Ich kenne noch Keller Geister, eine Kindheitserinnerung, damals Lieblingsgetränk der Erwachsenen. Aber Himmelgeist...? Man lernt dazu, Himmelgeist ist ein netter dörflich geprägter Ortsteil von Düsseldorf. Düsseldorf wiederum, das ist die "verbotene Stadt" aus Kölner Sicht, umgekehrt soll dort angeblich kein einziges Verkehrsschild den Weg nach Köln weisen, erzählen die Kölner. Dass das eine Mär ist, sehen wir später selber auf der Rückfahrt. Jedenfalls traue ich mich, dort meine Köln-Marathon-Kappe zu tragen, was erfreulicherweise ohne Folgen bleibt.
Der liebe Oliver brachte uns auf den hiesigen Brückenlauf und damit zu einem Ausflug nach nördlich von Köln, danke dafür!
Großer Pluspunkt: Start kurz nach 8 Uhr, wenn der Bus durch und es temperaturmäßig noch halbwegs erträglich ist. Und so kommen wir in den Genuss eines außergewöhnlichen Rituals...
Der Bus nähert sich, alle Läufer (gemeldet eigentlich knapp über 600) springen auf die Gehwege...
... zelebrieren La Ola ...
... und breit grinsend genießt der Busfahrer sein Ehrenspalier. Witzig!
Gleich darauf gehts auf die Strecke. Zunächst noch kurz durch Himmelgeister Wohngebiet, dann tauchen wir in eine erste Waldpassage ein.
Und schon nach weniger als 3 km der erste Wasserposten. Den kann ich heute sehr gut gebrauchen! Ich nehme hier, wie an den übrigen noch folgenden 7(!) Stationen gern Flüssiges, ein Teil durch die Kehle, ein Teil über den Kopf. Die 19° beim Start fühlen sich schon nach deutlich mehr an. Um 10 sollen es 23° sein...
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Wasserstation am Wasserwerk :-) |
Bei km 4 erreichen wir die erste Namensgeberin, die Fleher Brücke. Deren Passage wird wie Oliver versprach, heiß. Und das über knappe 1,5 km, uff.
Gottseidank taucht man am anderen Ende in einen Schattentunnel ein, mit deutlich kühlerer Temperatur. Das tut erfreulich gut. Wir sind nun auf der westlichen Rheinseite und haben die Stadt gewechselt, laufen jetzt durch Neuss. Es ist sehr ländlich.
Einige Bäume hier am Rheinufer sehen von Weitem interessant aus. Aus der Nähe ist es ... igitt, Eichenprozessionsspinneralarm.
Die km 7-10 verlaufen teils sehr nah am Rhein, entlang netter Häuser und Wohnungen mit Rheinblick. Ich habe ein wenig zu kämpfen, war anfangs wie immer zu schnell, suche mir nun bewusst Bremsläufer aus. Was dann dazu führt, dass ich teils längere Dialoge mit anhören muss. Aber weder überholen noch zurückfallen lassen sind Optionen.
Endlich, km 11,5, die zweite Brücke, die uns wieder auf die andere Seite bringt. Ich kenne sie eigentlich als "Südbrücke". Seit einigen Jahren lautet der Name auf
Kardinal Frings, der wiederum KÖLNER Erzbischof war. Na das ist ja lustig, doch die Erklärung ist, dass der Kardinal hier in Neuss geboren wurde. Der Posten an der Rampe zur Brücke hinauf muntert uns auf. Es gäbe hier Punkte für die Bergwertung!
Auf der Brücke ist es wiederum drückend, wenigstens ist sie kürzer als die Fleher Brücke. Und immerhin bietet sie eine nette Aussicht auf die Düsseldorfer Skyline.


Auf der nun wieder Düsseldorfer Rheinseite erwartet uns erfreulicherweise erneut Schatten. Durch eine lange Allee geht es zurück nach Süden, nach Himmelgeist, zum Ziel. Ich merke, wie mir jeder Schatten guttut, wie auch jede Wasserration. Inzwischen habe ich schon eine Reihe von Läufern überholt. Viele haben auch aufgegeben. Gedanken an mein Erlebnis in Maastricht drängen sich auf. Ich bin heilfroh, dass es heute nur ein Halber ist. Auch über meine auf maximalen Hochsommer ausgelegte Kleidung bin ich sehr froh. Verstehe nicht, wie einzelne gar mit Longtights unterwegs sein können. Und ich probiere aus, wie es sich mit reichlich äußerer Wasserkühlung läuft. Kappe, Singlet und Shorts sind inzwischen klatschnass, kleben auf der Haut. Ich will nicht sagen, dass Laufen bei Wärme damit zum reinen Genuss wird, aber es scheint der Sache zumindest zuträglich zu sein.
Mich erstaunen die großen gewerblichen Staudenbeete. Lavendel am Rhein, wer hätte das gedacht!
Volmerswerth naht, ab km 15. Der Schatten ist weg, die Sonne zehrt an den Kräften. Immerhin zeichnet sich die Fleher Brücke weiter voraus ab. Dann sind es noch ca. 5 km. Und unter der Brücke gibt es außerdem Cola und Banane! Beides nehme ich gierig wie ein Verdurstender, dazu wie immer eine Ladung Wasser auf die Mütze. Die tropft, als sei ich durch eine Autowaschstraße gelaufen.
A propos Wasser: Man hat nun immer wieder die Möglichkeit, sich wie hier am Wasserwerk an Schlauchduschen oder Rasensprengern zu laben.
Am Eingang von Himmelgeist nehmen gar gleich zwei ehrenamtliche Duschstationen Bus, Radler und Läufer ins Visier.
Cola und Banane schlagen prächtig an. Wie von selbst beschleunigten die Beine bereits ab km 17. Es fühlt sich sogar richtig gut an und ich kann einige weitere Läufer einsammeln. Das überrascht mich nun selber.
In Himmelgeist ist der Start inzwischen demontiert. Das Ziel läge hinten nur kurz rechts um die Ecke.
Aber Gottseidank hatte Oliver vorgewarnt, dass wir hier erst nochmals eine Schlaufe nach links durch ein Wohngebiet rennen müssen.
Ich will in der Kurve einen langsamen Läufer überholen, doch der macht sich erst mächtig breit und bleibt dann unvermittelt stehen. Im letzten Moment kann ich einen Zusammenstoß abwenden.
Die letzten paar 100 m sind speziell. Hier und im Ziel sehe ich drei Rettungswagen im Einsatz, kurz darauf kommt Nummer 4 mit Blaulicht angefahren.
Oliver wird zu diesem Thema etwas beitragen.
Später zeigt die Rangliste, dass von den 600 Gemeldeten nur 342 das Ziel erreichen. Auch wenn mancher angesichts der Temperaturen verzichtet haben mag, viele werden unterwegs ausgestiegen sind.
Umso mehr freut mich, dass ich hier richtig froh endlich ins Ziel laufen kann.
Vor mir ein Älterer. Soll ich ihn überholen? Och nö, muss jetzt auch nicht sein, ich laufe nur ein wenig auf Nr 28 auf. Aber dann, unmittelbar vor dem Ziel, fängt er an zu gestikulieren, reißt die Arme hoch, wird langsamer. Naja, so eine Einladung, dann baue ich eben doch noch richtig Schwung auf und renne locker vor ihm ins Ziel :-).
Oliver hat sein Vorhaben eines langsamen Laufs nur sehr bedingt umgesetzt und ist deutlich vor uns angekommen. So kann er Chris (2:00:03) in seinem Zielsprint ablichten.
Ich bin mit meinen 2:10:08 angesichts des Wetters hoch zufrieden. Dritte meiner AK und 51. von 95 Damen. Besser als erwartet. Und schön, diesen Lauf mit einem so guten Gefühl gegen Ende gefinisht zu haben. Eine kleine Kompensation zu neulich an der Maas.