Ein wenig Herausforderung muss doch sein, so hatte ich mich entschieden, den virtuellen Kölner Halbmarathon zu buchen. Und wenn schon denn schon, das "große" Paket.
Rahmenbedingung war, dass man am eigentlichen Tag des Laufs, also heute am 4. Oktober, zwischen 8 und 18 Uhr läuft. Mittels Tracking-App erfolgte die Erfassung und Auswertung.
Das angesprochene große Paket hatte ich ja schon gezeigt, äußerlich.
Die "inneren Werte" können sich aber auch sehen lassen. Flüssige und feste Nahrung, Startnummer, Shirt, Stirnband, ein für mich unerklärliches Mini-Gummiband, das Editions-Kölschglas für diesen speziellen Lauf, eine Power-Bank (zur Handyunterstützung). Und die Medaille, als Ansporn zum ehrenhafen Erringen!
Im Vorfeld war die App zu installieren. Und eine Playlist zu laden. Jesses, ich habe noch nie im Leben eine solche Liste geladen. Wenigstens weiß ich, dass das dann wohl Musiktitel sind. Ich bin eben ein Kind der Epoche von Musik-Cassetten und schwarzen Scheiben. Es gelingt mir irgendwie, aber wo nun die Titel gespeichert sind, um sie später nochmals zu hören...? Ich bin einfach keine Digital-native 😣 Aber immerhin, es wird funktionieren.
Zur Einstimmung gibt es ein kleines Video in dieser 3D-Technik, bei der man sich "in" der Videowelt bewegen kann. Das fotografisch zu zeigen, ist allerdings schwierig...
So stehen also Chris, der sich selbstlos als mein persönlicher Pacemaker einspannt, und ich vor der Haustür und zugleich virtuell in Köln-Deutz. 14°, trocken, aber Windböen bis 60 km/h. Das Tracking kann man nur 1x starten und nicht mehr stoppen. Nach dem Start hat man gerade mal 10 Sekunden, um dann noch schnell das Handy zu verstauen.
Die ersten Sekunden gehen mir hier schonmal verloren.
Dann begrüßt mich via App Sportreporter Tom Bartels und die
schmissige kölsche Hymne des Köln-Marathons heizt mir ein. "Wenn du willst, kannst du's erreichen ...." (Restübersetzung liefere ich gern auf Anfrage). Ja, das alte Thema der Langläufer...
Nach wenigen Metern wird erst einmal die Musik plötzlich leiser. Mist, ich muss das Handy wieder rausnehmen, Lautstärke neu einstellen. Nochmals Sekundenverlust. Mit Ohrstöpseln bin ich überhaupt erst einmal gelaufen, vor vielen Jahren, und fühlte mich nur gestresst. Wenn ich nicht hören kann, was um mich herum geschieht, fühle ich mich unwohl. Und wenn der Rhythmus nicht zu meinem Tempo passt, steigt Unwille auf. Aber ich lasse mich, Gottseidank, wie sich herausstellen wird, auf das Experiment ein. Also wummern die Beats kräftig in meine Ohren. Chris merkt schnell, dass heute nur nonverbale Kommunikation geht, denn Lippenlesen beherrsche ich nicht.
Nach dem ersten Kilometer vermeldet mit eine freundliche Frauenstimme "Elke, du hast den ersten Kilometer in 5:47 geschafft". Das ist mir aber eigentlich zu schnell.
Erstaunlicherweise passt die Musik zu meinem Tempo bzw. umgekehrt und ich bin "drin". Daher wird der zweite Kilometer auch nicht langsamer. Meine neue Lauffreundin vermeldet mir sogar eine Zielzeitprognose von 2:06 Std. Das wäre ja klasse, aber scheint mir nicht machbar. Schließlich habe ich nicht systematisch trainiert. Nur einfach so, wie mir war, und mir war öfter nicht.
Doch es läuft richtig gut und fluffig. Im Nachbarort begegnet uns ein Läufer, den wir schon vom Frühstücktisch aus sahen. Ein junger Mann im gleichen Köln-Marathon-Shirt wie ich, in Begleitung von 2 Radlern. Ha, da weiß man doch, was der macht! Allerdings, wenn er seit unserem Morgenmahl immer noch läuft, ist wohl seins die Volldistanz.
So trabe ich hinter meinem Pacemaker her und ergötze mich an der Musik. Da jammert ein Bursche etwas von virtueller Liebe, und dass er nach Lissabon wolle. Ob sein Anfall vorüber geht? Ein anderer kalkuliert sein erstes Date mit der Angehimmelten. Lustig eine flotte Nummer, in der einfach sinnlos kölsche Begriffe aneinander gereiht werden, aber zu flotter Dancefloormucke. "Lecker Mettbrötschen, Karneval, Alaaf, Kölle, schäl Sick..." Und "I'm sexy an I know it", 😅 Nur wenn man manchmal genauer auf englischsprachige Texte lauscht, lässt mitunter die Erbauung nach.
Die mir vermeldeten Zwischenzeiten gehen nicht hoch, wohl sinken die Prognosen rapide unter 2:06 Std. Wo soll das enden?
Tom Bartels ist eher schweigsam. Ich hatte gedacht, er würde hier und da einstreuen, wo ich gerade virtuell laufe (so wie es beim GP Bern gemacht wurde). Aber er hält sich diesbezüglich bedeckt, steuert dann allerdings gelegentlich eine Liste der Sponsoren zu meiner Unterhaltung bei. Egal. Ich fühle mich richtig wohl! Außer bei km 9, wo wir einen guten km voll gegen den Wind rennen. Surfer ziehen bei so etwas Sturmsegel auf!
Nach knapp 11 km erreichen wir wieder die heimische Haustür, wo ich mein Getränk deponiert habe. Kurze Stärkung, weiter gehts. Ein wenig werden die Beine nun müde.
Den Rest traben wir kreuz und quer durch den Ort, der uns etwas Windschutz bietet. Die Zielzeitprognosen nähern sich inzwischen 2:02, dann 2:01 Std. Das ist der Wahnsinn hier und heute!
Bei km 17 komme ich drauf, warum sich die Füße etwas komisch anfühlen. Ich habe die falschen Schuhe gewählt. Keine Laufschuhe, sondern Alltags-Sportschuhe, solche, mit denen man eben tagsüber unterwegs ist. Nun denn, die Kenianer laufen ja auch mit allem, was ihnen die Sponsoren zur Verfügung stellen.
Inzwischen werden die Beine so richtig bleiern, aber die Zielprognose, nun bei 2:00:10, lockt mich wie die Möhre den Esel. Und dazu immer noch die heißen Rhythmen, die keine Verlangsamung zulassen.
2 km vor dem Ziel verrät mir Tom Bartels dann, dass hier der Hotspot Rudolfplatz wäre, mit viel Publikum und Menschen, die meinen Namen rufen und dass die letzten Kilometer nun von allein laufen... Die Vorstellung hilft tatsächlich. Die App hat auch eine Funktion, die einem jederzeit anzeigt, wo man virtuell in Köln gerade wäre. Aber bei der Lauferei und ohne Lesebrille am Handy herumfummeln - da verzichte ich lieber.
Den letzten km können wir mit Seiten- und Rückenwindböen absolvieren. Und gerade sollen wir den Dom sehen können, vermeldet begeistert Herr Bartels, theoretisch jedenfalls.
Längst renne ich am Anschlag. Ich stelle mir die echte Strecke vor, kratze alles zusammen, was geht. Die 2 Stunden müssen doch zu knacken sein....!
Plötzlich gratuliert mir unvermittelt die freundliche Dame, es sei geschafft. Die Musik stoppt, Ende, finito.
Die Zeit: 1:59:40! Meine PB ist 1:59:12.
Was wäre da nicht alles möglich gewesen, wenn ich die richtigen Schuhe angehabt hätte...!
Egal. Es war klasse. Es war richtig stimmungsvoll. Es war mitreißend. Es hat Spaß gemacht!
Der Muskelkater wird ein kräftiger sein. Aber der erinnert mich dann nachhaltig an dieses tolle Erlebnis!