Montag, 18. August 2025

Zweierlei Tagebau

Der Laufsonntag war Tagebau-geprägt.

Zuerst ging es ans Höhenmetersammeln. Auf einem mir bis dato unbekannten Gelände, gleich hinter dem Dorf, in dem ich aufwuchs. Klingt schräg, ist aber einfach erklärbar. In meiner Kindheit lag gleich dort der Tagebau Fortuna, ein Loch von 360 m Tiefe und 22 km² Ausdehnung. Weswegen meine Welt da quasi zu Ende war. Schon nur auf den Absperrdamm zu klettern und einen Blick hinein in die Tiefe zu werfen, war eine verbotene Expedition. Seither gingen Jahrzehnte ins Land, die Kohle ist abgebaut, der Tagebau verfüllt und das Areal neu gestaltet. Obwohl es nur 15 Autominuten entfernt ist, gab es bislang nie einen Grund, mir das anzusehen. Bis jetzt, als Heidrun vorschlug, dort auf einer 2,5-km-Runde zu laufen um so immer wieder in den Genuss von Auf und Ab zu kommen.

Ich war positiv überrascht beim Neu-Entdecken meiner alten Heimat. Wenn man den Hintergrund nicht kennt, erscheinen Wald und Feld wie immer schon dagewesen. Zudem erfreuen Schatten und Aussicht. Auf 4 Runden plus einer ergänzenden Variation sammelten wir 160 Höhenmeter auf 13,4 km.





Am späten Nachmittag stand Kontrast auf dem Programm. Wir begaben uns zum Rand des Tagebaus Hambach, in dem aktuell noch Kohle abgebaut wird. Er ist ungefähr doppelt so groß und ein wenig tiefer als der alte Tagebau Fortuna.

Erst neulich führte mich ein Lauf zum Aussichtspunkt. Immer wieder zugleich imposant und erschreckend, dieser Anblick:




Doch diesmal sollte es nicht um die Aussicht gehen, bzw. nur in zweiter Linie. Die Stadt Elsdorf, der dieser Teil der Abbaukante gehört, machte vor 6 Jahren aus der Corona-Not und der speziellen geografischen Lage eine Tugend. Seither finden immer in den Sommerferien Konzerte statt nach dem Motto "Musik mit Aussicht". Die Bühne steht mit dem Rücken unmittelbar zum Tagebau, so dass das Publikum zugleich Musiker und Landschaft im Blick hat, bei Wetterglück gekrönt von einem Sonnenuntergang dahinter.
Letzterer wurde uns leider nicht zuteil. Es war bewölkt, aber immerhin trocken.

Auf dem Programm stand "Smoke on the Stairway - Der große Covergipfel"

Musikliebhaber ahnten, was geboten wurde. Und genau so kam es. Auf einer Reise zurück durch die letzten Jahrzehnte wurden die großen Songs von Led Zeppelin, Deep Purple, Joe Cocker, Santana, Fleetwood Mac, Bap & Co am laufenden Band für fast 3 Stunden non-stop zelebriert. Eine engagierte Band und wechselnde Sängerinnen und Sängern begeisterten das Publikum. 
Viele Besucher hatten diese Zeiten noch selber miterlebt. Stimmlich und instrumental stand man auf der Bühne den Originalen in nichts nach. Und wenn dann "Joe Cocker" altbekannt wackelnd und krächzend am Mikrofon agiert, oder der Cover-Sänger bei Led Zeppelin und Deep Purple treffsicher und lautstark die höchsten Töne anstimmt, kann man nur in Verzückung geraten. Das eher ältere Publikum stürmte zwar nicht kreischend die Bühne, Contenance und/oder kleine Zipperlein mochten diese Optionen einschränken. Doch still saß keiner, und sei es, dass Kopf und Füße rhythmisch mitwippten. 

Wir waren begeistert. Und verärgert - darüber, dass wir erst jetzt auf diese tolle Konzertreihe aufmerksam wurden. Nun müssen wir uns bis zur Neuauflage 2026 gedulden...

10 Kommentare:

  1. Was für ein spannender Kontrast - erst die Höhenmeter auf „neuem“ altem Terrain, dann die Musik mit Aussicht! Ich finde es faszinierend, wie sich Landschaft so radikal wandeln kann, dass man ohne den Hintergrund kaum ahnt, was da einmal war. 160 Höhenmeter auf 13 km klingt nach einer richtig guten Trainingseinheit - und dann noch Konzertfeeling obendrauf, perfekt!

    Diese Konzertreihe klingt grossartig! Lustig, dass wir beide gerade solche ‚Neuentdeckungen‘ gemacht haben - ich habe am Wochenende zum ersten Mal von einem langjährigen Zürcher Anlass erfahren: eine Ess-Meile auf der Bahnhofstrasse, wo die Tische die ganze Strasse säumen und man mitten im Trubel ein Gourmet-Menü geniessen kann.

    Liebe Grüsse aus dem sonnigen Zürich!

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    1. Liebe Catrina,
      ist das nicht verrückt, wie man in der nächsten Umgebung immer noch spannende Sachen glatt verpassen kann? So eine Tischreihe auf Straßen meine ich auch von anderen Orten schon gesehen zu haben. Sah reizvoll aus!
      Hier ist es schon verrückt, wie die Landschaft teils komplett in sehr großem Stil "umgearbeitet" wird. Auf alle Fälle ein prima Terrain, "Berg-"Läufe zu trainieren. Zudem eine Abwechslung obendrein.
      Verpasst haben wir in diesem Jahr schon einen Reggae-Abend und auch die Hard-Rocker blieben ohne uns. Die Schlagernacht vermissen wir eher nicht ;-). Auf alle Fälle freuen wir uns auf 2026 an der Kante mit Aussicht!
      Liebe Grüße aus dem sommerlichen Rheinland
      Elke

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  2. Liebe Elke,

    Hambach? Ist das das Hambach mit dem langjährigen Widerstand im Forst?

    Die ü60+ Rockveranstaltung macht auf den Fotos in der Tat nicht den Eindruck, als würde das Publikum noch groß mitrocken wollen … 😜
    Aber Hauptsache, alle hatten Spaß an Musik und Aussicht und das scheint der Fall gewesen zu sein. Gingen denn auch wie in alten Zeiten die Tüten und süßen Rauchschwaden um? Inzwischen wäre das immerhin sogar völlig legal. Das Wetter war jedenfalls besser als dermaleinst in Woodstock und auch der Platz für die Zuhörer großzügiger bemessen ;)
    https://youtu.be/JaaT_HRb4GU?si=oVSw5mI6RDD3Jxh-

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    1. Liebe Lizzy,
      ja genau, der Tagebau, an dem der Hambacher Forst liegt. Da ist inzwischen Ruhe, da der Restwald bestehen bleibt. Kleinere Besetzungsaktionen gibt es nun in einem kleinen Wäldchen bei Manheim.
      Lach, stimmt mit den Rauchschwaden. Nein, ich habe nichts gerochen, aber im Freien würde das ja auch schneller abziehen. Der optische Eindruck täuscht, das Publikum hatte nur eine andere Art mitzugehen, man sah zB viele verklärte Blicke, wohl in inneren Erinnerungen versunken. Am Ende wurden 3 Zugaben gefordert! Platz war, ja und Gottseidank Tische und Bänke, so musste man nicht so lange stehen. Viele brachten auch Klappstühle mit.
      Liebe Grüße
      Elke

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  3. Liebe Elke,
    ah, da ist wohl jemand auf den Geschmack gekommen - das Rundenlaufen vom 6h Lauf scheint Heidrun und dir Spaß gemacht zu haben! ;)
    Wie toll, dass du in deiner "alten Heimat" so viel Neues entdecken konntest. Und Bergtraining gab es gleich noch dazu!
    Den Aussichtspunkt als Konzert-Open-Air Bühne zu nutzen, ist eine super Idee. Und wenn dann das Konzert noch so viel Spaß macht, umso besser. Jetzt wisst ihr ja, wo sie stattfinden und müsst keines mehr verpassen. :)

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    1. Liebe Doris,
      lach, ja genau, das äußerte Heidrun auch, dass sie schon wieder Lust auf 6 Stunden hatte! Dieses Rundenlauftraining war aber auch genau richtig für mich, da man so die Dosierung genau der Befindlichkeit anpassen kann. Und da in unserer flachen Region die Optionen für Bergtraining dünn sind, war es umso besser dort im neuen alten Terrain. :-)
      Der Aussichtspunkt ist perfekt für diese Konzerte. Parkplätze drum herum und kein Anwohner, der gestört würde. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr!
      Liebe Grüße
      Elke

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  4. Tagebau-Kontrastprogramm, sehr schön! Und Teil 1 als Rundenlaufen, der 6-Stünder hat also seine positive Nachwirkung zu zeigen.
    Was das nicht sehr skurril nach so vielen Jahren plötzlich Landschaft zu sehen und keinen Tagebau mehr da? Die Kindheitserinnerungen wurden renauriert, das stelle ich mir schräg vor. Ich selbst bin ja immer völlig irritiert wenn ich irgendwo nach Jahrzenten wieder bin und so krasse Veränderungen registriere.
    Tja und ein Konzert an der Aussichtsplattform, perfekt! Da stört man echt niemand und der Standort ist schon sehr besonders. In ein paar Jahrzehnten heißt es dann wohl "Smoke on the Water" ;-)

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    1. Lieber Oliver,
      ja, irgendwie wirkt Bönen nach ... ;-)
      Die extreme Entwicklung der Landschaft hinter meinem Heimatdorf nehme ich nicht so war. Früher war am großen Wall am Grubenrand eben einfach die Welt zu Ende, fertig. Jetzt ist es, als wenn man eine neue nette Ecke in der Eifel entdeckt, ohne früheren Bezug.
      Viel drastischer und schräger erlebe ich andere Änderungen der letzten Jahrzehnte, vor allem rund um den Tagebau Hambach.
      Die Konzertlocation ist wirklich perfekt! Haha, genau, dann könnte "Smoke in the Water" sehr real sein. Obwohl die "Stairway" ja auch passt, an 2 Stellen führen Kunstwerke zu kleinen Aussichtsplattformen in Form von Rolltreppen, aber ohne Motor.
      Liebe Grüße
      Elke

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  5. Liebe Elke,

    solche Renaturierungen finde ich schön, auch wenn es dann heute anders aussieht, als es früher ausgesehen hatte. In diesem Fall kannst du dich ja nicht daran erinnern, aber das Vorstoßen in einen 'neuen' Bereich hat ja auch was!

    Höhentraining in ansonsten flacher Umgebung, sehr gut, nutzt es! Ich bin ja hier sehr schnell in den nördlichen Gefilden unserer Bergstraße, da kann ich etwas 'leichter' Höhenmeter sammeln!

    Tolle Location und dann noch Musik aus unserer Zeit!!! Die Hardrock-Versionen würde ich mir dann sehr gerne anhören! Ja, freut euch auf 2026!

    Liebe Grüße Manfred

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    1. Lieber Manfred,
      ich weiß ja zwar wirklich nicht, wie es vor dem Tagebau dort ausgesehen hat. Aber ich kenne frühere Rekultivierungen, die zeichneten sich durch Baumpflanzungen wie Zinnsoldaten aus. Alle im Raster :-( Da ist man heute weiter und die Wälder sehen natürlicher aus.
      Das stimmt, hier sind wenig Chancen, in die Höhe zu rennen, also nichts wie hin. :-)
      Ah, das wäre auch dein Musikstil? Interessant ;-) Na klar freuen wir uns auf 2026!
      Liebe Grüße
      Elke

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