Und es geht nichts über eine tadellose Betreuung! Das kann wohl jeder Sportler bestätigen, dass dies allein die halbe Miete bedeutet.
Früh am Morgen eines sonnigen Tages starten wir per Bahn ab Thun nach Interlaken. Schon am Bahnsteig können wir erste Dehnübungen der anreisenden Teilnehmer beobachten. Vor allem ein Rekrut in Tarnfleckenanzug und orangefarbigen Laufschuhen fällt auf: Er zelebriert Liegestütze - mit hochgelegten Füßen!- bis der Kopf krebsrot ist.
Im Gegensatz zum jungen, mit seinen Aktionen Euphorie verbreitenden Mann weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig, wie mir eigentlich zumute ist. Während unserer Tage der Akklimatisierung auf dem Männlichen hatte ich mir einen Anflug einer Erkältung zugezogen, die noch nicht 100%-ig abgeklungen war. Aus diesem Grund ließ ich alles erstmal auf mich zukommen, in der Zuversicht, dass mich die Stimmung vor Ort in Lauflaune versetzen würde.
In Interlaken ist bereits einiges los. Die Luft ist geschwängert von Salbenduft. Kein Wunder, an einer Art Bar gibt ein Sponsor jedem soviel davon auf die Hand, wie er möchte!
Entlang des Starts hängen großen Fahnen mit den Bildern der letztjährigen Sieger/innen. Es werden großzügig Schweizer Winkefahnen verteilt.
Das lässt auch mich als Nicht-Läuferin alles andere als kalt!
Zu Alphornklängen führen Fahnenschwinger ihr Repertoire auf.
Kurz vor dem Start ertönt die Nationalhymne. Alles ergibt eine sehr feierliche Stimmung.
Wie erhofft hat sich mit der bezaubernden Ambiente und den Darbietungen nun auch bei mir definitiv die Stimmung zum Guten gewendet und das Kribbeln endlich loslaufen zu können, eingestellt.
In der Startaufstellung wurde rund um mich viel englisch gesprochen. Meist verriet auch die Kleidung, welcher Herkunft die Teilnehmer waren. War es nicht der Union Jack, so entlarvte der feuerspeiende Drachen die Waliser... Eine Gruppe mit starkem Akzent deutsch sprechender Jungs mussten wohl Österreicher sein, was durch den Blick auf die Startnummern auch bestätigt wurde. Hinter jedem Namen war auch die Landesflagge aufgedruckt. Also ein bunt gemischtes und sehr international besetztes Feld (gem. Angaben des Organisators waren 44 Nationen vertreten) .
Der Startschuss wird garniert von einem Feuerwerk. Ohne es zu wissen, habe ich hier schon den späteren Sieger auf dem Bild, die Nummer 105, Shaban Mustafa, ein Bulgare.
Im schier endlosen Strom der 4000 Läuferinnen und Läufer erwische ich sogar meinen persönlichen Favoriten :-)!
Endlich hat die Warterei ein Ende und auch das gemeine Fußvolk kann sich auf die Strecke mit dem hochgesetzten Ziel machen... :-)
Und siehe da! In der Zuschauermenge kann ich - nicht zuletzt dank erwähnter Winkefahne - meinen Schatz erspähen!
Ich lasse das Feld an mir vorbeilaufen und kann auch einen Blick auf das Besen-Bike erhaschen, dessen Fahrer tatsächlich einen Besen auf dem Rücken trägt. Wäre interessant zu wissen, wir er die 1800 Höhenmeter, insbesondere die spätere Trailpassage nimmt. Ob er dann läuft?
Als besondere Attraktion für die Zuschauer läuft das Feld eine Schleife von ungefähr vier Kilometern in Interlaken, um den Start zweimal zu passieren.
Als ich auf die Startgerade einbiege, bringe ich mich in Position, um meine mich betreuende Fee nochmals sehen zu können. Leider war sie nicht auszumachen und ohne, dass sich dieser Wunsch erfüllt, biege ich dem Feld folgend ab, dem Ausgang von Interlaken zu. Meine Pace entspricht dem von Asics am Vortag bei Abholung der Startunterlagen erstellten Abschnittszeitenbands an meinem Handgelenk. Ich habe mir einmal eine Zeit von 5 Stunden 30 vorgenommen. Die doch sehr eigenwillige Topographie macht es entsprechend schwierig, sich die Strecke einzuteilen. Marianne hat mich in verdankenswerter Weise mit Erfahrungsdaten versorgt. So habe ich dann einen Plan abgeleitet, der meinem Verlauf entsprechen könnte. Mit diesen Angaben ausgestattet und den bei Überquerung einer Transponderschleife abgesetzten SMSen versorgt, weiß mein persönlicher Couch Bescheid, wo ich mich auf der Strecke ungefähr befinde.
Während sich alles läuferisch nach oben bewegt, bin ich damit beschäftigt, einen Platz in einer der sehr begehrten Bergbahnen zu erhaschen. Dies im übrigen ein echtes Manko bei diesem Rennen: Die abertausende Menschen, die die Läufer sehen wollen, und zudem noch die ohnehin vorhandenen Touristen treffen auf ein ziemliches Unterangebot von Plätzen in der Bahn. Nur 2x stündlich startet ein Zug. Mancher muss am Gleis leider draußen bleiben.
Ich lege stehend eingequetscht in einer rollenden Sauna die ca. 20 Minuten bis Lauterbrunnen zurück, wo ich das Glück habe, die Spitze laufend zu sehen.
Es läuft besser als erwartet und ich kann das angeschlagene Tempo gut halten, immer mit dem Gefühl, längst nicht am Limit zu kratzen. Immerhin entscheidet sich dieser Lauf ja nicht auf den ersten 26 Kilometern. Wir gelangen an das Ufer des Brienzersees in Bönigen und biegen danach Richtung Wilderswil ab. Der Blick ins Lauterbrunnental mit den in der Sonne weiß leuchtenden 4000-ern ist zusätzliche Motivation.
Den ersten etwas längeren Anstieg in Gsteigwiler bringe ich mit einem guten Gefühl hinter mich. In Zweilütschinen bei Kilometer 15 nehme ich beim Verpflegungsposten neben Wasser auch ein kleines Stück Banane zu mir. Kaum einen Kilometer danach werde ich von unangenehmen Bauchkrämpfen befallen. Blitzartig reduziere ich die Geschwindigkeit und kann mir gar nicht erklären, was die Ursache dafür ist. Ein Schluck Cola aus meiner eigenen Trinkflasche scheint ein bisschen Milderung zu verschaffen, was sich allerdings gut zwei Kilometer später bereits als Irrtum erweist. Immer, wenn ich das Tempo wieder erhöhe, meldet sich gleich der Magen wieder. Das hat mir nun genau noch gefehlt. Nochmals einen Schluck Cola genommen und die Aussicht, bald nach Lauterbrunnen zu gelangen, helfen die Misere ein bisschen zu verdrängen.
Ungefähr zur erwarteten Zeit sehe ich meinen Mann herannahen. Er "gefällt" mir nicht, wirkt nicht so locker nach gerade mal 20 km. Die ja die deutlich leichteren dieses Laufs sind.
Das Dorf empfängt das Feld mit lauter Begeisterung und lässt den Läufern teilweise nur noch einen schmalen Durchgang. Immer noch von Beschwerden geplagt, kann ich diese Stimmung nicht wie gewünscht genießen. Leider kann ich auch meinen Schatz nirgends ausmachen. So laufe ich weiter auf die Schleife, die weiter nach hinten ins Tal führt, unseren geplanten "Boxenstopp" haben wir ja erst nach Rückkehr nach Lauterbrunnen bei Kilometer 25 vorgesehen.
Er bemerkt mich nicht, so ziehe ich weiter zum nächsten Sichtungspunkt. Da sehe ich mitten auf der Dorfstraße am Boden liegend den zuvor liegestützenden Rekruten. Er ist wahrhaftig im vollen Militärdress angetreten und liegt nun mit wieder hochrotem Kopf und offenkundig krampfenden Beinen bewegungsunfähig auf der Strecke. Aufmerksame Helfer kümmern sich bereits um ihn.
Hier im Ort stehen wieder unzählige Menschen am Streckenrand und feuern das Feld an.
Man muss sich diese Bilder mit ohrenbetäubendem Kuhglockengeläut vorstellen. Manch eine Kuh steht wohl nun glockenlos auf der Weide, weil ihr Halsschmuck hier von Laufbegeisterten bewegt wird.
Ich postiere mich so, dass mein Mann mich nun nicht nochmals übersehen kann, denn er möchte hier bei km 25 auf seine Trailschuhe wechseln. So stelle ich diese bereit und kann bis dahin weiter die Läufer anfeuern. Ich klatsche und klatsche und lächle sie an. Viele lächeln zurück. Ich weiß ja selber, wie gut selbst die kleinste Aufmunterung tut. Und die meisten wissen ja, dass es ab nun nur noch hart wird, denn die wahren Steigungen beginnen ab hier.
Endlich kommt mein Mann, wir wechseln ein paar Worte. Den 5:30'er Pacemaker hat er längst überholt.
Der kurze Halt bei meiner Liebsten und der Schuhwechsel hat meine Moral wieder gehoben - und auch die Magenkrämpfe haben sich weitgehend gelegt. So, nun gehts auf in die Berge!
Dorfausgang Lauterbrunnen. Ab hier muss die Wand nach Wengen erobert werden. Das Bild zeigt halbwegs die nun zu überwindende Höhe.
Ich begebe mich schnurstracks zum Bahnhof und steige in die nächste Sardinenbüchsen-Bahn. Diesmal ergattere ich sogar einen Sitzplatz :-)
Der Aufstieg nach Wengen ist schon mal ganz schön heftig. Obwohl ich die Strecke bereits mehrmals sowohl wandernd als auch laufend absolviert habe, ist heute alles anders. Mit den bereits absolvierten Kilometern in den Beinen erscheint mir die Strecke endlos und steil, wie noch nie... Endlich erreiche ich die ersten Chalets des Nobelkurorts. Auch der Anstieg ist hier wieder etwas moderater - eine gute Gelegenheit sich etwas erholen zu können. Beim Verpflegungsposten Wengenwald greife ich nach einem Becher Bouillon. Aber bereits der salzige Geschmack taugt mir in diesem Moment nicht und der Magen bestätigt dies umgehend mit neuen Krämpfen. Was war denn mit meinem Magen heute nur los? Inzwischen wusste ich zum Glück auch, wie ich Abhilfe schaffen kann - Wasser und Cola sind ihm genehm.
Unter den gegebenen Umständen habe ich das Ziel revidiert und die 5:30 mal abgeschrieben und mir das banale Erreichen des Ziels vorgenommen.
So bringe ich Wengen hinter mich und bewältige auch den Anstieg nach Allmend. Auf der Höhe des Haneggschuss der Lauberhorn-Weltcup-Abfahrt folgen mehrere stufenartige Anstiege. Hier fallen mir die Worte von Mariannes Mann, Andi, ein: "Versuch auf den flacheren Stücken zu laufen..." Allerdings fühle ich mich weit davon entfernt, dies umsetzen zu können. Vielmehr muss ich diese Passagen schnell gehend dazu nutzen, mich von den steilen Abschnitten zu erholen...
Aus der Bahn kann man immer wieder das Läuferfeld erblicken, mittlerweile gehend.
Blick zur Allmend. Man sieht den bunten Ameisenstrom...
Bei der Mettlenalp dreht der Weg so ab, dass der Blick zum Dreigestirn, Eiger Mönch und Jungfrau, wie auch zum Eigergletscher freigegeben wird. Eine Ansicht, die einen gleich wieder mit neuer Kraft versorgt. Und all der Befürchtungen zum Trotz läuft es bei mir richtig gut, ich kann schneller hochtraben, als die Läufer rund um mich herum. Auch die noch zu absolvierende Strecke wird - langsam, aber stetig - überschaubar, wohlwissend, dass nochmals eine harte Prüfung bevorsteht.
Am Bahnhof Wengernalp steige ich aus und will nochmals an die Strecke.
An dieser Stelle sieht man das Ziel, die Kleine Scheidegg, recht nah vor Augen. Aber anstatt nun direkt auf das Ziel zusteuern zu können, werden die Läufer rechts weg auf den Weg zur Sesselbahn Wixi geleitet. Der Weg führt hinunter, so dass auch wieder Höhe drangegeben werden muss. Nun gut, immerhin ist die Strecke für alle die gleiche... Auf dem Abstieg wechsle ich mit einem Mitleidenden ein paar Worte und wir wünschen uns gegenseitig gutes Gelingen.
Die Route der Läufer verläuft etwas unterhalb und nun vor dem atemberaubenden Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau.
Dieses Bild mit Teleobjektiv >>>>>>
Gleicher Standort, aber normale Brennweite:
Ich gehe kurz zur bunten Ameisenstraße hinunter, kurz vor km 38. Auch hier wieder begeisterte Anfeuerer.
Im folgenden Verlauf passieren die Läufer Wixi, einen Sessellift. Aber sie müssen weiter zu Fuß.
Was nun folgt, ist einfach nur hart: Der Anstieg über die Moräne zum Eigergletscher. Ich befinde mich in einem recht dichten Feld, so dass hier Kolonnengehen angesagt ist, Überholen ist auf den schmalen und steinigen Wegen kaum möglich. Kommt dazu, dass dies auch nur mit zusätzlichem Kraftaufwand machbar wäre. Mein Blick auf die Uhr sagt mir, dass aber eine Zeit unter sechs Stunden erreichbar ist. Geduldig folge ich der "Karawane", überhole, wo es leicht ist, um bald wieder auf die nächste Gruppe aufzulaufen. Zwischendurch erhasche ich einen Blick der immer wieder faszinierenden Bergwelt.
Kurz vor Erreichen der Abbiegung Richtung Loucherflue taumelt vor mir ein Mann und balanciert bereits am Rand des "Abgrunds". Geistesgegenwärtig fangen wir ihn zu dritt auf und ziehen ihn wieder auf den schmalen Weg zurück. Er bedankt sich in englischer Sprache mit amerikanischem Akzent.
Es folgt nun ein zur Erholung willkommener Abstieg, danach nochmals ein kleiner Anstieg über den Grat der Loucherflue. Geschafft! Was jetzt folgt, ist nur noch Vergnügen! Der letzte überwiegend abschüssige Kilometer erfüllt einen mit Genugtuung und erlaubt es, den Zieleinlauf einfach nur noch in vollsten Zügen genießen zu können.
Zu Beginn des letzten schweren Anstiegs stehen nochmals Alphörner und Fahnenschwinger. Die Melodie kann ich wunderbar bis zu meinem Standort hören. Eine unvergleichliche Athmosphäre! Am liebsten möchte ich hier bleiben und alles das genießen, doch ich will ja meinen Mann nicht verpassen.
So schnaufe ich die halbe Stunde hinauf zum Zielbereich am Fuße der Nordwand (Achtung: Selbstironie, jammern auf hohem Niveau, was sollen da die Läufer sagen!).
Die es schon geschafft haben, kommen mir entgegen, aber mindestens so viele wollen auch näher ans Ziel.
Das schöne Wetter erfreut alle und man darf froh sein, dass es heute keine schlechteren Bedingungen gab. Die 18 Grad hier oben sind fast schon zu warm, doch der Wind frischt auf.
Ein TV-Heli kreist über den Köpfen und es kommen Läufer und Läufer und Läufer. Ihre Gesichter sprechen Bände: Freude, Glück, Stolz, aber auch Erschöpfung, Unmut, Herbeisehnen des Endes der Qual.
Nicht alle sind erfreut. Ein japanisches Wandererpaar hat augenscheinlich gar kein Verständnis dafür, dass ihre auserkorene Route hier und heute solcherart belegt ist. Mit stoischen Mienen marschieren sie auf dem Weg und durchs Ziel. Sachen gibts...
Endlich kommt auch mein Mann. Wieder sieht er mich nicht, aber das Ziel vor Augen ist das auch ok so.
Ein erfrischender Schluck bringt die Lebensgeister wieder etwas zurück. Ich freue mich mit ihm über das erfolgreiche Finish! Er hat den Lauf absolviert mit 5:51 und darf sich über den 193. Platz seiner AK freuen.
Es ist vollbracht - und damit eines meiner Jahresziele erreicht!!!
Obgleich das nicht das ganze Finish ist, denn ab hier müssen wir uns mit 3 verschiedenen Bahnen wieder zurück bewegen. Was bedeutet, erneuter Sardinenbüchsentransport. Hart für die Läufer, die sich schon so gequält haben.
Wir erwischen eine Bahn nach Grindelwald, doch die Menschenmenge trennt uns im Zug. Erst sehe ich noch den Kopf meines Mannes, aber während der endlos scheinenden Fahrt ist er plötzlich weg. Abgetaucht im wahrsten Sinne, denn ihm wurde ob dieser Bedingungen schwarz vor Augen. In Grindelwald erst ist er wieder bei sich. In den folgenden beiden Zügen haben wir dann Sitzplätze, was mich für ihn sehr freut.
Die Rückfahrt nach Grindelwald wurde für mich in der Tat zur Tortur der besonderen Art. Stehend eingepfercht wie die Sardine in der Dose, wurde mir bereits vor der Abfahrt auf der Kleinen Scheidegg mulmig. Genau im Moment, als ich Elke Bescheid sagen wollte, dass ich die Bahn wieder verlasse, wurden die Türen für die Abfahrt geschlossen. Zu spät... Damit ich nicht umkippe (was bei diesem Gedränge auch kaum möglich war), habe ich mich auf meine eigene rechte Ferse gesetzt. Wenn dies auch nicht die gemütliche Lage war und nur viele Beine sehen konnte, war dies die einzige Position, welche mein Kreislauf zuließ, bzw. mich bei Sinnen lassen ließ. Zwischendurch versuchte ich mich wieder zu erheben, um gleich feststellen zu müssen, dass ich gleich Mattscheibe kriege und mich kaum auf den Beinen halten kann. Auch hier fiel mir auch eine Schilderung von Andi ein, war es ihm bei einer seiner Teilnahmen hier genau gleich ergangen...
Aber auch diese Prüfung haben wir irgendwie überstanden...
Rückblickend war es ein sehr schöner Anlass, eine perfekte Organisation - und auch das Wetter hat seinen sonnigen Anteil dazu beigetragen - und ich bin um eine Erfahrung reicher, die ich nicht mehr missen möchte!
Noch ein schönes Video-Souvenir: https://www.youtube.com/watch?v=Jp84ge5vJsM.












