Montag, 17. Juni 2024

Nacht van Gulpen/Neubourg Tocht

Wie heißt es so schön bei Monty Python: "And now for something completely different".
Chris' Staffelpartnerin des letztjährigen Via Belgica Marathon, Luzia, schlug die Teilnahme an der Nacht von Gulpen vor. Entweder 70 km oder 35 km. Schlussendlich entschieden wir uns als 5er Mädelsgruppe für die 35 km, da wir mit dem Modus dieser Veranstaltung so gar keine Erfahrung und damit Einschätzungsvermögen hatten.
Ich versuche mal, es zu erklären:

1. Es ist kein Wettkampf, sondern ein gemeinsames Erbringen einer Leistung. Daher keine Zeitnahme, keine Startnummern, keine Finisherliste, aber eine Medaille. Es wird nicht geLAUFEN, sondern geGANGEN.
Die 70-km-Gruppe startet am Vorabend um 22 Uhr. Eine Gruppe 35'er startet dann mit und finisht gegen 6 Uhr am Morgen am Schulzentrum nach einer Runde auf der Strecke. Dort steigt die zweite 35'er-Gruppe ein und finisht mit den 70'ern gemeinsam nach deren zweiter Runde.

2. Man marschiert in einer vorgegebenen Zeit von 5,5 km/Stunde. Wer läuft/rennt, wird rausgenommen, sagt das Reglement. Vorne gehen unsere "Gelbwesten" in exakt dieser Pace, also Start- bzw. Zuggeher, die nicht überholt werden dürfen. Vor ihnen wird die Veranstalterfahne geführt.
Es gibt einen akribischen Zeitplan (Zeitplan Gulpen) mit einzelnen langen Pausen. Außerhalb dieser Pausen kein Stehenbleiben, auch nicht an Verpflegungspunkten.

3. Die letzten 10 km sind freigegeben, dann kann man in seinem eigenen Tempo die restliche Strecke (die ab dann auch ausgeschildert ist) zurücklegen.

4. Zur Größenordnung: 2022 gab es knapp 1.200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Davon die Hälfte für die 70 km, rd. 200 für die 35 km, ansonsten Kinder auf ihrer 7,5-km-Strecke.

Wir sind sehr gespannt, können uns einiges vorstellen müssen uns aber letztendlich auch einlassen, auf das was da auf uns zukommt. Steigungen und Gefälle soll es auch geben. Ok, seit dem Via Belgica ist mir sehr bewusst, dass es in den Südniederlanden recht hügelig ist. Ich greife kurz vor, das Höhenprofil meiner Polar, in der Addition etwas über 500 Höhenmeter:


Wir haben uns für die zweite 35'er-Variante entschieden, Start also ca. 6.15 Uhr. Um 3 Uhr klingelt der Wecker, über Herzogenrath (Treff mit den anderen) geht es nach Gulpen, einem kleinen  netten Ort in den Niederlanden, etwa 65 km entfernt. Wir finden sehr nah am Ziel problemlos einen Parkplatz und können einen ersten Blick auf das spätere Finish werfen und im Gemeinschaftshaus t'Gulperhoes Kaffee trinken. Wir sind die ersten, doch schnell füllt es sich, mehr und mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer trudeln ein. Dies sind natürlich nur unsere 35'er-Mitgeher/innen, denn die 70'er sind ja seit Stunden unterwegs, und die ersten 35'er finishen gerade einige 100m entfernt von uns, am Schulzentrum.


von rechts: Luzia, Tineke, Bertie, Sabrina und ich

Gegen 6 Uhr sammeln wir uns draußen, 2 Begleitmotorräder werden angelassen, das Startsignal für den kurzen Weg zum Schulzentrum. Einige Minuten warten wir dort, dann wird der große Strom der 70'er herangeführt, man applaudiert sich gegenseitig zu, wir schließen uns ihnen an und los geht es ins Gulpener Abenteuer! 13-14°, windig, hier und da einzelne Regentropfen, gute Marschbedingungen.










Das Tempo fühlt sich ungefähr so an, wie der morgendliche zackige Gang mancher Berufstätiger zur Haltestation, wo man seine Bahn noch erwischen will. Da alle im gleichen Tempo unterwegs sind, gibt es allerdings kein Auflaufen. Man hat bis auf wenige Engstellen genügend Raum, sich nicht ins Gehege zu kommen. Wir bewegen uns auf gesperrten Straßen, nur vereinzelt auf schmaleren Feldwegen. Bei diesem "Lindwurm" ginge es auch kaum anders.
Und was die Organisation und Abwicklung auf der Strecke angeht, das haben die Niederländer bei der nun schon 46. Austragung perfekt im Griff! 

Erste kräftige Steigung
Da sind beispielsweise Lautsprecherfahrzeuge, die uns immer wieder unterwegs erwarten und mit einer breiten Palette musikalischer Darbietungen unterstützen. Das reicht von niederländischer Schunkelmusik, über flotte Rhythmen bis hin zu wunderbarem heimischem "Vivaaaa Colonia" kurz vor dem Ziel (was unsereiner nochmal richtig pushen wird).



Ein weiterer Teil der Begleiter auf Motorrädern und Fahrzeugen ist damit beschäftigte, alle Kreuzungen und Einmündungen rechtzeitig für Autos abzusperren. An einigen Stellen breiterer Straßen mühen sich die Motorräder durch unermüdliches hin- und herfahren entlang der Marschtruppe mit Trillerpfeife und Gesten, zumindest eine Hälfte freizuhalten für Radfahrer. Also sie geben sich wirklich Mühe. Aber auch Wanderer können im Tunnel sein... So hilft man sich öfter mit dem Ruf "Fietser!", der von hinten nahende Radler ankündigt und ihnen dann Platz schafft.

Die Kreuzung ist unser!



Und natürlich die Verpflegungsposten... Ich bin gespannt, wie das bei dieser großen Menschenmange OHNE stehenbleiben funktionieren soll. Aber es klappt! Das nachfolgende Bild zeigt die erste Station (gleich hinter dem Kurvenknick beginnend, etwa km 6) Alles geht durch 2 mittels Gittern abgeteilte Gänge, wo die Helferinnen und Helfer Bananen und Apfelsinen "mehrspurig" anreichen. Nur wenige langsamere Schritte und schon ist man durch. Einige Meter danach folgt ein Tankwagen, an dem bei Bedarf Flaschen, Trinkbeutel und Becher befüllt werden.
Anschließend noch ein vorbildliches System von Abfalleimern über einen ausreichend langen Abschnitt, so dass man genug Zeit hat, gehend die Banane zu verspeisen und auch die Schale gleich loswird. Becher- und anderer Müll Fehlanzeige.👍



Inzwischen sind wir gut im Marschrhythmus. Die Pace pendelt zuverlässig zwischen 10.30 Min/km und 11 Min/km. Was allerdings keine allzugroße Betrachtung und Würdigung der lieblichen limburger Landschaft zulässt. Nur hier und da kann ich ein paar Schnappschüsse machen. Die morgendlichen dunklen Wolken haben sich etwas zurückgezogen, und wir bekommen gar zeitweise blauen Himmel geboten.


Blick nach vorn in der Kolonne...

... und Blick zurück.



Inzwischen ist die Zeit fortgeschritten und in den kleinen Dörfern finden sich auch Menschen ein, die uns zuwinken und applaudieren.
Und ich lerne: Es gibt Fachwerkhäuser in den Niederlanden, das war mir bisher nicht so bewusst.



Noch ein Anstieg, alle schön auf einer Seite.

Endlich, bei km 15 die ersehnte lange Pause. Aber wenn da nun hunderte Wanderinnen und Wanderer auf einmal ankommen...? Wieder kein Problem. Alle bekommen zügig Kaltgetränke, Kaffee, Bouillon, Brötchen herzhaft oder Rosinenbrötchen. 10 Mobil-WCs und einige Pissoirs sind auch ausreichend. Wir haben ja unterwegs viel Grün, so dass die Herren schon ....
Außerhalb des Wanderer-exklusiven Verpflegungsareals stehen viele Campingliegen bereit. Persönliche Supporterteams erwarten ihre 70'er-Heldinnen und -Helden, pflegen und verköstigen sie individuell.
Leider kann man nicht erkennen, wer hier 70 km bzw. 35 km geht. Die 70'er dürften in der großen Überzahl sein. Nur anhand mancher schon angeschlagenen Gangbildern kann man Vermutungen anstellen. Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, was mir am Ende des Tages noch bevorstehen wird...

Da kann nichts umkippen!👍


Die Pause tut gut, nach exakt 35 Minuten nehmen wir gestärkt unseren Marsch wieder auf.
Auch der Besenwagen geht wieder mit auf die Strecke (noch leer).


Pferden und Kühen sind wir teils unsympathisch

Und dann öffnet Petrus doch vorübergehend die Schleusen, gibt gar eine ordentliche Prise Starkwind dazu. Ich hole mein Regencape aus dem Rucksack, nicht zu unrecht ahnend, wenn ich es endlich übergestreift habe, lässt der Schauer nach.



Ein Dorf beeindruckt mit seinem Wimpelschmuck. Es sind keine Fertig-Fähnlein aus Fernost, sondern liebevoll von Hand geschnittene und teils sogar gehäkelte rot-weiße Hängerchen. Es muss eine riesige Metermenge sein!





Auch wenn des Tempo weiter hoch ist, das Schöne an dieser Wanderung ist, dass immer noch genügend Luft zum quasseln bleibt. Mit anderen kommt man ebenfalls in Kontakt, wobei mein Niederländisch leider quasi nicht vorhanden ist und umgekehrt die Deutschkenntisse zwar besser, aber auch nicht immer ausreichend sind. Egal, jede/r hat seinen/ihren Spaß. Eine Jungmännertruppe hat einen eigenen Lautsprecher dabei. Wir hören sie sich nähern unter akustischer Ankündigung mittels niederländischer Schunkel- und Volksmusik. Sie bekommen anscheinend mit, dass Deutsche dabei sind, und flugs schalten sie um auf "Skandal im Sperrbezirk", "Völlig losgelöst" mit Major Tom, der atemlosen Helene und "Marmor, Stein und Eisen bricht". Das macht Laune.



Auch wenn die 10 km bis zur nächsten längeren Pause schnell vergehen, die Beine werden langsam etwas schwerer. Wir sind ehrfurchtsvoll erstaunt, wie die 70'er um uns herum immer noch flott und munter, trotz (oder wegen?) schlafloser Nacht, ihren Weg fortsetzen.



Im Schulzentrum am Gulpener Ortsrand dürfen wir 30 Minuten pausieren. Es ist sogar Pflicht, auch wenn ab hier ja die Tempovorgabe aufgehoben sein wird.
Es gibt saubere WCs, ohne langes Warten, köstliche kühle Cola. Ein wenig ermattet sind wir inzwischen doch, um uns herum versuchen viele, ihre geschundenen Füße für den letzten Abschnitt zu pflegen. 

Bild: Luzia

Keinen Moment zu früh finden wir uns draußen zum Re-Start wieder. Auf zu den letzten 10!
Unsere freundlichen "Gelbwesten" geben die Strecke frei und nehmen ihrerseits einen Zahn raus, sie haben ja schon die ganze Nacht in den Knochen.
Zudem nieselt es uns nun immer wieder kurz auf die müden Körper.


Nach einem knackigen Anstieg erfreulich: Livemusik und Getränke


Und, Erstaunliches passiert. Das freie Tempo führt zu einem deutlichen Auseinanderziehen der Kolonne, und zwar nach vorn. Da können einige, nachvollziehbar, kaum das Ziel erwarten. Die Fahne ist längst überranntwandert.
Ich spüre inzwischen Unheil, das sich in meinen Schuhen anbahnt. Aber nun wird durchgezogen. Hatte mich die Tage zuvor noch eine Erkältung arg geplagt, bin ich froh, heute überhaupt dabeisein zu können. Die Reste an Halsweh versuche ich, mit Lutschbonbons im Griff zu halten. Und nun ist es nicht mehr weit. Relativ betrachtet.



Wir queren einen Golfplatz und steigen über einen kleinen Pfad wieder talabwärts. Danach geht es flach weiter. Denke ich. Bis Luzia etwas von einem Gulpener Berg erwähnt gegen Ende, mit Alkoholika garniert.
Nicht noch ein Berg!





Und dann folgt das doppelte Highlight: Erst die Einstimmung - Kräuterschnäppschen! Aus medizinischen Gründen zur Linderung meines Halswehs greife ich zu. Die Nebenwirkung, eine leichte euphorische Phase, nehme ich auch gern mit.



Bild: Sabrina

Bild: Sabrina

Und dann geht es aufuffwärts!

Bild: Sabrina



Beim Denkmal für einen in NL bekannten Sportreporter haben wir es endlich geschafft, ab nun geht es nur noch abwärts. Die Fahnenträger und Gelbwesten danken sich hier gegenseitig, sie hatten einen sicher anstrengenden Einsatz.


Die Marienstatue auf dem Gipfel sehen wir nur von ferne...


...während Gulpen immer näher rückt.



Und dann laufen wir in einem wirklich phänomenalen Zielkorridor unter viel Applaus ein. Wobei ich innerlich letzteren doch mehr den 70'ern weiterreichen möchte. Die haben wirklich eine stramme Nacht hinter sich.
Ich spüre inzwischen zwar ein wenig körperliche Mattigkeit, aber in erster Linie herzhafte Pein seitens meiner Füße, genauer, von den Fußsohlen. Aber diese letzten Meter machen das nochmal vergessen.







Das ist ein Empfang, wie man es sonst nur von (Halb-)Marathonläufen kennt. Livemusik, Stimmung, ein Speaker der alle begrüßt. Insbesondere unsere Vor-"Gänger" werden sehr und zu recht gewürdigt. Der ältere Herr in der Gelbweste mit roten Streifen wird besonders gelobt. Er hat bisher alle 46 Austragungen mitgemacht und könne auf stolze insgesamt 147.000 Lebens-km zurückblicken.


Wir sind überglücklich, im Ziel zu sein. Aber noch wartet eine letzte Aufgabe: Mit der unterwegs einmal abgestempelten Teilnehmerkarte ins t'Gulperhoes und die Medaille abholen. Dort können wir uns gleich nochmals mit Kaffee stärken und die Eindrücke des Abenteuers austauschen. 
Die ca. 6 1/2 Stunden Nettomarschierzeit (ich habe nicht auf die Minute genau die Pausenzeiten gestoppt) haben uns viele Eindrücke beschert. 


Was ist das Fazit? Es war auf alle Fälle wert, sich auf diesen Marsch einzulassen. 35 km in Kolonne gehen, ist ein wenig speziell. Andererseits wird man so in einem Tempo mitgezogen, was einem vielleicht ansonsten nicht so leicht fallen würde. Es ist auch keine Drängelsituation, man ist eben einfach nur dauernd von anderen umgeben. Die Organisation des Events ist erstklassig, wäre es mal überall so.

In unserer kleinen Fünfergruppe war es wunderbar, es gab immer Gesprächsstoff und man munterte sich hier und da untereinander wieder auf.
Aus unserer Gruppe haben einige dies als Vorbereitung und Probe für einen anstehenden Megamarsch wahrgenommen. Perfekt dafür! Auch zum Schmieden weiterer forcierter Pläne. Zumal es auch heißer oder gar völlig verregnet hätte sein können. Wir hatten schlichtweg wunderbares Wetterglück!
Ob ich die vollen 70 km einmal angehen würde? Ich weiß es nicht. Sicherlich ist die Nacht ein spezielles Erlebnis (es gab sogar einen Feuerspucker). 
Dann bräuchte ich aber besseres Schuhwerk. Ich hatte zwar gut eingelaufene und bisher völlig blasenfrei genutzte Schuhe gewählt. Aber dennoch kann ich anschließend kaum noch schmerzfrei gehen. Seltsam. 😐
Daheim entdecke ich mehrere Blasen unter den Zehen und Zehenballen. Entsetzlich. Aber gemäß dem Motto "Der Schmerz geht, der Stolz bleibt" erinnert mich das noch eine Weile an ein ganz spezielles Erlebnis! Danke Mädels!