wieder etwas ruhiger. Auch hier immer wieder einzelne Partynester.



Km 15. Man biegt um eine Straßenecke, und schon deutet sich wieder etwas an. Wasser, klar. Aber auch schon wieder Zuschauer und Stimmung. Eine muntere Seniorentruppe sitzt an Tischen und Stühlen am Straßenrand, mit eigenem DJ. Und der bringt gerade mein Lied des Laufs:
"La vida loca" von Ricky Martin. Am liebsten würde ich die knutschen, genau das brauche ich, da werde ich glatt wieder jung und munter. Ich lache die Gruppe an, spürbar beschwingt gehts wieder weiter.



Und schon um die nächste Ecke, und wieder Sambatöne. Es kommt einer der schönsten Abschnitte. 
Noch mehr Rasensprenger und Gartenschläuche. Manche haben grosse Wasserwannen vor ihr Haus gestellt, alles nehmen die Läufer dankbar an. Hier braucht man sich nicht selber nass zu schwitzen, das erledigen die Bewohner durch ihre Wasserduschen!!
Es ist einfach unglaublich, wie die Duisburger uns Wackeren unterstützen, klasse!



Km 16, 17. Ich habe ein Gel verzehrt, das wird mir zum Ende hin neue Energie geben. Viele schleppen sich zunehmend erschöpft in Richtung Ziel. Bei mir läuft es plötzlich wieder munterer, mein Tempo wird sogar schneller. Ich sehe zwar den 2:15-Pacemaker nicht mehr, aber es läuft gut.




Km 18. Und nochmal Stimmung und Anfeuern.


Km 19. Nicht mehr weit. Daaa hinten rechts im Grün ist das Stadion, unser Ziel.


Km 20. Eine letzte Rechtskurve. Man beachte den gelben Reisebus. Der quetscht sich mit den Läufern unter dem "roten Lappen" hindurch, weil er da hinten parken will. Eine Läuferin nimmt sich ein Herz und schimpft den Fahrer ordentlich aus, was er sich denke, hier in das Läuferfeld zu fahren. Der Schuldige schaut böse zurück, reduziert aber sein Tempo. Ich kann ihn überholen und der Bus biegt bald wieder ab.



Und endlich .... ein erster Blick auf das Stadion des MSV lässt sich erhaschen. Meine Beine ziehen von selber an, auf einen Schnitt unter  6 Min/km.
Vor dem Stadion ein toller Empfang mit Konfetti, Seifenblasen, und munteren Plakaten.
Dann der Tunnel.
Beim Anblick des Innenraums habe ich leichte Gänsehaut.
Und dann hauen die Beine alles raus. Ich überhole und überhole, übersprinte auf den allerletzten Metern noch 2 Läufer, Spitzentempo 4:17.😂








Ich bin mit meiner 2:17 angesichts der Bedingungen heute sehr zufrieden. Hätte nicht geglaubt, dass das heute solch ein Lauf wird. Ja, ich gestehe, ich hatte schonmal auf den Plan gelinst, wie ich im Falle eines Ausstiegs am besten zum Auto gekommen wäre.
Aber das erwies sich als völlig unnötig. Nicht zuletzt dank der tollen Zuschauer auf der 2. Hälfte. Die haben sich ja fast noch mehr als wir Läufer verausgabt!
Dank der emsigen Wasserspenden bin ich nicht nur am Oberkörper klitschnass, sogar in den Schuhen habe ich Nässe stehen. Doch wie hat es Herbert Steffny so treffend in seinem Marathonbuch beschrieben: Wenn man schwitzt, muss der Wassernachschub ja nicht erst den Umweg über den Magen nehmen, man kann sich auch direkt damit benetzen. Und ich denke, das war hier und heute in diesem Backofenlauf das Geheimrezept!
Mein Mann hat sich noch besser geschlagen, seine 1:51 grenzen an Selbstkasteiung.
Der Halbmarathonsieger erlief übrigens eine 1:15. Allerdings, der Sieger des Marathons querte die Halbmarathonmarke mit einer 1:13 (Finish 2:29), unglaublich!

Im Auto können wir noch die tatsächliche Temperatur zur Mittagszeit feststellen. Welch ein Segen, dass inzwischen die Klimaanlage fürs Auto erfunden wurde.😀